Diplomatenjagd

Außenminister Sponti Fischer und seine Vergangenheit

und die Vergangenheit der Fischer-Jägerin

Dienstag, 16. Januar 2001

Fast käme man sich vor, wie in den Zeiten der guten alten Regierung Kohl: Wenn man auf die Linken nichts aktuelles zu schimpfen hat, dann nehme man eben etwas vergangenes! - Nur ist es im Falle unseres Bundesaußenministers und seiner Krawallvergangenheit nicht ganz so einfach. Die Vorwürfe sind wohl weder ganz begründet, noch sind sie jedoch vollkommen unbegründet. Und sie stammen nicht von irgendeinem Politgegner aus dem Bundestag, sie stammen von einer Frau, die auf für sie tragische Weise mit den schlimmsten Auswüchsen bundesdeutschen Linksradikalismus verwachsen ist: Bettina Röhl, Tochter von Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl. Die freie Journalistin behauptet, Joschka Fischer habe in seiner wilden Zeit in der Frankfurter Sponti-Szene zu den Scharfmachern gehört, habe vor der Großdemonstration anläßlich des Todes von Ulrike Meinhof zur Gewalt aufgerufen und müsse so als einer der führenden Köpfe der Szene mitverantworten, daß man einen Molotow-Cocktail auf den Polizisten Jürgen Weber geworfen habe, der bis Heute an den Folgen seiner Verletzung leidet. Weiterhin behauptet die Journalistin, daß die Presse, die in der Bundesrepublik ausschließlich eine linke Presse sei, sie verleumden würde, und darum wandte sie sich an Johannes Rau, den Bundespräsidenten, mit einem offenen Brief, in dem sie ihre Anschuldigungen gegen Fischer offiziell machte.

Und fast könnte man den Eindruck haben, sie hätte recht, wenn sie befürchtet, daß man ihr nun Steine in den Weg legen würde. Der Verlag, bei dem ihr autobiographisches Buch "Sag mir, wo du stehst" erscheinen sollte, kündigte ihr fristlos den Vertrag, weil Fischer für denselben Verlag schreibt. Ein Gericht verfügt, daß sie die Bilder von einer Demonstration in Frankfurt nicht mehr veröffentlichen darf, auf der im April 1973 der heutige Bundesaußenminister einen Polizisten angriff. Doch auch diese Sichtweise zeigt ihre Mängel bald, wenn man liest, mit welcher Vehemenz Bettina Röhl alles "linke" verurteilt. Es ist wohl notwendig, die Fakten über Fischer und seine Jägerin einmal unvoreingenommen zusammenzutragen.

Joschka Fischer war in den siebziger Jahren einer der führenden Köpfe der sogenannten Frankfurter Spontibewegung, vor allem waren dort linke Hausbesetzer zusammengeschlossen, die auch vor Gewalt in einem gewissen Rahmen nicht zurückschreckten. Aus diesen Gruppen rekrutierten sich einige der später bekannt gewordenen Terroristen, vor allem Hans-Joachim Klein, der zusammen mit dem internationalen Topterroristen Carlos die Konferenz der Opec-Staaten in Wien ende 1976 überfiel. Auch Fischer neigte zur Gewalt. Zusammen mit einigen Mitkämpfern, der sogenannten Putzgruppe, griff er bei Hausbesetzerdemos ständig ein und langte im Kampf gegen Polizisten auch mal kräftig zu, wie das unbestrittene Photo zeigt, das Bettina Röhl aus den Archiven ausgebuddelt hat. Damals, am 7. April 1973, schluf Fischer auf einen Polizisten ein, bei dem er sich jetzt, nach mehr als siebenundzwanzig Jahren, entschuldigte. Im Spiegel erklärte er, er sei an diesem Tag zum ersten mal nicht weggelaufen, sondern habe sich dem Kampf gestellt. Aber er sagte auch, daß er und seine Freunde niemals Molotow-Cocktails bei Demonstrationen benutzt hätten, das wäre über die Grenzen seiner durchaus vorhandenen Gewaltbereitschaft gegangen.

Natürlich sehen das jetzt viele anders. Die Berichte, die Fischer in Verbindung mit terroristischen Anschlägen bringen, häufen sich. Da ist der Mord am hessischen Wirtschaftsminister Heinz-Herbert Carrie, als in Fischers Auto die Tatwaffe transportiert worden sein soll, da sind die Waffen, die die Terroristen in einem Haus gelagert haben sollen, das Fischer und Daniel Cohn-Bendit, der heutige Grüne Europaabgeordnete, bewohnten. Und da ist die oben schon erwähnte sogenannte Meinhof-Demonstration und der schwerverletzte Polizist Jürgen Weber. Joschka Fischer ist damals festgenommen, aber nie dem Haftrichter vorgeführt und schnell wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Und auf einem Film, der von der Polizei gemacht worden ist, kann man deutlich erkennen, daß eine Frau den Molotow-Cocktail wirft. Doch war es Joschka Fischer, der sie dazu anstiftete? Einige behaupten, Frau Röhl habe recht, Fischer sei auf der vorhergehenden Besprechung der Scharfmacher gewesen. Doch dann ziehen sie plötzlich ihre Aussagen aus den unterschiedlichsten Gründen zurück. Das ist es wohl, was Frau Röhl meint, wenn sie sagt, daß sie den Bundespräsidenten auch vor dem heutigen Fischer warne, vor Fischer und seinem Netz der Medien, der willfährigen Berichterstattung, der Pseudokritik, die sie Stefan Aust vorwirft, dem Chefredakteur des Spiegel. Und ja, merkwürdig ist es schon, daß die eine Zeugin sagt, daß das Interview mit ihr unter Vorspiegelung falscher Tatsachen geführt worden sei, und daß der andere meint, seine eidesstattliche Versicherung, die Fischer belastet, sei "nicht authorisiert" gewesen. Hat die eine Zeugin zuerst noch in einem Interview mit Frau Röhl für "Panorama" gesagt, daß Fischer sehr wohl für den Einsatz von Molotow-Cocktails gewesen sei, ließ sie im Nachhinein durch ihren Anwalt erklären, daß sie - da sie im Ausland lebe - nichts von der innenpolitischen Situation in Deutschland gewußt habe und Frau Röhl so getan habe, als wolle sie eine Dokumentation über den Frankfurter Häuserkampf der siebziger Jahre machen. Doch das ändert faktisch betrachtet nichts an den von ihr gemachten Aussagen.

All diese Fakten über Joschka Fischers Vergangenheit und den Umgang mit dieser Vergangenheit, nachdem eine Diskussion darüber losgetreten ist, helfen uns nur mäßig weiter, es ist alles sehr verwirrend. Bleibt nur noch, einen Blick auf Frau Röhl und ihre Vergangenheit zu werfen.

Bettina Röhl ist Jahrgang 1962 und geriet in die Wirren des Terrorismus, als ihre Mutter, Ulrike Meinhof, am 14. Mai 1970 den frankfurter Kaufhausbrandstifter Baader zusammen mit einigen anderen Gesinnungsgenossen befreite. Ulrike Meinhof ließ ihre Kinder von einer Freundin nach Sizilien bringen, wo sie, so der Spiegelchef und Herausgeber des Buches "Der Baader-Meinhof-Komplex", Stefan aust, bis anfang September 1970 in der Obhut einer jungen Frau und eines Hippi-Pärchens lebten. Ein Baader-Meinhof-Aussteiger hörte im palästinensischen Trainingslager in Jordanien, daß die Kinder als palästinensische Waisen aufgezogen und dem Kampf gegen Israel geweiht werden sollten. Und dieser Aussteiger berichtete das widerum Stefan Aust, der ein Kollege Ulrike Meinhofs bei "Konkret" gewesen war. Und der widerum machte sich auf den Weg, holte - als Mitglied der Gruppe getarnt - die Kinder ab und brachte sie ihrem Vater zurück. Viele Jahre später erinnerte sich Bettina Röhl in einer Veröffentlichung, ich weiß nicht mehr wo, an ihre Kindheit. Sie berichtete, daß sie überhaupt kein gutes Leben im Schatten der von allen Linken doch so vergötterten Ulrike Meinhof gehabt habe. Und sie habe die Popkultur am Ende der siebziger Jahre genossen, die den Muff von neun Jahren, wie sie sich ausdrückte, endlich aus den Schulen und einigen Universitäten vertrieb.

Sicher ist, daß Bettina Röhl der "linken" Gesinnung mehr als eine schlaflose Nacht verdankt. Sie distanzierte sich von den Idealen ihrer Mutter, die ihr eine zerrüttete Kindheit beschert und die Bundesrepublik in heilloses Chaos gestürzt hatten. Vielleicht fand so eine Art von Verallgemeinerung statt, wer wollte es ihr verdenken, vielleicht reagieren wir alle so. Der Brief, den Bettina Röhl an den Bundespräsidenten schrieb, strotzt jedenfalls von Angriffen auf die linke Szene in Deutschland, so sehr, daß er in der Behauptun gipfelt, die gesamte Presse sei links. Das aber von der Bildzeitung oder der frankfurter allgemeinen Zeitung zu sagen, ist in meinen Augen und Ohren dann doch etwas verfehlt. Auch die Art, wie sie im Zusammenhang mit Fischers möglichen früheren Verfehlungen von einem Staatsnotstand spricht und Johannes Rau durch die Blume an seine verfassungsmäßige Pflicht gemahnt, die Vefassungstreue eines Ministers festzustellen und ihn wenn nötig zu entlassen, finde ich zu weit gegriffen. Und doch kann ich mir vorstellen, daß etwas dran ist, daß Joschka Fischer in seinen wilden Tagen auch einmal den Einsatz von Molotow-Cocktails befürwortet hat. Wenn dem so ist, dann täte er besser daran, es einfach zuzugeben, wie Stefan Aust beispielsweise, der zugegeben hat, daß auch ihn für kurze Zeit die revolutionäre Begeisterung packte, und sei es nur für einen einzigen Tag oder so.

Fest steht: Die Bundesrepublik hat mal wieder einen Polit-Skandal. Die großen Zeitungen berichten von der Jagd der Bettina Röhl auf Joschka Fischer, den Linken, der zu Amt und Würden gekommen ist. Für sie mag sich hierin der "muff" von 1968 manifestieren, für mich wäre das, was man dem Außenminister vorwirft, eine Jugendsünde, zumindest wenn zutrifft, was er selbst dem Spiegel sagte, daß er sich ende der siebziger Jahre von der Gewalt distanzierte, als er begriff, daß viele Linke in ihrem Antisemitismus genau den negativen Vorbildern gleich zu werden im Begriff standen, die sie doch eigentlich bekämpften, der nationalsozialistisch geprägten Elterngeneration.

So muß die Frage nach meiner Meinung anders gestellt werden. Nicht die Tatsache allein ist entscheidend, ob Joschka Fischer sich während seiner gewalttätigen Jahre in der linken Szene für Molotow-Cocktails ausgesprochen hat, sondern die Frage danach, wie er heute damit umgeht. Nur wenn nachzuweisen ist, daß die Täterin vom 10. Mai 1976, die den Polizisten Weber lebensgefährlich verletzte, aufgrund einer Anstachelung von Joschka Fischer zur Waffe griff, nur dann kann man den Außenminister noch belangen.

Und noch immer weiß ich nicht, was ich von der ganzen Sache halten soll. Sind die Vorwürfe von Bettina Röhl gerechtfertigt, oder geht es hierbei auch und gerade um die Aufarbeitung ihrer persönlichen Lebensgeschichte? Sicherlich hat sie es nicht verdient, daß man nun alle ihre Recherchen mit Hinweis auf ihre Kindheit für nicht relevant hält. Dafür gibt es auch schon zu viele Zeugen, die plötzlich ihre Meinung geändert haben. Doch angesichts des von ihr an den Tag gelegten Tonfalls und der Polemik, mit der sie gegen eine "linke" Überzeugung wettert, die Presse einseitig nennt und einen Staatsnotstand heraufziehen sieht, ist es auch schwer, sich vorbehaltlos hinter ihre Ansicht zu stellen. Es bleibt wohl nichts anderes übrig, als abzuwarten, ob diese Geschichte das Ansehen des Außenministers beschädigen, ihn gar zum Rücktritt zwingen, oder ihn im schlimmsten Fall sogar vor Gericht bringen wird. Denn eines ist ganz klar: leichtfertig abtun sollte man die Ansicht von Frau Röhl nicht.

© 2001, Jens Bertrams


Homepage von Bettina Röhl.

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