Die Welt schreit auf

Die Zerstörung der Buddhastatuen in Afghanistan und die Menschenrechte

Montag, 12. März 2001

Am 10. März 2001 hat die faktische afghanische Regierung, die von der radikal-islamischen Taliban-Gruppierung gestellt wird, zwei riesige, über 1500 Jahre alte Buddhastatuen gesprengt, die laut UN-Vollversammlung zum "Erbe der Menschheit" gehören. Die Welt schrie auf, die Vereinten Nationen verurteilten diesen aus Glaubensgründen befohlenen Akt des künstlerischen Bildersturms aufs schärfste, verschiedene Regierungen boten an, die Statuen ins Ausland zu bringen, ohne Erfolg. Der Taliban-Außenminister Muttawakil bestand auf ihrer Zerstörung. Überall auf der Welt ist man entsetzt.

Auf den ersten Blick ist das völlig klar. Wir alle sehen täglich, wie immer mehr unserer Umwelt, der natürlichen wie der künstlerischen, vor die Hunde geht. Natürlich sind wir bestürzt und betroffen, wenn die menschliche Verbohrtheit wiedereinmal keine Grenzen zu kennen scheint. Aber hier lohnt es sich, einmal die Zusammenhänge klarzumachen, die zum Verlust dieses unersetzlichen "Erbes der Menschheit" führten. Die Anordnung, die Statuen zu zerstören, erfolgte nämlich einen Monat, nachdem die Vereinten Nationen gegen Afghanistan Sanktionen verhängten, damit sie den von den Vereinigten Staaten von Amerika gesuchten Terroristen Ben Laden ausgeliefert bekommen. Deshalb also werden gegen Afghanistan Sanktionen verhängt. Wenn man allerdings weiß, daß in diesem vor rund drei Jahren von der Taliban übernommenen Land die Hälfte der Bevölkerung, nämlich die Frauen, aus religiösen Gründen nicht mehr wie Menschen behandelt wird, und daß sich dagegen längst kein weltweiter Aufschrei mehr erhebt, dann wird das ganze Ausmaß westlicher Kulturheuchelei deutlich.

Frauen in Afghanistan leben in Häusern, deren Fenster Milchglasscheiben haben müssen, damit man nicht hinein- und die Frau nicht hinaussehen kann. Frauen in Afghanistan müssen Schuhe tragen, die den "Lärm", den ihre Schritte machen, schlucken, damit sie die Männer nicht stören. Und es gibt nur noch wenige Krankenhäuser in diesem künstlerisch doch so wertvollen Land, die Frauen überhaupt behandeln dürfen. Selbstverständlich respektieren die Vereinten Nationen, die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik Deutschland dieses Vorgehen als "innere religiöse Angelegenheit" Afghanistans. Sicher: Am Anfang gab es offizielle Proteste, von einem weltweiten Aufschrei allerdings konnte keine Rede sein, und inzwischen ist es längst wieder vergessen. Bei den USA ist das kein Wunder, die stellen die Religionsfreiheit sowieso über die anderen Menschenrechte, aber von einer deutschen Bundesregierung hätte ich mir da mehr erhofft. Dies ist eine Menschenrechtsverletzung so ungeheuren Ausmaßes, daß hier einmal die großen Strategen der westlichen Welt über geeignete Schritte nachdenken sollten. Stattdessen regt man sich über zwei zugegeben kostbare Buddhastatuen auf.

Auf der ganzen Welt werden Frauenrechte mit Füßen getreten. Wir Männer scheinen immer noch zu glauben, daß Frauen in unseren hochzivilisierten Gesellschaften nur als Dienende zum "Erbe der Menschheit" gezählt werden dürfen. Wie sonst soll ich mir erklären, daß kein Land, keine Gruppierung und keine Regierung, die jetzt empört oder betroffen ist, sich jemals in vergleichbarer Weise für die Selbstverständlichkeit menschenwürdigen Verhaltens und menschlicher Gleichberechtigung eingesetzt hat in den Jahren, seit die Taliban ihre radikalen Vorstellungen in die Tat umzusetzen begannen. Sind nicht erst einmal wir Menschen schützenswert, bevor es die Statuen sind? Und bevor man einen zugegebenermaßen skrupellosen Teroristen mit Sanktionen aus seinem Versteck herausholt, sollte man da nicht die Einhaltung der fundamentalsten Rechte für jeden Menschen fordern? Abe nein: die hochzivilisierte westliche Welt stürzt sich in Tränen über zwei Statuen, die sicherlich unwiderbringlich sind. Aber das Leben, die Würde und die Freiheit jeder Frau, die zum Sklavendienst und zur Verleugnung ihres Mensch-Seins gezwungen wird, ist ebenfalls, und in viel stärkerem Maße, unwiderbringlich.

Nein: Wir müssen der Wahrheit ins Auge sehen. Auch im Falle Afghanistan geht es um wirtschaftliche und ideologische Interessen. Wenn die Menschenrechte bei der Durchsetzung dieser Interessen vor allem der Machtpolitik förderlich sind, dann werden sie zur Argumentation herangezogen. Aber welchen gut genährten und dynamischen Politiker männlichen eschlechts interessiert es hier im Westen schon, was mit so ein paar Frauen irgendwo da hinten bei den Wilden geschieht. - Geht uns das was an? Anders ist das natürlich bei den steinernen Abbildern eines weisen Mannes.

Wahrlich, wir können stolz sein auf unsere moderne und zivilisierte Gesellschaft. Rassismus, Sexismus, Nationalismus, Chauvinismus sind zwar nicht ausgerottet, aber wir haben sie in den hintersten Winkel unserer Köpfe verbannt. Wir sind dekadent genug, um uns manchmal sogar gar nicht bewußt darüber zu werden, daß dort, in diesen hinteren Winkeln unserer Köpfe, und natürlich in den Medien, die Rangliste der Dinge aufgestellt wird, die uns aufregen. Deshalb ärgern wir uns über die Niederlage unseres Fußballvereins, über den letzten Rauswurf bei Big Brother, übe die kalten Teller im Hotelrestaurant, und natürlich über - wie konnte ich es vergessen - zerstörte Buddhastatuen in Afghanistan. Aber ob da in Afrika die Bevölkerung verhungert, ob Indianer und Waale ausgerottet werden, und ob - richtig - Frauen unterdrückt, mißhandelt, vergewaltigt, umgebracht oder ausgebeutet werden, das interessiert uns kaum. Müssen die doch selbst wissen, was die in ihren Ländern anstellen.

© 2001, Jens Bertrams


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