Wahlkampftagebuch Teil 2

Stoiber und die Homosexuellen

Dienstag, 10. September 2002

Von Jens Bertrams

"Wenn ich über steuer- und erbrechtliche Anerkennung von homosexuellen Paaren diskutiere, dann kann ich gleich über Teufelsanbetung diskutieren." (Edmund Stoiber, Kanzlerkandidat der CDU und der CSU)

Elf Prozent aller Menschen sind homosexuelle. Eine verschwindend geringe Zahl? Überhaupt nicht. In Deutschland wären das rund 9 Millionen Menschen. Darunter sind statistisch gesehen rund fünf Millionen wWählerinnen und Wähler.

Homosexuelle gehören zu jeder Gesellschaft dazu wie Frauen, Männer, Kinder, Behinderte, Alte und Berufstätige. Wir, die "Normalen" sind es, die sie an den Rand drängen, zu etwas Besonderem machen, wie wir es mit Behinderten beispielsweise auch tun, oder mit Ausländern. Das hat sich auch in den letzten vier Jahren nur mäßig geändert, aber es wurden wenigstens gesetzliche Bestimmungen auf den Weg gebracht, die ein eheähnliches Zusammenleben zwischen Homosexuellen ermöglichen.

Natürlich hat die Union gewettert und beim Bundesverfassungsgericht verloren. Ich nehme an, daß es dem Kandidaten nicht paßt, daß eine Lebensform eine Daseinsberechtigung sogar von staatlicher Seite hat, die er wohl zutiefst abartig findet in seiner katholischen Erziehung.

Jeden neunten in der Bundesrepublik setzt der bayerische Ministerpräsident und Anwärter der Union auf das höchste Regierungsamt mit dem Teufel gleich, auf seine eigene, direkt-subtile Weise. Wenn homosexuelle Paare gleichgestellt und finanziell abgesichert werden, dann ist das Teufelsanbetung, Tanz ums goldene Kalb. Ein Mann, der so etwas sagt, kann in Deutschland Politik machen, kann möglicherweise sogar Kanzler werden. Und vierzig Prozent der Bevölkerung nehmen bewußt oder unbewußt in kauf, daß Homosexuelle Paare in die Ecke des ösen, des Teufels gestellt werden.

Die Wählerinnen und Wähler, die am 22. September der CDU oder der CSU ihre Stimme geben, sollten sich darüber klar werden, daß es bestimt in ihrem eigenen Umfeld jemanden gibt, der damit - salopp gesagt - zum Teufel geht. Wir sollten uns alle von der unerträglichen Arroganz derer frei machen, die glauben, kein Merkmal zu haben, das uns zu einer Randgruppe zugehörig stempelt. Ich glaube fast, daß jeder Mensch zu einer Randgruppe gehört, die von der Mehrheit der Anderen angeprangert werden kann. Vieleicht, wenn wir uns dessen bewußt sind, daß es uns auch jederzeit treffen kann, vielleicht sind wir dann etwas toleranter und nehmen Stoiber so einen Satz übel, indem wir ihn nicht wählen. Achtung vor den Menschen sollte für einen Politiker erste Bürgerpflicht sein, wie für uns alle.

© 2002, Jens Bertrams


Zur Übersichtsseite

Zu meiner Hauptseite