Wahltagebuch teil 4

Rot-Grün im Aufwind?

Samstag, 14. September 2002

Von Jens Bertrams

Ich bin überrascht. Zwei von fünf Meinungsforschungsinstituten, die regelmäßig die Stimmung vor der Wahl analysieren, sehen erstmals in diesem Jahr die rot-grüne Regierung wieder vor der schwarz-gelben Opposition. Zwar wird das ganze in jedem Falle sehr knapp werden, aber auch die Institute, die eher der Opposition zuneigen, sehen rot-grün in einem beachtlichen aufwind.

Nun weiß man sehr genau, daß diese Wahlprognosen oft meilenweit voneinander abweichen, daß die Berechnungsarten und die Herangehensweise bei den Befragungen sich unterscheidet. Man weiß auch, daß sich die Wahlforscher ab und an gründlich irren vor einer Wahl, die dann letztlich ganz anders ausgeht, als sie es vorausgesagt haben. Es wird also bis zum Abend des 22. September spannend bleiben. Und wichtige Fragen sind auch, ob die FDP ihr gutes Abschneiden bei den Prognosen bewahrheiten kann, und ob die PDS in den Bundestag hineingewählt wird, was derzeit auf des Messers Schneide steht. Wenn die dunkelroten aber im Parlament sitzen werden, kommt möglicherweise kaum eine Koalition an ihnen vorbei, außer einer Großen. Und die wird es vermutlich nicht geben.

Ist rot-grün wirklich im Aufwind? Und wenn ja, warum ist das so?

Zunächst, so denke ich, liegt es an der Irak-frage. Die Bevölkerung will keinen Krieg und Schröder verspricht mit ernstem Gesicht, daß es unter seiner Führung keinen Krieg geben werde im Irak, oder zumindest keine Beteiligung deutscher Soldaten. Auch die Flutkatastrophe und das in diesem Falle gelobte Krisenmanagement der Regierung scheint deutlich dazu beigetragen zu haben, daß die Stimmung gegen einen Wechsel sich verfestigte. Nun ist Stoiber in Zugzwang gekommen, und auf irgendeine Weise muß er reagieren. Und er wird, das werden die nächsten Tage deutlich zeigen, mit dem uralten Thema der Union kommen, der Zuwanderung. Der Haß gegen alles Fremde soll ihm auf den Kanzlerthron helfen. Ein Teil der Wähler, die bislang nicht CDU wählen, könnte sich davon überzeugen lassen, aber ein Teil derer, die bislang ihre Stimme der Union geben wollten, könnten sich von Stoiber abwenden, je radikaler seine Position wird.

Aber profitiert davon rot-grün?

Ich bin gespalten zwischen Hoffnung und Angst. Meine Hoffnung ist, daß die Wähler, je näher der Wahltag rückt, mehr darüber nachdenken, was eine schwarz-gelbe Regierung unter einem Rechtsaußen Stoiber für uns alle bringen wird. Meine Angst ist aber, daß die Angst vor allem Fremdem, vor den "Ausländern, die uns Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen" im letzten Moment noch einige Leute in Stoibers Lager bringen.

DieAngst vor Armut und sozialem Verfall ist es, die der Union schon viele Stimmen gebracht hat, gerade in Hessen haben sie mit der schamlosen Campagne gegen den sogenannten Doppelpa? eine Menge Stimmen gewonnen. Auch wenn die jetzige Regierungskoalition bei den Umfragen im Aufwind scheint, ist dieser Vorsprung, wenn man denn überhaupt von einem solchen sprechen will, noch sehr gering und instabil. Darum hoffe ich, daß viele Wähler am 22. September zur Wahl gehen, daß es die rot-grüne Seite schafft, möglichst viele Wähler zu mobilisieren. Ein Mensch, der vor einer "durchmischten und durchrassten Gesellschaft" warnt, sollte in Deutschland nie wieder Kanzler werden können.

© 2002, Jens Bertrams


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