Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Meine erste Reaktion

Dienstag, 11. September 2001, kurz vor Mitternacht

um 15.03 Uhr heute nachmittag sprach mir meine mutter auf den anrufbeantworter, weil ich noch in der stadt war, daß gerade ein anschlag auf das World Trade Center in New York verübt worden sei. Seit 15.40 Uhr verfolge ich diese entwicklung. Noch habe ich keine Worte dafür, keinen Begriff, nur Sprachlosigkeit. Was da ab 14.42 Uhr in New York, Washington und Pittsburgh geschehen ist, ist mit den worten "nationale tragödie" oder "Kriegserklärung an die USA" nur unzureichend beschrieben. In einer Kleinstadt, einer mittleren Kleinstadt sozusagen, in der sich möglicherweise zum Zeitpunkt dieser furchtbaren Anschläge mehr als 30000 Menschen aufhielten, geht es erst in zweiter Linie um politische Ereignisse. Und doch sind sie bis jetzt alles, was wir greifen, worauf wir uns stürzen können. Für Sensationsjournalismus bleibt, zumindest bei den Medien, die meine Informationsquellen sind, wenig Platz. Hier sind nicht irgendwelche hochragenden Bauten amerikanischen Nationalstolzes mit Uhrwerksgleicher Kaltblütigkeit dem Erdboden gleich gemacht worden, hier sind mit brutaler Grausamkeit tausende von Menschen wissentlich umgebracht worden, um ein Symbol zu zerstören, dessen Ausstrahlungskraft wir uns hier kaum vorstellen können. Und doch wird sich der Anschlag auch auf unser Leben auswirken, langsamer, gefilterter, aber spürbar. Die Konflikte dieser Welt, sie machen nicht halt vor der Wirtschaftsmacht nr. 1, nicht vor der Börse und dem Militär. Die Konflikte lassen sich nicht aussperren. Grausam aber ist der Preis, den tausende von Unschuldigen dafür haben zahlen müssen. Und was für Mensch-maschinen müssen das sein, die ihr Leben wegwerfen, sogar noch stolz darauf sind, das tun zu dürfen, nur um einen Keil in den Stolz einer Nation treiben zu können, um ihrer Verbitterung, ihrem Haß, ihrer gleichmacherei freien Lauf lassen zu können. Und wer, um alles in der Welt, wer gibt dafür das Logistikmittel nummer 1 dieser Welt, nämlich eben harte dollars, her, damit die Türme des WTC am Boden liegen?

Morgen, nach der ersten Nacht, werde ich wieder ein Infopaket schnüren, werde auflisten, erzählen, erklären und spekulieren. Heute aber bleibt nur eines der wenigen Stoßgebete, die ich in den Himmel schicken kann: Lieber Gott, laß sie alle schnell gestorben sein, und vergüte Ihnen im Paradies ihren grausamen tod. Und wenn du willst, dann hilf uns zu verstehen und zu bekämpfen, und bewahre uns vor dem Haß. Heute bleibt nur Zeit für Trauer, Zorn und hilflose Wut. Morgen erst wird sortiert.

© 2001, Jens Bertrams


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