Dieses Infopaket wurde aus Beiträgen aus der Frankfurter Rundschau zusammengestellt. Es enthält Berichte über den "Krieg" der westlichen Welt gegen den Terrorismus und erstmals Töne der Sorge über die Zukunft der Welt und Warnungen an die Adresse der USA. Auch geht es um das Verhalten der Medien, oder die Überbelastung der Medien bei der Katastrophe. Voran steht ein Aufruf zum Frieden.
Bitte haben Sie verständnis, daß dieses Infopaket aus Zeitgründen nicht mehr besonders layouted wird.
Erklärung des Bundesausschusses Friedensratschlag Kassel, Frankfurt am Main., Hamburg, Berlin
Mittwoch, 12.9.2001
Erklärung des Bundesausschusses Friedensratschlag Kassel, Frankfurt am Main., Hamburg, Berlin, zu den Terroranschlägen in den USA:
Der Tag des schrecklichsten Attentats, das die Welt je erlebte, der 11. September, ist gleichzeitig der von den Vereinten Nationen eingeführte "Internationale Tag des Friedens". An diesem Tag sollte die UN-Generalversammlung in New York eröffnet werden.
Am Vorabend gab UN-Generalsekretär Kofi Annan aus diesem Anlass eine Erklärung ab, inder es u. a. hieß: "Am Internationalen Tag des Friedens versuchen wir uns eine Welt vorzustellen, die sich von der Welt, wie wir sie kennen, ziemlich unterscheidet.
Wir stellen uns vor, dass die Kriegführenden ihre Waffen niederlegen und ihre Meinungsverschiedenheiten in Aussprachen beilegen.
Wir stellen uns vor, dass alle Regierungen auf den Willen ihrer Bevölkerungen hören - und entsprechend handeln. Wir stellen uns vor, dass die eigentlichen Konfliktursachen - Armut, Marginalisierung und Gier - der Entwicklung und der Gerechtigkeit weichen."
Leider trifft nur der erste Satz aus der Erklärung Kofi Annans heute noch zu: Nach den entsetzlichen Anschlägen in New York und Washington, denen Tausende von Menschen zum Opfer gefallen sind, unterscheidet sich die Welt fundamental von der, die wir bisher gekannt haben.
So sehr wir die grausamen Terrorakte verurteilen, so sehr wir um die vielen unschuldigen Opfer trauern und mit ihren Angehörigen mitfühlen, so sehr wir uns sehnlich wünschen, dass die Verantwortlichen dieser Wahnsinnstaten zur Rechenschaft gezogen werden, so sehr warnen wir aber auch vor voreiligen Verurteilungen und vor unangemessenen Reaktionen.
Gegen Terrorismus und wahnsinnsgeleitete Aktionen blinder Gewalt gibt es keinen hundertprozentigen Schutz. Eine Politik, die den Terrorismus wirksam bekämpfen und eindämmen will, muss ihm den sozialen, politischen und ideologischen Nährboden entziehen, in dem er gedeiht. Ein Klima des Hasses und der Intoleranz und eine Politik, die Gewalt mit Gegengewalt und Gegengewalt mit neuer Gewalt beantwortet, bereitet auch den Boden für Terrorakte, deren Grausamkeit sich jeder menschlichen Vorstellungkraft entziehen.
Wann endlich wird begriffen, dass Sicherheit heute nicht mehr durch noch so "perfekte" militärische Sicherheitsvorkehrungen gewährleistet werden kann? Nichts offenbart dies deutlicher als die Schutzlosigkeit der Großmacht USA gegenüber den grauenhaften terroristischen Anschlägen.
Wann endlich begreifen die Politiker, die jetzt wieder nach mehr Rüstungsausgaben, Waffen und Militär verlangen, dass Sicherheit erst dann gegeben ist, wenn die Sicherheit des Anderen gewährleistet ist? Dass Sicherheit heute nicht mehr nur militärisch, sondern vor allem sozial, kulturell, ökonomisch und politisch begriffen werden muss? Dass Sicherheit letztlich eine Frage der Gerechtigkeit ist?
Die Friedensbewegung plädiert aus all diesen Gründen für besonnene Reaktionen der Politik.
Dem Terrorismus durch zivile Maßnahmen und durch die Stärkung des Rechts und der Gerechtigkeit den Boden entziehen ist langfristig das bessere Mittel als der Gedanke an Rache und militärische Vergeltung.
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Bush nennt Terrorangriffe "Kriegshandlung"
Bin Laden gilt als der Hauptverdächtige / Wenige Überlebende aus den Trümmern in Manhattan geborgen
US-Präsident George W. Bush sieht die verheerenden Terroranschläge von New York und Washington als Kriegshandlung an. Er sprach am Mittwoch von einem "monumentalen Kampf", den "das Gute gegen das Böse" zu führen habe und gewinnen werde. "Die USA werden alle Ressourcen einsetzen, um den Feind weltweit zu besiegen", sagte er. Die Hinweise verdichteten sich, dass der saudiarabische Millionär Osama bin Laden für die Angriffe verantwortlich sein könnte. Die Behörden warnten jedoch vor endgültigen Schuldzuweisungen. Nach den Anschlägen, bei denen drei entführte Flugzeuge in das World Trade Center und das Pentagon gesteuert worden waren und eine vierte Maschine bei Pittsburgh abstürzte, wird weiterhin von tausenden Toten ausgegangen.
WASHINGTON / NEW YORK, 12. September (rtr/dpa/afp/ap/Vbn). US-Präsident Bush hat in einer Fernsehansprache am Mittwoch versichert, die Hintermänner der Terrorangriffe vom Vortag würden zur Rechenschaft gezogen. Die USA hätten es mit einer neuen Art von Feind zu tun, der "aus dem Schatten" zuschlage, danach davon renne und sich verberge. "Aber er kann nicht für immer rennen, und er kann sich nicht für immer verbergen", sagte Bush. Die Freiheit und die Demokratie seien angegriffen worden. Die Angriffe hätten sich gegen alle "freien Menschen der Welt" gerichtet. "Aber wir werden nicht zulassen, dass der Feind den Krieg gewinnt, indem wir unser Leben verändern und unsere Freiheit einschränken." Bush betonte: "Wir werden keinen Unterschied machen zwischen den Terroristen, die diese Taten begangen haben, und denjenigen, die sie unterstützen."
Der Präsident würdigte, dass Senat und Abgeordnetenhaus sowie die demokratische Staatengemeinschaft der Welt geschlossen an seiner Seite stünden. "Amerika ist geeint", sagte er. Bush teilte zugleich mit, dass er beim Kongress Dringlichkeitsmittel für die Rettungs- und Bergungsarbeiten und für Schutzmaßnahmen beantragte habe.
Zuvor hatte US-Außenminister Colin Powell erklärt, die USA würden auf die Anschläge "wie auf einen Krieg antworten". Die Sache sei nicht mit einem Gegenschlag gegen ein Individuum zu lösen: "Es wird ein langfristiger Konflikt werden." Eine Militäraktion stehe aber nicht unmittelbar bevor, versicherte Powell: "Wir müssen erst die Hintergründe untersuchen."
Die Spuren der terroristischen Anschläge in den USA wiesen vor allem zu dem als Terroristen gesuchten Millionär bin Laden. Das ergeben nach Angaben von US-Regierungsbeamten erste Fahndungsergebnisse. Er und seine Organisation stünden daher an der Spitze der Verdächtigen-Liste, obwohl ein endgültiger Beweis noch ausstehe und andere Gruppen als mögliche Täter nicht ausgeschlossen würden. Ein hoher Beamter sagte dem TV-Sender NBC, die Ermittler seien zu "90 Prozent sicher", dass bin Laden verantwortlich sei. Dieser hat Medien zufolge eine Beteiligung bestritten. Allerdings berichtete der arabische Sender Abu Dhabi, bin Laden habe die Attentäter beglückwünscht.
Zu den Beweisstücken gehört nach Medienberichten vom Mittwoch eine abgehörte Unterhaltung zwischen Verbündeten des in Afghanistan im Verborgenen lebenden bin Laden über die Anschläge, nachdem sie sich ereigneten. In den Passagierlisten der vier entführten Maschinen seien einige verdächtige Namen festgestellt worden. Nach Fernsehberichten fand das Bundeskriminalamt FBI in der Nähe des internationalen Flughafens von Boston, dem Ausgangspunkt von zwei der entführten Maschinen, außerdem ein verdächtiges Auto. Mit ihm sollen fünf Männer arabischen Aussehens angereist sein. In dem Fahrzeug sei ein Flughandbuch in arabischer Sprache gefunden worden. Zwei der Männer hätten Pässe der Vereinigten Arabischen Emirate mit sich geführt. Ein anderer Verdächtiger scheine von Portland (Bundesstaat Maine) nach Boston im benachbarten Massachusetts geflogen zu sein, um sich mit den anderen zu treffen.
In Südflorida stellten die Behörden nach Medienberichten Durchsuchungsbefehle für Häuser in mehreren Orten aus. Insgesamt seien bisher etwa 700 Hinweise eingegangen, teilte das Justizministerium am Mittwochnachmittag mit.
Auch der deutsche Bundesnachrichtendienst teilte die Einschätzung, bin Laden stehe hinter der jüngsten Terrorserie. Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier sagte in Berlin, er gehe davon aus, dass die USA die Terroranschläge "nicht unbeantwortet lassen". Er wertete insbesondere die Tatsache, dass das World Trade Center als ein Ziel ausgesucht worden war, als Indiz dafür, "dass die Täter im Umkreis von bin Laden zu suchen sind".
Die afghanische Taliban-Regierung bot den USA indessen Gespräche über eine mögliche Auslieferung des in Afghanistan lebenden bin Laden an. "Wir sind bereit, mit den Vereinigten Staaten über das Schicksal von Osama bin Laden zu verhandeln, aber die USA müssen uns zuerst genügend Beweise gegen ihn übergeben", sagte der Taliban-Botschafter in Pakistan, Mullah Abdul Salam Saif.
Internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen begannen, ihre Mitarbeiter aus Afghanistan abzuziehen.
Einen Tag nach den Anschlägen war die Zahl der Toten noch nicht absehbar. New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani sagte, er könne nach dem Einsturz des World Trade Centers in Manhattan bislang den Tod von 41 Menschen bestätigen. Mehr als 3000 seien in Krankenhäusern. Die Behörden gehen von tausenden Toten aus. Alleine die Investmentbank Morgan Stanley hatte nach eigenen Angaben "nur begrenzte Informationen" über 3500 Mitarbeiter. 200 Feuerwehrleute und 259 Polizisten wurden vermisst.
Bis Mittwochnachmittag konnten neun Überlebende geborgen werden. Nachdem bereits in der Nacht zwei verschüttete Polizisten gerettet worden waren, holten Helfer Stunden später sechs Feuerwehrleute und einen Polizisten aus den Trümmern des World Trade Centers. Rettungsdienste berichteten, sie hätten mehrere Notrufe von Verschütteten empfangen, die über ihre Mobiltelefone um Hilfe riefen. Mit Kränen und Baggern wurde weiter nach Verschütteten gesucht. In den beiden Türmen arbeiteten 40 000 Menschen.
In Washington wurden im Pentagon, das teilweise in Trümmern lag, bis zu 800 Tote vermutet. Das Feuer war am Mittwochabend noch nicht gelöscht. Wegen der Gefahr einer weiteren Ausbreitung wurde das Gebäude erneut evakuiert.
Unter den 266 Menschen, die in den vier entführten Flugzeugen starben, sollen sich Deutsche befunden haben.
Derweil wurde bekannt, dass mehrere Menschen aus den entführten Maschinen vor dem Absturz Angehörige beziehungsweise eine Notfallnummer anriefen. Eine Frau auf dem American-Airlines-Flug Nummer 77 sprach demnach kurz vor dem Absturz aufs Pentagon mit ihrem Mann, einem führenden Mitarbeiter des Justizministeriums. Ermittlern zufolge sagte Barbara Olson, die Geiselnehmer hätten Messern gehabt und die Fluggäste in den hinteren Teil der Maschine getrieben.
Ein Geschäftsmann an Bord einer der betroffenen United-Airlines-Maschinen telefonierte zwei Mal mit seinem Vater. Beide Male sei die Leitung zusammengebrochen, sagte der Vater später dem FBI. Der Mann habe berichtet, dass eine Stewardess niedergestochen worden sei. Von Bord der zweiten Maschine, die ins World Trade Center raste, setzte eine Flugbegleiterin einen Notruf ab. Sie habe mitgeteilt, sie und ihre Kolleginnen seien mit einem Messer angegriffen worden, hieß es. Ein Mann habe seiner Mutter mitgeteilt: "Drei Männer haben die Kontrolle übernommen. Sie sagen, sie haben eine Bombe."
In New York blieben die Finanzmärkte wie schon am Vortag geschlossen. Der zivile Flugverkehr in den USA sollte am Mittwochabend wieder aufgenommen werden.
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Leitartikel: Krieg gegen Unbekannt
Die USA und mit ihnen die westliche Zivilisation sind ins Mark getroffen - konstituierende Faktoren einer offenen Gesellschaft sind mit den zivilen "Flugzeugbomben" angegriffen worden
Von Jochen Siemens
Die USA befinden sich im Kriegszustand - allein, sie wissen nicht, gegen wen. Die verheerenden Terrorangriffe, die horrenden humanitären und materiellen Verluste schaffen, wie erste Umfragen zeigen, in der Bevölkerung große Mehrheiten für einen Krieg gegen unbekannt. Die USA und mit ihnen die westliche Zivilisation sind ins Mark getroffen. Konstituierende Faktoren einer offenen Gesellschaft sind mit den zivilen "Flugzeugbomben" angegriffen worden. Die absolute Verachtung menschlichen Lebens, die aus den Attacken spricht, hohnlacht jeder Humanität, jeglicher Grundlage menschlichen Zusammenlebens. Nicht einmal der Dschungel kennt solches Verhalten.
Während der Gigant noch unter den Terrorschlägen schwankt und sein Gleichgewicht wiedergewinnt, ist der Schulterschluss der Verbündeten ein entscheidendes Faktum. Die Antwort der USA auf diesen kriegerischen Angriff mit den Mitteln des Terrors wird davon beeinflusst sein, ob die verwundete Supermacht sich allein wähnt im Kampf gegen den Terror oder ob sie die Verbündeten, denen der Angriff indirekt galt, an ihrer Seite weiß. Die Neigung "to go it alone", zum Alleingang, die stets eine Konstante amerikanischer Außenpolitik war, sie kann unter dem Schock, dass die vermeintliche Sicherheit des eigenen Kontinents nichts bedeutet, zurückgehen. Aber nur, wenn den Treueschwüren der Verbündeten Taten folgen.
Für Präsident George W. Bush, der seit dem Sommer ohne Mehrheit im Kongress regiert, ist der unerklärte Krieg nicht nur eine ungeheure Herausforderung, sondern auch eine Chance. Der scharfe Parteienstreit zerfällt angesichts der nationalen Herausforderung. Bush kann Profil und Statur gewinnen, wie es seinem Vorgänger Clinton nach dem Attentat von Oklahoma gelang, oder er kann scheitern, wie Jimmy Carter an der Geiselkrise in Iran. Vorbelastet ist Bush. Seine Politik ausgesprochener außenpolitischer Abstinenz hat dazu beigetragen, die Intifada im Nahen Osten eskalieren zu lassen. Außerdem trauen ihm viele nicht die intellektuelle Qualität zu, solche Herausforderung zu meistern.
Die Herausforderung hat viele Facetten. Nicht nur die Suche nach den Verantwortlichen des Angriffs und die Abwägung der Gegenmaßnahmen, sondern vor allem auch Antworten auf die Frage: Wie konnte es geschehen? Warum waren die zergliederten Geheimdienste nicht in der Lage, eine dermaßen komplexe Operation zu entdecken? Nichts ist nach dem 11. September so wie vorher. Mit Sicherheit wird das für die US-Geheimdienste zutreffen.
Die Sitzung des Kongresses 24 Stunden nach den Angriffen sollte klarmachen, dass die USA funktionieren, sollte den Bürgern Sicherheit vermitteln. Denn in das Selbstbewusstsein der USA ist ein Loch gerissen worden. Was Kaiser, Hitler und die Atomraketen des Kalten Kriegs nicht schafften, der anonyme Terror hat die Drohungen des 20. Jahrhunderts zu Beginn des 21. Realität werden lassen. Präsident Bush hat der "neuen Sorte Feind" Vergeltung für kriegerische Akte angedroht. Niemand sollte sich darüber täuschen, dass diese Vergeltung massiv sein wird. Und ob der Kongress sie mit einer Kriegserklärung untermauern wird, ist zweitrangig. Die Entschlossenheit des Kongresses, den Terror weltweit nicht mehr nur mit Polizeimaßnahmen oder einzelnen Marschflugkörpern zu bekämpfen, ist mit Händen zu greifen.
Als Samuel Huntington vor acht Jahren mit seinem Aufsatz "The Clash of Civilizations" beschrieb, wo er nach dem Zeitalter der Ideologien die neuen Frontlinien auf der Welt ausmachte, wurde er heftig kritisiert. Statt harmonischen Zusammenwachsens in einer vernetzten Welt befürchtete Huntington globale Konflikte zwischen Kulturen. Der Terror in New York und die US-Vergeltungen könnten seine Befürchtungen bestätigen. Welche Auswirkungen das auf die multikulturelle Gesellschaft der USA haben wird, kann man sich ausmalen.
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Eine austauschbare Figur
Die Politik muss mehr tun, als einzelne Täter zu jagen
Von Peter Lock
Alle Politiker sind sich einig, dass es bei der Bekämpfung des Terrorismus zum Schulterschluss der zivilisierten Welt kommen muss. Auch die erschreckte Öffentlichkeit erwartet Taten der staatlichen Sicherheitsorgane. In dieser Situation hätte das wahrscheinliche Ziel der einsetzenden globalen Hetzjagd Osama bin Laden erfunden werden müssen, gäbe es diese Person nicht wirklich. Dieser Mann inszeniert sich auf der Folie der Medien seit Jahren mit erstaunlichem Erfolg als Feind der USA und Gewaltverherrlicher. Er ist außerhalb der Welt der dominierenden Industriestaaten zu einer mythischen Gestalt geworden, die diffuse politische Ziele mit ultimativer Gewalt verfolgt, vergleichbar mit dem Mythos Che Guevaras weltweit vor über 30 Jahren.
Indem man nun bin Laden jagt, gibt man vor, den Terrorismus zu bekämpfen. Dabei geraten die Ursachen von Terrorismus völlig aus dem Blickfeld, weil eine Beschäftigung mit ihnen die scheinbare Klarheit der unmittelbaren politischen und leider wahrscheinlich auch militärischen Reaktion stören würde. Mehr noch, man fragt nicht nach den gesellschaftlichen Bedingungen, in denen sich eine solche multinationale Operation effizienten Terrorismus entfalten konnte. Es ist dabei unbedeutend, wie die Personen, wie auch immer bewaffnet, in die vier Flugzeuge gelangen konnten. Denn es ist eine Illusion, dass man absolute Sicherheit technisch organisieren kann. Im Wettlauf mit den unbegrenzten Möglichkeiten terroristischer Entschlossenheit wird man immer Verlierer sein. Letztlich basiert Sicherheit immer auf einem gesellschaftlichen Konsens.
Auch wenn der aktuelle Diskurs darauf hinaus läuft, die Akteure dieses Terrorakts als verrückt einzustufen, muss man sorgfältig nach den politischen Zielen fahnden, wie verwirrt und verzerrt sie auch sein mögen. Denn Terrorismus ist der Einsatz unberechenbarer Gewalt zur Erreichung eines politischen Zieles. Er ist die fatale Fortsetzung eines gescheiterten oder unmöglichen politischen Dialogs. Insofern hat Terrorismus immer eine gesellschaftliche Basis, ohne die er nicht operieren kann.
Nach den wenigen Fakten, die bislang bekannt sind, muss der 11. September das Werk einer außerordentlich leistungsfähigen, transnational operierenden Organisation gewesen sein. Außerdem muss der ideologische Zusammenhalt der Angehörigen dieser Organisation so groß sein, dass sie offensichtlich nicht unterwandert werden konnte. Weiterhin müssen die politischen Ziele mit quasi-religiösen Vorstellungen verknüpft sein, auf deren Grundlage gezielt qualifiziertes Personal für Selbstmordoperationen abgerufen werden kann.
Jedem steuerzahlenden Bürger stellt sich natürlich die Frage: Sind die riesigen Summen, die für geheimdienstliche Tätigkeiten aller Art ausgegeben werden, überhaupt sinnvoll, wenn es dem größten Sicherheitsapparat der Welt über Jahre nicht gelingt, bin Laden dingfest zu machen und ihn so in weiten Teilen der Welt zu einem Mythos des Widerstandes gemacht hat? Eine plausible Erklärung für dieses Versagen der Geheimdienste ist der Opportunismus solcher Organisationen. Seit Ronald Reagan den Krieg der Sterne bzw. die absolute Raketenabwehr auf die politische Agenda Amerikas gesetzt hat, sind Begründungen für dieses Projekt gefragt. Entsprechend konzentrieren sich die Aufklärungsdienste auf Schurkenstaaten und die ihnen unterstellten staatsterroristischen Absichten. Da gemeinhin unterstellt wird, dass Terroristen eine logistische Basis benötigen, um international tätig zu werden, schien die ausschließliche Schurkenstaatenbeobachtung ein angemessener Fokus zu sein.
Im Folgenden sollen mögliche Inhalte des gescheiterten Dialogs, der nun mit brutalen terroristischen Mitteln fortgesetzt wird, ausgeleuchtet werden. Dies steht in unmittelbarem Zusammenhang mit weltgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die offensichtlich eine operative Basis für Terrorismus sind. Zunächst gilt es sich zu verdeutlichen, dass die gegenwärtige Form wirtschaftlicher Globalisierung an den Interessen einer Mehrheit der Weltbevölkerung vorbeigeht. Die unerbittliche Polarisierung der individuellen Einkommen, die strukturelle Unfähigkeit, Hunger auf der Welt zu überwinden und schließlich die Erosion von Staatlichkeit und die zunehmende Bedeutung von Gewalt als Regulativ wirtschaftlicher Aktivitäten, die häufig zu kriegerischen Aktivitäten eskaliert, sind untrügliche Indikatoren. Eine dramatische Zuspitzung erfahren diese Entwicklungen in der weltweiten Jugendarbeitslosigkeit, die in vielen Ländern weit mehr als die Hälfte der nachwachsenden Generationen betrifft, die ihr Leben in informellen und kriminellen Sphären organisieren müssen. Ein realistisches politisches Projekt, das Perspektiven bietet, diese katastrophale intergenerationelle Apartheid zu überwinden, ist nicht in Sicht.
Gleichwohl ist die ausgeschlossene Mehrheit der Weltgesellschaft medial mit der Welt des Massenkonsums der Wohlstandsgesellschaften ständig konfrontiert.
Kriminelle Tätigkeiten sind der Zugang zu dieser Welt. Alternativ kann man diese Welt auf der Grundlage religionsähnlicher Ideologien verteufeln und ihre Abschaffung zu einer irregeleiteten Aufgabe stilisieren. Bevor solche Ideologien wirkungsmächtig werden können, steht jedoch immer die Hoffnungslosigkeit und die konkrete Erfahrung des Ausschlusses aus der medial ständig präsenten Welt des Wohlstandes.
Einen Diskurs zur Überwindung dieses Zustandes gibt es nicht. Vielmehr hat die Wohlstandsgesellschaft einerseits das Ende der Geschichte und damit die Zementierung des gegenwärtigen unerträglichen Zustandes erklärt und zugleich die unausweichliche kriegerische Konfrontation mit jenen Teilen der Welt, in denen die große Mehrheit der Ausgeschlossenen lebt.
Die vorherrschende ideologische Verknüpfung von neoliberaler Wirtschaftsdoktrin und Demokratie schafft ein Klima, in dem sich zunehmend verzweifelte, gleichwohl aber ungeeignete Ideologien alternativer Gesellschaftsformen entfalten, die regelmäßig ein Lösungsmuster mit religiösen Elementen einschließen. Ein Jenseits ist die Folie, auf der solche Utopien ihre Heilsformel entwickeln. Dadurch werden Maßstäbe rationalen politischen Handelns relativiert und öffnen den Prozess eines bis zu seiner Auflösung eskalierend konfrontativen politischen Diskurses.
Wenn man zu dieser Zustandsbeschreibung hinzufügt, dass sich parallel zum gegenwärtigen Globalisierungsprozess viele dynamische internationale Netzwerke krimineller Ökonomie entwickelt haben, die angesichts der deregulierten Finanzmärkte leistungsfähig sind, über große finanzielle Ressourcen verfügen und global operieren, dann wird deutlich, dass es zur Organisation einer terroristischen Gruppe mit großer Leistungsfähigkeit nicht des Vermögens eines bin Laden bedarf. Vielmehr sind die objektiven gesellschaftlichen und die wirtschaftlich organisatorischen Bedingungen gegeben, die die Figur des bin Laden austauschbar machen. Daher setzt eine wirkungsvolle Bekämpfung des Terrorismus ein Verständnis für die gesellschaftlichen Verhältnisse voraus, die diesen Terrorismus auch weiter hervorbringen werden, wenn die Zelle des bin Laden längst ausgehoben ist. Daher muss sich die Politik darauf konzentrieren, wieder dialogfähig mit jenen Menschen zu werden, die weltgesellschaftlich ausgeschlossen sind. Dies setzt aber voraus, dass nicht Wirtschaftsordnungen, sondern die Lebens- und häufig die Überlebensperspektive der Menschen Priorität haben.
Peter Lock ist Friedens- und Konfliktforscher in Hamburg.
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Die einfachste Methode gegen Luftpiraten lehnen fast alle ab - bis jetzt
Israels El Al setzt mit Erfolg bewaffnete Flugbegleiter ein / Atom-Experten warnen vor Attacken auf Kernkraftwerke
Von unseren Korrespondenten
Nach den Anschlägen in den USA stellt sich verstärkt die Frage, was getan werden kann, um terroristische Aktionen im Luftverkehr zu verhindern.
Vorschläge für einen verbesserten Schutz sind schon seit längerem in der Diskussion. Dazu gehört die Idee, den Durchgang von der Passagierkabine zum Cockpit völlig wegzulassen. So hätte während des Fluges niemand die Möglichkeit, zu den Piloten vorzudringen. Das Problem dabei: Die Cockpit-Tür ist zugleich ein Notausgang, auch für Passagiere.
Ein anderer Vorschlag zielt darauf, in bestimmten Situationen stärker auf die Technik zu setzen als auf die Piloten. So gibt es schon seit Jahren Geräte, die den Flugzeugführer akustisch warnen, wenn er auf ein Hindernis zusteuert. Sie könnten automatisch mit der Flugzeugsteuerung gekoppelt werden - es würde dann automatisch eine Ausweichbewegung eingeleitet, ohne dass der Pilot die Möglichkeit hätte, den Kurs zu ändern.
Die US Navy hat bereits vor zwei Jahren begonnen, einen so genannten "Smart Cockpit Controller" (SCC) zu testen. Das System arbeitet mit zahlreichen Untersystemen sowie neuronalen Computern. Es ist aber auf Jahre hinaus nicht mit der Einführung derartiger Kontroll- und Sicherheitssysteme in die Passagierluftfahrt zu rechnen. Ob sie überhaupt je eingeführt werden, ist fraglich. Ein "smartes Cockpit" wäre nicht nur teuer, es würde wohl auch auf den erbitterten Widerstand der Piloten stoßen. Die sind keineswegs erfreut, wenn die Automatik ihre Aufgaben übernimmt und sie entmündigt.
Die einfachste, erfolgreichste Methode gegen die Luftpiraterie demonstriert seit vielen Jahren die israelische Luftlinie El Al. Sie setzt bewaffnete Flugbegleiter in all ihren Maschinen ein. Seit diese "Sky Marshalls" an Bord sind, ist keine Entführung einer El-Al-Maschine mehr versucht worden. Alle anderen Luftlinien lehnen dieses Modell bisher aber ab.
Das könnte sich nach den Anschlägen in den USA ändern. Die Pilotenvereinigung Cockpit jedenfalls will nun auch über bewaffnete Begleiter in Flugzeugen deutscher Airlines reden. Bislang lehnte sie dies ab. "Seit Dienstag haben wir aber eine neue Lage", sagte der Sprecher der Piloten, Georg Fongern, der FR. Die Sicherheitsstandards würden nicht mehr die sein, die bis zum Tag der Anschläge galten. In einem Brief an Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) hat Fongern bereits Konsequenzen aus den Anschlägen von New York und Washington angemahnt. Schwerpunkt müsse sein, Selbstmordattentäter schon am Boden herauszufiltern.
Atom-Experten und Umweltorganisationen treibt die Sorge um, Terroristen könnten auch Atomkraftwerke zum Ziel für Angriffe wie in New York machen. Auch moderne westliche Atomkraftwerke seien dagegen nicht geschützt, es drohe eine Kernschmelze mit Verstrahlungen ganzer Regionen, sagte der Leiter der Reaktorsicherheitskommission des Bundes (RSK), Lothar Hahn, der FR. Umweltschutz-Gruppen forderten sie Stilllegung der Atomkraftwerke.
Im Verkehrsministerium galt das, was sich am Dienstag in den USA ereignete, bisher eher als hollywoodtauglich denn als realistisches Szenario. "So etwas gab es bisher noch nicht", sagte Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (SPD) der FR. Man habe in der zivilen Flugsicherheit nur mit Entführungen kalkuliert, bei denen die Kidnapper eine politische Forderung stellen. Dabei bestehe in der Regel die Chance, mit ihnen zu kommunizieren. Die Kamikaze-Methode sei nicht bedacht worden, räumte Bodewig ein. (aj/jw/ce/gang)
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Ein Bild des Horrors an Bord
Passagiere konnten vor den Abstürzen noch telefonieren
"Wir sind entführt worden", sagte Lauren Grandcolas ihrem Mann. "Sie sind nett. Ich liebe dich." Dann legte sie auf. Die Verkäuferin aus Kalifornien hatte sich ein paar Tage frei genommen, um bei der Beerdigung ihrer Großmutter in New Jersey dabei zu sein. Sie befand sich auf dem Heimweg im United-Airlines-Flug Nummer 93, als sie per Handy das letzte Mal mit ihrem Mann sprach. Wenig später stürzte die Maschine in Pennsylvania ab. Wie Lauren Grandcolas gelang es noch einigen anderen Passagieren und Besatzungsmitgliedern der vier von Terroristen gekaperten Maschinen, über Handy letzte Lebenszeichen zu senden. Aus einigen Anrufen können sich die Ermittler langsam ein Bild von dem blanken Horror an Bord der Maschinen machen.
Nach Angaben der Zeitung Boston Herald waren die Entführer nicht mit Feuerwaffen ausgerüstet, sondern mit Rasiermessern, die sie im Handgepäck und in Kulturbeuteln versteckt hatten. Zumindest in einer der zwei entführten Maschinen, die in Boston gestartet waren, erstachen sie offenbar zunächst einige Stewardessen, um den Piloten aus dem Cockpit zu locken und selbst die Steuerung zu übernehmen.
Mehreren Passagieren sei es noch gelungen, mit ihrem Handy Angehörige oder den Notruf anzurufen. Ein Steward habe seine Vorgesetzten alarmiert, dass Luftpiraten zwei Kollegen erstochen hätten. Ihm sei es sogar gelungen, die Sitznummer von einem der Entführer durchzugeben.
Nach Berichten der Zeitung Christian Science Monitor gelang es einem der Piloten der von Boston aus entführten Boeings, sein Mikrofon so einzustellen, dass der Kontrollturm das Gespräch im Cockpit mit anhören konnte. Dem Bericht zufolge sagte einer der Luftpiraten sinngemäß auf Englisch: "Macht keinen Unsinn, Euch geschieht nichts", wie ein Fluglotse berichtete. Dieser will noch den Ausruf gehört haben: "Wir haben viele Flugzeuge, wir haben noch andere Flugzeuge", konnte sich aber darauf zunächst keinen Reim machen. Kurze Zeit später habe der Pilot um eine Flugroute nach New York gebeten, dann sei der Transponder abgeschaltet worden. Dadurch habe der Pilot nicht mehr den Alarmcode für eine Entführung senden können und die Maschine sei für die Flugüberwachung nicht mehr zu identifizieren gewesen, berichtete der Christian Science Monitor.
Der Transponder in einem Flugzeug reagiert normalerweise ständig auf ein Funksignal und lässt damit Aufschlüsse über Fluggesellschaft, Flugnummer, Geschwindigkeit und Flughöhe einer Maschine zu.
Auch bei dem Anschlag auf das US-Verteidigungsministerium wurde der Transponder der Boeing abgeschaltet, wie die Washington Post meldete. Dadurch sei die Maschine für die Flugüberwachung nicht zu identifizieren gewesen. Die Fluglotsen hätten auf ihren Radarschirmen lediglich gesehen, dass eine unbekannte Maschine mit überhöhter Geschwindigkeit in Richtung Weißes Haus flog, bevor sie abdrehte und ins Pentagon stürzte.
Dem Bericht zufolge flog das Linienflugzeug der American Airlines nach seinem Start vom Flughafen Washington-Dulles zunächst einige Zeit auf seiner eigentlichen Route nach Westen. Nach dem Ausfall des Transponders sei sie plötzlich umgekehrt und wieder nach Washington zurückgeflogen. Dieses Manöver und das Abschalten des Senders deuteten darauf hin, dass erfahrene Piloten am Werk gewesen seien, schrieb die Zeitung.
Die Luftpiraten in dem zum Pentagon gelenkten Flugzeug waren nach Berichten einer Passagierin ebenfalls lediglich mit Messern und Teppichschneidern bewaffnet. Der ehemaligen US-Generalstaatsanwältin Barbara Olson an Bord der Maschine war es gelungen, vor dem Absturz zwei Mal kurz ihren Mann anzurufen. Nach ihren Worten hatten die Kidnapper sämtliche Passagiere und den Piloten in den hinteren Teil der Maschine gebracht. Im zweiten Anruf fragte sie ihren Mann: "Was soll ich dem Piloten sagen?".
Dann brach der Anruf ab. (afp)
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Krieger aus dem Nichts
Zwischen archaischer Bluttat und medialer Symbolik: Gesten einer Sprache der Demütigung
Von Peter Michalzik
Und was, wenn wir nie erfahren, wer es war? Wenn wir nichts darüber herausbekommen sollten, wer die Anschlage verübt hat? Wenn sich einfach niemand zu den Anschlägen bekennen sollte? Wenn FBI und das CIA im Dunkeln tappen, auch nachdem sie allen Spuren nachgegangen sind? Wenn die Beschuldigungen gegen bin Laden oder die Palästinenser durch unbewiesene Wiederholung schal geworden sein sollten? Wenn wir nichts über die Täter wissen, was würden wir dann wissen?
Vielleicht sollte man sich die ersten Minuten nach dem Beginn der Anschlagserie immer wieder ins Gedächtnis rufen. Wer die Bilder sah, bevor es die Nachrichten zu ihnen gab, konnte es nicht glauben. Man sah es und hielt es für unwahr. Da war noch etwas anderes im Spiel als der Unglauben über das Entsetzliche, etwas wie die grundsätzliche Überzeugung, dass es das einfach nicht geben kann. Dann bald die erste Frage: Anschlag oder Unfall? Und dazwischen immer wieder: Ist das wirklich? Oder doch nur Filmbilder? Als dann klar wurde, dass wirklich zwei Flugzeuge in die Türme geflogen waren und es also kein Unfall war: Palästinenser? (Und leise Zweifel: Warum denke ich, denken wir gerade: Palästinenser?) Als man dann für kurze Zeit dachte, im ersten einstürzenden Turm sei eine Bombe gewesen und es sei auch ein Angriff auf das Weiße Haus geflogen worden: Da muss eine echte militärische Organisation dahinter stehen. Und als dann der Angriff auf das Pentagon gemeldet wurde, die erste Ahnung, dass da einer wirklich Krieg führt, es aber kein Land gibt, das angreift. Was wir in diesen ersten Minuten erfahren haben, sagt nur etwas über uns selbst. Und viel weiter als in diesen ersten Minuten gehen unsere Kenntnisse bisher nicht.
Die Nation, die wie keine andere an sich und ihre Technologie glaubt, die Nation, die sich in einer Art Sicherheitswahn befindet, hat sich nicht nur als verwundbar, sondern auch als blauäugig erwiesen. Immer wieder hieß es, dass der kommende Krieg der des Terrorismus sein würde. Aber davon, von dieser Art Verwundung, wollte man nichts wissen. Jetzt ist unabweisbar: Das Pentagon und mit dieser Schaltzentrale der Militärmacht die ganze Nation sind viel verletzlicher, als man sich bisher selbst suggerierte. Es ist also nicht nur eine Traumatisierung, die Amerika erfahren hat, es ist - wahrscheinlich noch viel schwerer zu verwinden - eine narzisstische Kränkung allergrößten Ausmaßes, die die Vereinigten Staaten jetzt erleben. Auch das Bild, das dieses Land von sich selbst hat, wird nicht das gleiche bleiben. Präsident Bushs erste Reaktion, Härte und Entschlossenheit, entspricht sicherlich dem, was Amerika fühlt: Aber dahinter liegen auch bebende Hilflosigkeit und die Zuflucht zu der Idee, man würde sich in einem Krieg befinden, dessen Regeln man kennt.
Bei allen Fragen, wie die Anschläge logistisch überhaupt möglich waren, welche Infrastruktur nötig war, schützt nichts vor der Erkenntnis, dass ein paar zum Letzten entschlossene Personen genügen, um die stärkste militärische Kraft der Erde in ihrem Innersten zu treffen. Ein paar Männer mit Handys oder Tapeziermessern, dem entsprechenden Hass, einer wilden Entschlossenheit und einer Ausbildung zur Selbstmordmaschine reichen, um einen richtigen Krieg gegen die Supermacht zu führen. Wahrscheinlich sind diese Ressourcen reicher vorhanden, als man bisher wissen wollte.
Und selbst wenn es eine größere Organisation gewesen sein sollte, ist doch unübersehbar, dass sie mit vergleichsweise kleinen Mitteln eine enorme Wirkung erzielt hat. Niemand hat geschafft, was diesen Terroristen, Kriegern, Selbstmordattentätern, Vernichtungsmaschinen, oder wie man sie sonst nennen mag, gelungen ist: Sie haben einen Frontalangriff auf das Herz Amerikas erfolgreich geführt. Sie haben geschafft, was als unmöglich galt. Auch wenn die vollkommene Menschenverachtung, die diese Anschläge dokumentieren, vor allem erschreckt, Zorn und Angst erzeugt, spüren wir gleichzeitig auch, dass es etwas tief Gedemütigtes ist, was sich da erhoben hat, um alles, was es erlitten hat, zurückzuzahlen, mit gleicher Münze, Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Siegreich sind die unbekannten Krieger allerdings nur, und das droht im Moment auf allen Seiten aus dem Blick zu geraten, auf der medialen Ebene. Kein Krieg kann jemals so gewonnen werden. Die Lebensbedingungen in der arabischen Welt werden sich für die allermeisten Menschen durch die Anschlagserie verschlechtern, die Verzweiflung wird wachsen. Reale Gewinne gibt es für niemanden. Die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon wären unter bisherigen Kriegsgesichtspunkten alles andere als schlachtentscheidend, in Begriffen der herkömmlichen Kriegsführung wären sie blindwütige Reizungen des Gegners, die durch die Entschlossenheit, die sie auf der Gegenseite erzeugen, strategisch dumm wären. Auf der symbolischen Ebene aber sind es mächtige, vernichtende Schläge, die hier geführt worden sind. Terroranschläge erzeugen Angst und verunsichern Nationen, aus der Sicht der Täter aber sind sie vor allem symbolische Akte: Ohne die Demütigung, die man hier zu bewältigen glaubt, indem man sie dem Peiniger zufügt, wäre die Rolle des Selbstmordattentäters nicht so reizvoll, wie sie offenbar ist.
Alle Terroranschläge funktionieren auf der symbolischen Ebene, deshalb entziehen sie sich den Kategorien vergleichsweise kalkulierbarer, weil im Kern doch rationaler Kriegsführung. Dieser Schlag gegen Amerika ist die mächtigste Geste, die es bisher gibt. Die Ziele dieses Schlages sind die Zentren der militärischen und wirtschaftlichen Macht, aber es war den Attentätern wahrscheinlich immer klar, dass sie diese Macht dadurch nicht brechen werden. Was hier stattfindet, sind Fernsehkriege, Öffentlichkeitskämpfe, eine intime Kommunikation über elementare Gefühle, die über die Bildschirme der Weltöffentlichkeit abläuft. Vielleicht fällt es den Attentätern auch deshalb so leicht, die sehr realen, menschlichen Opfer, die mit ihnen im Flugzeug waren, im World Trade Center oder im Pentagon schon bei der Arbeit saßen, dabei zu vergessen.
Man schreckt angesichts dieser vielen wirklichen Opfer vor folgender Feststellung zurück, trotzdem ist sie unabweisbar: Was hier stattgefunden hat, ist das, was Amerika als seine Bedrohung vor allem in seinen Filmen als seine Bedrohung schon lange imaginiert hat. Es ist, wie wenn Amerika schon immer eine Ahnung gehabt hätte, was seine verletzliche Flanke, vielleicht sogar seine Schuld ist. Es ist als ob Amerikas Größe, sein Glanz, immer wusste, dass diese Größe und dieser Glanz auch sein empfindlichster Punkt sind.
Wahrscheinlich haben wir den Beginn des 21. Jahrhunderts auf dem Feld der Kriegführung erlebt. Der Krieg der Zukunft hat nichts mehr mit Landgewinn, mit staatlichen Grenzen, mit strategischen Vorteilen zu tun. Es geht allein darum, auf der symbolischen Ebene maximale Verwüstung anzurichten, dem Gegner die größtmögliche Verletzung zuzufügen. Der Angreifer ist nicht sichtbar, und er wird umso stärker, je weniger sichtbar er bleibt. Die Welt ist, im Gegensatz zu dem, was uns die technologische Hochrüstung suggeriert, durch ihre Komplexität und Technologie so verletzbar geworden, dass jeder Entschlossene an diesem Krieg teilnehmen kann. Man braucht keinen Militärapparat mehr.
Es ist - allerdings ganz anders, als sich der Geschwindigkeitsforscher Paul Virilio dies hatte träumen lassen - ein medialer Krieg, der hier begonnen hat. Und gleichzeitig ist es ein sehr einfacher Krieg, ein archaischer Krieg. Ein Krieg mit einigen Terroristen, die sich selbst wohl als Partisanen sehen, die ihr Leben einzusetzen bereit sind, und die ebenso bedenkenlos Leben vernichten.
Wahrscheinlich ist durch diese Anschläge eine Zeit eingeläutet worden, in der öffentlich nur noch mit einer simplen Zweiteilung operiert werden wird, in der auf der einen Seite die zivilisierte Welt, auf der anderen Seite die mordenden Barbaren stehen. Wahrscheinlich ist das den Kriegern aus dem Nichts sogar recht. Es entstehen die Fronten, die für sie schon immer existierten. Die Welt teilt sich neu. Ebenso wird es sehr lange dauern, bis die Frage ernsthaft zu stellen ist, was in den Tätern vorgeht. Vermutlich wird für lange Zeit auf allen Seiten nur noch der Hass regieren, der die Demütigung entspringt.
Vielleicht wäre gegen die sich bereits abzeichnende, nicht aufweichbar erscheinende Verhärtung der Fronten tatsächlich das beste Gegenmittel, wenn wir nie erfahren würden, wer die Täter waren. Dann könnten wir bei der Analyse dessen, was geschehen ist, nur von uns ausgehen. Dann würden wir auch irgendwann wieder Fragen stellen: Was musste geschehen, damit dieser unglaubliche Hass entstehen konnte? Was haben wir getan, dass in der islamischen Welt, in der jetzt alle die Täter vermuten, diese Verblendung, diese auf Amerika fixierte Selbstzerstörungswut entstehen konnte? Wenn es einen Weg zum Frieden an den neuen Fronten gibt, führt wahrscheinlich kein Weg an diesen Fragen vorbei. Im Moment steht die Trauer über die Opfer im Vordergrund. Die Frage bleibt, wie man den Opfern am ehesten gerecht wird. Große Gesten stehen gegen eine kleine Politik, eine Politik der Diplomatie, der langsamen Verständigung. Mehr als diese mühsamen Schritte, die solche Anschläge nie verhindern kann, nur weniger möglich macht, haben wir nicht.
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Telegener Terror - live
Die Welt sieht zu bei den Attentaten in New York
Von Markus Brauck und Ingrid Scheithauer
"Wir gehen jetzt auf Sendung, und wir bleiben auf Sendung - so lange, bis die Welt untergeht." Ted Turner braucht große Worte, als er sich im Juni 1980 anschickt, mit seinem Nachrichtenkanal die Medienwelt zu verändern. In Manhattan geht am Dienstag ein Stück Welt unter - und CNN sendet. Es dauert nur wenige Minuten, bis die Welt informiert ist. Um 14.48 Uhr mitteleuropäischer Zeit stürzt die erste Passagiermaschine in das World Trade Center. Acht Minuten später sind auf den Nachrichtenkanälen n-tv und N24 die ersten Bilder zu sehen, aufgenommen vom US-Sender CNN. Als um 15.04 das zweite Flugzeug auf die Türme zu rast, können die Fernsehzuschauer live zusehen. Zwischen 15 Uhr und 15.15 Uhr schalten sich die anderen Programme hier zu Lande in die Berichterstattung ein.
Die Welt sieht zu, wie die USA vom Terror heimgesucht werden. Es sind die schockierendsten Live-Bilder, die das Medium Fernsehen je gesendet hat, und das liegt auch daran, dass es fernsehgemäße Bilder sind. Der Terror bietet telegene Bilder. Hollywoods (Alb-)Traumfabrik, von der Wirklichkeit überholt.
Sonst ist das Fernsehen meist nur in der Lage, die Folgen der Katastrophe zu zeigen, und verfügt über keine Bilder vom Ereignis selbst. So wie es keine Fernsehbilder vom Absturz der ersten Passagiermaschine gibt und keine vom Anschlag auf das Pentagon. Doch weil die Sender innerhalb von Minuten das brennende World Trade Center in den Blick der Kameras nehmen, sind sie live dabei, als der zweite Jet im Gebäude explodiert. In diesen Sekunden hat die Terrorwelle ein Bild. Da es bei Terror-Anschlägen auch auf Öffentlichkeit und das Schüren von Angst in der Öffentlichkeit ankommt, steht zu vermuten, dass dieser Medien-Effekt perfide eingeplant wurde. So gesehen dürfte das Sendezentrum in Atlanta der sicherste Platz vor Anschlägen sein.
Es ist die Explosion der US-Raumfähre Challenger im Januar 1986, die CNN auf die internationale Bühne katapultiert. Live werden die schaurig-schönen Bilder vom verglühenden Stolz der Nasa rund um den Globus geschickt. Und exklusiv. Und als Anfang 1991 Bomben auf Bagdad fallen, ist die Welt dabei dank CNN und seiner Reporter. Peter Arnett und Bernhard Shaw berichten vom Dach eines Hotels, wie die Cruise Missiles in der irakischen Hauptstadt einschlagen. Wie "Christbäume" sähen die Raketenanschläge aus. Bei Kriegen, Krisen, Katastrophen spielt CNN seine Stärken aus, ist allen anderen Fernsehsender überlegen.
Auch in dieser Terror-Welle entwickelt sich CNN zum Auge der Welt. Innerhalb von Minuten stellt der US-Sender eine Welt-Öffentlichkeit her und ist in Augenblicken live an allen Schauplätzen: Vor Ort in New York und Washington, bei der Pressekonferenz der Taliban in Kabul, bei jubelnden radikalen Palästinensern, beim Bombenangriff auf Kabul. Dank eines ausgeklügelten Satellitensystems, das CNN sein eigen nennt, ist das Fernsehunternehmen aus Atlanta längst zum Sender des Globalen Dorfes geworden.
Doch was, wenn die Bilder nicht mehr für sich selbst sprechen, wenn die Ereignisse sich nicht nahtlos zusammenfügen? So wie bei dem langen Fernsehabend am Dienstag, als das Medium disparate Bilder lieferte: Einmal Terror, Tod und Entsetzen, dann Jubel, schon wieder neue Ereignisse - wie das Bombardement Kabuls - deren Bedeutung der Zuschauer zu Hause unmöglich einschätzen kann. Und die auch die Fernsehredaktionen verwirren. Dann ist das Fernsehen am Ende seiner Deutungsmöglichkeit.
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Fernsehen an der Kapazitätsgrenze
Wie die Sender auf die Terroranschläge reagieren: Reflexion nur zum Preis, nicht mehr aktuell zu sein
Von Manfred Riepe und Jenny Niederstadt
Es ist eine gespenstische Koinzidenz: Am Samstag zuvor zeigt die Sat1-Fußballsendung ran während einer Werbepause den Drehbericht zu einem TV-Spot. Mit großem tricktechnischem Aufwand erzeugt der Werbeclip für eine Telefonauskunft die Illusion, dass ein Verkehrsflugzeug realitätsecht durch ein Hochhaus hindurch bricht Drei Tage später ist diese filmische Fiktion grausige Wirklichkeit. Seit 14.56 Uhr mitteleuropäischer Zeit zeigt der Berliner Nachrichtenkanal n-tv Live-Bilder seines Partnersenders CNN. Zu sehen ist das qualmende World Trade Center, in dessen Fassade ein riesiges Loch klafft. Aber wie groß die Beschädigung in der Fassade des 400 Meter hohen Wahrzeichen New Yorks tatsächlich ist, ahnt zu diesem frühen Zeitpunkt - trotz gestochen scharfer Livebilder - niemand. Vor den Augen der Welt
Während der Dolmetscher holprig ins Deutsche übersetzt, wie die US-Kollegen über ein verirrtes Sportflugzeug spekulieren, geschieht das auch in der Geschichte der Medienberichterstattung einmalige: Vor den Augen der inzwischen zugeschalteten Weltöffentlichkeit schlägt ein Verkehrsflugzeug in den zweiten Turm des World Trade Centers ein.
Erst von diesem traumatischen Moment an ist klar, dass es sich um einen terroristischen Anschlag handelt. Als ob man sich über das Unglaubliche vergewissern müsste, zappt der Zuschauer durch die Kanäle. Irgendwann im Lauf des Tages wird der Sendebetrieb eines jeden Kanals auf dieses Ereignis fokussiert. Und es gibt auch bei den werbefinanzierten Sendern so gut wie keine Werbeunterbrechungen mehr.
Den Fernsehsendern beschert die Katastrophe eine selten hohe Zuschauerresonanz. Besonders die Nachrichtenkanäle profitieren davon. 13,5 Millionen Menschen schalten n-tv ein, fünf Millionen CNN und 5,4 Millionen Phoenix. Die RTL-Sender - mit dem Kölner Flaggschiff und den Beibooten RTL2 und Vox - bündeln ihr Programm. Auch Sat 1, Pro 7, Kabel 1, N 24 und Neun live senden bis Mittwochmorgen ein gemeinschaftliches Programm. Der Musiksender Viva setzt sein Programm vorübergehend aus - aus Respekt vor den Geschehnissen, wie es auf einer Informationstafel heißt. Der Konkurrent MTV nimmt seine Shows aus dem Programm, sendet aber Videoclips.
Wie nicht anders zu erwarten, hat CNN mit seiner Aktualität zunächst die Nase vorn. Vor dem Hintergrund der Live-Bilder von den brennenden Türmen erklärt der n-tv-Börsenkorrespondent Markus Koch aus New York mit einem ungewohnten Zittern in der Stimme, dass der Wertpapierhandel an diesem Tag ausgesetzt werde. Aber erst, als gegen 16 Uhr der erste der beiden Türme des World Trade Centers einstürzt, kommt eine Ahnung auf, welches Ausmaß der Terroranschlag hat.
In einer Tagesthemen-Dauersendung berichtet der im Lauf des Abends immer müder aussehende Ulrich Wickert im Ersten noch von den brennenden Türmen, als das World Trade Center schon nicht mehr existiert. Die Ereignisse überschlagen sich und werden in einer sukzessiv erweiterten Bilderschleife im Minutentakt wiederholt. Schon um halb vier Uhr - also als die Türme noch stehen - tritt Präsident Bush mit einem Statement vor die Kameras, das der ARD-Zuschauer eine Stunde später auch zu sehen bekommt. Als erster deutscher Spitzenpolitiker sucht Edmund Stoiber gegen 17.20 Uhr die Öffentlichkeit auf, um zu verkünden, dass das Oktoberfest ausfällt. Von Bundespräsident Johannes Rau wird zunächst nur ein Brief verlesen.
Die Mediendramaturgie des Schreckens erreicht jetzt ihren Höhepunkt. Es wird gemeldet, dass die Fluggesellschaft American Airlines den Verlust zweier besetzter Vekehrsmaschinen bestätigt. Ein dritter entführter Passagier-Jet schlägt, von Selbstmordattentätern gelenkt, im Pentagon ein. Bis die Staubwolken das südliche Manhattan in ein optisch undurchdringliches Fanal aus Nebel und Schutt einhüllen, zeigt CNN Bilder von Menschen, die vor den Trümmern der einstürzenden Türme flüchten.
Die Medienberichterstattung fast aller Sender gleicht inzwischen einem Hühnerhaufen. Selbst in der ARD werden teilweise unkommentierte Bilder gezeigt. Wieder und wieder irrt hinter dem Kopf von Wickert ein Flugzeug vorbei, über das der Zuschauer erst spät in der Nacht aufgeklärt wird.
Gegen 17.50 Uhr spricht erstmals Bundeskanzler Gerhard Schröder, doch nicht nur die ARD hat den Anfang seiner Rede glatt verpennt. Unterdessen sind die Konfliktforscher und Sachverständigen in den Fernsehstudios angekommen. Das ZDF bringt um 18.43 Uhr einen kurzen Bericht über den Anschlag von 1993 auf das World Trade Center. Während die Mainzer immer wieder den Blick nach Kairo richten, zeigt die ARD Bilder von jubelnden Palästinensern. Und in der Tagesschau um 20.15 Uhr schließlich richtet Claus-Erich Boetzkes die suggestive Frage an Peter Dutzig in Tel Aviv: "Kommen palästinensische Selbstmordattentäter für einen solchen Terroranschlag in Frage?"
Inzwischen geht selbst den Nachrichtensendern die Luft aus: n-tv hat keine journalistische Eigenkompetenz mehr: Der Bösenkorrespondent Stefan Riße steht um 21.50 Uhr verloren auf dem Opernplatz von "Mainhattan" und fragt Frankfurter Bürger, was sie von der Räumung der hiesigen Bürotürme halten.
Gegen Mitternacht sendet CNN, wie die afghanische Hauptstadt bombardiert wird. Der Korrespondent sagt, er höre die Fluggeräusche von Cruise Missiles, was darauf hindeute, die USA übten Vergeltung. Diese Vermutung stellt sich später als falsch heraus. Doch der Vorsprung des Leitmediums CNN lässt Reflexion nur zum Preis zu, nicht mehr aktuell zu erscheinen. ARD und ZDF liegen in ihrer Einschätzung des Bombardements zwar von Anfang an richtig. Aber die ARD meldet das Ereignis erst zwölf Minuten nach CNN, das ZDF nach 18 Minuten. Das Fernsehen steht an seiner Kapazitätsgrenze.
Der Musikkanal Viva nimmt am Mittwoch Nachmittag seinen Sendebetrieb wieder auf und preist sich als "Alternative zu den Endlos-Bilderschleifen der anderen Sender". Gespielt werden ruhige Lieder und Videoclips, dazwischen eine Interaktiv-Sendung: Zuschauer können per Mail und am Telefon ihre Gefühle und Gedanken loswerden. Natürlich wiederholen sich dabei die Aussagen sehr schnell. "Ich habe Angst"
Die Anschläge sind mal "heftig", mal "voll krass", dann "echt Scheiße". Doch wer sich erst einmal an die jugendliche Art und Sprache gewöhnt hat, mit dem Entsetzen umzugehen, kann bedrückende Aussagen hören. Zum Beispiel von einem Schüler, dessen Lehrer nicht über die Anschläge sprechen will. Eine Anruferin erzählt, sie habe seit 24 Stunden nichts mehr von ihrem Vater gehört, der im World Trade Center arbeitet. Die Reaktion der Moderatorin: "Danke für dein Statement, die nächste Mail erreicht uns aus Schwerin." Die Moderatoren werden zum Problem einer sonst sehr nachdenklichen Sendung. Viva hat sich dazu entschlossen, das Thema "Terror" aus eigener Kraft zu stemmen und keine Experten ins Studio einzuladen. So müssen aufgeregte Mittzwanziger Moraldebatten führen, die mit dem Geständnis enden: "Ich hab auch ganz schlecht geschlafen" . Als dann eine Zuschauerin mailt "Ich habe Angst, dass der dritte Weltkrieg ausbricht", wechselt die Moderatorin schnell zum nächsten Brief. Spannend war die Viva-Sendung nur, weil die Zuschauer sie als Forum für ihre Sorgen nutzten. Der Musiksender selbst zeigt sich im Umgang mit der Katastrophe hilflos.
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