Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Spiegel-Berichte zum Afghanistan-Krieg

Freitag, 26. Oktober 2001

Pentagon: "Die Taliban sind harte Krieger" ---------------------------------------------------------------------

Vor einer Woche hatte es von amerikanischer Seite geheißen, die Taliban seien durch die Luftschläge lahm gelegt. Jetzt spricht das Pentagon von einer verblüffenden Hartnäckigkeit der afghanischen Gegner. Anlass für eine Feuerpause im heiligen Monat Ramadan sehen die Amerikaner nicht.

Washington - "Ich bin ein wenig überrascht, wie hartnäckig sich die Taliban an der Macht halten", sagte Konteradmiral John Stufflebeem vom Pentagon am Mittwoch. "Sie haben sich als zähe Krieger erwiesen." Stufflebeem deutete an, dass es den Taliban noch immer gelinge, ihre Truppen mit neuer Ausrüstung zu versorgen und ihre Panzer zu verlegen.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sieht unterdessen keinen Anlass für eine Feuerpause in Afghanistan während des islamischen Fastenmonats Ramadan. "Es ist sehr klar, dass al-Qaida und die Taliban während des Ramadan auch nicht innehalten werden", sagte er am Mittwoch im Radiosender "Voice of America". "Die Geschichte ist voller Beispiele, wo Muslime während diverser heiliger Feiertage, inklusive dem Ramadan, gegen andere Moslems und gegen Nicht-Muslime gekämpft haben", sagte er. "In einigen Fällen haben Muslime sogar Kriege während des Ramadan begonnen." Der Fastenmonat beginnt in diesem Jahr am 17. November. Pakistans Militärmachthaber Pervez Musharraf und andere islamische Staaten hatten gefordert, die Angriffe bis dahin zu beenden.

US-Außenminister Colin Powell erteilte dem ebenfalls eine Absage. Im Afghanistan-Krieg gehe es nicht um Zeitlimits, sondern darum, die gesetzten militärischen Ziele zu erreichen, sagte er nach einem Treffen mit seinem britischen Kollegen Jack Straw in Washington. Die USA seien nicht unsensibel, was den Ramadan betreffe, aber die Berücksichtigung des Fastenmonats könne nicht alleiniger Maßstab bei der Entscheidung sein.

Unterdessen flogen US-Kampfflugzeuge am Mittwochabend und Donnerstagmorgen Angriffe gegen die Taliban-Hochburg Kandahar und die Umgebung von Kabul, berichtete der arabische Fernsehsender al- Dschasira. Ziel sei auch die Front zwischen Taliban-Truppen und der oppositionellen Nordallianz, die mit den USA verbündet ist, in der Nähe der Hauptstadt gewesen. Mit diesen Angriffen soll die Kampfkraft der Taliban geschwächt werden, um einen Vormarsch der Nordallianz auf Kabul zu begünstigen. Ein Sprecher der Nordallianz machte jedoch klar, dass mit einem solchen Vorstoß zur Zeit nicht zu rechnen sei.

Großbritanniens Premierminister Tony Blair kündigte an, die Offensive gegen das Taliban-Regime werde so lange weitergehen, bis der mutmaßliche Terrorist Osama Bin Laden ausgeliefert werde. Bin Laden halte sich noch in Afghanistan auf, sagte Blair dem Fernsehsender GMTV. Die Luftangriffe verhinderten terroristische Anschläge, weil sie Trainingscamps des Terrornetzwerks al-Qaida zerstört hätten. Zivile Opfer seien bei den Angriffen unvermeidlich.

Während eines US-Bombengriffs in Kabul sollen nach Angaben der militanten pakistanischen Gruppe Harakat al-Mudschahidin mindestens 22 ihrer Mitglieder getötet worden sein. Unter den Toten seien auch mehrere ranghohe Kommandeure der Organisation, die enge Verbindungen zur Taliban-Miliz hat, sagte ein Sprecher der Organisation. Sie seien ums Leben gekommen, als eine Bombe das Haus traf, in dem sie sich versammelt hatten. Die Harakat al-Mudschahidin wurde von den USA schon vor Jahren als terroristische Vereinigung eingestuft.

Taliban-Kämpfer verstecken sich angeblich in Wohngebieten

Die US-Streitkräfte berichteten von Hinweisen, dass sich Taliban-Kämpfer in Wohngebieten versteckten. Sie wüssten, dass die USA sich scheuten, Bomben abzuwerfen, wenn Zivilisten getroffen werden könnten, sagte Konteradmiral Stufflebeem. Es gebe jedoch andere Wege, an diese Kämpfer heranzukommen. Er nannte in diesem Zusammenhang den Einsatz von Kommandos oder anderen Bodentruppen. Stufflebeem sagte, das Pentagon ziele mit den Angriffen auch auf Straßen, Lastwagen und Treibstofflager. Den Taliban solle der Nachschub genommen werden, der ihnen helfe, an der Macht zu bleiben. Dies sei jedoch ein langwieriger Prozess.

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Geheimdienste: Taliban wollen angeblich US-Lebensmittelpakete vergiften ---------------------------------------------------------------------

Washington - Der amerikanische Konteradmiral John Stufflebeem hat den Taliban vorgeworfen, sie planten die Vergiftung von Lebensmittelpaketen, die die USA über Afghanistan abgeworfen hätten. Die Schuld für die Vergiftungen wollten sie dann den USA geben. Amerika wolle vorsorglich schon einmal davor warnen. Die Afghanen sollten wissen, dass die Lebensmittel der Amerikaner nicht verseucht seien. Wie es hieß, stammten die Information aus verschiedenen Geheimdienstquellen.

Wie Stufflebeem weiter berichtete, konnte am Mittwoch der am Samstag in Pakistan abgestürzte Heeres-Hubschrauber vom Typ "Black Hawk" von zwei Hubschraubern der Marineinfanterie geborgen werden. Am Samstag waren sie noch bei einem ersten versuchten Bergungseinsatz von Unbekannten beschossen worden. Dieses Mal sicherten pakistanische Truppen das Gelände.

--------------------------------------------------------------------- © SPIEGEL ONLINE 2001 --------------------------------------------------------------------- Afghanistan-Feldzug: Zweifel am schnellen Erfolg ---------------------------------------------------------------------

Der britische Premier Tony Blair rechnet unverdrossen mit dem Tod Bin Ladens, doch die Amerikaner schlagen andere Töne an. Zum ersten Mal räumten sie die Möglichkeit ein, dass sie den Terror-Fürsten niemals finden werden. Ihre Angriffe setzten sie dennoch unvermindert fort.

Scherkat/Washington - Die USA zeigten sich überrascht vom Widerstand der Taliban. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte, möglicherweise werde es nicht gelingen, den Terroristenführer Osama Bin Laden zu finden oder zu töten. "Es ist eine große Welt", sagte er der Zeitung "USA Today". "Er hat viel Geld und viele Anhänger, die ihn unterstützen. Ich weiß nicht, ob wir erfolgreich sein werden." Das Terrornetzwerk al-Qaida von Bin Laden werde jedoch auch ohne ihn weiter operieren. "Wenn er morgen weg wäre, würde das gleiche Problem weiter bestehen", sagte Rumsfeld.

Später schwächte Rumsfeld seine Interview-Aussagen bei einer Pressekonferenz ab. Er versuchte die bisherigen US-Operationen als Erfolg darzustellen. Die Fähigkeit der Taliban, Widerstand zu leisten, sei verringert worden. Ein Großteil der Flugzeuge, Hubschrauber und der Luftabwehr sei zerstört. "Werden wir unsere Anstrengungen fortsetzen? Darauf können Sie wetten", sagte er zu den Journalisten. "Glauben wir, ihn (Bin Laden) zu fassen? Ja." Rumsfeld räumte allerdings ein, dass die Suche nach Bin Laden bislang noch nicht den gewünschten Erfolg gehabt habe. "Das ist wie die Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen", sagte er.

"Ich bin ein wenig überrascht, wie hartnäckig sich die Taliban an der Macht halten", sagte Konteradmiral John Stufflebeem vom Pentagon. "Sie haben sich als zähe Krieger erwiesen." Stufflebeem deutete an, dass es den Taliban noch immer gelinge, ihre Truppen mit neuer Ausrüstung zu versorgen und ihre Panzer zu verlegen. CNN zeigte am Donnerstag Fernsehbilder, nach denen eine Luftabwehrrakete der Taliban zwei amerikanische Kampfjets nur knapp verfehlte. Noch vor einer Woche hatte das Pentagon erklärt, die Kampffähigkeit der Taliban sei durch die andauernden Luftangriffe lahm gelegt worden.

Blair rechnet mit Bin Ladens Tod

Der britische Premierminister Tony Blair rechnet damit, dass Bin Laden im Zuge der Militäraktion in Afghanistan getötet wird. Eine Anklage vor einem internationalen Gericht gegen Bin Laden sei "eine etwas akademische Frage", sagte Blair der Zeitung "Daily Telegraph".

Auf die Frage, ob es besser sei, Bin Laden zu töten oder zu verhaften, antwortete Blair: "Es ist besser, wenn er gestoppt wird." Ob die Briten Bin Laden töten dürften? "Wir haben das Recht, gegen ihn zu handeln", sagte Blair. Auf den Einwand, die CIA habe offensichtlich die Erlaubnis bekommen, Bin Laden zu ermorden, antwortete Blair: "Ich glaube nicht, dass sie diese Erlaubnis haben. Sie haben die Erlaubnis, gegen ihn zu handeln." Bin Laden sei gut beschützt und gut bewaffnet. "Ich habe es immer für etwas unwahrscheinlich gehalten, dass er eines Tages vor einem Gericht auftaucht", sagte Blair.

Zehn Zivilisten bei Attacke auf Bus getötet?

Die US-Streitkräfte haben nach Angaben der Taliban in Kandahar einen voll besetzten Bus attackiert und dabei angeblich mindestens zehn Zivilisten getötet. Ein Augenzeuge sagte der Nachrichtenagentur AIP, der von den Amerikanern angegriffene Bus sei in Flammen aufgegangen, die Menschen seien verbrannt. Taliban-Sprecher Mullah Amir Muttaki sagte, eine der US-Bomben habe den Bus getroffen. Ein pakistanischer Rettungsdienst berichtete, sechs Schwerverletzte seien zur Behandlung in die pakistanische Grenzstadt Chaman gebracht worden. Die Taliban meldeten außerdem Angriffe der Amerikaner in den Provinzen Balkh und Samagan. In beiden Regionen kämpft die oppositionelle Nordallianz gegen die Taliban. Die amerikanischen Truppen bombardierten auch Ziele in der Umgebung der umkämpften Stadt Masar-i-Scharif, wo die Nordallianz von Süden näher rückt, und in der westlichen Ortschaft Herat.

In zehn Wellen haben US-Kampfflugzeuge am späten Donnerstagabend Kabul angegriffen. Die mehrstündige Bombardierung des Flughafens, Zentrums, Nordens und Westens der afghanischen Hauptstädte war eine der schwersten seit Tagen. Die Luftabwehr der Taliban erwiderte das Feuer, und in den verdunkelten Straßen waren Bewegungen mobiler Luftabwehrwaffen zu hören. Wegen des nächtlichen Ausgehverbots konnten sich Einwohner kein Bild von dem Ausmaß der Schäden machen.

Einen Tag nach den bisher schwersten US-Angriffen auf Ziele in ihrem Sektor forderte die Nordallianz die amerikanischen Streitkräfte auf, die Taliban möglichst schnell zu vernichten. "Wenn Amerika den Terrorismus und die Taliban in Afghanistan beenden will, müssen sie Bodentruppen bringen", sagte der Kommandeur Estullah. Dies müsse schnell geschehen. Die Nordallianz hat nach eigenen Angaben Tausende Kämpfer an die Front gebracht und wartet jetzt auf den Befehl der Führung für den Marsch auf Kabul. Der Kommandeur Fasel Ahmad Asimi kündigte an, die Nordallianz wolle die Taliban von mehreren Seiten angreifen. Dies könne in den Städten Masar-i-Scharif, Kabul und Talokan geschehen.

Die US-Angriffe hätten die Moral der Taliban Geschwächt, sagte Asimi. Ihre Kämpfer seien voneinander getrennt worden und könnten nur schwer in Kontakt treten. Viele Taliban-Kämpfer hätten in Häusern von Zivilisten Schutz gesucht. Hauptproblem der Nordallianz sei der mangelnde Nachschub, sagte Asimi. Den Kämpfern fehlten Nahrungsmittel, Munition und Treibstoff. Die Nordallianz bemühe sich angesichts des bevorstehenden Winters, die benötigten Güter so schnell wie möglich zu beschaffen.

Usbekistan öffnet Grenze für Hilfslieferung

Usbekistan kündigte an, seine Grenzen für Hilfslieferungen nach Afghanistan zu öffnen. Der Uno-Gesandte Kenzo Oshima sagte nach einem Treffen mit dem uskbekischen Präsidenten Islam Karimow, die Lieferungen sollten so schnell wie möglich beginnen. Einzelheiten der Vereinbarung müssten jedoch noch ausgearbeitet werden. Mehr als drei Millionen Menschen in der Grenzregion zwischen Afghanistan, Usbekistan und Turkmenistan seien auf Hilfe angewiesen, sagte Oshima.

--------------------------------------------------------------------- © SPIEGEL ONLINE 2001 --------------------------------------------------------------------- US-Angriffe: Kabul unter Dauerfeuer ---------------------------------------------------------------------

Kabul - Ein Kampfjet donnert über unsere Köpfe. Flugabwehrgeschütze feuern. Auf der Straße geht ein Taliban-Soldat hin und her, eine Kalaschnikow hängt über seiner Schulter. Er schaut in den Himmel und lauscht: ein, zwei, drei Minuten. Das Flugzeug patrouilliert am Himmel über Kabul, dann fliegt es davon. Dieses Mal fallen keine Bomben auf die Stadt.

Der Soldat geht immer noch hin und her und hält ein Radio an sein Ohr. Außer Rauschen hört er aber nichts. Radio Schariat, der Sender der Taliban, stellt seine Sendungen immer mit Sonnenuntergang ein. In diesem belagerten Land, das die USA wegen seiner Verbindungen zum mutmaßlichen Terroristenführer Osama Bin Laden angreifen, ist das Radio das einzige Fenster zur Außenwelt. In Afghanistan gibt es kein Fernsehen, die Taliban haben es verboten.

Funktionieren würde der Fernseher ohnehin nicht. Um 21 Uhr wird in Kabul der Strom abgeschaltet, um es für die Amerikaner schwieriger zu machen, Ziele für ihre Angriffe zu finden. Die Straßen sind leer, es ist still. Hunde bellen. Nur Kerzen verbreiten etwas Licht. Das Abendessen, das normalerweise in Afghanistan eher spät stattfindet, ist jetzt schon gegen acht Uhr beendet.

Wieder donnert ein Flugzeug heran

Kabul wird fast jede Nacht angegriffen. In der letzten Zeit fielen die Bomben aber vor allem auf die Frontstellungen, wo die Taliban gegen die Nordallianz kämpfen. Die USA und ihre Verbündeten vermuten, dass die wichtigsten Frontabschnitte von Arabern gehalten werden, die Bin Laden und seiner Organisation al-Qaida nahe stehen, sowie von Pakistanern, die auf Seiten der Taliban kämpfen. Am Dienstag wurde eine Gruppe militanter Pakistaner in Kabul getötet. Eine Bombe hatte offenbar das Haus getroffen, in dem sie sich versammelt hatten.

Wieder donnert ein Flugzeug über die Stadt. Dieses versucht offenbar, Flugabwehrfeuer zu provozieren, damit die Stellungen erkannt werden können. Die Taliban schießen gelegentlich, scheinen ihre Kanonen aber nur selten zu benutzen. Eine kurze Stille, dann donnert wieder ein Flugzeug heran. Die Fenster wackeln. Es gibt sechs schwere Explosionen, ihr Schein erleuchtet den Nachthimmel. Hinter den Hügeln im Norden der Stadt steigt Rauch auf. Die Bomben könnten einer Flugabwehrstellung der Taliban gegolten haben. Ob dem so ist, bleibt unklar. Niemand kann es überprüfen. Seit Beginn der Angriffe herrscht ein Ausgehverbot von 20.30 Uhr an.

Wieder kommt ein Flugzeug. Zwei Bomben fallen in der Nähe des Flughafens von Kabul, wie es scheint. Die Taliban antworten mit ihren Flugabwehrgeschützen. Aber die Maschine fliegt zu hoch. Sie donnert in die Nacht und verschwindet. In Kabul herrscht wieder Ruhe.

Von AP-Korrespondentin Kathy Gannon

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