Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Die Zeit: So fremd wird uns Amerika

Donnerstag, 1. November 2001

Trotz Solidarität mit dem geprüften Freund wachsen die Zweifel an seinen Kriegsmethoden in Afghanistan

von Michael Naumann

Seit einigen Wochen liegen dem Weißen Haus und dem Pentagon streng geheime Dokumente zum Afghanistan-Krieg vor, in denen die deutsche Regierung die Grenzen ihrer innenpolitischen Belastbarkeit darlegt: Dem Bündnispartner Amerika wird vermittelt, welche militärische Unterstützung es von Deutschland erwarten darf und welche nicht. Die "uneingeschränkte Solidarität", die Gerhard Schröder den Vereinigten Staaten im Kampf gegen den globalisierten Terrorismus vor dem Bundestag am 12. September zugesichert hat, wird auf der so genannten Arbeitsebene in Gesprächen zwischen den Beamten auf beiden Seiten des Atlantiks in Maßnahmekatalogen konkretisiert. Doch Schröders politische Rückzugsposition, nicht an amerikanischen "Abenteuern" teilzunehmen - zum Beispiel an einem Feldzug mit taktischen Atomwaffen -, gerät in der Öffentlichkeit langsam in Vergessenheit. Zu Unrecht. Schröder wird sie womöglich bald beziehen müssen.

Denn inzwischen wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die bisherige Anti-Taliban-Aktion selbst das "Abenteuer" zu werden droht - auch ohne Ausweitung in den Irak oder den zeitweilig erwogenen Einsatz atomarer Waffen. Die Überraschung der amerikanischen Militärs angesichts des talibanischen Widerstands scheint nicht minder überraschend. Hatten sie die klägliche russische Niederlage in Afghanistan übersehen? Hatten sie vergessen, wer die afghanischen Mudschahidins vor Jahren ausgerüstet und im Umgang mit Stinger-Raketen ausgebildet hatte? Hatte Amerika nicht, unfassbarer noch, den pathologischen Diktator Saddam Hussein vor 15 Jahren mit einem breiten Spektrum von Milzbranderregern wider alle Vernunft beliefert?

Dass auch deutsche Firmen oder Institute, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung, in den achtziger Jahren gefährliche Bakterienstämme, die sich zur Vorbereitung biologischer Kriegsführung eigneten, in den Irak exportierten, ist ein Skandal, der den Bundestag und vielleicht auch die Bundesanwaltschaft längst schon hätte interessieren müssen.

Bisher wird der Krieg gegen Afghanistan mit britischer Unterstützung als rein amerikanische Militäroperation geführt. Nur spärlich fließen Informationen über den Fortlauf der kriegerischen Ereignisse in die Kanzleien der übrigen Bündnispartner. Das sind schlechte Voraussetzungen, um im Bundestag oder in der deutschen (und der europäischen) Bevölkerung Zustimmung zur "robusten" Interventionsteilnahme einzuholen. Noch im Kosovo-Krieg war die Mehrheit der Deutschen dagegen, Bundeswehrsoldaten auf den Balkan zu entsenden. Sind die Terrorbilder von New York und Washington im kollektiven Gedächtnis Europas erst einmal verblasst - und das geht schnell -, könnte sich die Abneigung gegen einen herkömmlichen Krieg unter deutscher Teilnahme gegen die Taliban durchsetzen.

Eine Regierungsmehrheit zur Entsendung von deutschen Bodentruppen in die Region um Afghanistan käme nach Aussagen von sozialdemokratischen Fraktionsmitgliedern ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl schon jetzt nicht mehr zustande. Der Wahlerfolg der pazifistischen PDS in Berlin gilt den Parlamentariern als Warnung.

Die nächste Solidaritätsprobe im deutsch-amerikanischen Verhältnis steht damit nicht nur der Regierung, sondern dem ganzen Land bevor. Ihre Brisanz könnte diejenige der Nachrüstungsdebatte übertreffen. Die ersten Positionen der Bellizisten sind bereits bezogen: "Eine Ära kriegsähnlichen Daseins bricht an", heißt es im Tonfall Ernst Jüngers in der Süddeutschen Zeitung, und dann geht es weiter: "Nur bei Strafe eines zivilisatorischen Selbstmords" - was immer das sein mag - "könnte das Verbrechen (vom 11. September) ungesühnt hingenommen werden; unsere Pazifisten haben schlichtweg keine Ahnung von dem, was sie verlangen." Letzteres ist Unsinn. Die Frage lautet lediglich, ob und wann Frieden nach dem Anschlag möglich ist. Genauer: Frieden mit wem? Mit den Ruinen von Kabul?

Sollten derlei Fragen im politischen Raum rings ums Kanzleramt nicht gestellt und öffentlich diskutiert werden, droht die Distanz zwischen Deutschland und Amerika wieder zu wachsen. Nur wenige Wochen nach der New Yorker Katastrophe, als in Deutschland Mitleid mit den Opfern und gemeinsamer Zorn auf die Mörder den Ungewissheiten einer militärisch angemessenen Antwort wichen, rückt das alte Thema abermals in den Vordergrund: Wie politisch nah und kulturell fremd zugleich ist uns das machtüberglänzte und zugleich tief verwundete Amerika in der Stunde seiner Krise?

Die transatlantische Freundschaft mit ihren strategischen und wirtschaftlichen Vor- und Nachteilen, ihren kulturellen Gewinnen und gegenseitigen Zumutungen ist ein Jahrzehnt nach dem Ende des Kalten Krieges komplizierter geworden denn je. Und sie ist um die europäische Dimension erweitert worden. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika ist inzwischen auch eines zwischen den Vereinigten Staaten und Europa. Richard Nixons Außenminister Henry Kissinger hatte vor vielen Jahren spöttisch gefragt, wen er denn anrufen solle, wenn er "Europa" sprechen möchte. Inzwischen ist die Telefonliste sehr lang, nur die institutionellen Querverbindungen sind kompliziert. Die Hilfsangebote Europas sind es allerdings auch: So ist die Vorstellung Schröders und Chiracs schier utopisch, nach einem Kriegsende irgendwann aus Dutzenden afghanischen Stämmen und Clans eine stabile Regierung zu schmieden und gleichzeitig die Bombenschäden, die Hungerkatastrophe, die Entwurzelung von Millionen Flüchtlingen unter UN-Führung (und mit europäischer Finanzierung) aufzuheben. Wenn solches nation-building nicht einmal in Mazedonien gelingt, wieso dann im fernen Afghanistan?

Und was ist - jenseits der europäischen, außenpolitischen Komplikationen - aus dem deutsch-amerikanischen Verhältnis geworden? Ist es immer noch das eines "Vasallen und Tributpflichtigen" zur großen Schutzmacht, wie es Willy Brandts langjähriger außenpolitischer Berater Egon Bahr, aber auch Jimmy Carters ehemaliger Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski sieht? Oder ist es die wankelmütige Beziehung eines nicht immer dankbaren demokratischen Ziehsohns zu seinem wirtschaftlichen und politischen Vorbild? Und was ist eigentlich Amerikas Verhältnis zu Deutschland? Ist es übertrieben zu behaupten, es sei nach dem Fall der Mauer geprägt von gepflegtem Desinteresse und allgemeiner Unkenntnis?

Eins steht fest: In dem halben Jahrhundert nach Kriegsende gab es keinen anderen Moment, in dem Freundschaft und gleichzeitige Fremdheit zwischen beiden Nationen, zwischen Amerika und Deutschland, so offenkundig wurden wie nach dem Terroranschlag vom 11. September. Freundschaft manifestierte sich im gemeinsamen Schock und in unverhohlener Trauer. Freundschaft drückte sich aus in spontaner Spendenbereitschaft der Deutschen, in bewegenden Mitleidsdemonstrationen einer jungen Generation vor den Toren der verbarrikadierten amerikanischen Botschaft in Berlin, in staatlichen, in öffentlichen und privaten Sympathiebekundungen für die amerikanische Nation, wie sie seit dem Mord an John F. Kennedy im Jahr 1963 nicht mehr erlebt wurden.

Befremdet und nüchtern reagierten jedoch viele Deutsche auf die patriotische Konzentration der amerikanischen Nation im Moment des Schocks auf die Embleme ihrer wehrhaften politischen Identität, auf Flagge, Nationalhymne, Uniform und auf ihre Armee mit den fotogenen Frauen und Männern und den hoch technisierten Kriegswerkzeugen, diesen glänzenden Zeugnissen amerikanischer Ingenieurkunst. Und auf ihre Pfarrer und Priester. Hier wurde die große kulturelle Differenz zu Deutschland, wenn nicht, mit Ausnahme Großbritanniens, zu ganz Europa sichtbar. Es ist eine Differenz, die eine atlantische Bündnispolitik in Krisenzeiten keineswegs befördert.

Unser deutsches Kulturverständnis hatte die eigenen Techniker und ihren Traum der mechanisierten Weltbeherrschung nach dem moralischen Debakel des Nationalsozialismus aus dem Symbolvorrat des nationalen Selbstverständnisses exiliert, vom Militär ganz zu schweigen. Einige Rüstungsforscher machten in Amerikas Raketenindustrie nach 1945 Karriere. Dort stehen die Ingenieure und Naturwissenschaftler noch heute im Mittelpunkt der kulturellen Identitätsproduktion. Sie sind die Helden des can do, der technischen Machbarkeit von allem - und die stillen Heroen des weit verbreiteten Glaubens an die technisch-militärische Lösung von politischen Konflikten in möglichst 14 Tagen.

Obendrein liegt über dem nationalen, ziviltheologischen Stolz Amerikas auf seine technische und wissenschaftliche Überlegenheit, Mondlandung inklusive, ein Restbestand europäischer Geistesgeschichte: die besondere amerikanische Religiosität. Dass "Gott die Vereinigten Staaten weiterhin segnen" möge, wie Präsident Bush vor dem Fernsehpublikum erbat, schien uns angesichts des Trümmerbergs in Manhattan von ebenso unbegründbarer wie anrührender Glaubensgewissheit zu sein. Gott war schon lange nicht mehr auf unserer Seite. Amerika hingegen ist in den letzten vierzig Jahren eine tiefreligiöse Gesellschaft geworden. Zumal die Bedrohten und die Absteiger des amerikanischen Kapitalismus suchen seelische Zuflucht, Trost und Freundschaft in den großen und kleinen Gemeinden und Sekten im ganzen Land.

Einem Land, das seit fast zwei Jahrhunderten keinen ausländischen Feind auf eigenem Gebiet erleiden musste, wächst wohl eher als den religionskriegsgeprüften Staaten Europas die fromme Hoffnung zu, dass Gottes schützende Hand über der reichen und landschaftlich schönen Nation liege. Der seelische Schock, den die Terroranschläge in ganz Amerika verursacht haben, gleicht darum einer psychischen, nicht nur politischen Glaubenskrise, die weit über die zerbrochene Illusion hinausreicht, militärisch unangreifbar zu sein. Die amerikanische Nation ist in diesen Tagen tief verstört. Sie reagiert mit kriegerischer Handlung - auch aus Ratlosigkeit.

Die naturgemäß kühlere, intellektuelle Reaktion in Deutschland durchlief nach dem 11. September drei vergleichsweise unfromme Stationen: Nach der menschlichen Betroffenheits- und Mitgefühlsphase angesichts des live übertragenen, katastrophalen Elends von New York und Washington folgte, wenngleich nur vereinzelt, die kritische Rekriminationsphase auf dem linken Flügel: Hatte sich die kapitalistische Weltmacht den Terror nicht selbst eingebrockt? Dann begaben wir uns kurzfristig auf die Metaebene der Diskussion: Verwandelt sich jede Ursachenanalyse des islamischen Terrorismus nicht automatisch in Antiamerikanismus (meistens nicht) und latent marxistische Kritik an der kapitalistischen Moderne (manchmal ja)? Doch Letztere ist altmodisch geworden, und ihre bekannten Antworten stimmten in der Praxis überhaupt nicht.

So schritten wir, dachten wir an Amerika, in den letzten Wochen durch das Labyrinth unserer traditionellen akademischen Gesellschaftsanalysen. Ihnen war vor vielen Jahren das Interesse an den religiösen Erfahrungen der Menschen - als normensetzender Hintergrund gesellschaftlicher Ordnung - im Namen der Wissenschaftlichkeit ausgetrieben worden. Das mörderische, religiös motivierte Märtyrertum der islamischen Killerpiloten konnte nicht sogleich ideengeschichtlich sortiert werden - vielleicht weil unser Interesse an archaischen Wesenszügen der eigenen, marginalisierten christlichen Religion verschüttet war, in deren Zentrum das blutige Menschenopfer des Gottessohns zur Errettung der Menschheit steht. "Verrückt" im psychologisch-klinischen Sinne Europas und Amerikas waren die Attas und ihre anonymen Helfer in ihrem eigenen Selbstverständnis jedenfalls nicht, allenfalls zeit-verrückt aus dem religiösen Mittelalter in die ganz und gar verweltlichte westliche Moderne.

Plötzlich gab es in Deutschland und Amerika öffentlichen Nachhilfeunterricht. Kurzfristig konnte jeder Zeitungsleser mehr über den Islam lesen, als er je über die christliche Transsubstantiation, die Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi während des Abendmahls - immerhin der geistliche Streitpunkt des Dreißigjährigen Kriegs -, hätte wissen wollen. In den Buchhandlungen war der Koran ausverkauft. Akademische Islamstudien erlebten in Amerika Nachauflagen in Höhe von bis zu 200 000 Exemplaren.

Am Ende dieses Jahres bleibt die nunmehr gemeinsame Erfahrung der Deutschen und der Amerikaner von der Verwundbarkeit des zivilen Lebens durch fremde Gewalt. In den Vereinigten Staaten ist diese Erfahrung, oft genug in Katastrophenfilmen wie Bannzauber imaginiert, auf ihre Art neu. Fast scheint es, als ob das alte, voraufklärerische Europa, als ob der Nahe Osten mit all seinen Hassstrukturen, seinem diplomatischen und tribalistischen Irrsinn der Neuen Welt im Flugzeug nachgereist sei, sodass alle Versuche Amerikas, die historischen und familialen Bande, die es mit dem Rest der Welt verbinden, bis auf die wirtschaftlichen zu kappen, gescheitert seien.

Angst, das deutsche Fremdwort in Amerika, wird nun vollends eingebürgert. Das Land wird mehr denn je versuchen, sich vom Rest der Welt, den es wirtschaftlich fast durchdrungen hatte, seelisch und geostrategisch (zum Beispiel mit Raketenabwehrsystemen) zu distanzieren. Der furchtbeflügelte Rückzug nach innen, in den Schutz der Familie und der eigenen vier Wände, liegt in einer Gesellschaft nahe, in der Todesnachrichten per Anthrax-Briefe verschickt werden, von wem auch immer. Die politische und kulturelle Introspektion und fortschreitende Isolation Amerikas schließt allerdings an die wirtschaftliche Phase der Selbstkonzentration an, die schon nach Bill Clintons Wahlsieg unter dem Stichwort "It's the economy, stupid" (Denk an die Wirtschaft, Dummkopf!) begonnen hatte. Diese Isolation stand nicht im Widerspruch zum internationalen Siegeszug des amerikanischen Kapitals und Managements, der globalisierten Investitionspolitik. Doch der rein ökonomische Export des American Way of Life verlief kulturell nicht folgenlos: Selbst seine Nutznießer in der Dritten Welt schoben die Schmerzen des sozialen Wandels im eigenen Land den Amerikanern in die Schuhe.

Worauf es in Zukunft ankommt, ist nicht nur die innen- und verteidigungspolitische Bekämpfung des Terrorismus, sondern die Begrenzung der psychischen und kulturellen "Kollateralschäden" der Globalisierung. Sie sind im hasserfüllten antimodernistischen Geschrei des fundamentalistischen Islamismus ebenso zu erkennen wie in den Erklärungen arabischer oder indischer Intellektueller, warum es so weit kommen musste wie am 11. September: "Die Opfer waren schuld." Eine strategische Diskussion über die praktische kulturelle Eindämmung einer terroristischen Variante des Islam und ihrer politisch-religiösen Voraussetzungen, ihrer rückwärts gewandten, freiheitsfeindlichen Normen fand und findet auf atlantischer Ebene bisher nicht statt. Für Religionsdebatten sind wir außerhalb der Kirchen argumentativ kaum mehr gerüstet.

Weder gibt es eine zusammenhängende, über die Grenzen weisende europäische Kulturpolitik, noch nennenswerte Versuche, die geistigen Errungenschaften der Aufklärung, die wir mit Amerika teilen, in den Ländern der Dritten Welt nicht erst in Krisensituationen heimisch zu machen. Alle hoch finanzierte Hoffnung auf militärische Friedenswahrung ruhte bisher auf klassischer internationaler Bündnispolitik - und auf Satellitenaufklärung. Die schaut nicht in die Herzen der Observierten, noch kann sie wirkliche Aufklärung ersetzen.

Die im Terrorismus vom 11. September offenkundig gewordenen kulturpolitischen Versäumnisse spiegelten sich schon viel früher in den lächerlich kleinen Kulturetats der europäischen Außenämter und des State Department wider. Eine langfristige, kostensparende Kooperation der wenigen verbliebenen Amerika-Häuser mit den Goethe-Instituten und ähnlichen europäischen Einrichtungen im Orient scheint immer noch unvorstellbar. Sie existiert ja noch nicht einmal im binneneuropäischen Kulturaustausch. Die Regierungen der westlichen Demokratien haben ihre kulturpolitischen Auslandsinvestitionen seit Jahren unverantwortlich drastisch gekürzt.

Die kulturelle Begrenzung der ideologischen Schäden, die aus der Begegnung eines hoch entwickelten Kapitalismus mit millionenfacher Armut und religiös kolorierten Unterlegenheitsgefühlen resultieren, wird Amerika nicht allein leisten können. Die geistigen Wurzeln des islamischen Terrorismus reichen in tiefere Schichten, als Cruise-Missiles und Bomben je erreichen könnten. Die "Neue Weltordnung", die Bush sen., der Vater des jetzigen Präsidenten, nach dem Golfkrieg angekündigt hatte, wird sich nicht als Pax Americanarealisieren lassen. Sie ist nur möglich - jenseits aller Wohlstandsangebote einer globalisierten Wirtschaft - in einem sicherheitspolitisch gestützten, gleichwohl intensiveren kulturellen Dialog d0es Westens mit den Ländern des Islam. Daran wird sich auch die westliche Wirtschaft mehr denn je beteiligen müssen. Im Zivilisationsangebot liegen nicht nur Software-Programme, Hollywood-Filme, technisches Know-how, Rüstungsgüter oder Pharmazeutika, sondern die Ideen der Aufklärung, der Freiheit und Toleranz, der Menschenrechte - keine andere Verfassung verkörpert sie besser als die amerikanische.

Dieser Dialog wird freilich dann nicht zustande kommen, wenn es der wichtigste Gesprächspartner, Amerika, in Krisenfällen wie diesen weiterhin vorzieht, "to go it alone". In anderen Worten: "It's the culture, stupid", denk an die Kultur, Dummkopf! In ihr, nicht im teuren Waffenarsenal der Nato sind die Werte aufbewahrt, die politische und geistige Freundschaft zwischen den Demokratien nicht nur des Westens aufrecht erhalten, sondern auch mit den Ländern der Dritten Welt neu begründen könnten.

Zur guten politischen Kultur zählt allerdings auch die Offenheit des Dialogs zwischen den atlantischen Bündnispartnern selbst - in allen politischen Lagen, erst recht im Krieg. Der amerikanische Freund wird uns noch fremder, wenn die Bombenangriffe in Afghanistan jene unsichtbaren Grenzen der Grausamkeit überschreiten, Splitterbomben inklusive, hinter denen nur neuer Terrorismus entsteht. Dessen Bekämpfung wird in Wirklichkeit Jahrzehnte dauern, und sie ist nur im Bündnis von Demokratien zu leisten, die sich selbst nicht fremd gegenüberstehen, sondern ihre eigenen kulturellen Differenzen verstehen und respektieren. Dass diese in Krisenzeiten deutlicher werden als im Frieden, kann niemanden überraschen. Doch dank diesen Differenzen wächst in der deutschen Öffentlichkeit inzwischen die Neigung, sich vom Krieg des großen Bündnispartners gegen die Taliban zu verabschieden, kaum dass er begonnen hat. Die Zweifel an den Kriegsmethoden und ihren Folgen werden lauter. Das amerikanische Fremwort Angst ist schnell heimgekehrt in sein deutsches Ursprungsland.


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