Hier kommen Analysen aus der Süddeutschen Zeitung, die in der heutigen Ausgabe zu finden sind. Auch die Zeit lohnt sich zu lesen, da abe die meisten der dort angebotenen Informationen und Überlegungen bereits in Infopaketen verfügbar gemacht wurden, verzichte ich hier darauf.
Amerikas Antwort von Stefan Kornelius (SZ vom 13.9.2001) - Die amerikanische Regierung lässt keine Zweifel, dass sie die Drahtzieher hinter den Terroranschlägen, die Sympathisanten, stillen Mitläufer und Dulder des Gemetzels von New York und Washington mit fürchterlicher Härte bestrafen wird. Da viele Indizien auf eine Verbindung zur Bin-Laden-Terrorgruppe deuten, richtet sich die arabische Welt auf eine militärische Strafaktion in bisher wohl unvorstellbarer Dimension ein. Von den johlenden Teenagern in Gaza bis zu den gottesfürchtigen Mullahs in Kabul - ihnen allen droht Amerikas Vergeltung. Aber wird sich der Angriff auf Amerika tatsächlich vergelten lassen? Es bleibt eine fast unauflösbare Irritation, weil sich keine Verhältnismäßigkeit herstellen lässt zwischen dem Irrsinn des Anschlags und einer wie auch immer gearteten Vergeltung. In der Fachsprache spricht man von asymmetrischer Kriegsführung, weil die Mittel der Terroristen nicht die Mittel einer demokratischen Regierung sein können, selbst wenn sie sich im Kriegszustand sieht. Der Terrorakt war feige, hinterhältig und vor allem anonym. Amerika erlebt asymmetrischen Krieg Mit großer Wahrscheinlichkeit wird keine Gruppe, ob fundamentalistisch oder sektiererisch-fanatisch, eine Bekenntnis zu der Tat ablegen. Die Mörder sind geschützt durch ihre Unsichtbarkeit. Es gibt kein Kommandozentrum, kein Waffenlager, keine Infrastruktur. Und vermutlich wird man zunächst nicht erfahren, ob es das Werk einer hochspezialisierten Zelle war, und welcher Anteil der kranken Kopfgeburt eines Anführers und all seiner Gefolgsleute zuzuschreiben ist. Asymmetrischer Krieg - das ist der Kampf gegen einen unsichtbaren Feind, gegen eine nicht zu trennende Gruppe aus mehr oder minder Schuldigen, die sich in der Masse vielleicht naiver, vielleicht indoktrinierter Mitläufer verstecken. In der Theorie wurden Modelle entwickelt, wie ein solcher Krieg zu führen sein wird. Allein: Israel, das diese Konfrontation seit wenigen Monaten intensiv erlebt, hat sich verrannt mit seiner Politik der Vergeltung und Liquidierung. Amerika erlebt nun diesen Zustand der Hilflosigkeit in apokalyptischer Steigerung. Wo ist also der Feind, der Flugzeuge in Hochhaustürme jagt? Wo sind die Sadisten, die Passagiere im Angesicht ihres Todes zum letzten Gruß an die Kinder per Mobiltelefon zwingen? Wer ist es, der Genugtuung empfindet beim Anblick verzweifelter Menschen, die sich aus dem einhundertsten Stock in die Tiefe stürzen? Selbst der Verstand fordert Vergeltung Selbst der mehr oder minder gezügelte Verstand fordert im Anblick der Tragödie Vergeltung. Und es herrscht breites Einvernehmen, dass ein Terrorkrieg dieser Dimension nicht mit den Mitteln der Polizei bekämpft werden kann, sondern die kombinierte Kraft von Militär und Politik erfordert mit dem schlichten Ziel, eine terroristische Bedrohung dieser Art für die Zukunft unmöglich zu machen. Nötig dafür ist in der Tat die Bereitschaft zu einer militärischen Auseinandersetzung, weil die Anführer und Ausführer des Terrors zunächst nur die Sprache der Gewalt verstehen. Amerika wird deshalb nicht nur aus Selbstachtung seine Truppen in Bewegung setzen müssen, sondern auch aus schierer Vorsorge. Bleibt der Angriff auf New York und Washington unbeantwortet, fordert er zur Nachahmung geradezu heraus. Mitwissertum und Duldung ermöglichen Terror Zweitens muss die offenbar breite Basis des Terrornetzes zerstört werden. Der Doppelschlag vom 11. September erfordert mehr als ein paar Mobiltelefone und eine Pilotenlizenz. Und drittens muss das weniger aktive Umfeld der Terroristen lernen, dass es nicht geschont werden kann in diesem asymmetrischen Krieg, solange es den Schutz der Anonymität gewährt. Mitwissertum und Duldung ermöglichen erst den Terror - den Tätern muss also die Deckung geraubt werden. Terroristen und Mitläufer können nur durch militärische Mittel auseinander getrieben werden. Die zweite Front im Kampf gegen den Terror ist politischer Natur: Die Solidarität der Nationen muss zu einer politischen Isolierung des weiten Terror-Umfelds führen. Handel, Vermögen, Kommunikation, Mobilität - mit Terrorismus assoziierte Staaten sollten die internationale Ächtung in voller Wucht erfahren. All dies wird zunächst vielleicht Fanatismus schüren und den Hass gegen Amerika steigern. Und dennoch ist die Reaktion nötig, um die Überlegenheit der freiheitlichen Weltordnung zu demonstrieren. Erst wenn der Terror-Hass erdrückt wurde durch demokratische Macht, lässt sich über die nächsten Schritte nachdenken, damit der aus Fanatismus und Zerstörungswur gespeisten Hydra nicht neue Köpfe wachsen. © sueddeutsche.de GmbH, 2001
Bleierne Zeit, jetzt global Die Folgen des Terrors für Deutschland und für die Liberalität der westlichen Welt Von Heribert Prantl (SZ vom 13.9.2001) - Terror verändert die Gesellschaft. Terror macht Angst. Und Angst ist die Triebfeder des Kriegs - auch für den Krieg im Inneren. Der Terror in New York und Washington hat in Deutschland das Stammheim-Gefühl wieder aufgeweckt. Die Jahre, in denen der Staat Bundesrepublik nicht mehr aus noch ein wusste, waren tief versunken in der Geschichte der Republik. Jetzt sind sie wieder da. Terror verändert Welt Der Terror in den USA wird, so ist zu befürchten, die westliche Welt mindestens so verändern, wie der Terror der RAF damals Deutschland verändert hat. Innere Sicherheit ist damals, im Kampf gegen die RAF, zu einem Wert geworden, der nicht nur mit gewöhnlichen, sondern mit außergewöhnlichen Mitteln verteidigt werden darf. Das wird sich nun im globalen Maßstab und verschärft wiederholen. Damals sprach man in Deutschland von der bleiernen Zeit. Bleiern - das war ein Wort der Trostlosigkeit, der Rat- und Hilflosigkeit in einem Klima von Angst und Hysterie. Panische Aufrüstung Nie zuvor war der Rechtsstaat Bundesrepublik so herausgefordert und in so elende Verunsicherung gestürzt worden wie vor 24 Jahren beim RAF-Attentat auf Hanns-Martin Schleyer, nie zuvor hat er so schnell und so panisch aufgerüstet. Sätze, wie sie damals in Deutschland gesagt und geschrieben wurden, kehren jetzt aus den USA wieder - in der Reaktion auf den Terror soll auch das bisher Undenkbare gedacht und gewagt werden. Den "kühlen Kopf trotz unseres Zorns", den der deutsche Bundeskanzler 1977 gefordert hat, wird es, so ist zu fürchten, auch im Jahr 2001 nicht geben. Und es hülfe auch wenig, wenn die deutsche Politik diesen kühlen Kopf heute, auch der eigenen Terror-Erfahrungen wegen, hätte - weil die Amerikaner den weit größeren Kopf haben. Ende der Liberalität? Bismarck hat das Attentat auf Wilhelm II. benutzt, um den Liberalen in Deutschland den Garaus zu machen. Das Attentat in den USA könnte dazu führen, dass in der westlichen Welt der Liberalität der Garaus gemacht wird. Liberalität korrespondiert stets mit Selbstsicherheit. Eine Welt, die vom Terror in Angst und Schrecken versetzt wird, ist aber seiner selbst nicht mehr sicher. Dies kann Auswirkungen haben, die heute noch unabsehbar sind. Absehbar in Deutschland, schon jetzt: Bedenken, die es heute im Kampf gegen den Terrorismus noch gibt, werden hintangestellt werden. Das Zusammenspannen von Polizei und Verfassungsschutz, wie es in Bayern schon üblich ist, wird Standard werden - und die Stimmen, die sich aus Grundgesetz-Gründen dagegen verwahren, werden sehr leise sein. Neue Stufe des starken Staats Die umstrittenen Dateien (die Limo, Remo und Aumo heißen) werden nicht mehr lange umstritten sein. Und wer noch gegen Videoüberwachung öffentlicher Räume ist, der wird sich fragen lassen müssen, ob er denn angesichts des Terrors noch bei Trost ist. Der Terror also zündet eine neue Stufe des starken Staats. Möglicherweise, wenn Schily und CDU/CSU nicht kühlen Kopf behalten, verändert der Terror die Debatte um das Zuwanderungsgesetz und ein neues Ausländerrecht grundlegend; möglicherweise wird nun das gesamte ordnungsrechtliche Arsenal einvernehmlich aufgerüstet. Vielleicht gewinnt auch das Wort "nationale Identität", mit der Teile der Union ohnehin schon hausieren gehen, eine diabolische Kraft - wenn und weil es eine Lösung verheißt, die es nicht geben kann, etwa so: "Wenn wir nur unter uns blieben, dann hätten wir solche Probleme nicht." Eine neue Angst vor dem Fremden kann das zarte Pflänzchen Integration, das in Deutschland zu wachsen begonnen hat, wieder zerstören. Die Gefahren des neuen Terrorismus sind also noch größer, als man beim ersten Blick glaubt. © sueddeutsche.de GmbH, 2001
SZ vom 13.09.2001 Als das Herz stillstand Schutzlos: In New York verlor die Welt ihr Urvertrauen Von Andrian Kreye Es gibt keine Zuflucht mehr. Mehr als 100 Jahre lang war New York der rettende Hafen. Es war der Ort, vor dem die Freiheitsstatue verkündete: Give me your tired, your poor, your huddled masses yearning to breathe free. Manhattan war die Insel jener Seligen, die es geschafft hatten, sich zu retten. Mit ihrem Versprechen von Sicherheit und Freiheit diente die Stadt als Projektionsfläche für Ambitionen, Sehnsüchte und Träume, ganz egal, ob die Ankömmlinge vor Leid, Krieg und Hunger flüchteten oder nur die Herausforderung suchten. Doch nun konnte die ganze Welt am Tag des Anschlags sehen: Es waren die Verzweifelten von Downtown Manhattan, die buchstäblich nicht mehr frei atmen konnten. Plötzlich strömten die dicht gedrängten Massen" aus den Versen von Emma Lazarus in umgekehrte Richtung. Auf Booten und über die Brücken zogen die Flüchtlingsströme nach Brooklyn und Queens, nur weg von Manhattan, wie in einem Exodus aus dem gelobten Land. Der Fotograf Ken Schles stand auf der Manhattan Bridge, sah die brennenden Türme, die Menschen, die Schulter an Schulter über die gesperrten Fahrbahnen marschierten. Panikwellen erfassten die Menge, als sich ein Gerücht verbreitete, die Brücke könnte gesprengt werden. Fassungslosigkeit, als am Horizont die Türme des World Trade Center langsam und lautlos in Staubwolken versanken. Auf der Lower Eastside irrten die Menschen durch den Supermarkt der Pathmart-Kette, statt Muzak tönte eine Ansprache von Bürgermeister Giuliani aus den Lautsprechern. Viele wussten nicht, was kaufen, packten wahllos Waren in den Korb. Wohlstand und Vielfalt waren bedeutungslos geworden. In New York wird es niemanden geben, der nicht direkt von den Anschlägen betroffen ist. Es waren Verwandte, Freunde, Nachbarn, Kollegen, Bekannte, die dort gestorben sind. Ein deutscher IT-Manager: Ich habe mit einer ganzen Abteilung im 76. Stockwerk des World Trade Center zusammengearbeitet. Nicht nur die Türme, ganze Gemeinden der internationalen Geschäftswelt sind verschwunden. Unschuldige Menschen, die den Gipfel ihrer Laufbahn erreicht hatten. Jenen Punkt also, an dem sich der arbeitende Mensch sicher und geborgen fühlt. Und es waren Polizisten und Feuerwehrleute, die Retter in der Stunde der Not, die unter den Trümmern begraben wurden. Der Terror kämpft nicht um geopolitische, strategische oder militärische Ziele. Er attackiert ganz direkt die Herzen und Köpfe der Menschen. Der 11. September 2001 hat das Urvertrauen Amerikas und der Welt unabänderlich erschüttert. Seit dem Zweiten Weltkrieg wähnten sich die industrialisierten Zivilisationen als Horte der Sicherheit und als Hoffnungsträger für die Welt. Bisherige Krisen und Terroranschläge verunsicherten, aber erschütterten nicht. Die Bilder, die auch einen Tag nach dem Anschlag zu sehen waren, zeigten noch nicht einmal andeutungsweise das unendliche Grauen, das sich hinter den Explosionen, Staubwolken und Trümmern verbirgt. Diese visuelle Schweigsamkeit hat auch einen guten Grund. Mit allen Mitteln müssen die Behörden versuchen eine Massenpanik zu verhindern. Regierungsstellen wie die Federal Emergency Management Agency (Fema), die bei Katastrophen die oberste logistische Leitung der Rettungsmaßnahmen, Evakuierungen und Wiederaufbauarbeiten übernehmen, können bestimmte Rechte in solchen Fällen außer Kraft setzen. Doch ganz egal, ob die Bilder auf Anordnung nicht gezeigt wurden, oder ob es diese Bilder noch nicht gab was für immer bleiben wird: das Signal, dass es keinen Ort der Sicherheit gibt. Keinen Schutz. Keine Rettung. Der Hass von wenigen hat ausgereicht, die Zivilisation in die Knie zu zwingen. The Day Of Infamy titelte der Fernsehsender CBS. Eine direkte Anspielung auf Pearl Harbor. Doch der Vergleich trifft nur begrenzt zu. Nicht nur, weil die ersten Schätzungen eine Zahl der Opfer nannten, die die Zahl der Opfer von Pearl Harbor um ein Vierfaches übertreffen würde. Im traditionellen Krieg besitzt die Angst für die Zivilbevölkerung zunächst ganz klar definierte Koordinaten. Es gibt Feinde, Fronten, Ziele. Der Terrorismus agiert zunächst einmal aus dem Nichts. Auf Pearl Harbor folgten Hiroshima und Nagasaki. Die Angst hatte sich in der endgültigen Entfesselung von Macht und Stärke entladen. Unbekannte mit Messer das ist kein Feind, den man mit einem militärischen Gegenschlag zurückwerfen könnte. Pearl Harbor liegt 2390 Meilen vom amerikanischen Festland entfernt. Das World Trade Center und das Pentagon sind die direkten Zentren der amerikanischen Macht. New York der Nabel der Handelswelt. Das Pentagon zunächst der westliche Ruhepol im Gleichgewicht des Schreckens, nach dem Mauerfall der Ort, von dem aus die Einsätze geleitet wurden, die in letzter Not Ruhe und Ordnung schaffen konnten. Das eine ausgelöscht. Verschwunden. Das andere zerstört. Kann sich Amerika von diesem Schlag erholen? Kann es die Welt? Senator John Warner vom Armed Forces Committee zitierte ebenfalls Pearl Harbor: Dieses kann unsere größte Stunde werden. Beruhigende Worte für eine Nation, die sich in Büchern, Filmen und Fernsehserien seit letztem Jahr mehr als jemals zuvor auf ihre Heldenrolle im Zweiten Weltkrieg besinnt. Erst am letzten Sonntag begann Steven Spielbergs Fernsehreihe Band Of Brothers, die die Erfolge amerikanischer Fallschirmjäger an der europäischen Front als Epos inszeniert. Und trotzdem muss Amerika, muss die Welt alles ganz neu durchdenken. Vielleicht zeigt der Blick nach New York doch auch den ersten Hoffnungsschimmer. In den Köpfen und Herzen haben die Terroristen zunächst einmal gesiegt. In New York selbst haben sie die Zivilisation nicht in die Knie zwingen können. In einer Stadt, in der 13 Millionen Menschen gelernt haben, tagtäglich immer wieder aufs Neue einen Konsens zu finden, entblößte sich die Menschheit im Moment des absoluten Schreckens nicht als Horde von Barbaren. Es zogen keine Plünderer durch die Stadt, keine hysterischen Massen. Sicher, manch einer blieb etwas zu ruhig: Die New Yorker, die auch am Tag des Anschlags noch am Ufer des Hudson Rivers Joggen und Rollschuhlaufen gingen, oder die auf einem Sportplatz an der 72. Straße noch Fußball spielten, als sei nichts geschehen. Schockreaktionen, genauso verständlich wie die Fassungslosigkeit und Trauer so vieler. Doch es waren unter anderen die Tausenden, die vor den eilig eingerichteten Blutspendestationen anstanden, um nur irgend etwas zu tun, die bewiesen, dass die Gesellschaft noch funktioniert. Amerika mag ein Land sein, das einen Teil seines Sicherheitsgefühls der historischen Tatsache verdankt, dass bisher keine Angriffe von außen bis an sein Festland gelangt sind. Amerika ist aber auch ein Land, das immer wieder mit Naturkatastrophen umgehen muss. Es gibt zunächst keine militärischen Ziele, an denen sich die von John Warner beschworene größte Stunde erkämpfen ließe. Zunächst gilt es, eine Katastrophe zu überwinden. Es ist noch viel zu früh, etwas über die Auswirkungen der Anschläge zu sagen.Die Angst sitzt in den Knochen. Das Vertrauen ist erschüttert. Das Trauma wird bleiben, bei allen, die diesen Tag erlebt haben, für immer. Nicht nur in New York und Amerika. Wer die Bilder vom World Trade Center gesehen hat, wird sie niemals vergessen. Das Loch in der Skyline wird uns immer wieder daran erinnern. Ganz langsam wird sich der Verlust des Urvertrauens manifestieren und Reaktionen fordern. Nicht nur von Amerika. Von uns allen. Der Schriftsteller Nick Cohn bezeichnete New York als Herz der Welt. Am 11. September 2001 stand dieses Herz für einen ewigen Moment lang still. © sueddeutsche.de GmbH, 2001
Erwacht im grauen Krieg Nach dem Terrorangriff rücken die Amerikaner zusammen - und stellen fest, dass der Präsident seine Führungsfähigkeit erst noch beweisen muss Von Wolfgang Koydl (SZ vom 13.09.2001) Washington, 12. September - Es herrscht Krieg in Amerika, und manchmal kann man seinen Kampfwillen anscheinend auf banale Weise unter Beweis stellen. Als am Mittwoch die Sonne aufging über Washington, am Morgen nach jenem Tag, der die Nation und wahrscheinlich die Welt verändert hat, da schmiedeten die Menschen die graue Normalität des Alltags zur Waffe gegen den Terror: Überall in den Vorstädten von Virginia und Maryland gingen die Lichter an, öffneten sich Garagentore, füllten sich die Autobahnauffahrten mit Autos. Washington trat den Dienst an - wie jeden Tag. Grimmige Entschlossenheit Freilich, es war kein Tag wie jeder andere, doch das Heer der Beamten und Angestellten der amerikanischen Hauptstadt antwortete mit stiller, grimmiger Entschlossenheit auf die Kriegserklärung der Terroristen: Ihr mögt unsere Häuser in Schutt und Asche legen, ihr mögt unsere Mitbürger ermorden; doch es wird euch nicht gelingen, diese Regierung, diese Stadt und dieses Land zum Stillstand zu bringen. Amerika hat seine Hauptstadt wieder in Besitz genommen. Zunächst hatte es so ausgesehen, als ob der Terror triumphieren, das Land in Lähmung verfallen würde. Einen ganzen Tag lang hatte die Nation paralysiert und verzweifelt auf die Bildschirme gestarrt, die immer wieder dieselben Bilder zeigten: die Rauchsäule über der Skyline von New York und die verschmorte, kohlende Bresche, die ein Verkehrsflugzeug in die mächtige Mauer des Pentagon geschlagen hatte. Leere Schulen und Ämter Derweil Feuerwehren und Rettungstrupps gegen den Horror ankämpften, hatte sich Washington in eine Geisterstadt verwandelt. Wenn es die Absicht der Terroristen gewesen war, das Herz der Weltmacht stillstehen zu lassen, so war ihnen dies zumindest einen Tag lang gelungen. Der Präsident wagte sich nicht zurück ins Weiße Haus, Ämter, Dienststellen und Ministerien standen leer, Schüler wurden nach Hause geschickt, der Oberste Gerichtshof verhandelte keine Fälle, Senatoren und Abgeordnete waren in alle Winde zerstreut, und die Spitzen des Staates wurden vorsorglich in sicheren Unterkünften untergebracht. Der Präsident kommt zurück Doch am Dienstagabend löste sich die Starre. Als erster kehrte der Präsident zurück: Wie ein Hummelschwarm dröhnte eine Flotte von sechs Hubschraubern am Washington Monument vorbei und nahm Kurs auf das Weiße Haus. Erst im letzten Moment löste sich Marine One aus der Gruppe und setzte auf dem Rasen auf. Niemand sollte wissen, in welcher Maschine sich George Bush befand. Merkwürdig verkrampft und ohne ein Wort stakste er auf direktem Weg ins Oval Office. Aber die Botschaft war angekommen: Der Präsident war zurück auf der Brücke, er hatte das Kommando wieder übernommen. Und als er sich wenige Stunden später schließlich an die Nation wandte, da wurde er zum ersten Mal von zwei Flaggen eingerahmt, die diese Botschaft unterstreichen sollten: Auf der einen Seite stand das Sternenbanner, aber auf der anderen die schwarze Fahne des Oberbefehlshabers der amerikanischen Streitkräfte mit dem blitzeschleudernden Adler in den Krallen. Die starke Beraterin Zuvor hatte es anders ausgesehen. Da hatte es den Anschein, als ob Bush das Kommando abgegeben hätte, und zwar ausgerechnet an seine Beraterin Karen Hughes, die ohnehin oft als heimliche Präsidentin verspottet wird. Denn sie war das einzige Mitglied seiner Administration, das live vor die Presse getreten war und der Welt versichert hatte, dass die Regierung alles unter Kontrolle habe. Sicherheitsroute des Präsidenten Bush selbst indes war stundenlang von der Bildfläche verschwunden. Die Nachricht vom Anschlag auf das World Trade Center hatte ihn in einer Schule in Sarasota in Florida erreicht, wo er Schülern Geschichten vorlas. Aschfahl war sein Gesicht geworden, als ihm sein Stabschef Andrew Card die Horrornachricht ins Ohr flüsterte. Doch anstatt direkt nach Washington zurückzukehren, begab sich Bush auf eine verschlungene Tour durch mehrere Bundesstaaten. In Washington, so wurde klar, konnte der Geheimdienst die Sicherheit des Präsidenten nicht gewährleisten. Historische Abwesenheit Auf Anraten des Secret Service flog Bush zuerst nach Louisiana, wo er eine kurze Stellungnahme auf Videoband aufzeichnete. Dann musste er sich in einem Bunker im Bundesstaat Nebraska verstecken, von wo aus er per Videoschaltung Kontakt zu Vizepräsident Dick Cheney und seiner Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice hielt, die sich im atomwaffensicheren Situation Room unter dem Weißen Haus aufhielten. Es herrschte Krieg, und er war ins Herz der politischen Macht getragen worden. Bush mit Schwäche Amerika ist besessen von seiner Sicherheit und zumal der Sicherheit seines Präsidenten. Doch an diesem schwarzen Septembertag, an dem Amerika ins Herz getroffen wurde, war es ein schwerer politischer Fehler, Bush abzuschirmen. Noch nicht einmal während der Cuba-Krise, als sowjetische Atomraketen startbereit auf Washington gerichtet waren, hatte Präsident John F. Kennedy das Oval Office verlassen. Bush demonstrierte Schwäche, wo die Nation Stärke erwartet hätte, und die Nation wird sich später an diese schweren Stunden erinnern. Nur wenige Präsidenten vor ihm hatten eine vergleichbare Herausforderung zu bestehen, und für Bush, den Unerprobten, den Unsicheren, den unerfahrenen Sohn eines erfahrenen Vaters, wird diese Krise zum bestimmenden Augenblick seiner Präsidentschaft werden. In diesen Tagen wird es sich entscheiden, ob er über sich hinauswächst oder ob er kläglich scheitern wird. Der Anfang, wie gesagt, scheint ein schlechtes Omen zu sein. Zwölf Stunden vergingen, bevor sich George W. Bush endlich in einer knappen, nicht einmal fünf Minuten währenden Ansprache an die Nation wandte. Aber fürs Erste wird ihm diese Nation diese Schwäche nachsehen. Denn in der Stunde der Not schart sich das Land noch immer um den Mann im Weißen Haus. Sogar Hillary Clinton, die Senatorin aus New York, sprach von einem "Anschlag auf Amerika" und versprach Bush ihre Unterstützung. Als Amerika nach den schlimmsten Terroranschlägen seiner Geschichte seine Sprache wiederfand, da wurde immer wieder ein Wort beschworen: Einheit. Die Einheit der Menschen untereinander, aber auch die Einheit der Gesellschaft mit ihren Führern. Symbolische Versammlung Amerika verdankt seine Größe und seine Stärke nicht zuletzt Symbolen, und deshalb war es nur passend, dass auch die beiden Häuser des Kongresses mit einer zutiefst symbolischen Geste wieder Besitz vom Kapitol ergriffen. Nur wenige Minuten, nachdem der Präsident gelandet war, versammelten sich Dutzende von Senatoren und Abgeordneten beider Parteien auf den Stufen des Parlaments. Zunächst gelobte auch Tom Daschle, als Führer der demokratischen Senatsmehrheit eigentlich der schärfste innenpolitische Gegner des Republikaners Bush, dass "Republikaner und Demokraten einig hinter dem Präsidenten stehen". Dann stimmten die Abgeordneten gemeinsam das Lied "God bless America" an: In der Stunde der Not rückt die Nation zusammen, und stets geschieht das unter dem Schutz Gottes. Verletzte Weltmacht Amerika wird den Segen des Allmächtigen gebrauchen können. Denn die Anschläge auf das Welthandelszentrum und das Pentagon haben der Supermacht schlagartig nahe gebracht, dass auch sie verwundbar ist. Kein teurer Raketenschirm, kein ausgeklügeltes Satellitensystem hätte das Land vor diesen Attacken bewahren können, und diese Erkenntnis wird von den Demokraten im Kongress sicherlich gegen Bushs Star-Wars-Pläne vorgebracht werden, sobald der politische Alltag wieder eingekehrt ist. Sicher, Terroristen hatten auch schon früher in den Vereinigten Staaten zugeschlagen. Das Welthandelszentrum in New York war schon einmal, 1993, das Ziel eines Bombenattentats gewesen, und erst im vergangenen Juni wurde mit Timothy McVeigh jener "amerikanische Terrorist" mit einer Giftspritze hingerichtet, der das zentrale Verwaltungsgebäude von Oklahoma City mit einer Autobombe in die Luft gesprengt hatte. Dennoch war Amerika im Vergleich zu anderen Ländern immer eine Oase der Sicherheit und der Ruhe gewesen. Terror, Bomben und Entführungen - das waren Geißeln, welche den Nahen Osten schlugen oder die Europäer, sei es im Baskenland, sei es in Nordirland. Hotels, Einkaufszentren und sogar ausländische Botschaften in den USA sind entweder gar nicht oder nur oberflächlich gesichert. Sicherheit mit Schwachstellen Ein Amerikaner würde es nicht verstehen, wenn er beim Besuch eines Kaufhauses einen Metalldetektor durchschreiten oder seine Aktentasche zur Kontrolle öffnen müsste, wie es in etlichen europäischen Städten eine Selbstverständlichkeit geworden ist. Selbst auf amerikanischen Flughäfen werden die Sicherheitsvorkehrungen, zumal auf Inlandsflügen, eher lax gehandhabt. Gebucht wird oft nur online über das Internet, ein Ticket wird gar nicht mehr ausgestellt, und beim Einchecken genügt es, einen Führerschein zur Identifizierung vorzulegen. Doch diese Führerscheine lassen sich leicht fälschen, und es ist nicht auszuschließen, dass die Terroristen, die die vier Flugzeuge entführten, auf diese simple Weise an Bord gelangten. Eine Schwachstelle ist zudem das Personal, das die Sicherheitsschleusen bedient. Erst vor gut vier Wochen kam eine Untersuchung zu dem Schluss, dass diese Männer und Frauen, die von privaten Diensten beschäftigt werden, zu den am schlechtesten bezahlten Arbeitnehmern des Landes gehören. Viele verdienen nicht mehr als den gesetzlichen Mindestlohn, soziale Sicherungen gibt es keine. Die Folge: Kaum jemand hält es mehr als ein paar Monate in diesem Job aus, in dem sich hohe Verantwortung mit Frustrationen wegen der schlechten Laune ungeduldiger Passagiere paaren. Wie konnte das passieren? Aber auch die nationalen Sicherheitsbehörden werden in den nächsten Wochen verstärkt danach gefragt werden, warum sie die Anschläge nicht vorhersagen konnten. Das gilt für den Auslandsgeheimdienst CIA, aber insbesondere für die Bundespolizei FBI, die in den vergangenen Monaten ohnehin wegen einer Reihe von ernsten Pannen ins Kreuzfeuer der Kritik geraten war. Wurden auch diesmal Warnungen und Hinweise verschlampt, nicht ernst genommen? Erst vor drei Wochen brüstete sich der Terrorchef Osama bin Laden, der nun von vielen in Amerika für das jüngste Blutbad verantwortlich gemacht wird, dass er schon bald einen "noch nie da gewesenen Anschlag" durchführen werde. Aber Amerika wurde aus heiterem Himmel überrascht. Schutz für Amerika Werden sich die Vereinigten Staaten nun in einen Kontroll- und Überwachungsstaat verwandeln? Die Furcht vor einer solchen Entwicklung ist so weit verbreitet und so groß, dass sie vermutlich nicht gerechtfertigt ist. Für Senator Joseph Biden, den demokratischen Vorsitzenden des außenpolitischen Ausschusses jedenfalls wäre es verheerend, wenn sein Land diesen Weg beschreiten würde: "Erst wenn wir aufhören, so zu funktionieren, wie wir das gewöhnt sind, haben wir den Krieg (gegen den Terror) wirklich verloren", meinte er. Amerika dürfe seinen "Charakter als Nation" nicht verändern. Auch für den ehemaligen Verteidigungsminister William Cohen, einen Republikaner, steht die Zukunft der Gesellschaft auf dem Spiel: "Wird es eine offene oder eine geschützte Gesellschaft sein?", fragte er. Und Ex-Außenminister George Shultz war überzeugt: "Wir werden es diesen schrecklichen Menschen nicht erlauben, dass sie unsere Lebensart verändern." Ex-Senator Sam Nunn sekundierte: "Amerika ist eine offene Gesellschaft. Daran wird sich nichts ändern." Präsident Bush schließlich drückte es ein wenig melodramatischer aus: Das helle Licht der Freiheit werde weiter scheinen, versicherte er seinen Landsleuten. Verkehr und Kommunikation stockt Die Sorgen scheinen berechtigt, denn schließlich war es den Terroristen gelungen, fast das gesamte Land aus der Bahn der Normalität zu werfen. Telefon- und Handynetze brachen zusammen, die Börse an der Wall Street blieb zu, und als die zivile Luftfahrtbehörde FAA zum ersten Mal in der Geschichte dann auch noch alle Flughäfen schloss, kam der gesamte Flugverkehr zum Erliegen. Mehr als 4000 Flüge wurden gestrichen, und binnen kürzester Zeit war kein einziges Zivilflugzeug mehr im amerikanischen Luftraum unterwegs. Madonna singt nicht mehr Alles, was als Symbol für Amerikas Leistungskraft und Amerikas Lebensart gilt, war direkt oder mittelbar von den Gewaltakten betroffen - vom Wichtigen zum Banalen: In Florida und Kalifornien sperrten die Vergnügungsparks Disneyland und Disneyworld ihre Tore. In Los Angeles sagte Madonna ein Konzert ab. In Minneapolis ließen die Boutiquen und Kaufhäuser der Mall of America, dem gigantischsten Einkaufszentrum der Welt, ihre Rolläden hinunter. Hollywoods Studios schickten Schauspieler, Beleuchter und Kameraleute nach Hause, die Raumfahrtbehörde NASA verschob den geplanten Start der Raumfähre, und auch die nationale Baseball-Liga verzichtete bis auf weiteres auf alle Spiele. Selbstgewissheit mit Risse Amerika ist erschrocken über seine Hilflosigkeit im Angesicht des Terrors. Wenn selbst das Pentagon schutzlos den Attacken der Verbrecher preisgegeben werden kann, was ist dann noch sicher? In der Tat: Das massive Fünfeck auf der Westseite des Potomac hat den Ruf, das sicherste Gebäude Washingtons zu sein. Und Washington wiederum rühmte sich stets, eine der sichersten Hauptstädte der Welt zu sein - jedenfalls, was terroristische Aktivitäten betrifft. Und schien nicht Amerika selbst gefeit gegen die Machenschaften internationaler Bombenleger? Diese Selbstgewissheit hat Risse erhalten, und deshalb ist das Land bis in seine Grundfesten erschüttert. Amerika wird reagieren, aber wie? Es ist eine Erfahrung, die andere Staaten schon lange gemacht haben, und so wie andere Staaten suchen nun auch die USA Vergeltung. Von "stillem, unbeugsamem Zorn" hat Präsident Bush gesprochen, und davon, dass seine Regierung keinen Unterschied machen werde zwischen jenen, welche das Blutbad angerichtet haben und jenen, die ihnen Unterschlupf gewährten. Aber auch Bush blieb die Antwort schuldig auf die Frage nach den Schuldigen. Ein paar Zelte in der Ödnis Gegen wen soll sich dieser stille, aber ohnmächtige Zorn also richten? Niemand hat sich zu der monströsen Tat bekannt, nicht der islamische Jihad, nicht die palästinensische Hamas. Sogar das afghanische Taliban-Regime hat jede Beteiligung, ja auch nur Kenntnis von den Vorbereitungen für den Terrorakt bestritten. Und Washington dementierte - durchaus glaubhaft -, dass Amerika für die Detonationen verantwortlich sei, welche schon in der Nacht zum Mittwoch aus der afghanischen Hauptstadt Kabul gemeldet wurden. Und wenn es doch der saudische Millionär Osama bin Laden war, der Amerika mit einem heiligen Krieg gedroht hat, und der hinter den blutigen Anschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam sowie auf das US-Kriegsschiff "Cole" stehen soll? Schon einmal haben amerikanische Marschflugkörper mutmaßliche Trainingslager von bin Ladens Gotteskriegern in den Bergen Afghanistans angegriffen. Aber wäre dies Vergeltung genug? In New York werden ungezählte Menschen unter den Trümmern eines Wolkenkratzers begraben, und die Supermacht bombardiert ein paar Zelte in einer steinigen Einöde? Es wird einen Gegenschlag geben, und er wird sich an dem Ausmaß der Attacken in Amerika orientieren. Schließlich spricht man in Washington offen von einer Kriegserklärung gegen die Nation. Vielleicht werden die USA diesen Schlag nicht alleine ausführen, sondern gemeinsam mit ihren Partnern. Nicht, dass die Regierung in Washington im Alleingang unfähig zur Vergeltung wäre. Verbündete in die Pflicht nehmen Aber es geht darum, ein politisches Signal auszusenden. General Wesley Clark, der ehemalige Oberkommandierende der Nato-Streitkräfte, hat klar darauf hingewiesen, dass nach der Charta des nordatlantischen Bündnisses ein Angriff auf ein Pakt-Mitglied als Angriff auf die ganze Allianz gewertet wird. Nun, da der Terror auf amerikanischem Boden angelangt ist, wird Amerika dem internationalen Terror ernsthaft den Kampf ansagen. Und das Land wird seine Verbündeten in die Pflicht nehmen. Leicht wird dieser Kampf nicht werden, denn der Gegner ist unsichtbar wie ein Guerillakämpfer. David van Drehle, Reporter der Washington Post, hat für diesen Konflikt schon einen Namen gefunden: "Der graue Krieg, ein Krieg ohne Fronten, ohne Armeen, ohne Regeln, in dem die Waffe irgendein Zivilflugzeug sein kann und das Ziel irgendein Gebäude an irgendeinem Ort." © sueddeutsche.de GmbH, 2001