Anschläge gegen World Trade Center und Pentagon

Fordert selbst der Verstand vergeltung?

Von Jens Bertrams

Donnerstag, 13. September 2001

48 Stunden hat es gedauert, wenn man gutwillig sein will. 48 Stunden hat es gedauert, bis der Schock über die unfaßbare Bluttat eingeholt wurde von den politischen Machtspielen und Machtstrukturen des politischen Alltages. Die Zeit, die Opfer zu betrauern, ist vorbei.

Jetzt kommt es an, so meinte eine Freundin heute abend in einem Gespräch, daß die "zivilisierte Welt" zivilisiert mit dem Terorismusphänomen umgeht. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Die Angst vor einem Krieg geht um, und die USA bereiten Vergeltungsschläge vor. "Heute oder Morgen wird es losgehen", sagte heute ein Geschäftspartner zu mir, und ich habe ihm widersprochen. Aber inzwischen verdichten sich die Hinweise, daß er recht behalten könnte.

George W. Bush, der amerikanische Präsident, muß sein angeschlagenes Image ebenso aufpolieren, wie die Moral der Nation. Nach kaum 48 Stunden steht die Taktik, das politische Kalkül wieder im Vordergrund. Aber nicht nur bei der amerikanischen Administration, sondern auch bei der - poltisch betrachtet - kritischen Opposition in der westlichen Welt selbst, die es ja trotz Totschweigens immer noch gibt, bei der Linken Friedensbewegung, bei Sozialisten und Komunisten, aber auch bei besorgten Menschen, die sich nicht in ein politisches Lager drängen lassen wollen, nicht so recht in eine Schublade passen. "Ich bin gegen einen Angriff auf Bin Laden", sagte eine Meiner Freundinen und Kolleginnen, "denn wir sind doch Schuld an ihm." Das läßt sich nicht von der Hand weisen. Es waren die US-Amerikaner, die ihn hochpowerten, als er gegen den großen, bösen kommunistischen Eindringling in Afghanistan kämpfte, die Sowjetunion. "Das kapitalistische Wirtschaftssystem", so die Argumentation weiter, "hat so viel Haß auf die mächtigen Amerikaner produziert, daß ein Mann wie Bin Laden, wenn er denn überhaupt am Anschlag beteiligt war, sich durchaus als Befreier, als arabischer Jesus sozusagen, fühlen könnte. Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist unterdrückerisch, und so müßten wir konsequenterweise gegen uns selbst vorgehen, anstatt gegen Bin Laden." Ein anderer Gesprächsteilnehmer sagte, daß Bin Laden viele soziale Dinge getan habe, beispielsweise eine Medikamentenfabrik im Sudan betreibe. Nicht, daß man den Anschlag rechtfertigen wolle, aber verstehen könne man die Beweggründe, erklären vielleicht, aber nicht rechtfetigen.

In beiden Lagern sind die Positionen fest gefügt, geändert hat sich nichts. In einer großen deutschen Zeitung stand heute zu lesen: "Selbst der Verstand fordert Vergeltung." Das scheint die Mehrheitsmeinung am zweiten Tag nach den Anschlägen zu sein. Nach dem Schmerz kommt die Rache.

Die Rache? - Ein Verstandesargument? Nein. - Die Rache ist kein Verstandesargument. Nachdenken ist gefordert, wie Helmut Schmidt mahnt, keine Überreaktionen, wie Franz-Josef Hanke fordert. In einer zivilisierten Welt sollte man zivilisiert reagieren.

Und dann stehen wir wieder am gleichen Punkt wie gestern: Was ist die richtige Reaktion? Die Welt, die die Opfer langsam in den Hinterrund drängt, steht unter dem Kommando eines unerfahrenen, charakterschwachen Mannes, der in den ersten Stunden nur um seine eigene Sicherheit besorgt war und mit großem Säbelrasseln jetzt die Vergeltung probt, um seine Stärke und Unverwundbarkeit zu beweisen. All das wissen wir, aber es hilft nicht.

Im Dschungel der möglichen Reaktionen, der Meinungen und Methoden zur Terrorbekämpfung gibt es keine schnelle Route, keinen schnellen Weg. Es ist unabweisbar richtig, daß wir uns den Terrorismus zum Teil selbst geschaffen haben. Das heißt aber nicht, daß wir heute nichts gegen ihn unternehmen dürfen, als müßten wir gewissermaßen die Strafe ertragen, die unser Handeln uns auferlegt. Dieses "Ertragen der Strafe" kann aber nicht auf Dauer verschoben werden. Nach diesem 11. September 2001 werden wir uns über eine neue Weltordnung Gedanken machen müssen. Eine Ordnung, die nicht mehr von den USA allein dominiert wird und damit jedem realen Kräfteverhältnis auf der Welt Hohn spricht. Auch die Supermacht ist angreifbar, und sie wird lernen müssen, damit zu leben, ohne dabei die Zivilisiertheit, von der man so schwärmt, fallenzulassen. Nicht der Verstand ist es nämlich, der Vergeltung fordert, sondern ein Gefühl, das Gefühl der Rache. Der Verstand mahnt zum Maßhalten und zum Ausgleich, aber auch, und das wird auch in den nächsten Tagen das Dilemma bleiben, zur Bekämpfung des Terrors zur Herstellung einer gewissen Sicherheit.

© 2001, Jens Bertrams


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