Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Afghanistan: Kabul ist gefallen - Berichte der FR

Mittwoch, 14. November 2001

Nordallianz erobert Hauptstadt Kabul

KABUL, 13. November (ap/dpa/rtr/afp). Nach der Eroberung des Nordens von Afghanistan hat die von den USA unterstützte Nordallianz am Dienstag mit der Hauptstadt Kabul auch das politische Zentrum des Landes in ihre Gewalt gebracht. Die Taliban-Truppen räumten die Stadt fünf Wochen nach Beginn der US-Luftangriffe kampflos. Hunderte Einwohner feierten auf den Straßen das Ende des Regimes.

Die Oppositionskräfte missachteten mit dem Einmarsch den Wunsch der USA, Pakistans und anderer Länder, Kabul vorerst nicht zu besetzen und eine politische Lösung abzuwarten. Dennoch begrüßte die US-Regierung die Entwicklung: Präsident George W. Bush sei "sehr erfreut" über den Fall Kabuls, sagte sein Sprecher Ari Fleischer. Fleischer forderte die Nordallianz zugleich auf, an der Bildung einer breiten Koalitionsregierung mitzuwirken. UN-Generalsekretär Kofi Annan warnte vor einem "politischen und Sicherheitsvakuum". Londons Premier Tony Blair forderte schnellstmögliche UN-Präsenz in Afghanistan, um eine stabile Regierung aufzubauen. Pakistan sprach sich für die Entmilitarisierung Kabuls aus. UN-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson warnte die Oppositionskräfte vor Racheakten.

Die Nordallianz versicherte, sie wolle die Macht nicht an sich reißen. Einer ihrer Vertreter schlug in Paris die Bildung einer nationalen Übergangsregierung unter Einschluss aller ethnischen Gruppen vor. Auch der afghanische Ex-König Sahir Schah sollte am Zustandekommen dieser Regierung beteiligt werden. Ein Sprecher des Ex-Königs kritisierte den Einmarsch nach Kabul dagegen scharf als Schritt "gegen die Abmachung".

Unbestätigten Berichten zufolge sollen die Taliban sich auch aus Kandahar und weiteren Städten zurückgezogen haben, um in den Bergen den Guerillakrieg aufzunehmen. Bei Kandahar meuterten nach Taliban-Angaben rund 200 Kämpfer in den eigenen Reihen. Oppositionstruppen hätten den Flughafen teilweise eingenommen. Taliban-Wachen verließen auch den Grenzübergang Torcham nahe der pakistanischen Stadt Peschawar. Die Nordallianz meldete auch die Einnahme von Dschalalabad östlich von Kabul. Das Oberhaupt der Taliban, Mullah Mohammad Omar, befahl seinen Truppen über Funk, dem Feind Widerstand zu leisten. Taliban-Kreise dementierten aber Berichte, Omar habe sich nach Pakistan abgesetzt.

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Flatternde Turbantücher als stilles Zeichen des Triumphs

Nordallianz erobert unter dem Jubel der Menschen Kabul / In die Freude mischt sich Furcht vor Plünderungen

Unter dem Jubel der Bevölkerung ist die afghanische Nordallianz am vierten Tag ihrer Offensive gegen die radikal-islamische Taliban-Bewegung in die Hauptstadt Kabul einmarschiert.

Einwohner der Hauptstadt reagieren mit Freudenkundgebungen auf die überraschende Entwicklung. Passanten rufen sich Glückwünsche zu, Autofahrer kurven hupend und Fahrradfahrer klingelnd durch die Straßen. Männer lassen sich den Bart rasieren, was ihnen bisher verboten war. Die Taliban hatten im September 1996 die Macht übernommen und ihr islamisches Regime mit Gewalt und Unterdrückung umgesetzt.

Am Dienstagmorgen können die Bewohner der geschundenen afghanischen Hauptstadt an den Kopfbedeckungen ihrer Obrigkeit ablesen, dass eine neue Zeit angebrochen ist: Die schwarzen Turbane, Erkennungszeichen der radikalislamischen Taliban, sind aus dem Straßenbild verschwunden, Spaßvögel haben einige der stolzen Kopfbedeckungen entflochten und die langen schwarzen Stoffbahnen flatternd vor dem Hauptquartier der Polizei in den Wind gehängt - ein stilles Zeichen des Triumphs.

Der plötzliche Kollaps der Talibanherrschaft über Kabul hat den Hauptstädtern neue Freiheiten eröffnet. Radio Kabul schickt zum ersten Mal seit fünf Jahren Musik über den Äther. Ein Lied des populären Exil-Sängers Farhad Darja beendet die Zeit, in der die Taliban Musik als gotteslästerliches Tun verboten hatten.

Die Radionachrichten liest die Moderatorin Dschamila Mudschahid - bei den Taliban wäre dies undenkbar gewesen. "Ihr könnt nun diesen großen Sieg feiern", sind die ersten Worte, die die 40 Jahre alte Mudschahid ins Mikrofon spricht. Nach der Sendung sagt sie, es sei "wie ein Traum", wieder arbeiten zu können. Wie fast alle Frauen in Afghanistan hatte auch Mudschahid ihren Job aufgeben müssen, als die Taliban Kabul eroberten.

Auf den Straßen haben die meisten Frauen weiter ihre Burka an - das den ganzen Körper verhüllende Schleiergewand ist schon vor den Taliban Bestandteil der Tradition gewesen. Aber in einem Bus testet eine Frau schon mal die neue Lage und zieht sich die Burka über den Kopf. Eine Gruppe von Männern schaut lachend zu. Aber dann verhüllt sich die Frau wieder, als draußen sechs Frauen in der Burka zu einer Hochzeit gehen. "Erst einmal lassen wir die Burka an", sagt Mariam Dschan. "Wir wissen noch nicht, was das für Leute sind", fügt sie mit Blick auf die Nordallianz-Soldaten hinzu.

Aus dem Polizeihauptquartier befreite die Nordallianz 360 Gefangene, und auch im Gefängnis der berüchtigten Religionspolizei vom "Ministerium für die Beförderung der Tugend und die Vermeidung des Lasters" sperrten die Oppositionskämpfer die Zellentüren auf. "Die Opposition kam heute morgen und ließ uns alle laufen", berichtet ein Häftling. Wegen Urkundenfälschung hatte er im Gefängnis gesessen.

Einige hundert Bewohner Kabuls machen ihrem lange angestauten Ärger über die Taliban Luft. Sie versammeln sich in einem Park im Herzen der Stadt und skandieren "Allahu akbar" (Gott ist groß), "Tod den Terroristen" und "Tod für Pakistan". Das Nachbarland Pakistan galt lange Zeit als Schutzmacht der Taliban.

Ungetrübt ist die Freude über das Ende der Taliban-Herrschaft in Kabul indes nicht. Die Menschen sind mürbe. Seit 20 Jahren herrscht Krieg, alle paar Jahre kamen neue Herren in die Hauptstadt, doch Frieden brachten sie nie. Die Menschen haben Angst vor Plünderungen und willkürlichen Racheakten.

Die heute in der Nordallianz verbündeten Gruppen waren vor fünf Jahren von den Taliban aus der Stadt vertrieben worden, gemeinsam mit der damaligen Regierung, die international anerkannt blieb. Anfang der 90er Jahre hatten die heute Verbündeten in der Stadt gegeneinander gekämpft. Dabei war es zu zahlreichen Übergriffen auf die mehrheitlich paschtunische Bevölkerung gekommen.

Am Dienstag ziehen Soldaten der Nordallianz durch mehrere Wohnviertel von Kabul und durchsuchen Haus für Haus nach zurückgebliebenen Taliban-Funktionären oder Ausländern. Bei einem Feuergefecht werden nach Angaben von Augenzeugen fünf Pakistaner getötet. In der Nähe eines Gästehauses der Vereinten Nationen liegen die Leichen von zwei Arabern auf der Straße. Vereinzelt kommt es Augenzeugen zufolge zu Plünderungen durch Soldaten der Nordallianz.

Mittags fahren zwei führende Mitglieder der von der Nordallianz unterstützten Exilregierung durch Kabul: Verteidigungsminister Mohammad Fahim und Außenminister Abdullah. Ob sie tatsächlich Frieden bringen, ist ungewiss. (afp/rtr/ap)

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UN bereiten neue Regierung vor

Konferenz für Kabul geplant / Warnung an Nordallianz

Nach dem Ende des Taliban-Regimes in Kabul bereiten die Vereinten Nationen ein Verfahren für die Bildung einer neuen Regierung vor. Vertreter der unterschiedlichen afghanischen Völker und Parteien sollen sich nach Informationen aus dem US-Außenministerium in den nächsten Tagen zu einer Konferenz einfinden, die möglicherweise in Genf, Wien oder Ankara stattfinden könnte. Zudem warnten die UN die Nordallianz vor Menschenrechtsverletzungen in den eroberten Gebieten.

NEW YORK / GENF / NEU DELHI (ap/dpa/rtr/afp). "Dringendes Handeln" sei nun notwendig, sagte UN-Generalsekretär Kofi Annan in der Sitzung des Sicherheitsrats der UN. Der Rat erwartete am Dienstag den Bericht des Sondergesandten für Afghanistan, Lakhdar Brahimi. Er hatte sich am Montag optimistisch geäußert, dass "eine repräsentative Auswahl" des afghanischen Volkes binnen weniger Tage zur Bildung einer Nach-Taliban-Regierung zusammentreffen könnte.

Mit dem Abzug der Taliban aus Kabul haben diese Bemühungen neue Dringlichkeit bekommen. Die USA haben die Nordallianz des 1996 gestürzten Präsidenten Burhanuddin Rabbani aufgerufen, Kabul nicht einzunehmen. Dort leben vor allem Paschtunen, während in der Nordallianz Usbeken, Tadschiken und Angehörige anderer Minderheiten dominieren.

UN-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson warnte angesichts des Siegeszuges der Nordallianz am Dienstag vor Menschenrechtsverletzungen. Es habe jedes Mal "schreckliche Massaker an Zivilisten, Vergewaltigungen von Frauen und Racheakte der Zerstörung" gegeben, wenn in Afghanistan Gebiete an neue Herrscher gefallen seien, sagte Robinson.

Die USA, Großbritannien und die anderen Länder, die am Feldzug gegen die bislang regierenden Taliban beteiligt seien, müssten deutlich machen, dass sie Menschenrechtsverletzungen nicht duldeten, sagte Robinson. Sowohl die radikal-islamischen Taliban wie auch die Nordallianz hätten in der Vergangenheit Blutbäder unter der Zivilbevölkerung angerichtet. Bei der Eroberung von Masar-e-Scharif wurden nach UN-Angaben in der vergangenen Woche mehr als 100 junge Taliban-Rekruten getötet. Schuldig seien offenbar die Oppositionstruppen der Nordallianz.

Ihr mache Sorgen, dass Vertreter der Nordallianz an einer künftigen Regierung beteiligt werden könnten, die für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich seien, sagte Robinson. Die westlichen Verbündeten der Allianz müssten Sorge dafür tragen, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.

Der Sprecher des UN-Flüchtlingswerks UNHCR, Kris Janowski, geht davon aus, dass der Vormarsch der Nordallianz die Hilfsaktionen für die Flüchtlinge in und um Afghanistan erleichtern wird. "Wir schicken sehr viele Hilfsgüter in den Norden des Landes, um uns auf eine Rückkehr der internationalen Helfer nach Afghanistan vorzubereiten", sagte er am Dienstag in Islamabad dem Deutschlandfunk. In Genf forderte UNHCR-Sprecher Ron Redmond die Kriegsparteien zur Schonung der Zivilbevölkerung auf. Ein Team von "Ärzte ohne Grenzen" kehrte bereits am Dienstag nach Kabul zurück.

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Vorsicht, Falle

Die Bomben auf Afghanistan beschleunigen den Zusammenbruch der Taliban-Diktatur - jetzt sucht die von widerstreitenden Interessen gefesselte Diplomatie keuchend Anschluss

Von Karl Grobe

Zwei Kartenhäuser sind in der Nacht zum Dienstag zusammengebrochen: die Herrschaft der Taliban - wenigstens im nicht paschtunischen Norden und in Kabul - und die ohnehin unreifen Pläne der von den USA geführten Allianz, der Nachbarstaaten sowie mancher Hintermänner der untereinander zerstrittenen taliban-feindlichen Verbände. Das nächste Kartenhaus wird derweil gebaut, von der Nordallianz. Sie sieht sich als Sieger des Tages und übersieht, dass noch viele Tage folgen werden. Tage, in denen die inneren Widersprüche wieder aufbrechen werden und auswärtige Mächte ihre Interessen durchzusetzen suchen.

Die großen Städte sind offenbar von der Herrschaft der Taliban befreit; aber die seit fünf Jahren unerhörten Dinge wie Rundfunkmusik, Tanz, der Fall der Schleier und der ungehinderte Gang zum Friseur sind noch längst nicht Freiheit. Allenfalls sind sie deren Vorboten. Sie kündigen auch nicht den Frieden an, den Afghanistan seit 22 Jahren nicht hat. Sie sind nur Symbole für den Abgang einer in den Städten (vielleicht nicht einmal in allen Städten) verhassten und gefürchteten terroristischen Diktatur. In den Dörfern hatte ohnehin bis zur Invasion aus der Sowjetunion islamische Tradition gegolten. Der Widerstand galt den Taliban dort, wo sie Fremde waren, nämlich Paschtunen. Er wurde auch durch ihre administrative Unfähigkeit genährt, aber richtete sich gar nicht so sehr gegen ihren ins Primitiv-Hyperradikale verzerrten Islamismus.

Der Bombenkrieg war der Faktor, der den Zusammenbruch der Taliban in den Städten entscheidend und in der Dynamik unerwartet beschleunigt hat. So sehr, dass die von widerstreitenden Interessen gefesselte Diplomatie nun keuchend Anschluss sucht. Drei Tage erst ist es her, dass die Präsidenten der USA und Pakistans die Nordallianz vor dem Einmarsch in die Hauptstadt zurückzuhalten versuchten.

Doch deren Vortrupps blieben nicht am Ortsschild stehen; wie sollten sie auch, da es ihnen - jeder einzelnen Fraktion - um Schlüsselpositionen in Kabul geht. Die Rivalitäten bleiben und werden ebenso weiterhin ausgekämpft wie die Gegensätze zwischen den Ethnien, die erst durch die lange andauernden Kriege zu permanentem Waffengang eskaliert sind. Bündnisse wanken und wandeln sich. Dass in Peschawar an einer paschtunischen Gegen-Regierung gegen die Nordallianz gezimmert wird, ist ein Vorbote kommender Kämpfe. Ein greiser König und die fernen UN sind mit der Aufgabe der Schlichtung und des Zusammenführens überfordert; an auswärtigen Interessen, die mit dem Öltransportgeschäft zusammenhängen, und internen, deren Gegenstand der Drogenhandel ist, können sie nur scheitern.

Zu alledem müssen die Millionen in den Städten dringend versorgt werden. Vor dieser Aufgabe haben die Taliban sich davongestohlen; das mag auch ein Hintergrund ihrer raschen Absetzbewegung sein. Eine Hungerrevolte hätte ihre Macht mehr bedroht als ein Aufstand gegen die Diktatur als solche; sie mögen, wenn die Außenwelt die Not nicht rasch und entscheidend lindern kann, gar noch aus dem Elend politischen Nutzen ziehen. Besiegt sind sie, geschlagen nicht. Was kommt, ist nicht einmal auf kurze Frist vorauszusagen. Eine Eingreif-Vollmacht, die einer Regierung blanko für ein Jahr ausgestellt wird, kann unter diesen Voraussetzungen nur einen Weg öffnen: den in ungewisse Verwicklungen. Für unbekannte Aufgaben und Ziele gibt es aber kein Mandat. Vorsicht: Falle.

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