"anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Infopaket 5: verschiedenes aus Deutschland und New York

Freitag, 14. September 2001

Dieses Infopaket beschäftigt sich mit der Stimmung in Deutschland, mit Selbstmord und dem Koran, mit Anteilnahme und Haß in Deutschland und anderswo.

Selbstmordanschläge mit dem Islam vereinbar?

von Reinhard Baumgarten, ARD-Korrespondent in Kairo

Der Islam ist eine monotheistische Religion, in der es nur einen Gott gibt, aber kein monolithischer Block, in dem Einigkeit herrscht. Die rund 1,2 Milliarden Anhänger des Islam weltweit unterteilen sich in gut 10 Prozent Schiiten und 90 Prozent Sunniten. Im sunnitischen Islam gibt es vier Rechtsschulen, die in wichtigen theologischen Fragen zum Teil sehr voneinander abweichen. In der Frage, ob Selbstmordattentate theologisch zu rechtfertigen sind, gibt es zwei sich gegenüber stehende Lager: Abdel Aziz al-Scheich, der Mufti von Saudi Arabien, hat im April erklärt, Attentate, bei denen sich Palästinenser in die Luft sprengen, seien Selbstmord. Selbstmord ist im Islam verboten, weil der Mensch nicht nehmen soll, was Gott gestiftet hat.

"Wer kämpft, soll nicht maßlos im Töten sein"

Großscheich Muhammad Tantauwi von der Kairoer Al-Azhar Universität hält dem entgegen, Selbstmordanschläge seien mit dem Islam durchaus vereinbar. Wer sich mit Sprengstoff bepackt in die Luft jage und dabei Feinde töte, der habe als Märtyrer zu gelten, dem Gott die Freuden des Paradieses zuteil werden lasse. Eine Einschränkung allerdings macht der ägyptische Großscheich: Der Anschlag darf sich nicht gegen Frauen, Kinder und Alte richten. Befürworter und Gegner von Selbstmordanschlägen berufen sich auf den Koran. Der Koran besteht aus 114 Teilen, den sogenannten Suren, und ist die unumstößliche Glaubensgrundlage des Islam. In Sure 17, Vers 33 heißt es: Wer kämpft, soll nicht maßlos im Töten sein. Selbstmordattentate, bei denen zumeist Unschuldige zu schaden kommen, lassen sich durchaus als maßlos einstufen. Dem halten die Befürworter von Selbstmordattentaten allerdings andere Koranzitate entgegen, denn in den Suren 61, Vers 11 und 9, Vers 41 heißt es, dass die Muslime beim Kampf gegen ihre Feinde mit ihrem Vermögen und ihrer eigenen Person in der Pflicht stehen. Wenn es sich nun um derart hochgerüstete und militärisch überlegene Feinde handelt wie Israel und die USA, dann, so die Befürworter, muß jedes Mittel recht sein. Zumal im Islam auch der Grundsatz gilt: Verfolgung ist schlimmer als der Tod.

Amerika als Feind des Islam

Warum aber die Anschläge in den USA? Vorausgesetzt es waren wirklich nahöstliche Attentäter, dann haben sie in der festen Annahme gehandelt, einen heiligen Krieg gegen den schlimmsten Feind des Islam zu führen. Denn Amerika steht für alles, was religiös verbrämte Terroristen hassen: Westliche Werte, westliche Überlegenheit, westlicher Führungsanspruch. Das aber ist für die fanatisierten islamischen Glaubenskrieger völlig inakzeptabel, weil Gott so ihre feste Überzeugung - die Muslime zur auserwählten Gemeinschaft bestimmt hat, und der Islam die letztlich alleingültige Religion ist, die es mit allen Mitteln zu verbreiten gilt. © WDR 2001

Der laute und der leise Patriotismus

Während im Weißen Haus Pläne für den Vergeltungsschlag vorliegen, sind draußen auch andere Stimmen zu hören

Von Dietmar Ostermann (Washington)

Es ist das Gefühl, das einen Mann wie Oberstleutnant Michael Craig schon beim Blick aus dem Fenster seines Büros beschleicht. In der demolierten FünfeckFestung des Verteidigungsministeriums schaut der Luftwaffenoffizier aus der verrußten Fassade des Pentagons auf Schuttberge, die vor kurzem noch Wände und Türen und Pulte von Kollegen waren, nur ein Stück weiter den Gang entlang. Und auch viele Kollegen liegen da noch irgendwo: zerrissen von der heimtückischen Flugzeugbombe, verbrannt in der gleißenden Kerosinwolke, die sich hier vor drei Tagen durch die Mauern fraß. "Einige dieser Jungs waren wahrscheinlich Veteranen von Desert Storm, Bosnien oder Kosovo", glaubt Craig, "wer hätte gedacht, dass sie getötet werden, während sie im Pentagon an ihren Schreibtischen sitzen."

Was gibt es da noch zu fragen, ob Amerika in den Krieg ziehen wird? "Wir sind im Krieg", erklärt der Pförtner die verschärften Sicherheitsmaßnahmen. Unten, Parterre im Pentagon, hat jemand ein mit fahriger Hand gemaltes Pappschild an die Wand gehängt: "Wir kriegen Euch!" "Jeder hier", sagt vor dem Eingang ein Offizier mit grimmigem Blick, "ist bereit, das Äußerste zu tun. Wir haben nicht mehr Angst vor dem Tod als diese Hunde." Man wird mit nicht gekannter Wucht zurückschlagen, davon ist er überzeugt, und wer glaubt, dass es mit ein paar Cruise-Missiles auf Zeltlager im Pamirgebirge oder die Trümmerstadt Kabul getan sein wird, der hat noch nicht verstanden, wie die verwundete Supermacht in diesen Tagen fühlt.

Immer und immer wieder laufen auf allen Fernsehkanälen die Horrorbilder vom Dienstag, stürzen ein ums andere Mal die Zwillingstürme des Welthandelszentrums, rennen blutüberströmt Menschen aus dem Inferno. Szenen von übermüdeten Hinterbliebenen haben sich dazugesellt, deren Schmerz, aber auch Wut die Nation jetzt aufsaugt. "Ich hätte doch da sein müssen", sagt verzweifelt eine Frau, deren Mann ihr den Abschiedsgruß nur auf den Anrufbeantworter sprechen konnte, weil sie gerade Zigaretten holen war.

In New York, an der ersten Front, hat es die größten Verluste gegeben. 6000 Leichensäcke hat der Bürgermeister der Stadt inzwischen angefordert. Wie im Gefecht aufgeriebene Kompanien werden die Namen der verschollenen Feuerwehrzüge verlesen. Zug 132, 105 und 33 werden komplett vermisst. Es sind die ersten Helden dieses Krieges. An der zweiten Front wartet man nun auf den entscheidenden Durchbruch. 7000 Mitarbeiter hat die Bundespolizei FBI für die Ermittlungen abgestellt, ein Drittel der gesamten Belegschaft. Allein 4000 Agenten gehen weltweit allen noch so vagen Spuren nach. "Wir werden jeden Stein umdrehen, um die Schuldigen zu finden", hat FBI-Chef Robert Mueller versprochen.

Sobald man diese Schuldigen mit als ausreichend erachteter Sicherheit kennt, wird die dritte Front eröffnet. Nur Stunden nach den Anschlägen haben Henry Shelton, der Generalstabschef, und sein nominierter Nachfolger Richard Myers sich am Dienstagnachmittag im bunkerartigen "war room" des Pentagons zusammengesetzt. Nicht die Rettungsarbeiten wurden hier koordiniert, sondern Einsatzpläne geschmiedet. Shelton und Myers haben sich mit ihren Stäben und den Kommandeuren in Asien, Europa und dem Nahen Osten beraten. Das Ergebnis liegt inzwischen im Weißen Haus: militärische Optionen für den Vergeltungsschlag, über den die politische Führung entscheiden muss.

Von massiven Bombenangriffen bis zur Landung von Spezialtruppen am Boden sollen die vorbereiteten Varianten reichen. Die aus Vietnam bekannten "Seal"-Teams der Marine, "Delta Force" des Heeres und die Sondereinheit "Team 6" können ab Marschbefehl in 48, spätestens 72 Stunden an jedem Ort der Welt landen, um ein Terroristencamp auszuheben oder einen Brückenkopf zu bilden.

"Wir sind weit davon entfernt, irgendwelche konkreten militärischen Ziele auszuwählen oder zu entscheiden, wie wir diese Ziele angreifen", hatte Colin Powell, der Außenminister, noch am Mittwoch Erwartungen auf einen raschen Vergeltungsschlag gedämpft. Aber die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, auch wenn noch immer nicht klar ist, wer außer dem schon ins Visier genommenen Radikalislamisten Osama bin Laden und seinem Terrornetzwerk eigentlich der Feind ist in diesem Krieg. Staaten, die Terroristen beherbergen, hat Präsident Bush ebenfalls gedroht. Was aber das konkret heißt, wenn man inzwischen weiß, dass einige der Attentäter sich in den USA selbst, bis hin zu Flugstunden, mindestens ein Jahr auf den Anschlag vorbereitet haben, bleibt offen.

Trotzdem wurden die Erwartungen bislang eher geschürt. "Sehr, sehr viel wird von Euch in den kommenden Wochen und Monaten verlangt werden. Das gilt vor allem für diejenigen draußen im Feld", hat Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in einem patriotischen Appell die eigene Truppe vorbereitet. Das klang eher nach einem Feldzug als nach einem Vergeltungsschlag. Anders als bei früheren Missionen muss die Administration aus dem Kongress keinen Widerstand befürchten, vorerst zumindest. Eben noch wurde um 1,3 Milliarden Dollar mehr oder weniger für die geplante Raketenabwehr gestritten. Jetzt wird man zusätzlich von der Regierung angeforderte 20 Milliarden Dollar überparteilich durchwinken, der Großteil davon zur "Terrorismusbekämpfung". "Ich sage unserem Feind: Wir kommen", polterte der republikanische Senator John McCain wie im Wettstreit mit seinen Kollegen um die entschlossenste Pose.

Wer sich freilich auf den Straßen umhört, vernimmt durchaus auch andere Töne. "Bush spielt jetzt den harten Mann, weil er am Dienstag ängstlich in den Bunker gerannt ist", sagt ein Afroamerikaner vor einer Frittenbude in Washingtons L-Street: "Ich will keinen Krieg, ich will meine Ruhe." Daran, dass der Präsident in der Stunde der Gefahr zunächst von Bunker zu Bunker geflogen ist, regt sich jetzt auch in Zeitungen vorsichtige Kritik.

Und hätte der Präsident in der Nacht zum Donnerstag am Fenster des Weißen Hauses gelauscht, er hätte einen weniger polternden Patriotismus vernommen. Zu Hunderten sind sie da gekommen mit Kerzen und mit Fahnen. Hinten plätschert der Springbrunnen, davor wird gesungen. Gestern war hier noch Sperrzone. Heute darf man wieder auf den Steinsockel der gusseisernen Umzäunung am Weißen Haus steigen, jedenfalls dann, wenn man dabei "God bless America" in den Sternenhimmel summt. Junge Leute sind das zumeist, in Turnschuhen und Jeans, nur hin und wieder ein Anzug, aber das können auch die Herren von der Sicherheit sein. Ein Mädchen weint, jemand tröstet sie; drüben hat sich wer in ein Fahnentuch gehüllt.

Wer zuerst warum gekommen ist, weiß niemand so genau. Ein paar Studenten waren es wohl, die zuvor drüben am Kapitol den Abgeordneten gelauscht hatten, die noch einmal Größe und Kraft der Nation im Angesicht des Terrors beschworen. Anschließend waren die jungen Menschen zum Weißen Haus gepilgert, wo sie jetzt seit Stunden ausharren. Immer mehr kommen dazu, froh, nun endlich etwas tun zu können, auch wenn sich das vorerst auf das Absingen der Nationalhymne beschränkt. "Das Schlimmste war, alles im Fernsehen ansehen zu müssen und nichts tun zu können", sagt Pam, die an der Georgetown University Geschichte studiert.

Irgendwann wird ein junger Mann auf einen jener Betonpfeiler klettern, auf die nun überall Kerzenwachs aus angesengten Plastikbechern kleckert. Im schlabberigen Hemd wird er dastehen, die Hände in den Hosentaschen, schmächtig, aber entschlossen, jetzt irgendetwas zu sagen zu der Menge. Er wird die schwarze Mähne nach hinten werfen und einfach anfangen zu erzählen. Von seinen Verwandten, die im World Trade Center waren und noch glücklich herauskamen, bevor alles zusammenbrach. Davon, dass man nun zusammenstehen müsse, nicht nur hier in Amerika, sondern überall in der Welt. Auch mit jenen, die nicht erst jetzt, sondern immer schon schreckliches Leid zu tragen hatten. Denen müsse man helfen, denn aus Leid werde Hass und aus Hass eben Terror. Da brandet Beifall auf, und der junge Mann klettert, wie von einer Last befreit, wieder herunter.

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Fast alle drei Meter eine orangefarbene Hülle

In Trümmern versucht New York, zur Normalität zurückzukehren - doch die Stimmung in der Stadt bleibt spürbar angespannt

Von Gerti Schön (New York)

Am dritten Tag nach der Stunde Null versucht New York City halbwegs zur Normalität zurückzukehren. Außer im Katastrophengebiet südlich der 14. Straße werden am Donnerstag die Schulen, Brücken und Straßen wiedereröffnet. In den Geschäften herrscht fast routiniertes Treiben, wären da nicht überall die Fernsehbilder, die den Menschen zum Frühstücksbagel eine harsche Dosis Verzweiflung seitens der Angehörigen der Opfer mitservieren, die manchem den Appetit verdirbt.

Am Mittwochmorgen entstand vorübergehend Hektik, als auf Staten Island Hinweise gefunden wurden, dass ein Fluchtauto der mutmaßlichen Terroristen hier geparkt war. Die Brücken auf die kleine Insel wurden abgeriegelt, aber bald wieder geöffnet. Die Verdächtigen waren wahrscheinlich kurz zuvor geflüchtet. Am Donnerstag, gleich nach Wiederöffnung der Flughäfen, wird kurzfristig der Airport La Guardia geräumt: Zwei arabisch aussehende Männer provozierten mit bloßen Bemerkungen, vielleicht Drohungen, Sicherheitsleute so weit, dass diese sie abführten.

Am Rand der Absperrung zum World Trade Center stehen Tag und Nacht aufgewühlte New Yorker, die den Hilfstrupps, die in die so genannte "Zone Null" vordringen, aufmunternd zurufen und klatschen. Doch die Stimmung unter den Rettungsmannschaften ist gedrückt. Seit Mittwochmorgen sind keine weiteren Überlebenden aus den Trümmern mehr geborgen worden. Mit Hunden streifen die Fachleute durch den Schutt, aber selbst manche Tiere laufen überfordert und konfus umher.

Verbissen graben die Feuerwehrleute zum Teil mit bloßen Händen im Schutt, in der verzweifelten Hoffnung, Leben zu retten. Doch die Verwundeten, die in die umliegenden Hospitäler eingeliefert werden, sind selbst Rettungskräfte, die Rauchvergiftungen oder Quetschungen erlitten haben. Ausdrücklich betonen die Feuerwehrleute, dass sie zum Leben Retten hier seien, nicht zum Aufräumen. Statt Überlebender finden die Helfer Leichenteile. 30 000 Leichensäcke hat Bürgermeister Rudolph Giuliani zur Verfügung gestellt. "Man sieht eine orangefarbene Hülle fast alle drei Meter", sagt ein Helfer.

Inzwischen steigen zunächst betäubte und durch Betriebsamkeit unterdrückte Emotionen mit aller Intensität hoch. Die Übertragungswagen der Fernsehsender, die so nah wie möglich an der Unglücksstelle parken, sind bepflastert mit Fotos und Beschreibungen von Vermissten. Menschen schluchzen in die Kameras, Reporter versuchen hilflos, Mitgefühl zu zeigen.

Die 64-jährige Anna Szelnik ist seit 24 Stunden auf den Beinen. Sie geht von Krankenhaus zu Krankenhaus, um ihren Sohn zu finden. Sie spricht kaum, beschreibt schematisch immer wieder, wie ihr Sohn aussieht. Eine junge Frau, die ihren Mann vermisst, schluchzt: "Ich wünschte, ich könnte aufwachen."

Je bewusster sich die Menschen darüber werden, was über sie gekommen ist, desto heftiger die Gegenreaktion: "Ich bin stolz, Amerikanerin zu sein", sagt eine junge Frau in Midtown. Neben ihr steht ein Kollege, auf seinem Pullunder eine US-Flagge. Er ballt die Faust. "Wir werden die Trümmer aufsammeln und umso gestärkter weitermachen." Von politischer Seite kommen erste Anregungen, das World Trade Center wiederaufzubauen. "Genau, und baut es größer, als es gewesen ist, und mit einem dicken Stinkefinger außen drauf", sagt ein zynischer New Yorker.

Besorgt über eine neue Eskalation von Gewalt ist vor allem die arabische Gemeinde. Obwohl in den arabischen Zentren in Astoria/Queens und Flatbush/Brooklyn noch keine Vorkommnisse bekannt geworden sind, fühlen sie sich durch die verbalen Drohungen, die in anderen Teilen des Landes vorkamen, eingeschüchtert. Viele sagen, dass die Araber in New York unschuldig und empört über das Attentat seien. "Bin Laden steht nur für sich allein", sagt ein immigrierter Marokkaner. 43 Milliarden für Reparaturen

WASHINGTON (ap). US-Präsident George W. Bush will den Kongress um Sondermittel in Höhe von umgerechnet 43,2 Milliarden Mark bitten, um die Behebung der Terrorschäden zu finanzieren. Damit sollen das Pentagon wieder aufgebaut, die Trümmer des World Trade Centers beseitigt, Rettungseinsätze finanziert und Sicherheitsmaßnahmen verstärkt werden.

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Nur wenige stören die ungewohnte Stille

Deutsche gedenken der Opfer der Terroranschläge

Von unseren Korrespondenten

Fünf Minuten lang sollten die Bundesbürger am Donnerstag still halten, schweigen, des Terrors gedenken. Längst nicht alle hielten sich daran.

Die U 2 Richtung Pankow fährt um 9.59 Uhr im Bahnhof Alexanderplatz ein und hält. Eine ältere Frau legt ihr Rätselheft weg und kramt eine Boulevardzeitung aus der Tasche. Dann ertönt eine getragene Männerstimme: "Sehr geehrte Fahrgäste, in Gedenken an die Opfer der Terroranschläge in Amerika ruht der Zugverkehr bis 10.05 Uhr." Die Frau legt die Zeitung weg und schweigt. Alle schweigen. Die U-Bahn in der Gegenrichtung fährt ein, Menschen steigen ein und aus. Schweigend. Ein stehender Mann schließt die Augen. Ein Pärchen sitzt in der Bahn, beide in schwarz, seine Augen werden feucht. Das Summen der U-Bahn-Motoren ist das Lauteste, was noch zu hören ist. Zehn Uhr in Deutschland.

"No bavarian show", "No music", belehrt ein Schild am Münchner Hofbräuhaus die Touristen. Macht nicht's: Auch um diese Zeit drängt eine Reisegruppe aus Amerika durch die leeren Bankreihen. Hier ein Foto, da eine Filmaufnahme. "Trinken Sie das Bier aus so großen Gläsern?", will eine Frau wissen und erhält höflich Auskunft. Wenige Meter entfernt in der Orlandostraße bestückt der Besitzer eines Souvenirladens die Regale mit neuer Ware. Ach ja, die Schweigeminute, sagt er und schaut auf seine Armbanduhr. "Das haben wir jetzt verpasst, zu viel zu tun."

Viel zu tun hat offensichtlich auch die Hamburgerin, die an diesem Morgen durch das Elbe-Einkaufszentrum an der Osdorfer Straße stöckelt. Böse Blicke von vier Männern im roten Overall folgen ihr. Sie ist die einzige, die die ungewohnte Stille stört. Alle anderen sind dort stehen geblieben, wo sie sich gerade aufhielten.

Auch das Kaufhaus des Westens schweigt. Die Gourmetabteilung gleicht einem Wachsfigurenkabinett, nur die Rolltreppen surren. Die drei Verkäuferinnen an der Tortentheke stehen unbeweglich und doch bewegt vor einem halben hundert Fruchttörtchen. Für einen kurzen Moment scheint die Zeit im sechsten Stock dieses prächtigen Berliner Konsumtempels stillzustehen. Angestellte und die wenigen Kunden verwandeln sich zu Schaufensterpuppen auf den weißen und grauen Fliesen - wortlos, bewegungslos, ratlos.

Von den Baustellen am Brandenburger Tor hallen um kurz nach zehn hohle Hammerschläge herüber, Autos hupen, ein Gelbbehelmter macht sich an der Quadriga zu schaffen und natürlich klingelt irgendwo ein Handy. Die Telekom, immerhin, hat ihre haushohe Reklame am Berliner Wahrzeichen mit einem schwarzen Transparent verhüllt. "Wir trauern - our deepest sympathy" steht darauf. Gegenüber, vor einem quietschbunten Berliner Plastikbären, der Handstand macht, haben sich rund 150 Menschen, zumeist Schüler, versammelt. Wortfetzen: "hey, das sieht richtig geil aus", "na, wenn ick Hunger hab", "Bella! Hast du's doch noch geschafft", "Afghanistan". Kurz danach setzt sich der schnatternde Zug in Bewegung, gerahmt von Kameraleuten, in Richtung US-Botschaft. Zurück bleibt der stumme Bär - auf seinem rechten Fuß eine Grabkerze.

Die US-Botschaft ist auch das Ziel der Menschen, die zu diesem Zeitpunkt den Berliner Lustgarten durchqueren. Der DGB hat zu einer Trauerdemonstration gerufen und rund 200 Menschen sind gefolgt. Auf ihrem Weg durch den Berliner Regen werden es immer mehr: Mitarbeiter des Bankenverbandes schließen sich an und kurz darauf auch die Angestellten der Arbeitgeber- und Industrieverbände. Viele von ihnen tragen rote Nelken und weiße Rosen, die sie den Beamten an der Botschaft überreichen werden. Auch DGB-Chef Dieter Schulte schweigt. "Seit dem Terror", hat er vor wenigen Minuten gesagt, "ist nichts mehr, wie es war."

Wenige hundert Meter weiter fließt der Verkehr wie gewohnt durch die John-Foster-Dulles-Allee. Doch kurz hinter dem Haus der Kulturen der Welt blockiert ein Wohnmobil aus Cuxhaven den anderen die Weiterfahrt. Fahrräder und großes Kinderspielzeug hat der Berlintourist am Wagenheck festgeschnürt. Er blickt hinüber zum Glockenturm um den herum Menschen im Halbkreis stehen. Sie schweigen, blicken zu Boden. Die Glocken läuten. Die Fotografen schweigen, aber schießen dabei Bilder. Auf denen wird man sehen, wie ein Koch aus der dunklen Menge heraussticht. Tadellos weiß ist sein Hemd. Dann wird der Blick auf einen mittelgroßen Mann in seiner Nähe fallen. Obwohl es kühl ist, trägt er nur einen dunklen Anzug. Der Wohnmobiltourist kann sich von diesem Anblick nicht lösen. Er hat den Kanzler gesehen, ganz aus der Nähe.

Zur selben Zeit ertönt am U-Bahnhof Alexanderplatz eine Frauenstimme: "Zug nach Ruhleben, Einsteigen bitte. Zug nach Pankow, Einsteigen bitte." Die Züge fahren gleichzeitig ab.

"Tja", sagt eine Frau. Fünf nach zehn in Deutschland.

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"Ich habe Angst, auf die Zeil zu gehen" Muslime fühlen sich "beleidigt und beschimpft"

Wenn Blicke töten könnten, wären wir alle tot", stellt die Sprecherin der Islamischen Religionsgemeinschaft fest. Seit Tagen höre sie am Telefon von "Kindern, die heulend aus der Schule kommen, von Frauen, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen, nachdem einige tätlich angegriffen worden" seien. Auch werde sie, die es inzwischen nicht mehr wagt, zur Veröffentlichung ihren Namen zu buchstabieren, "beleidigt und als Mörder beschimpft". Die Repräsentantin von etwa 11 000 hessischen Muslimen sieht die Ereignisse in den USA für manchen "als Legitimation, uns fertig zu machen". Man werde doch aber nicht "1,3 Milliarden Moslems mit Terroristen gleich setzen wollen".

Auch Maurice Estephan, Vorsitzender der Palästinensischen Gemeinde Hessen, äußert sich "empört über die Versuche, uns die Anschläge in die Schuhe zu schieben". Die Fernsehbilder von jubelnden Palästinensern hätten "die allgemein in Deutschland vorhandene, nicht gerade araberfreundliche Stimmung" geschürt. Bekannte berichteten, dass sie auf der Leipziger Straße als "Scheiß-Araber" beschimpft worden seien. "Wir müssen jetzt sehr vernünftig handeln und genau überlegen, da sind auch die Medien gefordert", rät Estephan. "Wir fühlen mit den Amerikanern", versichert er.

Im gleichen Tenor äußert sich Bahman Nirumand, der Geschäftsführer der Frankfurter Kommunalen Ausländervertretung: "An den Schulen, auf den Straßen, in den Geschäften, ist bereits eine Aversion gegen ,islamisch aussehende' Menschen spürbar", stellt der gebürtige Iraner fest, der "gottseidank" die doppelte Staatsbürgerschaft besitze. Die "Gegenüberstellung zivilisierte - islamische Welt" hat in seinen Augen "ganz schlimme Folgen". "Ich bin wütend und hilflos", berichtet Nirumand - "die Arbeit, die wir seit Jahrzehnten geleistet haben, wird durch solche Attacken zunichte gemacht".

"Die alte Kollegialität ist vorbei", urteilt Hadayatullah Hübsch, der Sprecher der muslimischen Amadiyya-Gemeinde an der Babenhäuser Landstraße - der "Schutzfilm zwischen den Deutschen und denen, die andersfarbig sind, wird brüchig". In der kleinen Moschee auf dem Sachsenhäuser Berg hätten sie am Mittwochabend zusammengesessen und diskutiert "über diesen Akt der Barbarei, für den es vor Gott keine Legitimation gibt". Diese "Fanatiker mit ihren verrückten Vorstellungen vom Koran" hätten von der heiligen Schrift her "keine Legitimation", unterstreicht Hübsch. Die "Ungeheuerlichkeit dieser Angriffe" habe den hier lebenden Muslimen "große schwere Angstzustände" gebracht. Und zwar wegen der "Schwarz-weiß-Malerei in der Öffentlichkeit - die zivilisierte Welt differenziert nicht mehr, sondern fanatisiert sich."

Zur Frankfurter Amadiyya-Gemeinde gehören bis zu 4000 Gläubige; der Immobilienmakler Mohammed Safdar Rana, gebürtiger Pakistani, ist Mitglied. Eineinhalb Tage lang, so sein Bericht, habe er nach den Anschlägen aus Angst nicht das Haus verlassen. Gestern noch äußerte er: "Ich traue mich nicht, auf die Zeil zu gehen." Als Rana seinen jüngsten Sohn morgens in den Kindergarten brachte, schien es ihm: "Die Leute, die mich gesehen haben, reagierten wie im Schock." Dabei, so der gläubige Moslem, sei es "immer mein Lebensmotto gewesen: "Liebe für alle, Hass für keinen." Er habe "im ganzen Koran kein Beispiel dafür gefunden, dass Gott sagt, man solle froh sein, wenn man Nicht-Muslime getötet hat".

2800 Menschen aus Afghanistan leben in Frankfurt. Viele haben Angst vor einem militärischen Angriff der USA auf ihr Heimatland. So auch die seit 16 Jahren in Frankfurt lebende Schriftstellerin Khaleda Niazi: "Natürlich empfinde ich tiefes Mitgefühl für die Amerikaner, gleichzeitig hoffe ich, dass jetzt nicht mit Hass geantwortet wird. Das wäre nicht fair einem Volk gegenüber, das seit 23 Jahren im Kriegselend lebt, hungert und leidet." Sie selbst erlebe keine Anfeindungen, aber ich kann mir vorstellen, dass es meinen Landsleuten in Heimen oder Unterkünften anders geht." Ihre Landsfrau, Dr. Alema vom Solidaritätskomitee Afghanischer Frauen, äußert sich ähnlich: "Wir verurteilen solche terroristischen Anschläge, leider sitzt Bin Laden in Afghanistan, das hat aber nichts mit unserem Volk zu tun." Auch sie habe nicht von aggressiven Ausfällen gegen Afghanen in Frankfurt gehört: "Die Deutschen verstehen uns, die wissen ja dass wir hier im Exil gegen das barbarische Regime der Taliban sind."

Schließlich versuche man "seit Jahren vergeblich, die Aufmerksamkeit der Welt auf die Taliban und ihre Verbindung mit Bin Laden zu lenken". Große Angst hat die Vertreterin des Solidaritätskomitees vor einem militärischen Schlag der USA gegen ihre Heimat: "Damit würde nur das afghanische Volk getroffen. Terrorismus kann man mit einem Militärschlag nicht besiegen." Alemas Mutter und Geschwister leben in Afghanistan: "Ich hatte seit Dienstag keinen Kontakt mehr, weil die Leitungen seit den Explosionen am Flughafen in Kabul unterbrochen sind."

Die Ärztin Marium Atmar, seit 22 Jahren in Deutschland, hat bisher keine Probleme gehabt: "Ich arbeite im Krankenhaus und wir verstehen uns dort sehr gut. Schließlich können sich vernünftige Menschen denken, wie die Lage ist: Diese Terroranschläge haben meiner Meinung nach nichts mit Religion zu tun." Sie bangt mit ihren Landsleuten: "Es wäre nicht fair, wenn mein Land, wenn zehn Millionen Afghanen, die Geiseln in der Hand der Fundamentalisten sind, jetzt angegriffen würden - das macht mir Angst."

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Attentate ______________________________________________________________________

Öffentlich geäußerte Freude soll bestraft werden

GÖTTINGEN, 13. September (dpa). Wegen seiner öffentlich geäußerten Freude über die Attentate in den USA, die eine unbekannte Zahl von Todesopfern und eine eben so wenig feststehende Zahl an Verletzten gefordert haben, hat die Göttinger Polizei ein Strafverfahren gegen einen Mann aus dem früheren Jugoslawien eingeleitet. Dem 27-Jährigen wird die Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener vorgeworfen.

Nach Angaben der Polizei vom Donnerstag hatte der Mann während einer Polizeikontrolle mehrfach versichert, er sei Moslem und daher froh darüber, was in den Vereinigten Staaten passiert sei. Gegen den 27- Jährigen waren schon zuvor diverse Strafverfahren gelaufen.

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Zeitenwende

Abschied vom Optimismus

Von Ulrich Speck

Der 11. September erscheint schon jetzt als Tag einer weltgeschichtlichen Zäsur. Alle Versuche, die Ereignisse in irgendeine Form von Normalität zu bannen, sie einzuordnen etwa in die Geschichte der Attentate und Terroranschläge, prallen ab an den monströsen Fakten. Die Wucht der Ereignisse verschlägt einem immer wieder den Atem. Dass nichts mehr sein wird wie es war, hört und liest man überall, und tatsächlich ist der 11. September bereits als Tag einer weltgeschichtlichen Zäsur erkennbar, weil er nicht nur die offizielle Politik verändert, sondern auch tief in die Mentalitäten eindringt. In der Sprache Fernand Braudels: Die Attentate spielen sich zwar auf der Ebene der "Wellenkämme" der Ereignisse ab, doch sie berühren und verändern zugleich Tiefenstrukturen des kollektiven Bewusstseins.

Zunächst dominiert der Eindruck einer merkwürdigen Wiederkehr: Wie in Zeiten des Kalten Krieges spricht man wieder von der "freien Welt", von "Zivilisation" und "Barbaren", ja vom Kampf des "Guten" gegen das "Böse". Frappierend dabei ist, dass man diesmal dazu neigt, solche politisch-moralischen Kampfbegriffe nicht bloß als hohle Rhetorik abzutun. Auch das Gefühl einer latenten, untergründigen Panik ist zurückgekehrt: Was früher "the German Angst" war, jenes vor allem in den achtziger Jahren florierende und flottierende Gefühl einer massiven und zugleich nicht fassbaren Bedrohung, hat jetzt Amerika und die gesamte westliche Welt erreicht - und ist auch in Deutschland zurückgekehrt. Wenn man in diesen Tagen Polizeisirenen hört, zuckt man unwillkürlich zusammen. New York ist überall.

Mit den Angriffen auf die Twin Towers und auf das Pentagon geht eine Epoche des Optimismus zu Ende, die vor knapp zwölf Jahren, mit dem Fall der Mauer begann. 1989 und 2001: Zwei Ereignisse, die gleichermaßen jeden Vorstellungsrahmen sprengten, die jede cineastische oder literarische Phantasie überboten haben. Zweimal geschieht das Undenkbare und hebt für einen Augenblick allen Glauben daran aus den Angeln, man habe die Dinge politisch und technisch im Griff. War der Fall der Mauer ein Symbol dafür, dass aus zwei verfeindeten Welten eine werden würde, so ist der 11. September ein Symbol dafür, dass diese eine Welt nicht nur ein paar noch zu kittende Risse hat, sondern antagonistische Gegenwelten aus sich hervorzubringen scheint. Verstörend dabei ist, dass die Bedrohungen keineswegs aus der erwarteten High-Tech-Ecke stammen - wie Angriffe auf die Computer des Pentagon -, sondern geradezu primitiv daher kommen: Mit dem Flugzeug gegen Wolkenkratzer. Eine Kinderfantasie.

Der 9. November 1989 bezeichnete das Ende eines von Weltuntergangsphantasmen geprägten Zeitalters und den Beginn einer auch inneren Entspannung: Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. Die befürchteten Unruhen in Osteuropa blieben aus, bis auf den Balkan, der zwar irritierte, aber dennoch nicht die Überzeugung erschütterte, jetzt habe man doch irgendwie alles im Griff, die Dinge würden von nun an ihren vernünftigen Gang gehen. Selbst im israelisch-palästinensischen Konflikt würde sich, wenn nicht jetzt, so doch zumindest in den nächsten Jahren irgendwann die kommunikative Vernunft, der Verhandlungsweg durchsetzen. Was blieb, war nicht viel mehr als Aufräumarbeiten nach dem Kalten Krieg.

Der 11. September 2001 hat diesen Optimismus erschüttert, wenn nicht sogar zerstört. Es ist der Tag, an dem die Bilder der Apokalypse aus der Geschichte und aus den Kinos in die alltägliche Lebenswelt gewandert sind: Krieg in Manhattan. Das nie ganz wirkliche Gefühl einer Leichtigkeit des Seins, an dem man trotz aller Unerträglichkeit Geschmack zu finden begann, ist verschwunden, noch bevor man es so richtig genießen konnte.

Copyright © Frankfurter Rundschau 2001

Das jüngste Gericht

Die arabischen Medien fürchten, Muslime werden künftig mit Terroristen gleichgesetzt

Die arabische Welt war in den Stunden nach den Terroranschlägen in den USA ein Teil des "global village". Im ersten ägyptischen TV-Programm liefen den ganzen Nachmittag live die CNN-Berichte, simultan ins Arabische übersetzt.

In Caf‚s, Metzgerläden und Friseursalons in Kairo versammelten sich Menschen um den Fernseher. In den reicheren Vierteln der jordanischen Hauptstadt Amman war am späten Nachmittag und Abend niemand auf der Straße anzutreffen: Alle saßen vor dem Fernsehapparat zu Hause. Der Nachrichtensender "al-Gazirah" aus Qatar, bekannt für seine professionelle Berichterstattung und ein großes Korrespondentennetz war der einzige, der zügig mit der Berichterstattung begann. Auch die Tageszeitungen am Mittwochmorgen ähnelten denen im Westen. Riesige Bilder der qualmenden Türme des World Trade Centers, des brennenden Pentagon, entsetzter Menschen auf den Straßen von New York. Die Überschriften lauteten "Horror über Amerika" (Al-Ahram) und "Jüngstes Gericht" (Al-Gumhuriya). In den Kommentaren wurden die Anschläge zumeist klar verurteilt mit Ausnahme der irakischen Medien. Die Schwierigkeit vieler arabischer Blätter bestand darin, dass sie einerseits einen Zusammenhang mit der US-Politik in Nahost vermuten, andererseits vor der vorschnellen Verdächtigung der Araber als Täter warnen.

Diesen Spagat versuchten jordanische und libanesische Blätter, während ägyptische Zeitungen die "Provokation", die die israelische Politik gegenüber den Palästinensern und die Untätigkeit der USA darstellen, mitverantwortlich für die Anschläge machten. "Der Verantwortliche ist Israel" stand über dem Leitartikel in der Zeitung Al Achbar, der Washington vorwirft, zur Unterstützung Israels alle Moral und internationales Recht geopfert zu haben.

Die linke ägyptische Wochenzeitung Al-Ahali erklärte, der Nahostkonflikt sei nun eine "direkte Konfrontation zwischen den Palästinensern und den USA" geworden. Die zu großen Teilen staatlich kontrollierte ägyptische Presse, die nicht als sehr zartfühlend bekannt ist, hat in den vergangenen Monaten verstärkt anti-israelische und anti-amerikanische Gefühle geschürt. Dies zeugt nach Ansicht von Beobachtern von der tiefen Enttäuschung Präsident Hosni Mubaraks über die Politik Israels und der USA in der Region.

In der jordanischen Presse wurden die Terrorakte uneingeschränkt verurteilt. Hier überwiegt die Furcht, Araber und Muslime könnten pauschal als Terroristen gebrandmarkt werden. Al Arab-al-Yawm forderte die arabischen Regierungen auf, vorschnelle Beschuldigungen zu verhindern, die zu einer Welle anti-arabischer Gefühle in der amerikanischen Bevölkerung führen könnten. Auch Al-Dustour und Al Rai forderten die USA auf, keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen. "Wir Araber können unterscheiden zwischen der US-Politik, die Israel unterstützt, und dem friedlichen Charakter der Amerikaner", schrieb Al Rai, in der Hoffnung, man möge nicht alle Araber mit Terroristen gleichsetzen, auch wenn sich ein arabischer Hintergrund der Tat herausstellte.

Die Jordan Times erklärte die ständig wachsende anti-amerikanische Stimmung in der arabischen Welt mit der US-Außenpolitik in Irak und seiner Parteinahme für Israel. Die USA sollten die "Trauerphase" nutzen, um nachzudenken. Die Vorlage dafür hatte König Abdallah in einem CNN-Interview geliefert. Er bezweifelte, dass es zu den Anschlägen gekommen wäre, wenn Amerika den israelisch-palästinensischen Konflikt gelöst hätten.

Auch die libanesische Tageszeitung L'Orient le Jour beschwerte sich darüber, dass die Palästinenser und die Araber bereits beschuldigt wurden, mit den Anschlägen zu tun zu haben, bevor noch der Staub von den zerstörten Gebäuden auf die Erde gerieselt sei. Ausdrücklich verurteilt das Blatt die Reaktion einiger Flüchtlinge in Südlibanon, die die Anschläge gefeiert haben. Bilder der einzelnen Freudenfeiern von Palästinensern wurden nicht gezeigt.

Während auch iranische Medien die Anschläge verdammten, hielt nur Irak die Fahne der Unverbesserlichen hoch. Al Iraq feierte die Ereignisse als "Lehre für alle Tyrannen und Unterdrücker" und bezeichnete sie als "Früchte" der amerikanischen Verbrechen. ANDREA NÜSSE

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