Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Berichte zum Afghanistankrieg

Montag, 26. November 2001

Neue Zürcher Zeitung

Einrücken der Nord-Allianz in Kunduz

Unklare Lage nach der Sprengung des Verteidigungsrings

(ap) Die Nord-Allianz ist am Sonntag in Kunduz, der letzten Bastion der Taliban in Nordafghanistan, eingerückt. Tausende von Kämpfern der Taliban ergaben sich. Bis zur Dämmerung gelang es der Nord-Allianz jedoch nicht, Kunduz ganz unter ihre Kontrolle zu bringen und bis ins Stadtzentrum vorzustossen.

By. Delhi, 25. November

Noch vor Ablauf des letzten Ultimatums am Sonntagmittag sind die Panzer von General Dostom aus dem Westen und der Tadschiken unter General Mohammed Daud von Osten her auf die Stadt Kunduz in Bewegung gesetzt worden. Sie stiessen auf keinen nennenswerten Widerstand mehr, da die Zahl der aus Kunduz flüchtenden Taliban-Kämpfer stark zugenommen hatte. Den vorrückenden Panzern kamen voll besetzte Geländefahrzeuge und Militärlastwagen entgegen, die sich ungehindert aus dem Kampfgebiet entfernen konnten. Rund 2500 Taliban hatten sich bis am Samstagabend den Belagerern ergeben, die meisten von ihnen Afghanen, unter ihnen auch der Stadtkommandant der Taliban, Mullah Khaksar. Wie Überläufer gegenüber der ®Afghan Islamic Press¯ aussagten, waren sie von den unablässigen Bombenangriffen aus der Luft zermürbt worden; zudem seien ihnen allmählich Lebensmittel, Wasser und Munition ausgegangen.

Chaotische Eroberung

Die Teileroberung der Stadt verlief ebenso chaotisch wie die zehntägige Belagerung, bei der man zwischen Kampfpausen und Angriffen oft keinen Unterschied hatte feststellen können. Die sich ergebenden Taliban wurden zum Teil allein gelassen, und viele sollen die Gelegenheit benutzt haben, um sich aus dem Staub zu machen. Andere wurden entwaffnet, aber so leichtfertig, dass es einem Gefangenen gelang, sich und drei seiner Kameraden und Bewacher mit einer Handgranate in die Luft zu sprengen. Andere wiederum verliessen nicht einmal die Kampfzone, sondern drehten sich um und richteten ihre Waffen gegen die belagerte Stadt, in der sich noch mehrere tausend Kämpfer befinden, abgesehen von der Zivilbevölkerung, die auf 30 000 Personen geschätzt wird.

Die Taliban hatten den Verteidigungsring um Kunduz weiträumig abgesteckt, und es gelang weder den Tadschiken noch den Usbeken, die beide als Erste die Stadt hatten erreichen wollen, bis zum Einbruch der Nacht bis ins Zentrum vorzudringen. Lediglich die Stadt Khanabad am äusseren Verteidigungsgürtel, rund 20 Kilometer östlich von Kunduz, war bis zum Abend fest in den Händen der Nord-Allianz. Ein pakistanischer Beobachter mit Kenntnissen der lokalen Verhältnisse wollte daher nicht ausschliessen, dass die Kämpfe am Montag wieder aufflackern könnten, wenn sich die Milizen der eigentlichen Stadt näherten. Dies ist umso eher möglich, als sich unter den Taliban, die sich am Sonntag ergaben, kaum ausländische Söldner befanden. Diese könnten einen inneren Verteidigungsring gebildet haben, von dem aus sie ihr Letztes geben.

Bewegung auch an der Südfront?

Die Führung der Nord-Allianz versprach, dass die Ausländer als Kriegsgefangene behandelt würden, falls sie zu einer geordneten Übergabe bereit seien und ihre Waffen niederlegten. Auch Burhanuddin Rabbani, der als Präsident fungierende Chef der Nord-Allianz, sprach von der Möglichkeit, die Ausländer der Uno zu übergeben (von der allerdings in Nordafghanistan weit und breit nichts zu sehen ist). Er rief seine Truppen auf, die ausländischen Kämpfer nicht zu misshandeln - ein deutliches Zeichen, was diese erwartet, wenn sie einmal in die Hände ihrer Verfolger gefallen sind. Den Taliban selber werde nichts geschehen, sagte Rabbani. Er sprach sogar von der Möglichkeit, mit gemässigten Taliban zusammenzuarbeiten. Die grossmütigen Sprüche Rabbanis sind aber auch ein Zeichen dafür, dass Kunduz, auch wenn es noch zu einzelnen Gefechten kommen wird, für die Taliban verloren ist. Sie haben damit ihr letztes Stück Territorium in Nordafghanistan verloren. Es bleibt ihnen nur noch ihre Hochburg Kandahar. Auch hier zieht sich der Ring allmählich zusammen. Am Sonntag wurde berichtet, mit der Einnahme der Ortschaft Takhtapul, 50 Kilometer ausserhalb Kandahars, sei die wichtige Strassenverbindung zwischen der südafghanischen Metropole und der pakistanischen Stadt Quetta in die Hände von Gegnern der Taliban gefallen. Die Berichte wurden von den Taliban dementiert.

Zahlreiche ausländische Kämpfer getötet

Mazar-e Sharif, 25. Nov. (ap) In einem afghanischen Gefängnis sind Hunderte von ausländischen Kämpfern bei einer Revolte umgekommen. Die Ausländer waren während der Belagerung von Kunduz gefangen genommen und in ein Gefängnis am Rand von Mazar-e Sharif gebracht worden. Dort hätten sie Türen eingetreten und zu fliehen versucht, sagte der Sprecher eines Nord- Allianz-Kommandanten. Bei den Getöteten handelt es sich vor allem um Pakistaner, Tschetschenen und Araber.

Usbekischer Milizenführer umgekommen

Talokan, 25. Nov. (Reuters) Der usbekische Islamist Juma Namangani ist nach Angaben des Nord-Allianz-Kommandanten Mohammed Daud in Afghanistan getötet worden. Der in Usbekistan gesuchte Extremist Namangani habe in Mazar-e Sharif gegen die Nord-Allianz gekämpft und sei dabei verwundet worden, sagte Daud. Der Islamist und Milizenführer sei in Kabul behandelt worden, seinen Verletzungen aber erlegen. Namangani war der militärische Kommandant der Islamischen Bewegung Usbekistans.

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Frankfurter Rundschau

Hilfe vor Ort nur mit UN-Mandat

Scharping: Bedingung für humanitären Bundeswehr-Einsatz

Für einen Hilfseinsatz von Streitkräften in Afghanistan muss es nach Ansicht von Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) ein eindeutiges Mandat der Vereinten Nationen (UN) geben. Darin ist er sich nach einem Zeitungsbericht mit seinen Amtskollegen aus Frankreich und Großbritannien einig.

BERLIN / RAMSTEIN, 25. November (dpa/ap/afp). "Ein Mandat der UN ist für humanitäre Maßnahmen die entscheidende Voraussetzung", sagte Scharping dem Nachrichtenmagazin Spiegel. Für einen möglichen Hilfseinsatz von Streitkräften auf afghanischem Boden hätten sich Deutschland, Frankreich und Großbritannien auf einen Katalog von Kriterien verständigt. Scharping habe sich am Mittwoch in London mit seinem britischen und seinem französischen Kollegen, Geoffrey Hoon und Alain Richard, getroffen.

Bedingung sei ein klarer politischer und humanitärer Auftrag. Ferner sei nach Ansicht der drei Minister das Einverständnis der Nachbarländer einschließlich China und Russland nötig, berichtet der Spiegel. Dies solle verhindern, dass ein humanitärer Einsatz als Deckmantel für Kampftruppen missbraucht werden könnte. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hatte sich für die militärische Sicherung von Hilfseinsätzen in Afghanistan ausgesprochen.

Das Magazin Focus berichtete unter Berufung auf Kabinettskreise, ein Einsatz deutscher Soldaten in Somalia zur Terrorismusbekämpfung sei ohne neuen Parlamentsbeschluss möglich. Die für den Fall zugesagte "Befassung" des Bundestages bedeute nicht, dass das Parlament zustimmen müsse. Der frühere CDU-Partei- und Fraktionsvorsitzende Wolfgang Schäuble widersprach dieser Einschätzung am Sonntag im Deutschlandfunk. Der Bundestagsbeschluss zum Einsatz der Anti-Terror-Gruppen setze die Zustimmung der jeweiligen Regierung voraus. Da es in Somalia keine Regierung gebe, die zustimmen könnte, erlaube der Beschluss eben dort keinen Einsatz der Bundeswehr. Es müsse ein neuer gefasst werden.

Die Bundeswehr will am heutigen Montag vom US-Militärflughafen Ramstein/Pfalz aus mit ihren Unterstützungsflügen für die im Afghanistan-Krieg eingesetzten US-Soldaten beginnen. Die ersten drei Transall-Transportflugzeuge der Bundeswehr werden nach Angaben der deutschen Luftwaffe nach Incirlik im Nato-Partnerland Türkei fliegen.

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Süddeutsche Zeitung

Taliban laufen zur Nordallianz über Hunderte ausländischer Söldner in Kundus getötet Kandahar letzte Bastion der Radikalislamisten / Scharping: Bundeswehr geht nur mit UN-Mandat nach Afghanistan

Kabul (SZ) - Die afghanische Taliban-Miliz hat die Stadt Kundus und damit ihre letzte Bastion im Norden des Landes an die Nordallianz verloren. Nach zweiwöchiger Belagerung besetzten Truppen der Nordallianz am Sonntag Kundus. Die Taliban liefen scharenweise zur Nordallianz über. Der Nachrichtenagentur AP zufolge soll es nach der Einnahme der Stadt Hunderte von Toten unter den ausländischen Söldnern gegeben haben. Nach Angaben der Nordallianz hatten sie versucht, während einer Revolte aus dem Gefängnis der Stadt zu entkommen. Die Taliban sind nach dem Verlust von Kundus nur noch in Kandahar an der Macht. Die Bundesregierung geht davon aus, dass die Afghanistan-Konferenz wie geplant am Dienstag auf dem Petersberg bei Bonn beginnen kann.

Vor Ablauf eines Ultimatums am Sonntag war der Ring um Kundus enger gezogen worden. Mehr als 2000 Kämpfer der Taliban und ihrer ausländischen Verbündeten ergaben sich. Die afghanischen Kämpfer wurden von den Allianz- Soldaten wie Brüder begrüßt. Einige schlossen sich der Allianz an. Ausländer - Araber, Tschetschenen und Pakistaner - wurden entwaffnet. Sie sollen in Internierungslager gebracht und vor Gericht gestellt werden. "Ganz Kundus ist unter unserer Kontrolle", sagte am Sonntag Nordallianz-Kommandeur Daud Chan.

Der bisher ranghöchste Taliban-Überläufer, der frühere Vizeinnenminister Mullah Mohammed Chaksar, ein enger Vertrauter des Taliban- Anführers Mullah Mohammed Omar, gab bin Laden und den Taliban-Hardlinern die Schuld am Niedergang des Landes und des radikalislamischen Regimes. Er habe Mullah Omar gewarnt, er solle "den Terroristen befehlen zu gehen" oder diese "würden unser Land zerstören".

In Kabul beanspruchte die Nordallianz bis auf weiteres exekutive Vollmachten. Ihr Führer, der 1996 von den Taliban vertriebene Präsident Burhanuddin Rabbani, sagte, er wolle das Land bis zur Bildung einer Übergangsregierung durch die "Große Versammlung" (Loja Dschirga) führen. Er selbst und der "Außenminister" der Nordallianz, Abdullah Abdullah, werden aber wahrscheinlich nicht nach Bonn reisen. Abdullah äußerte sich zurückhaltend über einen Erfolg der Petersberg-Konferenz. Eine neue Regierung könne dort nicht beschlossen werden. Die Entscheidung über die künftige Regierung müsse "selbstverständlich in Afghanistan getroffen werden".

Verteidigungsminister Rudolf Scharping will ohne UN-Mandat keine Bodentruppen zu humanitären Aufgaben nach Afghanistan schicken. Das sagte er dem Spiegel. Briten, Deutsche und Franzosen hätten sich auf Kriterien für einen möglichen Bodeneinsatz von Soldaten in Afghanistan geeinigt, berichtet das Nachrichtenmagazin. Danach müsse ein eindeutiges Mandat der UN vorliegen, dazu Klarheit über den politischen und humanitären Auftrag und das Einverständnis der Nachbarländer. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtete, ein Vorauskommando deutscher Spezialkräfte sei in Oman eingetroffen. Am Montag will die Bundeswehr ihre Transportflüge aufnehmen. © 2001 Süddeutsche Zeitung GmbH / Lizensiert durch DIZ München GmbH

Die Welt

Wie die USA den Staatsfeind NR. 1 Jagen Washington sucht die Entscheidung in Kandahar, wo sich Bin Laden noch immer aufhalten soll. Überläufer gibt Hinweise. Bodenoffensive mit 25.000 Mann?

Von Dietrich Alexander

Berlin - Kundus ist gefallen, Kandahar wird wohl sehr bald folgen. Die letzte Hochburg der Taliban und der mit ihnen verbündeten Kämpfer des Al-Qaida-Netzwerkes von Osama Bin Laden in Südafghanistan wird sich nicht ewig der massiven Angriffe erwehren können. Der militärische Erfolg der Operation "Dauerhafte Freiheit" steht außer Frage, doch den Amerikanern fehlt gewissermaßen die "politische Trophäe": Bin Laden selbst.

Wo sich der weltweit gesuchte Staatsfeind Nr. 1 der USA aufhält, ist noch immer unklar. Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf schloss immerhin aus, dass Bin Laden über die Grenze nach Pakistan geflohen sei. Nach Auskunft des bislang ranghöchsten Taliban-Überläufers, des früheren stellvertretenden Innenministers Mullah Mohammed Chaksar, befinden sich sowohl Bin Laden als auch Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar noch in Kandahar. Den Worten des Mullah scheinen die USA Glauben zu schenken und suchen nun die Entscheidung dort.

US-Streitkräfte-Sprecher Major Brad Lowell sagte, die Angriffsschwerpunkte lägen jetzt auf Kandahar und der Bergregion im Süden Afghanistans. Nahe Kandahar kam inzwischen auch eine 7000 Kilogramm schwere Bombe ("Daisy Cutter") zum Einsatz, deren Sprengkraft in einem Umkreis von etwa 550 Metern alles zerstört. Es war die dritte dieses Bombentyps, die seit Beginn der US-Luftangriffe am 7. Oktober eingesetzt wurde. Lowell sagte, zudem würden systematisch Tunnelanlagen und Höhlen angegriffen, die Bin Laden als Unterschlupf dienen könnten.

Einer anderen Meldung zufolge wurde Bin Laden in den vergangenen Tagen angeblich in einem stark befestigten Lager knapp 60 Kilometer südwestlich von Jalalabad gesehen. Das zumindest behauptete der für öffentliche Ordnung in drei afghanischen Provinzen zuständige Minister der Nordallianz, Hasarat Ali, gegenüber der "New York Times". Bin Laden sei auf einem Pferd durch das Dorf Tora Bora geritten, er übernachte in Höhlen. Das Lager von Tora Bora soll sich in einer schwer zugänglichen Gebirgsregion der Provinz Nangarhar befinden. Ali zufolge gehört zu dem Lager ein ausgedehntes Höhlennetz mit Bunkern und Munitionslagern sowie Heiz- und Lüftungssystemen. Genau auf solche Leute wie Hasarat Ali setzen die Amerikaner: Überläufer, Insider, Eingeweihte - gekauft oder überredet, geködert mit Straffreiheit oder einem unbeschwerten Leben in der Post-Taliban-Ära.

Dass Kandahar nicht aus der Luft erobert werden kann, ist den Strategen im Pentagon natürlich bewusst. Nach Informationen des Londoner "Sunday Telegraph" will Washington 25 000 amerikanische Fallschirmjäger beim Sturm auf Kandahar einsetzen. Möglicherweise werde auch Großbritannien Elitesoldaten beisteuern, berichtete die Sonntagszeitung, was die britische Regierung zu einem sofortigen Widerspruch veranlasste.

Washington will und kann Bin Laden nicht entkommen lassen. Im weiteren Verlauf des Feldzuges gegen den Terror werden polizeiliche und geheimdienstliche Aktionen zusammen mit Maßnahmen zur Austrocknung des Finanzstroms der Terroristennetzwerke an Bedeutung zunehmen. Das Operationsgebiet umfasst, so ist aus der Umgebung von US-Präsident George W. Bush zu hören, bis zu 60 Länder, in denen operative Zellen der Al Qaida (Die Basis) existieren. Die Fahnder ziehen viele Länder und Gebiete als mögliche Verstecke Bin Ladens in Betracht: Pakistan und Kaschmir etwa, Tschetschenien, Somalia oder Sudan. Al Qaida unterhält aber auch Zellen in Ägypten und Usbekistan, zwei wichtige US-Verbündete.

Washingtons Kampf gegen den weltweiten Terror wird sich auf vielen Ebenen abspielen, das hatte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld schon früh angekündigt. Und die Maßnahmen werden nicht immer sichtbar sein. Mit bis zu 60 Ländern arbeiten die USA zusammen, einige darunter geraten womöglich selbst ins Visier des amerikanischen Anti-Terror-Kriegs: Pakistan etwa oder Saudi-Arabien. Der Iran, Syrien oder Libyen gelten wiederum noch immer als potenzielle Staaten, die den Terrorismus unterstützen. Sie haben sich aber bei der Bekämpfung Bin Ladens als nützlich und kooperativ erwiesen. Das wird bei der abschließenden Bewertung des State Department sicherlich eine Rolle spielen und mit Handelserleichterungen, Finanzhilfen oder diplomatischer Aufwertung belohnt.

Ganz anders liegt der Fall Irak: Dort hat sich Diktator Saddam Hussein mit offenen Provokationen bisher zwar zurückgehalten, doch ein Einlenken nicht erkennen lassen. Nicht zuletzt deshalb gilt das Zweistromland nach Afghanistan als nächstes Ziel der USA. Die britische "Sunday Times" sieht die nächsten militärischen Einsätze in Somalia, Sudan und Jemen. Wo auch immer - Afghanistan ist im Kampf gegen den Terrorismus erst der Anfang.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Analyse Afghanistan vor der Stunde Null Von Christian Kreutzer, Bonn

26. Nov. 2001 Die Verhandlungsmasse ist gewaltig: Wenn sich - vermutlich ab Dienstag - die Delegierten von vier afghanischen Gruppenverbänden zur Afghanistan-Konferenz in Bonn treffen, um über die Zukunft des ethnisch und religiös vielschichtigen Landes zu treffen, kann dies angesichts der zu lösenden Fragen bestenfalls ein Anfang sein. Einen allgemeinen Konsens als Folge der Gespräche erwarten selbst Optimisten nicht. Und doch: Jeder Schritt, und sei es nur der ans Rednerpult, um die eigene Position darzustellen, ist ein Schritt nach vorne.Vertrauen tut not, gehört jedoch nicht zum traditionellen Instrumentarium afghanischer Politik. Zu den wenigen Gemeinsamkeiten, die die meisten der Konferenzteilnehmer aufweisen, zählt die Tatsache, dass viele bereits miteinander verbündet waren und sich anschließend gegenseitig verraten haben, um sich mit einem neuen Verbündeten zusammenzutun. Nordallianz: Ein Sammelsurium aus Taliban-GegnernDie stärkste Gruppe auf dem Petersberg dürfte die sogenannte Nordallianz sein. Der Name führt indes in die Irre. In ihr haben sich ehemalige Kriegsgegner zusammengefunden, die lediglich der Kampf gegen die Taliban zusammengeführt hat. Sie steht unter der politischen Oberhoheit des offiziell amtierenden afghanischen Präsidenten Burhanuddin Rabbani der selbst nicht nach Bonn kommen wird. Sie setzt sich zusammen aus rund sieben verschiedenen Organisationen und Gruppierungen, nahezu aller Ethnien, vor allem aber der Tadschiken, Usbeken und der schiitischen, mongolischstämmigen Hasara. Rabbani hat derweil im Vorfeld der Konferenz erklärt, er werde das Präsidentenamt räumen, falls in Bonn eine Übergangsregierung zustande käme. Auch Paschtunen sind in der Nordallianz vertretenAuch die Mehrheitsethnie der Paschtunen ist in der Nordallianz vertreten. Die kleinere paschtunische Gruppe Ittihad-i-Islami sowie der unabhängige paschtunische Gouverneur der nordöstlichen Provinz Nangahar, Hadschi Qadir - ein Bruder des von den Taliban hingerichteten Abdul Haq - stehen dabei für die nordafghanischen Paschtunenstämme. Die Delegation der Nordallianz wird angeführt durch Rabbanis Sprecher und Außenminister Abdullah Abdullah sowie durch Innenminister Junus Qanuni.Die sogenannte Rom-Gruppe um den früheren König Sahir Shah, der seit 1973 im römischen Exil lebt, gilt als die Gruppierung, die den westlichen Vorstellungen von Demokratie und Gewaltenteilung am nächsten steht. Jedoch eben nur westlichen und nicht afghanischen Sichweisen zufolge. Sahir Shah sei allenfalls als gewöhnliches Mitglied einer verfassunggebenden Stammesversammlung (Loja Dschirga) denkbar, so Rabbani. Unter den südlichen Paschtunen-Stämmen, den Durrani, denen der König angehört ist sein Rückhalt indes weitaus größer, als im Rest des Landes.Zu den Unterstützern Sahir Shahs gehört dem Vernehmen nach auch die Peschawar-Gruppe, um Hamid Ghailani, die vorwiegend paschtunische Stammesführer vertritt.Auch Hekamatyar wird unsichtbar mit am Tisch sitzenKompliziert könnten die Verhandlungen mit der sogenannten Zypern-Gruppe werden. Sie soll aus Intellektuellen jeder Couleur bestehen, die auf der gleichnamigen Insel Zuflucht gefunden haben und wird von Iran unterstützt. Manche Delegierten sehen in ihr ein Sprachrohr des rücksichtslosen Paschtunenführers Gulbuddin Hekmatyar, der im Teheraner Exil weilt. Der Islamist Hekmatyar gilt als der brutalste der afghanischen Kriegsherren. Auf sein Konto geht die Zestörung der afghanischen Hauptstadt. Gleichzeitig dürfte diese Gruppe westlichen Vorstellungen am wenigsten zugeneigt sein.Alle Gruppen bestehen nicht nur aus den Konferenzteilnehmern, so der Delegierte der Rom-Gruppe, Amin Farhang, sondern werden einen Tross von Staatsrechtlern zur Beratung mit sich führen, die sich bei Detailfragen an die Arbeit machen müssen.Ziel: Ein 15-köpfiger Exekutivrat als ÜbergangsregierungAls ersten Schritt zur Regierungsbildung in Kabul sollen sich die Teilnehmer der Afghanistan-Konferenz in Bonn auf die Ernennung eines Exekutiv-Rates einigen. Der deutsche Sonderbotschafter für Afghanistan, Hans-Joachim Daerr, erklärte am Samstag in Kabul, dieses 15-köpfige Gremium könne dann die Übergangsgeschäfte führen. Knackpunkt der voraussichtlich am Dienstag beginnenden Beratungen ist die Einbeziehung aller Parteien und Volksgruppen.

Die Zeit

Ehrenvoll im Abseits Staatschef Musharraf hat auf Amerika gesetzt. Die Wende in Afghanistan bringt ihn nun in Bedrängnis. Pakistan verliert an Einfluss Von Ulrich Ladurner

Pakistans Staatspräsident

© Ert Hickelsberg / Getty images / Sipa Press

Islamabad

Wäre Pakistan ein Mensch, dann müsste er wohl so aussehen: kräftiger Körperbau, aber die Muskeln hat er sich durch ein intensives Training zugelegt; unsicherer Gang, den er gern durch entschlossenes Marschieren überspielt; leicht schmuddelige Kleidung, aber durchaus fähig, zu gegebener Zeit zu glänzen; vor allem aber einsam und zerrissen, daher immer in Gefahr, Obsessionen zu entwickeln, Gefahren, Feinde und Gegner zu wittern, wo keine sind. Und noch ein letztes Charakteristikum müsste man anführen: Was auch immer er tut, Pech verfolgt ihn wie eine unheimliche, hartnäckige Krankheit. Alles in allem also möchte man nicht in der Haut dieses Menschen stecken.

Das sind natürlich keine hinreichenden Kategorien, um die politische Lage eines Staates zu analysieren. Aber doch trägt es dazu bei, Pakistan - nach dem vorläufigen Ende der großen Krise - zu verstehen. Das Land ist nämlich vor allem ein Mann: Pervez Musharraf, General und Präsident in Personalunion. Er repräsentiert Pakistan wie kein anderer.

Pervez Musharraf - wer? Das ist keine despektierliche Frage, sie wurde ganz im Gegenteil bis vor kurzem häufig in den Gängen der Machtpaläste Washingtons gestellt. Pervez Musharraf? Ach ja, das ist doch "dieser Diktator aus Pakistan". Er herrschte über ein Land, das Politikwissenschaftler in ihren Seminaren schon als Modellfall für einen failed state darstellten. Weniger Wohlmeinende, wie der Erzfeind Indien, bemühten sich, Pakistan nach Kräften als Schurkenstaat zu beschreiben, in einer Gesellschaft mit Irak, Syrien, Nordkorea und wer sonst noch unter diese Kategorie fallen sollte. Pakistan war in der Tat ein einsames Land.

Dann kamen der 11. September, Osama bin Laden, die Taliban, Afghanistan. Schnell holte man das Schmuddelkind aus seinem Halbschattendasein heraus. Die USA brauchten Pakistan, um ihre Kriegsziele zu erreichen: die Taliban vertreiben und Osama bin Laden schnappen.

Die Taliban sind nun von der Macht vertrieben, und um Osama bin Laden, heißt es aus Washington, "zieht sich die Schlinge immer enger". Heißt es jetzt also wieder: Musharraf - wer? Wird Pakistan wieder in das Dunkel zurückgestoßen, aus dem es gerade erst herausgeholt worden war?

Wenn das passiert, dann liegt es nicht an Musharraf und damit nicht an Pakistan. Er hat alles richtig gemacht. Gleich nach dem 11. September hat sich Musharraf bedingungslos hinter die Kriegskoalition unter Führung der USA gestellt. Er fand aufrichtige Worte des Beileids für das Entsetzen in den USA, und er formulierte auch das Programm für seine eigenen Landsleute. "Pakistan first, everything else next!", hieß es wenige Tage nach den Attentaten in den USA auf Transparenten, die auf den Straßen Islamabads ausgehängt wurden.

Vom Schmuddelkind zum Partner

Das war natürlich ein Euphemismus für das, was US-Außenminister Colin Powell bei seiner ersten Reise nach Islamabad forderte: "Entweder ihr seid mit uns, oder ihr seid gegen uns!" Sich gegen den verletzten, gedemütigten und zu allem entschlossenen Riesen zu stellen wäre einem Selbstmord gleichgekommen. "Pakistan zuerst, alles andere danach!" - das war schon die richtige Parole, aber sie kaschierte den Mangel an Alternativen. Da war er, dieser Mensch, der entschlossen ausschritt, damit aber nur seinen angeborenen unsicheren Gang überspielte.

Musharraf hatte sich auf ein hochriskantes Spiel eingelassen. Immerhin waren die Taliban Zöglinge Islamabads, geschaffen, damit im Nachbarland Afghanistan Ruhe herrsche. Die Taliban sollten Pakistan den Rücken freihalten, um dem wahren Gegner Indien besser begegnen zu können. Das war das geopolitische Argument für die Taliban, aber es gab auch ein ideologisches.

Die geistigen Ziehväter der Taliban, verstanden als eine radikale Reformbewegung des Islam, waren in Musharrafs Land zu Hause. Hier predigten Mullahs in vielen Religionsschulen über eine Rückkehr des Islam zu den Wurzeln, hier nun gingen sie in Massen auf die Straße, um gegen Musharrafs radikale Wende zu protestieren. "Pakistan zuerst, alles andere danach" - das war nicht weniger als eine kopernikanische Wende: der Abschied von der bisherigen Afghanistanpolitik und die Konfrontation mit den radikalen Muslimen in der eigenen Gesellschaft.

Sie gelang Musharraf mit einer Mischung aus Repression und Überzeugungsarbeit - die von vielen befürchtete Explosion Pakistans blieb aus. Das Schmuddelkind glänzte als verlässlicher Partner, und in New York und Washington bekam es Glitter und Gloria umgehängt.

Musharraf vollführte einen Balanceakt, den er bei seiner Rede vor der UN-Vollversammlung am 10. November perfektionierte. Er sprach alle Themen offen an, die Pakistan in den vergangenen Jahren von der Weltgemeinschaft entfernt hatten: Kaschmir, der Islamismus, die Afghanistanpolitik. Er tat es in einer Weise, die keinen Zweifel an seiner Bündnistreue aufkommen ließ, aber gleichzeitig die Würde seiner Nation bewahren sollte. Vor allem der Kaschmirkonflikt diente ihm dazu: Musharraf zog einen klaren Strich zwischen einem Befreiungskampf, der sich gegen Unterdrückung richtet, und dem Terrorismus.

Da mochten viele, vor allem die Inder, die sich in Kaschmir mit Mudschahidin herumschlagen, nicht zustimmen - aber Musharraf bewies auch hier seinen Sinn für die Realitäten. Kaschmir - das ist zu Recht oder Unrecht eine Frage des nationalen Prestiges. Ob aus Überzeugung oder aus politischer Opportunität, gegen die Mudschahidin Kaschmirs konnte sich auch Musharraf nicht stellen - das wäre zu viel an Wende gewesen. Trotzdem gab es Applaus und ein exklusives Abendessen mit George W. Bush. Musharraf war heimgekehrt in den Schoß der Weltgemeinschaft.

Dann fiel Kabul. Das geschah, als Musharraf noch im Flugzeug saß, bei der Heimkehr von seiner triumphalen Auslandsreise. "Habe ich jetzt meine Ausnahmestellung verloren?" Das wird wohl die erste Frage gewesen sein, die sich Musharraf stellte. Denn er wusste nur zu genau, dass seine plötzliche Popularität in den Kanzleien des Westens auf verquere Weise mit der Macht der Taliban in Afghanistan zusammenhing. Solange sie unter dem Bombardement aushielten, solange sie sich hartnäckig an die Macht klammerten, war Pakistan hoch im Kurs. Nach dem Fall Kabuls hatte die Kriegskoalition einen neuen, starken Partner vor Ort: die Nordallianz. Sie konnte nun vor Ort die Arbeit erledigen, besser als Pakistan es je hätte tun können.

Als Musharraf landete, eilte er zu einer Krisensitzung seines Nationalen Sicherheitsrates. Auch die Frage, die dort debattiert wurde, konnte man sich vorstellen: Was hat es uns gebracht? Es war klar, dass, wenn nicht eine Ära, doch eine glückliche Phase für Pakistan zu Ende gegangen war.

Musharraf und seine Analytiker brauchten nicht viel Fantasie, um die neue Lage Pakistans zu verstehen: Die Islamisten im Land sind aufgebracht, vielleicht auf Dauer vom Regime entfremdet; in Afghanistan gibt es einen neuen starken Spieler,einen eingeschworenen Gegner Pakistans und gleichzeitig engen Freund Indiens: die Nordallianz; der Kaschmirkonflikt bleibt eine blutende Wunde ohne Aussicht auf Heilung; die wirtschaftlichen Folgekosten der Krise treffen die Mehrheit der Bevölkerung, jenen Teil also, der zwar nicht lauthals, aber schweigend Zustimmung zur Politik Musharrafs signalisiert hatte; damit riskiert das Regime, auch jene zu verlieren, die seine Politik zumindest toleriert haben.

Vage Versprechen aus Washington

Demgegenüber stehen nichts weiter als Versprechungen und schöne Worte. Die Hilfsangebote der USA an Pakistan sind zumindest bis zum heutigen Zeitpunkt relativ vage. Natürlich, es wurden rund 600 Millionen Dollar Finanzspritze zugesagt, eine weitere Milliarde hat Bush höchstselbst versprochen - aber gemessen an den rund 38 Milliarden Dollar Auslandsschulden Pakistans ist das eine Kleinigkeit. Es gibt eine Reihe von Stimmen in Islamabad, die darauf hinweisen, dass Ägyptens Präsident, Hosni Mubarak, für sein Stillhalten im Golfkrieg 1991 immerhin neun Milliarden Dollar Schulden nachgelassen wurden. Hatte Musharraf also nur geglänzt, aber nicht gut verhandelt? Hatte er schön geredet, aber nichts rausgeholt?

Die Antwort auf diese Fragen wird über die Zukunft Pakistans entscheiden. Es braucht nicht viel Vorstellungskraft, um zu erkennen, dass das Militärregime Musharrafs sehr schnell in eine Legitimationskrise rutschen kann, die durchaus existenzbedrohend sein kann. Die Implosion Pakistans bleibt eine reale Möglichkeit, mehr noch: Sie ist nach dem nur scheinbar geglückten radikalen Schwenk unter Führung Musharrafs wieder wahrscheinlicher geworden.

Darüber denkt man wohl auch in Washington nach. Die Geschichte, dass die USA angeblich schon eine Spezialtruppe bereithalten, um für den Fall eines Falles die Atombomben Pakistans unschädlich zu machen, die andauernden Gerüchte über eine mögliche Zusammenarbeit zwischen pakistanischen Atomwissenschaftlern und Osama bin Ladens Al-Qaida, die Behauptungen, die Nuklearwaffen Musharrafs seien unsicher - das alles ist nichts anderes als der Beweis dafür, dass Pakistan von den USA immer noch als ein Unruheherd in einer hochexplosiven Region betrachtet wird.

Und wenn man sich schließlich Pakistan wieder als Menschen vorstellt, dann lässt sich sagen: Da hat sich einer beeindruckende Muskeln antrainiert und es ganz weit im Club der Starken gebracht. Aber misstrauisch beäugt wird der Kraftprotz genauso wie das Schmuddelkind von einst.

© DIE ZEIT 48/2001

Die Zeit

Das Rennen um Kabul Im neuen Afghanistan verheißt nur eine lose Zentralregierung Stabilität. Die Macht muss künftig den Regionen gehören Von Christian Schmidt-Häuer

Vor den Terroranschlägen war Afghanistan ein weltgeschichtlicher Restposten. Abgeschrieben als Absurdistan. Seit dem 11. September ist das Kabuler Regime Tag für Tag als Monstrum aus der Steinzeit vorgeführt worden. Nach dem Kollaps der Taliban lautet die Frage: Wie kann das geschundene Land an den Tropf "unserer Zivilisation" gehängt werden? Der Antwort darauf muss eine andere Frage vorangestellt werden: Welche Interessen und welche Umstände haben Afghanistan so weit heruntergebracht?

Vier äußere Faktoren trugen entscheidend zur Tragödie am Hindukusch bei. Der erste Akt begann 1975 mit der Flucht der jungen fundamentalistischen Putschisten Gulbuddin Hekmatya und Achmed Schah Massud. Sie fanden in Pakistan Unterschlupf und Unterstützung als potenzielle Werkzeuge gegen Afghanistans Regierungen. Der zweite, mörderische Akt folgte 1979 mit dem sowjetischen Einmarsch. Den dritten Akt bestritten CIA und der pakistanische Geheimdienst ISI, als sie Gelder und Waffen zur Bekämpfung der russischen Truppen nur an die radikalsten islamischen Parteien lieferten. Im vierten Akt fiel Afghanistan aus dem erbarmungslosen ethnischen Bürgerkrieg der Warlords in die Hände der bildungs- und gnadenlosen Glaubenskämpfer. Die Taliban hatten keine Wurzeln in Afghanistan; sie hingen an den Strippen der pakistanischen Politiker, der saudi-arabischen Religionsfanatiker und der Terrororganisation Osama bin Ladens. Deshalb sind sie jetzt auch so plötzlich zusammengefallen.

Bevor die Reiter des Kalten Krieges, des ethnischen Hasses, des religiösen und des terroristischen Wahns die heutige Wüste hinterließen, war Afghanistan lediglich rückständig. Es präsentierte sich zugleich als ein farbenfrohes, freundliches orientalisches Land - Tausendundeiner Nacht näher als der Steinzeit. Familie, Dorf und Clan waren die Standorte. Ethnien, Volksgruppen lagen für die Mehrheit außerhalb ihres Gesichtskreises. Die Mullahs hielten auf dem Lande alles zusammen, doch nicht an straffer Leine.

Die religiöse Toleranz war so groß wie in Bosnien vor Milocevic. Der Islam in Afghanistan, aus der moderaten Tradition des Sufismus stammend, wies Züge auf, von denen heute die Anhänger der Globalisierung träumen. Der Staat sollte sich nicht in die Stammesgeschäfte einmischen und sich so klein wie möglich machen. Die Sippe, die Gemeinde, der Basar ergriffen die Initiative. Wer noch Anfang der siebziger Jahre aus den gleichgeschalteten mittelasiatischen Sowjetrepubliken nach Nordafghanistan kam, fühlte sich auf den prunkvollen Märkten von Herat oder Masar-i-Scharif wie an einem Quell großzügiger Lebensfreude.

Diese Vergangenheit ist für immer zerstört. Für die ethnischen Abgrenzungen und Zerstückelungen sorgten die lokalen Kriegsherren nach dem Abzug der Sowjets. Der Paschtune Hekmatyar, der Tadschike Massud, der Usbeke Raschid Dostum nutzten die Volksgruppen, um ihre Herrschaft zu legitimieren und ihre Milizen zu motivieren. Doch die Warlords, die sich Mudschahidin, Glaubenskämpfer, nannten, waren keine religiösen Puristen. Sie akzeptierten moderne Technik und auch westliche Luxusimporte.

Die fanatischen Taliban kamen an die Macht, weil die alten Clanführer vernichtet oder vertrieben und die neuen, marodierenden Kriegsherren verhasst waren. Die "Ethnisierung des Krieges" hatte, wie es der Bonner Historiker Conrad Schetter in seiner noch unveröffentlichten Dissertation formuliert, nicht zur "Ethnisierung der Massen" geführt. Die Koranschüler wollten die Islamisierung der Massen durchpeitschen mit einer Religionspolizei nach saudi-arabischem Vorbild. Doch sonst wussten sie kaum etwas von den islamischen Religionsdebatten der vergangenen Jahrzehnte, noch weniger von den afghanischen Traditionen und rein gar nichts von der modernen Welt.

Islamisierung der Massen

Sie kapselten sich in Kandahar ab, umgürtet von den mehr oder weniger loyalen Stämmen der Paschtunen, die fast die Hälfte der afghanischen Bevölkerung stellen. Andere Volksgruppen interessierten die Taliban nicht. Zu den ethnischen Minderheiten - nach Herat, Masar oder Bamyan - schickten sie paschtunische Statthalter. Das Einzige, worauf sie sich verstanden, war das traditionelle Übel Afghanistans: Sie kauften leicht bestechliche Stammesfürsten mit saudi-arabischen Petrodollar und Waffen.

Doch mit den 1400 Jahre alten Wüsten- und Moralregeln des Propheten Mohammed, die ihnen in den pakistanischen Flüchtlingslagern und Religionsschulen eingepaukt worden waren, blieben sie Fremde im eigenen Land. Selbst die verbitterte Bevölkerung um Kandahar jagte von Zeit zu Zeit Koranschüler aus ihren Dörfern heraus. Weil sie Fremdlinge geblieben waren, fanden sie im Bombenhagel nicht die Solidarität, die sonst alle Afghanen gegen einen Angriff von außen eint. Ihre plötzliche Auflösung überraschte vor allem jene, denen die Taliban zuvor, frei nach Mao, als wendige Fische im Strom des Volkes erschienen waren.

Die Lage nach den Taliban ist nun wieder wie vor den Taliban. Die Nordallianz, die Reste jener nichtpaschtunischen Mudschahidin-Fraktionen, die Kabul vor einem Jahrzehnt in Schutt und Asche gelegt hatten, residiert von neuem in den eigenen Trümmern. Der tadschikische Theologe Burhanuddin Rabbani hat eilig Fakten aus der Fiktion der Weltdiplomatie geschaffen, die ihn auch nach seiner Vertreibung 1996 weiter als Präsidenten anerkannte. Der fromme Politiker hatte bisher ganz im Schatten des regionalen Militärführers Massud gestanden, der am 9. September einem Selbstmordkommando der Al-Qaida zum Opfer fiel. Vergangene Woche bestellte Rabbani in Kabul erst einmal das Feld und einige Minister. Danach erst lud er alle Parteien zur großen Koalition - mit milden Worten und dem stillen Anspruch, selbst Präsident zu bleiben. Das verweigern ihm Paschtunen und Pakistaner vehement. Immerhin hat Rabbani inzwischen befürwortet, dass die große Konferenz aller Fraktionen, Gruppierungen und Stammesführer unter UN-Schirmherrschaft in Berlin stattfinden soll - vom kommenden Montag an. Er verzichtete damit auf den "Heimvorteil" in Kabul, den sich die Nordallianz mit der Einnahme der Stadt gegen den Willen des amerikanischen Präsidenten gesichert hatte.

Auf der großen Konferenz werden sich alle Teilnehmer wieder über die politische Landkarte aus der Zeit vor den Taliban beugen müssen. Im Norden und Westen, Osten und Süden haben die alten Warlords ihre regionalen Stammsitze zurückerobert. Die Gegend um Masar-i-Scharif - die von Alexander dem Großen bis Zarathustra, Dschingis Khan nicht zu vergessen, so viele Zelebritäten der Weltgeschichte durchzogen - hat der Usbeken-General Dostum von neuem unter Kontrolle genommen. Der Kombattant der USA wird an der friedlichen Neugestaltung Afghanistans nicht interessiert sein. Für ihn hat sein Nordreich Vorrang, in dem nun wieder die weltliche Despotie über die Theokratie der Taliban triumphiert.

Das westafghanische Herat, die alte Kulturstadt mit ihren persischen Traditionen und Bindungen an den Iran, hat Ismail Khan zurückerobert. Der "Löwe von Herat", der gegen Sowjettruppen und Koranschüler mit dem gleichen Furor kämpfte, bis ihn die Taliban in der Gefangenschaft für drei Jahre an ein Rohr ketteten, gilt als redlich und integer. Als Gouverneur von Herat hatte er Schulen für Mädchen und die öffentliche Anhörung vor Gericht durchgesetzt. Er träumt sogar von freien Wahlen. Doch der Tadschike, der mit sanfter Stimme persisch spricht, erreicht nur eine Minderheit.

In Dschalalabad, der strategisch wichtigsten Stadt Ostafghanistans, hat der 60-jährige Paschtune Abdul Qadir den friedlichen Abzug der Taliban ausgehandelt. Abdul Qadir gilt als moderater Mann, obwohl er ein Bruder Abdul Haqs ist, jenes Emigranten, der vor knapp vier Wochen in geheimer Mission über die afghanische Grenze gegangen und von den Taliban erschossen worden war.

Zu den Hoffnungsträgern der Amerikaner zählt Hamid Karzai, der aus seinem Exil in den USA zurückkehrte. Er ist ein Durrani-Paschtune aus der Kandahar-Region wie der Taliban-Chef Mullah Omar selbst - der Kandahar fast nie verlassen hatte. Hamid Karzai hat den Taliban - was die Nordallianz, Russland und der Iran noch immer strikt ablehnen - eine künftige Regierungsbeteiligung angeboten: "Wenn kein Blut an ihren Händen klebt, sind sie uns willkommen."

Wie aber lässt sich eine unblutige Zukunft für dieses verelendete Land mit seinen so lange in die Dunkelheit gesperrten Frauen, seinen körperlich und seelisch verkrüppelten Kindern gewinnen? Wie kann Afghanistans verschüttete Tradition der ethnischen und religiösen Toleranz in Erinnerung gerufen werden? Die Zivilisten sind unendlich kriegsmüde. Aber die jungen Männer in den Milizen haben nichts anderes gelernt, als die Kalaschnikow und den Koran zu ehren. Ihnen kann keine noch so breite Koalition der Volksgruppen helfen. Friede kann nur aus den Regionen kommen.

Humanitäre Hilfe für Warlords

Natürlich geht es nicht ohne eine multiethnische Regierung. Doch die geradezu rituelle Proklamation der ethnischen Versöhnung auf dem politischen Weltmarkt geht schon wieder an der afghanischen Lebenswelt vorbei. Das öffentliche Gefeilsche um Ämter nach ethnischen Kriterien beschädigt die übergeordnete Gemeinschaft aller Muslime.

Das sicherste Gespür für dieses Dilemma hat bisher der stellvertretende US-Außenminister Richard Armitage gezeigt. Nach seinen Vorstellungen kann es für Afghanistan nur eine sehr lose, im Grunde schwache Zentralregierung und ein hohes Maß an lokaler Autonomie geben. Die Regierung müsse sich auf nationale Sicherheit, Grenzüberwachung, Außenpolitik und Rauschgiftbekämpfung beschränken. Darüber hinaus bleibe ihr nur die Aufgabe, die internationalen Hilfsgelder unter UN-Aufsicht sinnvoll und regional ausgewogen zu verteilen.

Auch das hat seine Tücken. Im Bürgerkrieg hatten sich die Warlords schnell daran gewöhnt, dass humanitäre Hilfe aus dem Ausland die Menschen ernährte. Dadurch fühlten sie sich noch freier, ihr Geld in Waffenkäufe zu stecken. Deshalb ist es mit einer UN-Präsenz allein diesmal nicht getan. Die Außenmächte, vor allem die sechs Anrainerstaaten, müssen sich auf ein Waffenembargo gegen Kabul verständigen. Da sie alle die Zersplitterung Afghanistans verhindern möchten, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihre eigene Klientel unter den Kriegsherren zum Krankenhausbau zu zwingen - indem sie die Regionen finanziell unterstützen. Und die Gelder nur auszahlen, wenn diese der Infrastruktur zugute kommen.

Zu viel verlangt? Soll man Afghanistan nach der Ergreifung von Osama bin Laden nicht wieder sich selbst überlassen, der "Steinzeit", den Warlords, den von den Taliban gelegten Minen, den von der US-Luftwaffe abgeworfenen Streubomben? Das wäre die sicherste Gewähr dafür, dass die Großmächte und die Nachbarn Afghanistans in ihrer Rivalität schon bald die nächste Gruppe fanatischer Elendskrieger heranzüchten - deren Netzwerk die Welt in neue Hochspannung versetzte.

© DIE ZEIT 48/2001


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