Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Von Kundus bis zum Petersberg

Sonntag, 9. Dezember 2001

31 Berichte der Frankfurter Rundschau zum Afghanistankrieg

Handverlesene Herrenrunde berät Afghanistans Zukunft

Anti-Taliban-Allianz akzeptiert UN-Einladung zur Konferenz in Berlin / Taliban, aber auch Frauen bleiben außen vor

Von Florian Hassel (Kabul)

Fast wäre die gute Nachricht im Dunkeln untergegangen. Kaum waren der UN-Sondergesandte Francesc Vendrell und Abdullah Abdullah, der "Außenminister" der Nordallianz, im Kabuler Hotel Intercontinental vor die Presse getreten, fiel der Strom aus. Als die Scheinwerfer wieder strahlten, konnten die beiden Diplomaten offiziell verkünden, dass die Anti-Taliban-Allianz auf UN-Einladung eine Afghanistan-Konferenz in Berlin akzeptiert.

Auf der soll die von Tadschiken und Usbeken dominierte Allianz von Montag an von ihrer neu eroberten Macht ein ganzes Stück wieder abgeben - an möglichst viele Repräsentanten möglichst vieler afghanischer Völker.

Außer Vertretern der Allianz schicke Ex-König Mohammed Sahir Schah Delegierte nach Deutschland. An der Berliner Konferenz sollen auch die Zypern-Gruppe, ein Verbund namhafter Exil-Afghanen, und Vertreter der Peschawar-Gruppe teilnehmen. Vor einem Monat hatten sich in der pakistanischen Grenzstadt Peschawar rund 1000 Afghanen getroffen, um über die Zukunft ihres Landes zu beraten.

"Die Konferenz ist ein erster Schritt zu einem vereinten, selbstbestimmten Afghanistan", sagte UN-Diplomat Vendrell. Und "Außenminister" Abdullah lobte artig die UN, die "erheblich beigetragen haben, den politischen Prozess zu beschleunigen".

Doch die Grenzen der Berliner Konferenz wurden umgehend deutlich. "Nicht jeder einzelne Afghane wird repräsentiert sein", gab Vendrell zu. Das ist eine Untertreibung: Statt einem repräsentativen traditionellen Großrat, einer Loya Jirga, wird die Berliner Konferenz eine vergleichsweise kleine Runde "von weniger als 40 Delegierten" sein, sagte Abdullah der FR.

Auch die Zeit dürfte zu knapp bemessen sein, um in Berlin eine grundlegende politische Neugestaltung Afghanistans zu schaffen. Das "Zieldatum" für das Ende der Konferenz ist bereits der 7. Dezember, sagte Vendrell. Dann nämlich tagt die nächste Runde der Afghanistan-Unterstützungsgruppe, eine Staatengruppe, die sich um die Regelung des Afghanistan-Konflikts bemüht.

Dass Deutschland in der Afghanistan-Gruppe zurzeit den Vorsitz führt, sei nur ein Grund für den Tagungsort, sagte der UN-Diplomat. In der Bundesrepublik kennen sich, so Vendrell, viele Akademiker und Intellektuelle in Afghanistanfragen aus, dort lebten viele Exil-Afghanen und last but not least sei Deutschland ein großzügiges Geberland. Den Tagungsort Berlin mochten zwar offiziell weder Vendrell noch Abdullah bestätigen, versprachen sich aber in der Folge gleich dreimal und sagten statt Deutschland "Berlin".

Da die Taliban nicht nur militärisch, sondern auch als Bewegung "im Zustand des Kollapses" seien, wurden sie gar nicht erst eingeladen, so Vendrell. Auch eine andere Gruppe wird nicht dabei sein: Afghanistans Frauen. "Wir ermutigen jede Delegation, Frauen zu entsenden. Aber wir können den Afghanen nicht vorschreiben, wen sie auswählen sollen", bedauerte Vendrell. Abdullah sagte zwar, eine Beteiligung von Frauen an einer Übergangsregierung sei "wünschenswert". Doch vormittags hatten die neuen Machthaber nicht einmal eine kleine Frauendemonstration in Kabuls Straßen zugelassen, sondern "aus Sicherheitsgründen" verboten.

Afghanistan Rätseln über Kapitulation der Taliban in Kundus

KABUL, 22. November (dpa/ap/afp). Die Lage in der nordafghanischen Stadt Kundus war am Donnerstag unklar: Während der US-Fernsehsender CNN meldete, die eingekesselten Talibanmilizen hätten sich ergeben, sagte am Abend der "Innenminister" der Nordallianz, Junis Kanuni, die Verhandlungen über eine Kapitulation seien eine Finte der Taliban gewesen. Die Truppen der Nordallianz seien dabei, eine Großoffensive auf Kundus zu starten. Dagegen erklärte Nordallianz-General Abdul Raschid Dostam, Kundus sei bereits eingenommen, was die afghanische Nachrichtenagentur AIP wiederum dementierte.

Dostam sagte laut CNN, man habe den Taliban die Rückkehr in ihre Heimatorte zugesagt. Die britische Regierung protestierte: Es komme nicht in Frage, dass die Taliban "einfach so weggehen" könnten, sagte ein Sprecher von Premier Tony Blair.

Kreise der Nordallianz in Teheran bestätigten iranische Fernsehberichte, wonach drei Reporter zwischen Kabul und Dschalalabad ums Leben kamen. Die Agentur afp meldete hingegen, nach Angaben der afghanischen Polizei seien seit Montag keine Reporter getötet worden. Die Taliban wiesen am Donnerstag westliche Journalisten aus den von ihnen kontrollierten Gebieten aus; die Miliz könne für ihre Sicherheit nicht mehr garantieren.

Auf Druck der USA schloss die pakistanische Regierung die Taliban-Botschaft in Islamabad. Die Diplomaten müssen das Land in "angemessener Zeit" verlassen, sagte ein Außenministeriumssprecher. Pakistan war das letzte Land mit einer Botschaft der Taliban. Derweil willigte die Nordallianz ein, etwa 100 britische Soldaten zur Sicherung humanitärer Hilfe ins Land zu lassen.

UN-Vertreter wollen sich die Schau nicht stehlen lassen

Warum Bonn und nicht Berlin oder Wien als Tagungsort zum Zuge kommt / Vier afghanische Gruppen eingeladen

Von Pierre Simonitsch (Genf)

Einen Tag lang konnte sich die Bundesregierung im Glauben freuen, Berlin werde als Ausgangspunkt einer politischen Lösung des Afghanistankonflikts in die Annalen eingehen. Schon kamen Erinnerungen an den Besuch des afghanischen Königs Amanullah im Jahre 1928 auf. Doch dann setzten die Vereinten Nationen durch, dass die Konferenz in Bonn stattfindet.

Dem gewöhnlichen Sterblichen mag es als unwesentlich erscheinen, ob sich die Kriegsherren aus Zentralasien am Montag in der jetzigen oder in der früheren Hauptstadt Deutschlands versammeln. In der hohen Politik spielen Symbole aber eine wichtige Rolle.

Der UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Lakhdar Brahimi, hatte drei europäische Städte zur Wahl gestellt: Bonn, Genf und Wien. Ihnen gemeinsam ist, dass sie UN-Organisationen beherbergen. Der Sicherheitsrat und die Vollversammlung der UN hatten der Organisation die "zentrale Rolle" bei der Suche nach einer Friedenslösung für Afghanistan übertragen. Diese Rolle wollen die UN auch wahrnehmen. Ihre Vertreter hatten keine Lust, sich die Schau der Konferenzeröffnung von einem Regierungschef oder Außenminister stehlen zu lassen.

Genf fiel als Tagungsort aus, weil die Schweiz zu spät und zaghaft ihre Dienste anbot. Die große Zeit Genfs als Konferenzstadt ist ohnehin vorüber. Seit Ende des Kalten Krieges wird kein neutraler Begegnungsort mehr benötigt. Als einziger Staat neben dem Vatikan, der nicht Mitglied der Vereinten Nationen ist, schwimmen der Schweiz immer mehr Felle davon. Um heute eine prestigeträchtige Konferenz zu erhalten, muss man Verbündete haben. Von Vorteil ist es auch, sich die Einladung etwas kosten zu lassen - etwa in Form von Flugtickets, Hotelzimmern und Taschengeld für unbemittelte Delegierte.

Ideal wäre Wien gewesen. Der Wiener Flughafen ist eine Drehscheibe für Verbindungen in den Nahen und Mittleren Osten. Die Prachträume des Konferenzzentrums in der Hofburg hätten vielleicht auch die afghanischen Warlords weich werden lassen. Die österreichische Regierung bemühte sich redlich, brachte aber zu wenig Gewicht auf die Waage. Es gibt einflussreiche Staaten, die dem Bündnis von Kanzler Wolfgang Schüssel mit der Partei des Rechtspopulisten Jörg Haider nicht die erstrebte Aufwertung auf dem internationalen Parkett bescheren möchten.

So erhielt Deutschland den Zuschlag mit dem Segen des großen Beschützers USA. Brahimi versuchte sich aber aus der freundschaftlichen Umklammerung deutscher Politiker zu lösen. Auf seinen Einspruch wurde nichts mit Hauptstadtbummel und -rummel. Die Delegierten der vier eingeladenen afghanischen Parteien sollen sich in der Abgeschiedenheit des Petersbergs bei Bonn näher kommen.

Eingeladen sind die Nordallianz, Vertreter der Paschtunen um Ex-König Sahir Schah, der laut Agenturen nicht nur Männer, sondern auch zwei Frauen entsenden will, die von Iran unterstützte so genannten Zyperngruppe - das sind Vertreter der Exil-Afghanen auf der Mittelmeerinsel - und eine Gruppe von Stammesführern, die im pakistanischen Peschawar sitzen.

Der geschichtsträchtige Petersberg hoch über dem Rheintal hat seit Gründung der Bundesrepublik 1949 eine Vielzahl von Staatsgästen beherbergt: Ganze Generationen von Staats- und Regierungschefs passierten die Serpentinen hinauf zum Gästehaus des Bundes. Unter den gekrönten Häuptern waren Äthiopiens Kaiser Haile Selassie, der persische Schah und Japans Kaiser Akihito.

Bei den Treffen wurden oft Weichen der internationalen Politik gestellt. Eine der jüngsten Gelegenheiten dazu war die Balkan-Konferenz 1999, die einen Stabilitätspakt für Südosteuropa vorbereitete.

Wie es um die Erfolgsaussichten der Afghanistan-Konferenz bestellt ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Der Islam-Experte Michael Lüders hält sie für gering. "Die Pest der Taliban wurde mit Hilfe der Cholera der Nordallianz besiegt", sagte der Politikberater der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung am Donnerstag der Agentur dpa. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die durch die Niederlage der Taliban geschwächten Paschtunen wieder zu den Waffen greifen würden.

Menschenrechte Taliban-Nachfolgern Verstöße vorgeworfen

MADRID / WASHINGTON, 23. November (epd/dpa). Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Mary Robinson, hat Menschenrechtsverletzungen nach der Vertreibung der Taliban in Afghanistan beklagt. Die Vereinten Nationen hätten deutliche Hinweise darauf, dass die neuen Machthaber in mehreren Städten Massaker und Vergewaltigungen verübt hätten, sagte sie am Freitag in Madrid.

Robinson sprach sich für die Stationierung von internationalen Sicherheitskräften in Afghanistan aus. Daran sollten sich nationale Einheiten und die islamischen Staaten der Region beteiligen. Wer sich Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht habe, solle von der neuen afghanischen Verwaltung ausgeschlossen bleiben.

Die Taliban haben nach Angaben der US-Regierung in Afghanistan Kinder hingerichtet, Frauen vergewaltigt und Männer als Abschreckung an Straßenlaternen aufgehängt. Die Details nennt ein Bericht des eigens für die Informationsoffensive in Islamabad, London und Washington eingerichteten "Koalitionsinformationszentrums". Die Informationen stammen nach US-Medienberichten von Menschenrechtsorganisationen und aus Presseberichten.

Die Träume kehren zurück

Nach den verlorenen Jahren unter den Taliban wollen Kabuls Frauen frei sein und politisch mitsprechen

Von Florian Hassel (Kabul)

Als die Taliban aus der Stadt geflohen waren, trat Sunila Hamidi mit Wassereimer und Putzlappen aus dem Haus. Dann machte sie sich daran, die weiße Farbe von ihrem Fenster abzuwaschen. Doch so sehr sich Sunila, eine 19-jährige Schönheit mit kastanienfarbenen Haaren und großen braunen Augen im ovalen Gesicht, auch mühte, die Farbe ging nicht ab. Fünf Jahre Sonne und Wind hatten den Anstrich in einen unlöslichen Firnis verwandelt.

Wäre noch ein Taliban in Kabul gewesen, hätte er sich sicher über Sunilas vergebliche Reinigungsaktion gefreut: Schließlich hatten die fundamentalistischen Koranschüler nach ihrer Machtergreifung vor einem halben Jahrzehnt den Einwohnern der afghanischen Hauptstadt befohlen, alle Fenster mit Blick zur Straße anzustreichen. Die Farbe sollte verhindern, dass Männer im Vorbeigehen einen Blick auf Frauen im Hausinnern erhaschen konnten.

Doch Sunila fand andere Möglichkeiten, den Abschied von den Taliban zu feiern, nachdem diese Kabul vor anderthalb Wochen geräumt hatten. "Ich habe meinen knallroten Wollpullover und die braune Cordhose aus dem Schrank geholt. Unter den Taliban hätte ich für das Tragen einer Hose die Prügelstrafe bekommen können." Ihre Freundin Sofia Hasas holte die Schuhe mit den hohen Absätzen hervor, die der "Tugendminister" im Sommer 1997 ebenso verboten hatte wie Lippenstifte und weiße Socken. Ist der Fastenmonat Ramadan vorbei, wollen sich die Freundinnen auch wieder die Fingernägel lackieren.

Natürlich wollen Kabuls Frauen ihre wiedergewonnene Freiheit nicht nur für die Rückkehr zu Mode und Kosmetik nutzen. Weil die Taliban Mädchen den Unterrricht verboten hatten, konnte Sunila nur neun Jahre zur Schule gehen. Jetzt will sie das Abitur nachholen und später Medizin studieren. Ihre Freundin Samia will ihr Studium der islamischen Rechtswissenschaften wieder aufnehmen und Richterin werden. Und die Bettlerin Parri träumt von einem Job als Wächterin und davon, dem Elend zu entkommen, in dem sie und ihre Kinder leben.

Sofia Hasas erholt sich von der Nachtschicht. Im Wohnzimmer mit dem roten Teppich und den nachtblauen Sitzkissen hat sich die schlanke Frau mit einem nachlässig über die schwarzen Haare geworfenen Kopftuch eine Tasse grünen Tee eingeschenkt und knabbert die in Afghanistan beliebte Mischung aus Walnüssen und Rosinen. Sofia ist Schwester in einem Krankenhaus des Roten Kreuzes und schätzt ihre Arbeit, "weil ich so nicht zu Hause herumsitze und anderen Frauen helfen kann". Doch ihre Berufung ist das nicht. Als die Taliban Kabul im September 1996 einnahmen, studierte die damals 24-Jährige im dritten Jahr an der Universität Journalismus. Doch die Taliban schlossen nicht nur 63 Schulen in der Stadt, sondern schickten auch die 4000 Studentinnen nach Hause. Allen Frauen verordneten sie das Tragen der Burkha, des Ganzkörperschleiers, der seinen Trägerinnen das Atmen schwer macht und nur durch ein postkartengroßes Gitternetz eine Minimalsicht auf die Welt zulässt. "Unser Leben änderte sich innerhalb von 24 Stunden", sagt Sofia Hasas' drei Jahre jüngere Schwester Samia.

Der Vater der Hasas-Schwestern, ein hoher Beamter im Justizministerium, kam im Bürgerkrieg Anfang der 90er Jahre durch einen Granateinschlag ums Leben. Sofias Mann, ein Kampfpilot in der Armee der damals moskautreuen Regierung, starb wenige Jahre nach der Hochzeit, als die Widerstandskämpfer sein Flugzeug abschossen. Jahrelang konnten Sofia und Samia nur dann das Haus verlassen, wenn einer ihrer Brüder Zeit hatte: Die Taliban hatten Frauen verboten, ohne Begleitung eines männlichen Verwandten auf die Straße zu gehen. "Es ist wie mit einer Rose. Man gießt sie und hält sie zu Hause für sich selbst, um sie anzusehen und zu riechen. Sie ist nicht dazu da, aus dem Haus genommen und (von anderen) gerochen zu werden", brachte Erziehungsminister Sijed Ghaisuddin die Frauensicht der Taliban auf den Punkt.

Drei Jahre verbrachten Sofia und ihre Schwester Samia fast ausschließlich in den eigenen vier Wänden. Sie lasen oder sahen Videos - von den Taliban ebenso verboten wie Fernsehen und Fotografie. Die Familie ihrer Freundin Sunila kam auf eine sportliche Idee, um das Bilderverbot zu umgehen. "Wir hatten, wie auch unsere Nachbarn, eine Satellitenantenne im Keller versteckt. Jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit schleppten wir die Antenne aufs Dach und sahen in einem fensterlosen Zimmer indisches und iranisches Fernsehen, MTV und CNN", erzählt Sunila. Als die Taliban einen unvorsichtigen Nachbarn beim Fernsehen erwischten, warfen sie ihn ins Gefängnis.

Auf dem Basar kaufte Sunila zehn Michael-Jackson-Cassetten - wie jede Musik von den Taliban verboten. Im Radio hörte Sunila statt des Taliban-Senders Radio Shariat lieber die Voice of America und "verliebte" sich in die englische Sprache. Also schickten die jungen Frauen im Frühjahr 1999 ihre Mutter zur Mutter eines jungen Englischlehrers und fragten an, ob er bereit sei, sie insgeheim zu unterrichten. Für beide Seiten ein riskantes Unternehmen. Zwar lockerten manche Taliban ihren Bildungsbann für Frauen nach dem Eifer der Anfangsjahre und ließen in einigen Vierteln Kabuls stillschweigend Mädchenschulen zu. Offiziell blieb der Bann aber bestehen. "Hätten die Taliban uns erwischt, hätten sie sowohl den Lehrer als auch uns wegen unerlaubten Unterrichts und verbotenen Kontakts zwischen Männern und Frauen ein halbes Jahr ins Gefängnis werfen können", sagt Samia. Um die Entdeckung zu vermeiden, tauschten die jungen Frauen oft die Burkha und gingen zu wechselnden Zeiten auf unterschiedlichen Wegen zum Unterricht.

Für viele Frauen aber waren die Freiheiten, die Sunila Hamidi und die Hasas-Schwestern als Mitglieder der Mittelschicht trotz allem genossen, Lichtjahre entfernt. Die Witwe Parri hat ihr ganzes Leben in Kabul verbracht. Doch ihr Vater, ein Zimmermann vom Land, verbot ihr den Schulbesuch, den sie sich glühend wünschte. "Mädchen brauchen keine Bildung." Der Zwang zur Burkha, den westliche Reporter nach dem Einmarsch der Taliban in Kabul als barbarische Neuerung beschrieben, war und ist in allen Dörfern Afghanistans üblich. "Ich trage die Burkha, seit ich eine junge Frau bin", sagt Parri. "Nie hätte mich mein Vater ohne sie auf die Straße gelassen."

Im Armenviertel Bibi-Mahru neben dem Flughafen hat Parri für 50 000 Afghani, umgerechnet drei Mark, ein Zimmer in einer Lehmhütte gemietet. Im kleinen Innenhof leisten die sechs Hühner der Zimmerwirtin Parris acht Kindern auf alten Decken und Kissen Gesellschaft. Wie alt sie ist, weiß Parri nicht. "Wahrscheinlich irgendwo um die 35." Die abgearbeiteten Hände und die ledrige Gesichtshaut lassen eher an eine 50-Jährige denken. Als sie ungefähr 18 Jahre alt war, verkaufte der Vater Parri an einen Nachbarn, den sie nie zuvor gesehen hatte - ein Schicksal, das für Millionen afghanischer Frauen seit Jahrhunderten der Normalfall ist. Alle Afghaninnen kennen die Geschichte von Rabia Balkhi, einer Dichterin des zehnten Jahrhunderts, die ihre letzten Verse mit ihrem eigenem Blut schrieb: Ihr Bruder hatte ihr die Pulsadern aufgeschnitten, als sie sich weigerte, den für sie ausgesuchten Mann zu heiraten.

In mancherlei Hinsicht trugen die Taliban also nur die Sitten des afghanischen Dorfes in die Stadt und konnten sich des Beifalls der meisten Männer sicher sein. Auch die Kämpfer der Mudschaheddin waren bei ihrer Machtübernahme 1992 über die in ihren Augen zügellosen Sitten in Kabul schockiert und beschnitten die Rechte der Frauen aus kommunistischer Zeit. Doch mit ihrer Rigorosität schafften die Taliban selbst die wenigen Freiräume für Frauen ab. Kaum hatten sie die Macht übernommen, schlossen sie in Kabul dutzende Hamams, Badehäuser, die vor allem von armen Frauen besucht wurden. "Die Schließung der Hamams war eine Katastrophe", sagt Parri. "Seit Jahren habe ich meine Kinder nicht mehr richtig waschen können." Mit einem Berufsverbot für Frauen stürzten die Taliban Parri ins Elend. Seit ihr Mann Anfang der 90er Jahre im Bürgerkrieg getötet worden war, hatte sie ihre Kinder und sich als Wäscherin und Kindermädchen in wohlhabenden Familien durchgebracht. Doch Parri verlor ihre Jobs, als die Taliban Frauenarbeit nur noch in einigen Krankenhäusern und Hilfsorganisationen erlaubten. "Ich wollte Teppichknüpfen lernen, doch die Taliban schlossen auch diese Schule."

Seit fünf Jahren fährt Parri jeden Morgen bei Sonnenaufgang ins Botschaftsviertel oder eine andere wohlhabende Gegend. Dort bettelt sie bis zum Einbruch der Dunkelheit um Geld oder Lebensmittel. "Natürlich schäme ich mich zu betteln. Aber es ist die einzige Möglichkeit, zu überleben." Oft schlugen und verspotteten die Wächter der Religionspolizei Parri und die anderen Bettlerinnen. "In den Augen der Taliban gab es für uns Frauen nur zwei Wege: ins Haus oder ins Grab." Als US-Flugzeuge im Oktober den Flughafen bombardierten, zersprangen die Plastikfenster in Parris Zimmer. Doch die Bomben ebneten auch den Taliban-Gegnern der Nordallianz den Weg nach Kabul. Seitdem deren Truppen die Kontrolle übernommen haben, geht Parri jeden Morgen zu einem ihrer Kontrollpunkte. Dann geben ihr die Soldaten einen Beutel Brot vom Vortag.

Mit dem Fall der Taliban ist für Kabuls Frauen die Zeit der Träume zurückgekommen. Parri wünscht sich, dass ihre Kinder, die unter den Taliban nur ein paar Koranstellen auswendig gelernt haben, "endlich Lesen und Schreiben lernen". Die Krankenschwester Sofia Hasas will, statt nach Pakistan zu emigrieren, "die verlorenen Jahre aufholen", das Studium des Journalismus beenden und ihren Landsleuten als Radioreporterin "etwas über die Realität unserer Gesellschaft erzählen".

Noch trauen die Frauen der zurückgewonnenen Freiheit nicht recht. Zwar gehen Parri und Sofia, Samia und Sunila nun ohne die Begleitung von Männern über die Straße. Doch die Burkha tragen sie weiter. "Wir warten auf eine offizielle Ankündigung, dass wir die Burkha zu Hause lassen dürfen", sagt Sunila. "Die Freiheit ist noch ungewohnt", sagt Sofia. "Wir haben immer noch Angst, dass die Taliban zurückkommen könnten."

Soraja Parlika gehört zu den Frauen, die nicht darauf warten wollen, dass Männer ihnen erlauben, was sie wann zu tun haben. Seit 37 Jahren kämpft die Wirtschaftswissenschaftlerin an der Spitze afghanischer Frauenverbände gegen die tief verwurzelte Diskriminierung. Die fünf Jahre der Taliban erlebte die heute 57-Jährige "als komplette Zerstörung all dessen, was wir bis Anfang der 90er Jahre erreicht hatten". Auch die neuen Machthaber aber sind alles andere als Freunde der Emanzipation. Ahmed Schah Massud, der am 9. September ermordete Führer der Taliban- Gegner, gab sich vor ausländischen Gästen zwar oft als Freund der Emanzipation aus. Seine eigene Frau musste sich freilich ebenfalls hinter der Burkha verstecken. "Als die Mudschaheddin in der ersten Hälfte der 90er Jahre in Kabul unter Massuds Führung an der Macht waren, haben sie unsere Rechte von Jahr zu Jahr mehr beschnitten", sagt Parlika. "Hoffentlich haben sie aus ihren alten Fehlern gelernt."

Die erste Erfahrung mit der neuen Macht war freilich wenig ermutigend. Am Dienstag dieser Woche wollte Parlika mit anderen Frauen zur Vertretung der Vereinten Nationen im Zentrum Kabuls marschieren. Dort wollten die Frauen in Anwesenheit des UN-Beauftragten Francesc Vendrell dafür demonstrieren, dass Frauen bei der Bonner Afghanistan-Konferenz als Delegierte mit über die politische Zukunft des Landes entscheiden können. Doch als sie marschbereit waren, klingelte bei Parlika das Telefon. Ein Mitarbeiter des von den neuen Machthabern eingesetzten Führungskomitees von Kabul informierte sie, dass die Demonstration aus Sicherheitsgründen verboten sei. Als Vendrell und der designierte Außenminister der Taliban-Gegner am Abend die Bonner Konferenz bekannt gaben, war schnell klar, dass keine einzige Frau aus Kabul unter den Delegierten sein würde.

Soraja Parlika setzt nun aufs Ausland. Dass Laura Bush und Cherie Blair jetzt eine Kampagne für die Rechte der afghanischen Frauen gestartet haben, fand sie "sehr ermutigend". Sie hofft, dass das Ausland die neuen Machthaber dauerhaft unter Druck setzt und "ihnen klar macht, dass sie uns Frauen nicht weiter zu Menschen zweiter Klasse degradieren können".

Der lange Krieg

Vom König zur Konferenz

1933 König Nadir Schah wird im November von einem Studenten ermordet. Sein Sohn Sahir Schah Mohammed folgt ihm auf den Thron. Er setzt (1946) endgültig die Unabhängigkeit Afghanistans (bis dahin unter britischer Dominanz, formell aber selbstständig) durch und emanzipiert sich von der Herrschaft seiner Onkel Mohammed Haschim und Schah Mahmud Khan.

1964 Afghanistan wird konstitutionelle Monarchie, nachdem Sahir eine Verfassung erlässt, welche die Mitglieder der Königsfamilie von Staatsämtern ausschließt.

1973 Mohammed Daud, ein Vetter Sahirs, stürzt im Juli den König in einem unblutigen Staatsstreich und erklärt Afghanistan zur Republik. Das Land nähert sich der Sowjetunion an, bleibt aber blockfrei. Die Armee wird sowjetisch ausgebildet. Viele Entwicklungsmaßnahmen auch westlicher Staaten (Bundesrepublik, USA).

1978 Im April blutiger Staatsstreich durch die kommunistische Demokratische Volkspartei (DVAP). Nur Mohammed Taraki (Chalk-Flügel der DVAP) übernimmt die Macht. Forcierte Bodenreform führt zu Widerstand durch die erste Mudschaheddin-Bewegung. Durchgreifende Reformen in den Städten, Gleichberechtigung der Frauen, zugleich Einparteiherrschaft.

1979 Umsturz durch den Partscham-Flügel der DVAP im September, Taraki wird ermordet, Hafisullah Amin an der Macht, verschärfter Widerstand sowohl der Mudschaheddin als auch der Chalk-Fraktion.

1979 Invasion der Sowjetarmee an Weihnachten. Amin wird ermordet, der Partscham-Funktionär Babrak Karmal wird von der UdSSR als Premier eingesetzt. Massenflucht vor allem nach Pakistan und Iran. Saudi-Arabien, die USA und Pakistan finanzieren die in Peschawar ansässigen Mudschaheddin-Organisationen mit rund zehn Milliarden Dollar (bis 1990). Landesweiter Widerstandskrieg, Verminung der Grenzgebiete.

1989 Im Februar Bildung einer provisorischen Regierung des Exils in Islamabad (Pakistan) aus den in Peschawar residierenden Mudschaheddin-Gruppen.

1989 Die geschlagene Sowjetarmee zieht im Mai ab. Regierung unter Najibullah, Geheimdienstchef der von der UdSSR eingesetzten DVAP-Regierung.

1992 Die Mudschaheddin erobern im April Kabul. Sturz Najibullahs, der sich in den Schutz der UN begibt. Interimspräsident wird der angesehene religiöse Führer Sibghatullah Modjaddedi.

1992 Im Sommer blutige Konflikte unter den gegen Najibullah kämpfenden Mudschaheddin, dabei weitgehende Zerstörung Kabuls. Die radikal-islamistische Bewegung unter Gulbuddin Hekmatjar setzt sich zunächst gegen die Koalition unter Burhanuddin Rabbani durch, unterliegt aber Anfang 1994.

1994 Erstes Auftreten der Taliban in Kandahar. Errichtung eines strikt islamistischen Regimes (Arbeits- und Ausgehverbot für Frauen, Verbot von Film, Fernsehen und Musik, öffentliche Hinrichtungen). Zusammenarbeit der Taliban mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI.

1996 Im September erobern die Taliban Kabul. Ermordung von Najibullah und öffentliche Zurschaustellung der Leiche. Weitere Förderung der Taliban durch US-Kreise, die an Pipelines durch Afghanistan interessiert sind. Taliban besetzen neun Zehntel Afghanistans.

1998 USA bombardieren Stellungen der Al Qaeda bei Kandahar nach Anschlägen auf US-Botschaften in Afrika.

2001 Zusammenbruch der Taliban nach US-Bombardements. Konferenz in Bonn.

Allianz empfängt Überläufer wie Brüder

Taliban geben die Stadt Kundus ohne große Gegenwehr auf / Jagd auf bin Laden

Ohne auf heftigen Widerstand zu stoßen haben Truppen der afghanischen Nordallianz am Sonntag weite Teile der Taliban-Hochburg Kundus eingenommen. Tausende afghanischer Talibankämpfer zogen kurz vor Ende eines Ultimatums mit Panzern und Autos aus der nordafghanischen Stadt ab und übergaben ihre Waffen.

FRANKFURT A.M., 25. November (dpa/ap/afp). Mit dem Fall von Kundus bleibt den Taliban nur noch Kandahar im Süden als letzte größere Bastion. Der Nordallianz gelang damit kurz vor Beginn der Afghanistan-Konferenz entscheidender Geländegewinn. Ihre Truppen haben nun in drei Vierteln des Landes die Oberhand.

Korrespondenten vor Ort berichteten, Truppen rückten mit Panzern von mehreren Seiten auf das Zentrum der Stadt Kundus vor, in der zeitweise bis zu 30 000 Menschen eingekesselt waren. Es sei lediglich zu kleineren Feuergefechten gekommen. Ein Ultimatum der Nordallianz an die Taliban, die Waffen zu strecken, lief am Sonntag aus. Flüchtende Taliban berichteten, die tagelangen Angriffe US-amerikanischer B-52-Bomber auf Kundus hätten sie völlig zermürbt. Nahrung, Wasser und Munition seien knapp geworden. Viele afghanische Talibankämpfer liefen zur Nordallianz über; sie wurden wie Brüder mit Umarmungen und Küssen empfangen.

Ein Taliban-Kämpfer sprengte sich jedoch am Samstag nach seiner Kapitulation in die Luft und riss zwei weitere Milizionäre in den Tod. Der Mann habe eine Granate gezündet, als Vertreter der Nordallianz eine Gruppe von rund 500 Taliban-Söldnern bei Masar-e-Scharif durchsuchten, berichtete eine britische Fernsehjournalistin. Die Reporterin, die den Vorfall beobachtete, wurde dabei selbst verletzt.

Der bislang ranghöchste Taliban-Überläufer, der frühere stellvertretende "Innenminister" Mullah Mohammed Chaksar, wies dem Terroristenführer Osama bin Laden und den Taliban-Hardlinern die Schuld am Niedergang des Landes und des radikalislamischen Regimes zu. In Kabul sagte Chaksar am Samstag, er habe Talibanführer Mullah Mohammed Omar gewarnt, er solle "den Terroristen befehlen zu gehen" oder diese "würden unser Land zerstören". Omar sei aber immer stärker unter den Einfluss bin Ladens geraten.

Bin Laden wurde nach einem Bericht der New York Times angeblich in den vergangenen Tagen im Osten Afghanistans gesehen. Dagegen meldete der Londoner Sunday Telegraph, die USA wollten 25 000 Fallschirmjäger beim Sturm auf die letzte Taliban-Hochburg Kandahar im Süden einsetzen, weil sich bin Laden und Omar nach Angaben des Überläufers Chaksar dort aufhielten. Eine Versammlung von 80 Führern des afghanischen Volksstamms der Paschtunen forderte unterdessen von den Taliban den Abzug aus Kandahar.

Einwohner der Hauptstadt Kabul berichteten erstmals von der Präsenz westlicher Soldaten. Ein Mann sagte, er habe "30 bis 40 westliche Ausländer" in einem Nachbarhaus beobachtet. Die Männer verließen das Gebäude in einem Wohngebiet immer nur nachts. Andere Bewohner sagten, es seien Ausländer in der Stadt, die sich nicht häufig blicken ließen. Eine offizielle Bestätigung über die Stationierung US-amerikanischer oder britischer Soldaten in der Hauptstadt gab es bislang nicht.

Mindestens acht US-Bomben sind am Samstag nach Berichten von Augenzeugen und lokalen Behörden auf pakistanischem Territorium nahe der Grenze zu Afghanistan eingeschlagen. Tote oder Verletzte habe es auf pakistanischer Seite nicht gegeben, auf afghanischer Seite der Grenze seien aber mindestens 13 Menschen getötet und zwei verletzt worden.

Grüne sagen Ja zum Militäreinsatz

Parteitag betont auch Grenzen des Mandats / Klare Mehrheit für Regierungskurs

Von Daniel Riegger

Mit klarer Mehrheit hat sich der Grünen-Bundesparteitag trotz deutlicher Kritik am Anti-Terror-Kampf für die Beteiligung der Bundeswehr und damit für die Fortsetzung der rot-grünen Koalition entschieden. Bundesaußenminister Joschka Fischer schloss weitere Auslandseinsätze der Bundeswehr noch in dieser Legislaturperiode nicht aus.

ROSTOCK, 25. November. Als ein deutliches "Signal nach vorn" haben Grünen-Chef Fritz Kuhn und Bundesumweltminister Jürgen Trittin am Sonntag die Ergebnisse des Parteitags in Rostock gewertet. Nach fast zehnstündiger Debatte hatten am späten Samstagabend drei Viertel der knapp 800 Delegierten für einen leicht abgeänderten Antrag des Parteivorstands zum Einsatz der Bundeswehr im Anti-Terror-Kampf gestimmt. Darin wird die Entscheidung der Bundestagsfraktion für die Beteiligung deutscher Soldaten "akzeptiert", zugleich aber betont, dass die Grünen der "pazifistischen Tradition verpflichtet und verbunden" blieben.

Ausdrücklich werden in den Ergänzungen zum Leitantrag, die zwischen der Parteispitze, Fischer und dem Wortführer der Kritiker, Christian Ströbele, abgestimmt worden waren, die engen Grenzen des Bundeswehr-Mandats betont. Der Parteitag beschloss, deutsche Soldaten dürften ausschließlich für humanitäre Aufgaben, Transporte von Versorgungsgütern und zur Seeüberwachung eingesetzt werden. "Gewaltsame polizeiartige Einsätze" von Spezialkräften seien nur zulässig, um mutmaßliche Terroristen vor einen internationalen Strafgerichtshof zu bringen. Im Antrag der Parteispitze war nur die Rede von einem "Strafgericht" gewesen.

Der Parteitag verurteilte den Einsatz von Streubomben in Afghanistan durch die USA und kritisierte, dass "eine große Zahl unbeteiligter Zivilisten und zivile Einrichtungen von Bomben und Raketen getroffen wurden". Dies schaffe neuen Hass und neue politische Probleme. Ein Antrag der Kriegsgegner, die ein sofortiges Ende der Militäraktionen forderten, scheiterte. Er erhielt nur 292 von 755 Stimmen.

Die Befürworter des Bundeswehr-Einsatzes hatten in der Debatte eindringlich vor einem Ausstieg der Grünen aus der Koalition im Bund gewarnt. Parteichefin Claudia Roth sagte: "Die FDP würde ihre Seele verkaufen, um an die Macht zu kommen - hätte sie eine". Die rot-grüne Bilanz sei besser als ihr Ruf. Dabei verwies Roth auf den geplanten Atomausstieg, den Entwurf für ein Zuwanderungsgesetz und das geänderte Staatsbürgerschaftsrecht. Dies seien grüne und nicht rot-grüne Erfolge, wie es Kanzler Gerhard Schröder (SPD) behaupte, bekräftigte auch Co-Chef Kuhn.

Umweltminister Jürgen Trittin sagte, er sei nicht bereit, die Reformpolitik "den Henkels, den Glos', den Westerwelles zu überlassen." Fischer warnte unter Hinweis auf den hessischen CDU-Ministerpräsidenten vor dem Ausstieg aus der Koalition: "Die Alternative heißt Roland Koch." Mit Blick auf die rechtskonservativen und populistischen Regierungen in Europa sagte Fischer: "Haider, Rasmussen, Berlusconi und Stoiber in Deutschland - wir laufen auf ein Europa zu, das anders sein wird."

Im 21. Jahrhundert "werden wir um den militärischen Faktor nicht herumkommen", betonte der Außenminister. Mit Blick auf weitere mögliche Bundeswehr-einsätze im Ausland könne er "niemandem zusichern, dass wir im Ablauf dieser Legislaturperiode nicht erneut in den Bundestag gehen müssen." Ein Ja der Delegierten müsse nun "bis zum Ende der Legislaturperiode halten".

Annelie Buntenbach, die im Bundestag gegen eine deutsche Beteiligung an der Militäraktion gestimmt hatte, rügte, diese sei "unverhältnismäßig, weil ein ganzes Land zum Ziel eines Krieges" gemacht werde. "Nach der Ausnahme Kosovo ergibt Afghanistan eine neue Regel", sagte Buntenbach. Der Parteilinke Ströbele forderte, die terroristischen Netze müssten in Europa und den USA zerschlagen werden - "kehren wir vor der eigenen Haustür".

Schurken oder Freunde

Angesichts des manichäischen Weltbildes der USA nach dem Terroranschlag des 11. Septembers gilt es, Differenzierungen deutlich zu machen und der Selbstgerechtigkeit Grenzen zu setzen - ein Gebot der Solidarität

Von Karl Grobe

Die nach unten offene Schurken-Liste wird aufgefüllt. Konservative britische Zeitungen orakeln, gleich nach den Taliban würden Somalia, Sudan und Jemen "Ziele im Krieg gegen den Terrorismus", der Oberkommandierende George W. Bush (im Zivilberuf Präsident der USA) hat für Irak noch mehr Droh-Worte übrig. Genauer: für Saddam Hussein. Die Liste könnte sich um gewisse Landesteile Indonesiens und der Philippinen verlängern, weil es angeblich auch dort Rekrutierungs- und Ausbildungslager von Al Qaeda oder jedenfalls irgendwelcher Terrorgruppen gibt.

Beweise? Hinweise gibt es, mehr darf die Öffentlichkeit nicht erfahren, weil die Quellen der Erkenntnis geschützt werden müssen. Kriegsziele? Deren geografischer Umfang erweitert sich ebenso rasch wie ihr Inhalt. Wie der Oberkommandierende nun sagt, kommt in Betracht, wer Terroristen finanziert oder beherbergt. Und wer Massenvernichtungswaffen entwickeln will, "um Völker zu bedrohen", hat die Konsequenzen zu tragen. Die eigenen Abteilungen für dirty tricks (oder im russischen Jargon: nasse Sachen), die auswärtige Staatsoberhäupter aus dem Wege räumen, sind ausgenommen; es gibt Gerechte und Ungerechte. Russen sind jetzt Gerechte, auch in Tschetschenien. Saudi-Arabien ist gerecht, weil es sehr viel Erdöl hat.

Das manichäische Weltbild, das - man muss daran erinnern - am 11. September durch einen scheußlichen dreifachen Terror geweckt worden ist, kennt nur nützliche Freunde und Terroristen. Es ist geboten, Differenzierungen deutlich zu machen und der Selbstgerechtigkeit Grenzen zu setzen. Ein Gebot der Solidarität.

Kabul Nordallianz verbietet Frauen Friedensmarsch

KABUL, 27. November (afp). Ein geplanter Friedensmarsch afghanischer Frauen durch die Hauptstadt Kabul ist von der Nordallianz am Dienstag verboten worden. "Innenminister" Junis Kanuni habe die Kundgebung untersagt, teilte eine der Organisatorinnen mit. Kanuni habe vor seiner Abfahrt nach Bonn persönlich diese Anweisung erteilt.

Der Marsch solle zu einem unbestimmten Zeitpunkt nachgeholt werden, sagte die Vorsitzende der neu gegründeten afghanischen Frauenunion, Soraja Parlika. Das Innenministerium der Nordallianz habe das Verbot am Dienstag noch einmal bekräftigt. Die Berufung auf "Sicherheitsgründe" sei ein Vorwand, meinte Parlika.

Gefangenenrevolte blutig beendet

Nordallianz stürmt Festung mit massiver US-Hilfe

Zwei Tage nach Beginn des Aufstands in einem Gefangenlager bei Masar-e-Scharif hat die Nordallianz nach eigenen Angaben die Lage dort wieder völlig unter Kontrolle. US-Medien zufolge leisteten am Dienstagabend nur noch etwa ein Dutzend Gefangene Widerstand. Vorausgegangen waren erneute heftige US-Luftangriffe.

MASAR-E-SCHARIF/KABUL, 27. November (dpa/rtr/ap/afp). Bei den Gefechten in der Festung nahe der nordafghanischen Stadt Masar-e-Scharif kamen vermutlich mehr als 400 ausländische Taliban-Kämpfer ums Leben. Ein Sprecher der Nordallianz, Alim Rasim, berichtete: "Alle wurden getötet." Insgesamt 450 Gefangene sollen an dem Aufstand beteiligt gewesen sein. Auch sechs Soldaten der Nordallianz seien bei den Kämpfen am Dienstag umgekommen, hieß es.

Die durch eine fehlgeleitete Bombe schwer verletzten US-Soldaten wurden nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums nach Usbekistan geflogen worden und sollten zur medizinischen Versorgung nach Deutschland zum US-Stützpunkt in Ramstein gebracht werden. Aus Regierungskreisen verlautete, ein CIA-Mitarbeiter werde in der Zitadelle vermisst.

Die Nordallianz hatte im Kampf gegen die aufständischen Gefangenen am Dienstag erneut US-Luftunterstützung bekommen. Soldaten des Bündnisses brachen mit Panzern und Granatwerfern den letzten Widerstand. Aus der Festung waren schwere Explosionen zu hören. Die meist arabischen, pakistanischen und tschetschenischen Söldner hatten bis zuletzt mit Raketen und Mörsern gefeuert.

Bei der Befestigung des US-Lagers nahe der letzten noch von den Taliban besetzten Stadt Kandahar gab es am Dienstag ein erstes Gefecht. Als sich eine Kolonne von 15 Panzerfahrzeugen näherte, griffen zwei US-amerikanische F-14-Jets an. Einige Fahrzeuge seien zerstört worden, sagte Hauptmann David Romley. Die USA ließen eine kleine Gruppe von Journalisten zu dem Stützpunkt. Die Basis liegt in einem abgelegenen flachen Wüstenstrich, die einzigen sichtbaren Lichter sind die Markierungen der Landebahn. Auf dem Gelände liegen einige Gebäude, die laut Militärangaben von einem wohlhabenden Araber gebaut wurden.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte, Aufgabe der Marines sei es, Fluchtwege der Taliban- und Al-Qaeda-Führer abzuschneiden, Ziele für Luftangriffe zu markieren und schnelle Angriffe auszuführen. Flüchtlinge aus Kandahar berichteten, die Taliban in der Stadt seien zunehmend demoralisiert und hätten Angst vor einem Angriff.

Pakistan verstärkte seine Grenzkontrollen, um den Chef des Al-Qaeda-Terrornetzwerkes, Osama bin Laden, nicht ins Land zu lassen. Bin Laden wird in Kandahar oder der Umgebung der Stadt vermutet.

Am Südrand des Taliban-Gebietes rückten die Kampfverbände zweier Paschtunen-Stämme vor, die sich nach dem Siegeszug der Nordallianz von den Taliban losgesagt hatten. Am Dienstag wurde aus dem Raum Spin Boldak berichtet, die Stadt sei gefallen. In Spin Boldak mache sich Anarchie breit, tausende Menschen zögen plündernd durch die Straßen, zitierte die afghanische Nachrichtenagentur AIP einen Augenzeugen. Das Gebiet sei jetzt in der Hand von Kämpfern der Volksstämme Nursai und Achaksai. Ob alle Taliban die zwischen Kandahar und der pakistanischen Grenze gelegene Stadt verlassen haben, war der Agentur zufolge unklar.

Die Gesetzlosigkeit hat in Afghanistan inzwischen wieder ein Ausmaß erreicht, dass sich nach Angaben eines der Einsatzleiter der UN, Mike Sackett, die Hilfslieferungen für bis zu sieben Millionen Bedürftige verzögern. Sackett berichtete, bewaffnete Banden machten zum Beispiel die wichtige Straße von Peschawar im Norden Pakistans nach Kabul so unsicher, dass die Fahrten statt zwei Tage dreieinhalb Tage dauerten. Die Hilfsorganisationen müssten monatlich 52 000 Tonnen Nahrungsmittel verteilen, die nach Schätzungen des Welternährungsprogrammes gebraucht würden, um im herannahenden Winter eine Katastrophe zu vermeiden.

IM WORTLAUT ,Frauen ihr Recht zurückgeben'

Fischer eröffnet Konferenz

Zur Eröffnung der Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn hat Bundesaußenminister Joschka Fischer (Bündnisgrüne) an die Teilnehmer des Treffens appelliert, die Chance für einen Kompromiss zu nutzen. Die FR dokumentiert Auszüge seiner Rede, übermittelt von dpa.

"Afghanistan hat nunmehr eine große Chancen zum Frieden und Wiederaufbau, die Chance zu einem einigen, unabhängigen Afghanistan. (...) Ich appelliere an Sie: Schließen Sie einen wahrhaft historischen Kompromiss, der das Schicksal Ihres geschundenen Landes und seiner Menschen dauerhaft und nachhaltig zum Besseren wendet. (...)

Die Staatengemeinschaft ist zu einer großen Anstrengung bereit. Sie verbindet damit klare Erwartungen. Erstens: Die Einigung auf verbindliche Regeln für einen friedlichen politischen Neuanfang und auf eine breite, ausgewogene Übergangsregierung. Zweitens: Die Achtung und den Schutz der Menschenrechte. Dazu gehört an vorderster Stelle, den Frauen ihre Rechte und ihre Würde zurückzugeben. (...) Ein friedliches, stabiles Afghanistan ist Voraussetzung für Frieden und Stabilität in der gesamten Region. (...) Die unmittelbare Sorge der internationalen Gemeinschaft gilt der Versorgung der Not leidenden Bevölkerung. Ein Erfolg dieser Konferenz muss deshalb auch ein dringend notwendiger Impuls zur Lösung der Sicherheitsprobleme sein. (...)

Wir werden uns vor allem auf die Wiederherstellung der Bildungseinrichtungen und Verwaltungsinfrastruktur und auf die Einbeziehung von Frauen und Mädchen in den Aufbau der Zivilgesellschaft konzentrieren. Wir wollen unter anderem die traditionsreiche, 1924 gegründete Amani-Oberrealschule in Kabul, an der bis in die achtziger Jahre deutsche Lehrer unterrichteten, so schnell wie möglich wieder herrichten. (...)

Lassen Sie uns mit dem Übergang zu einer stabilen politischen Ordnung in Afghanistan auch in unserer bilateralen Partnerschaft ein neues Kapitel aufschlagen."

Nordallianz meldet Einmarsch ihrer Truppen in Kandahar

USA fliegen schwerste Attacken seit Kriegsbeginn auf letzte große Taliban-Bastion / Al-Qaeda-Mitglieder festgenommen

Nach tagelangen US-Luftangriffen sind am Donnerstag offenbar erste Einheiten der Anti-Taliban-Kräfte nach Kandahar vorgerückt, der letzten großen Taliban-Bastion im Süden Afghanistans. Zuvor hatten die USA die schwersten Bombenangriffe seit Kriegsbeginn auf Kandahar geflogen. Nordallianz-Truppen sollen mehrere führende Mitglieder des mutmaßlichen Terrornetzes Al Qaeda gefangen genommen haben.

KABUL/ISLAMABAD, 29. November (ap/rtr/dpa/afp). "Wir sind in Kandahar einmarschiert", sagte Bismillah Chan, der stellvertretende Verteidigungsminister der Nordallianz. Der telefonisch von Kabul aus erreichte Chan sagte, er habe keine Informationen über die genaue Lage in der Stadt. Eine unabhängige Bestätigung für Chans Angaben gab es nicht. Chan sagte, es sei ihm nicht bekannt, ob sich vor dem Einrücken seiner Truppen Taliban-Kämpfer ergeben hätten oder ob sie Widerstand leisteten. Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar hatte seine Kämpfer zuvor aufgefordert, Kandahar bis zum letzten Atemzug zu verteidigen.

US-Kampfflugzeuge hatten nach Angaben des amerikanischen Fernsehsenders CNN mehr als 24 Stunden die Stadt massiv angegriffen. Einwohner berichteten am Donnerstag von pausenlosen Angriffswellen. Zugleich bauten die USA ihren Brückenkopf vor den Toren Kandahars aus. Dort seien inzwischen 800 Marine-Infanteristen, hieß es. Laut US-Militärs sollen sie Kandahar aber nicht stürmen. Ihre Aufgabe sei es vor allem, den mutmaßlichen Terroristenchef Osama bin Laden, dessen Aufenthaltsort weiterhin unklar ist, und Al-Qaeda-Kämpfer aufzuspüren.

Von amerikanischer Seite wurde von Überläufern aus höchsten Taliban-Kreisen berichtet. Darunter soll nach Informationen des US-Fernsehsenders CBS der Geheimdienstchef sein. Truppen der Nordallianz haben Zeitungsberichten zufolge mehrere führende Al-Qaeda-Mitglieder gefangen genommen. Unter ihnen soll sich auch der Sohn des blinden Fundamentalistenführers Scheich Omar Abdel Rachman, Achmed Omar Abdel Rachman, befinden, berichtete die Los Angeles Times unter Berufung auf US-Geheimdienstmitarbeiter. Der 36-Jährige habe die Rolle seines Vaters übernommen, der seit 1995 im Gefängnis von Minnesota eine lebenslängliche Haftstrafe verbüßt. Scheich Rachman wird als geistiger Urheber des Anschlags auf das World Trade Center 1993 betrachtet, bei dem sechs Menschen getötet und etwa 1000 verletzt wurden.

Eine afghanische Frau und ein Kind sind nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums durch eine von einem US-Militärflugzeug abgeworfene Ladung Hilfsmittel getötet worden. Die Ladung sei am Dienstag von einem US-Militärflugzeug in Form eines Containers, an dem sich ein Fallschirm entfaltet, abgeworfen worden und habe ein Haus getroffen, teilte das Verteidigungsministerium am Mittwoch mit. Zwei afghanische Kinder starben laut UN-Angaben bei dem Versuch, US-Lebensmittelpäckchen in einem verminten Feld aufzusammeln.

DAS PORTRÄT

Frauenrechtlerin in zweiter Reihe

Delegierte Fatima Gailani

Von Rolf Paasch (Königswinter)

Sie trägt ein grünes Seidenkopftuch und sitzt bei der Petersberger Afghanistan-Konferenz als Beraterin in der zweiten Reihe um den Verhandlungstisch. Ihr Ehemann Anwar ul-Haq ist Delegierter für die Peschawar-Gruppe. Ihr Vater, der Sufi-Führer und ehemalige Mudschaheddin-Kommandant Pir Sayed Ahmad Gailani, ist als Chef dieser politisch-religiösen Dynastie in Peschawar zurückgeblieben, wo er seit Jahren auf die Rückkehr nach Afghanistan wartet. Trotzdem ist Fatima Gailani (Bild: ap) keine Alibi-Frau, die man(n) zur Afghanistan-Konferenz einfach nur mitgenommen hat. Anders als die übrigen vier anwesenden Frauen war sie in der Vergangenheit nicht Lehrerin oder Sozialarbeiterin, sondern nach eigener Aussage "die einzige Politikerin Afghanistans während des zehnjährigen Dschihads gegen die Russen".

Als der "Heilige Krieg" Anfang der 90er zum Gemetzel zwischen den Mudschaheddin-Fraktionen wurde, ging die heute 47-Jährige nach Teheran und London. Dort studierte sie Geschichte, Sufismus und islamisches Recht - um "genau so viel über den Islam zu wissen wie die Mullahs", deren restriktive Auslegung des Koran die afghanischen Frauen physisch wie politisch hinter den Schleier verbannte.

Doch nach zwei Konferenztagen in Königswinter ist Fatima Gailani optimistisch. Auch für die Vertreter der Nordallianz, so erklärt sie, seien Begriffe wie Demokratie, Loya Jirga und Frauenrechte bis vor kurzem "tabu" gewesen: "Jetzt reden sie zumindest darüber".

Fatima Gailani ist keine Frauenrechtlerin im westlichen Sinne. Als Tochter aus hohem Hause mit Wohnsitz in Rhode Island, USA, spricht sie perfekt Englisch, im Umgang mit den Medien zeigt sie die Geduld einer Wahlkämpferin. Immer wieder verweist sie auf die goldenen Jahre Afghanistans zwischen 1963 und 1973, auf die letzte Dekade einer 40-jährigen Herrschaft des mit ihrer Dynastie verbundenen Königs Sahir Schah. Dass sich das 20. Jahrhundert in Afghanistan als Abfolge liberaler Reformen und konservativer Gegenreaktionen verstehen lässt, will sie nicht gelten lassen. In Iran habe es 1979 eine echte Revolution gegeben, aber der Sturz des Königs im Juli 1973 war für Fatima Gailani ein "von außen angestifteter kommunistischer Coup". Afghanistan sei in den 60er Jahren ein so konservatives Land gewesen wie heute, sagt sie. Doch besaßen die Rechte der Frauen damals Verfassungsrang. "Die Demokratie funktionierte und die Frauen konnten arbeiten."

Dies sind denn auch Gailanis Forderungen für ein Post-Taliban-Afghanistan, die sie mit den linken Feministinnen von der "Revolutionären Front der Frauen von Afghanistan" (Rawa) teilt: gleiche soziale, politische und Arbeitsrechte für Frauen. Sonst trennen Fatima Gailani und die in ihren Augen "bewundernswerten, tapferen Rawa-Frauen" Welten: "Ich bin", sagt sie von sich, "eine moderate Muslimin im politischen Mainstream".

Mein Freund, der Feind

El Harim kämpft für die Nordallianz, sein Jugendfreund Sharif für die Taliban. An der afghanischen Front standen sie sich gegenüber. Nachts haben sie sich über ihre Walkie-Talkies unterhalten. Seit Tagen hat El Harim nichts mehr von Sharif gehört.

Von Thomas Seifert

Mujahedin-Kämpfer El Harim war seit mehr als fünf Jahren nicht mehr in Kabul. Er ist aufgeregt wie ein Tourist an seinem ersten Tag in einer fremden Stadt. Mit Höchstgeschwindigkeit braust er durch die afghanische Hauptstadt, vorbei am Share Naw Park, wo er früher die Kabuli-Mädchen unverschleiert flanieren sah, durch die Plattenbausiedlungen aus der Zeit des Kommunisten Najibullah. Microrayon-e-Sowom, Microrayon-e-Dowom und Microrayon-e-Awal, das waren die Nobelbezirke, in denen das Regime Ärzte, Krankenschwestern, Lehrer und Beamte unterbrachte. Als El Harim 1996 mit den Nordallianz-Truppen des Generals Ahmed Schah Massud aus Kabul vertrieben wurde, wuchs zwischen den Plattenbauten noch Gras. Heute ist alles vertrocknet, die Ziegen, die auf der Suche nach Futter umherstreifen, bleiben hungrig.

Am Deh Afghanan-Bazar dröhnt aus den Läden wieder Musik, und in der legendären "Chicken Street" gibt es Importware, die El Harim noch nie gesehen hat: Schweizer Schokolade, feine Pasteten, Dosenspargel. Im Froshga-Bazar im Stadtzentrum kann man Musikkassetten kaufen und sogar Musik-DVDs mit spärlich bekleideten indischen Sängerinnen auf den Covers. Eine ist ziemlich nackt. Welche Ansichten für den Soldaten, der die vergangenen fünf Jahre in der kargen Provinz zugebracht hat. Nichts von all dem hat er dort gesehen.

Musik, Satellitenfernsehen, Menschenmassen, elektrischer Strom: Der Kampf gegen die Taliban hat sich für El Harim gelohnt. El Harim, in dessen Stimme schon im Normalzustand Obertöne mitschwingen, klingt noch aufgeregter, noch schriller als sonst, als er in der Lobby des Hotel Inter-Continental von seiner Stadtrundfahrt erzählt. Seine schweren Lederstiefel sind blank geputzt wie immer, seine Uniform ist frisch gewaschen, das ist neu. Ein wenig deplaziert wirkt der siegreiche Nordallianz-Kommandeur, wie er da in seiner Tarnuniform in der Lobby des Hotels steht. Sein Gesicht über dem gestutzten Bart ist entspannt, es geht ihm gut. Seine Einheit hatte bei der Offensive keine Verluste zu beklagen, "Allah sei dank". Nur wo ist Sharif? "Sharif?" Sein Freund, der Taliban? "Keine Ahnung", sagt El Harim.

Noch Anfang Oktober, als die US-Luftwaffe ihre ersten Angriffe gegen Afghanistan flog, stand El Harim in ständigem Kontakt mit Sharif. In Rabat, seinem Frontabschnitt, stellte El Harim immer wieder sein Walkie-Talkie auf die Taliban-Frequenz und plauderte mit seinem Freund wie in den guten, alten Zeiten, als beide noch auf Seiten der Mujahedin gegen die Russen kämpften.

Sharif und El Harim sind im Dorf Qala-e-Nasru, etwa 35 Kilometer nördlich von Kabul, aufgewachsen. Sie gingen gemeinsam zur Schule, mit 17 haben sie sich den Mujahedin angeschlossen und das erste Mal eine Kalaschnikow abgefeuert, erinnert sich der 40-jährige El Harim. Vor fünf Jahren verteidigten sie Kabul noch gemeinsam gegen die Taliban-Invasoren. Ein Jahr später hat Sharif sich den Taliban angeschlossen. Der Seitenwechsel kam für El Harim nicht überraschend. Denn Sharif ist Paschtune. Diese größte ethnische Gruppe Afghanistans war die Stütze des Taliban-Regimes. Als der Dorfrat von Qala-e-Nasru beschlossen hat, sich den Taliban anzuschließen, hatte Sharif gar keine andere Wahl, als ebenfalls den "Lungi", den schwarzen Turban der Taliban, zu tragen. El Harim hatte es längst in ein anderes Dorf hinter die Frontlinie verschlagen.

Ende Oktober, die Amerikaner verstärken ihre Luft-Offensive. Es ist ein wunderbarer Spätherbstabend in der Shamoli-Ebene nördlich vor Kabul, eine Szene wie aus einem Breughel-Gemälde. Schmutzigbraune, staubige Erde, da und dort Büschel von sonnengetrocknetem, rostfarbenem Herbstgras. Im dunstigen Hintergrund die Silhouetten der Berge des Hindukusch. Auf den Gipfeln der Dreitausender hat der herannahende Winter bereits seine ersten schneeweißen Spuren hinterlassen. Bald werden die Pässe zugeschneit sein, an eine Offensive Richtung Kabul ist dann nicht mehr zu denken.

El Harim sitzt in einem Schützengraben auf einem alten Dieselbunker, den noch die Russen in der Nähe von Rabat hingestellt haben, und blickt in die Abendsonne. Vielleicht nur 400 Meter von ihm, in einer der Hütten aus sonnengebackenem Lehm, sitzt sein Freund Sharif in einem Taliban-Gefechtsstand.

"Sharif, Sharif. Mishnawie? Hörst du mich? Wie war das Bombardement vergangene Nacht?", krächzt El Harim ins Funkgerät und lacht. Es rauscht und knackst aus dem Lautsprecher des Walkie-Talkie, dann antwortet Sharif. "Unsere Kampfmoral ist gut. Die Bomben der Amerikaner landen allesamt in der Wüste. Deine Freunde, die Amerikaner treffen schlecht. Erinnerst du dich noch an die Russen? Die haben besser gezielt!" Sharif ist bester Laune.

"Sind viele Araber bei dir?", fragt El Harim.

"Nein, keine Araber und auch keine Pakistani. Wir sind hier alles Afghanen, die für den Frieden kämpfen."

"Warum kämpft ihr mit bin Laden?"

"Osama ist ein moslemischer Mujahedin. Er hat niemandem etwas getan. Das sind alles Lügen, die von den Amerikanern verbreitet werden. Es ist eine Sünde, Menschen zu töten, ohne irgendwelche Beweise in der Hand zu haben."

"Warum hast du dich den Taliban angeschlossen, Sharif?"

"Ich bin ein islamischer Mujahed-Kämpfer. Die Taliban sind die wahren Mujahed, und ich habe mich ihnen angeschlossen, weil sie endlich die Fraktionskämpfe zwischen den Mujahedins beendet haben."

El Harim lacht nicht mehr. Er wirkt nachdenklich, fast ein wenig traurig.

"Sharif, was würdest du empfinden, wenn du mich im Kampf umbringen müsstest?", fragt El Harim.

"Ich bin nicht dein Feind, ich will dich nicht töten", krächzt es aus dem Funkgerät. El Harim hält das Walkie-Talkie hoch über seinem Kopf, doch der Empfang verbessert sich kaum. "El Harim, du solltest diese Front verlassen und nicht gegen uns kämpfen."

Und El Harim? Würde es ihm etwas ausmachen, Sharif, seinen langjährigen Gefährten, zu töten? "Nein. Er ist nicht mehr mein Freund. Mehr als 100 Menschen sind in meinem Dorf in den letzten zwei Jahren in Kämpfen ums Leben gekommen. Es ist zu viel passiert, zu viele Gefechte, zu viele Tote und Verwundete, zu viel Leid. Diese Freundschaft ist vorbei", sagt er trotzig wie ein enttäuschter Liebhaber.

Wenige Tage vor diesem Gespräch, als die ersten amerikanischen Streubomben fielen, trafen sich El Harim und sein Freund Sharif im afghanischen Niemandsland. Sharif sagte, er wolle von Angesicht zu Angesicht über Möglichkeiten des Überlaufens reden. Er ähnelte kaum mehr jenem Mann, den El Harim seit Jahren gekannt hatte. Im Kampf gegen El Harims Männer hatte Sharif ein Auge verloren, Narben zerfurchten sein Gesicht, sein Bein war durch eine Mine verletzt worden. El Harim sagte zu ihm: "Eure Zeit ist um. Es gibt keinen Ausweg für euch. Ihr habt euch mit Terroristen aus Pakistan und arabischen Ländern verschworen, du solltest überlaufen und dein Leben und das deiner Männer retten." Sharif versprach, bald zu seinem alten Freund zu stoßen.

Sie sahen sich noch zweimal im Niemandsland, doch Sharif ging immer wieder zurück zu den Taliban. Da beschlich El Harim der Verdacht, dass Sharif sich bloß mit ihm traf, um ihn auszuhorchen. "Er dachte gar nicht daran, überzulaufen. Er wollte von mir Details über die amerikanischen Bombardements und unsere Pläne wissen. Er hat mich hintergangen. Ich werde ihn nicht wiedertreffen. Er hat sich entschieden weiter gegen uns zu kämpfen."

Es herrscht kein Vertrauen mehr zwischen den Jugendfreunden und Kampfgefährten. Die Freunde von einst sind Feinde geworden.

El Harim schaltet das Walkie-Talkie wieder auf die Frequenz seines Regiments. "Es ist Zeit zu gehen", meint er. Durch einen minenverseuchten Gefechtsstreifen geht es zurück zum Haus des unverheirateten Kommandeurs. Auf dem Weg gräbt El Harim den Zünder einer alten russischen Panzermine frei. "Hier, eine Mine!" El Harim trampelt mit seinem Fuß auf dem Zünder herum. Nichts passiert. Einmal. Zweimal. Nichts. Dann springt er mit all seinem Gewicht auf den Minenauslöser. Nichts. Kein Knall. Keine gleißender Explosionsblitz. Kein dunkles, schwarzes Nichts. Wäre die Mine hochgegangen, hätte niemand im Umkreis von Dutzenden Metern überlebt. El Harim doziert lachend: "Panzerminenzünder reagieren erst bei einem Druck von 400 Kilogramm. Die sind für Fußgänger und Infanteristen doch völlig ungefährlich."

Einige Tage später werfen die Amerikaner Flächenbomben über den Taliban-Stützpunkten ab. El Harim hockt in seinem Heim und Hauptquartier, reicht kandierte Mandeln, grünen Tee und Buttertoffees. Das Heim des Mujaheds liegt direkt an der Front, nicht Wohnung, nicht Gefechtsstand, ein Haus zwischen privater und militärischer Nutzung. Die Wände sind verziert mit cartoonfarbenen Postern von islamischen Heiligtümern und Szenen aus dem Koran. Besonders stolz ist er auf ein Foto, das eingerahmt an der Wand hängt, gleich unter dem Poster des im September ermordeten, legendären Führers der Nordallianz, Ahmed Schah Massud: El Harim steht in einem Schlafmohnfeld, sein Held, Massud, hat seinen Arm um ihn gelegt.

Zum mindestens zehnten Mal wienert El Harim an diesem Tag schon seine Militärstiefel mit einem schmutzigen Tuch, dabei glänzen seine Feldschuhe tadellos. Er nimmt wieder das Walkie-Talkie zur Hand und ruft Sharif, den Taliban. Sharifs gute Laune ist verflogen, vergangene Nacht hat er einige seiner Männer bei einem US-Luftangriff verloren. Volltreffer in einen Bunker. Die Flächenbomben der Amerikaner reißen bis zu drei Meter tiefe Krater in die Erde, unvorstellbar.

"El Harim, du bist ein Büttel der Amerikaner, du bist ein Ungläubiger!" Sharif beschimpft ihn weiter, bis El Harim schließlich sein Walkie-Talkie ausschaltet.

Die Männer in El Harims Einheit sind siegessicher und ruhig. Ein 21-jähriger Soldat, er steht unter El Harims Kommando, spielt gedankenverloren mit einem grauen Wüstenvögelchen mit gelben Streifen, das er zuvor draußen gefangen hat. Seine Kalaschnikow lehnt hinter ihm an der Wand. Ein idyllisches Bild im Krieg. Vielleicht die Ruhe vor dem Sturm. "Nächste Woche", verspricht El Harim, "trinken wir Tschaj in Kabul." Wenige Tage darauf beginnt die Offensive der Nordallianz-Truppen gegen Kabul. El Harim hat sein Versprechen gehalten.

Nun sitzt er im Inter-Continental im Frühstücksraum bei einer Schale Tee. Vom Hotel aus hat man einen herrlichen Blick über die Stadt. Es gibt viel zu erzählen, viele Fragen. Hat El Harim schon von Sharif gehört? Nein, seit der Nordallianz-Blitzoffensive gegen die Taliban habe er keinen Kontakt mehr mit ihm gehabt. Wie es Sharif wohl während der turbulenten Tage ergangen ist? Viele gefangen genommene Taliban wurden schließlich von den Truppen der Nordallianz übel zugerichtet, einige ermordet. Glaubt er, El Harim, dass Sharif noch am Leben ist? El Harim kennt die Antwort nicht, noch nicht. Aber er wird sich auf die Suche nach Sharif machen, sagt er. Schließlich ist Sharif sein Freund.

Mit der Keule gegen das Paket

Experten stört viel an Schilys Sicherheitsgesetzen

Von Vera Gaserow (Berlin)

Im Bundesrat kam Otto Schilys Sicherheitspaket II am Freitag halbwegs ungeschoren davon. Im Innenauschuss des Bundestages setzte es jedoch deutliche Kritik an den Anti-Terror-Gesetzen. Den meisten Sachverständigen gehen die erweiterten Befugnisse für Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz und die geplanten Sanktionen gegen Ausländer entschieden zu weit..

"Verfassungsrechtlich nicht hinnehmbar", "massive Einschränkung der Grund und Menschenrechte", "erhebliche Zweifel an der Verhältnismäßigkeit" - das Unbehagen, das namhafte Gutachter und Organisationen dem Innenausschuss am Freitag vortrugen, war zwar in neutrale Juristensprache verpackt. Dennoch war die Kritik unüberhörbar. Dabei galt sie einer bereits korrigierten Gesetzesversion des Bundesinnenministers, die Grüne und SPD in zähen Verhandlungen schon um strittige Passagen entschärft hatten.

Aber auch das modifizierte Sicherheitspaket "greift schwerwiegend in das grundgesetzlich geschützte Recht auf informationelle Selbstbestimmung ein", rügte jetzt der Deutsche Richterbund im Bundetagsinnenausschuss. Besonders bedenklich sei, dass das Gesetz "die Verfassungsschutzbehörden zu Ermittlungsbehörden weiterentwickelt, die einer justiziellen Kontrolle nicht unterliegen".

Die Humanistische Union monierte, viele Regelungen wie etwa die Speicherung von biometrischen Merkmalen in Ausweisen griffen tief in die Persönlichkeitsrechte ein. Den Nachweis, dass dies zur Terrorismusbekämpfung nötig und geeignet sei, bleibe die Bundesregierung schuldig.

Als besonders problematisch stuften viele Sachverständige die geplanten ausländerrechtlichen Verschärfungen ein, nach denen Ausländer bereits ausgewiesen werden sollen, wenn es bloße Anhaltspunkte für eine Unterstützung einer terroristischen Vereinigung gibt. Obwohl diese Regelung die Existenz auch von bereits lange in Deutschland lebenden Ausländern vernichten könnte, sei "an keiner Stelle" definiert, was eine terroristische Vereinigung und was als Unterstützung zu verstehen sei, sagte der Gutachter Reinhard Marx.

Auf massive Kritik stieß auch der geplante Abgleich der Fingerabdrücke von Asylbewerbern mit den Tatortspuren ganz "normaler" Kriminaldelikte. Dieser Datenabgleich habe mit Terrorismusbekämpfung wenig zu tun, urteilte der Bundesdatenschutzbeauftragte Joachim Jacob.

Viel Zeit für Korrekturarbeit am Sicherheitspaket bleibt nicht. Am kommenden Freitag soll es abschließend im Bundestag beraten werden.

Lösung für Afghanistan in Sicht

UN: Petersberg-Konferenz steht vor dem Abschluss

Von Rolf Paasch

Auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz kommen die Delegierten einer Lösung der strittigen Punkte sehr langsam näher. Am Freitag tauschten die Delegationen der Nordallianz, der Rom-, Zypern- und der Peschawar-Gruppe weiter ihre Namenslisten für die Interims-Regierung und den Interims-Rat aus, auf deren Einrichtung sie sich bereits prinzipiell geeinigt hatten.

KÖNIGSWINTER/KABUL, 30. November. Der Nordallianz-Führer Burhanuddin Rabbani sagte dagegen Agenturen zufolge in Kabul, bei der Afghanistan-Konferenz werde es keine Personalentscheidungen geben. Diese würden in Kabul getroffen. Zu diesem Einwurf aus Kabul befragt, antwortete UN-Sprecher Achmed Fawsi, die UN besäßen die Versicherung Rabbanis, die in Königswinter erzielten Verhandlungsergebnisse zu akzeptieren.

Die ebenfalls noch offene Sicherheitsfrage ist dagegen auf dem Petersberg noch nicht "im Detail" diskutiert worden. Die UN und drei der vier Delegationen streben den Einsatz einer internationalen Friedenstruppe zur Sicherung der großen Städte Afghanistans an. Die Nordallianz hatte am Donnerstag nur unter internationalem Druck ihren grundsätzlichen Widerstand gegen die Stationierung ausländischer Truppen aufgegeben. "In der einen oder anderen Form", so Fawsi, "werden wir die Sicherheitsfrage auf dieser Konferenz lösen müssen".

Derweil drohen Zerwürfnisse innerhalb der Nordallianz die Fortschritte der Konferenz zu gefährden. Am Freitagmorgen hatte der paschtunische Delegierte Hadschi Abdul Qadir die Konferenz aus Protest gegen seinen Delegationsleiter Junus Qanuni und gegen die mangelnde Repräsentanz der Paschtunen verlassen. UN-Sprecher Fawsi bedauerte dies, sah aber die Verhandlungen nicht beeinflusst. Die Abreise des einflussreichen Ex-Gouverneurs der Provinz Nangarhar vergrößert das Problem der UN, für die paschtunische Bevölkerung noch keine angemessene und akzeptable Partei oder Figur gefunden zu haben. Dennoch hoffen die UN, die Petersberg-Konferenz bis Samstagnacht mit Beschlüssen zur Interimsverwaltung und zur Sicherheitslage beenden zu können.

Die Angst vor Afghanistan

Schon jetzt deutet sich an, dass es den afghanischen Vertretern auf dem Petersberg zu Hause an Durchstezungskraft fehlen wird - und ihren westlichen Partnern am Willen zum Engagement: Ihnen steht der bislang teuerste und riskanteste Einsatz einer UN-Streitmacht bevor

Von Rolf Paasch

Hinter dem verlautbarten Optimismus der Vereinten Nationen ist unschwer die allgemeine Angst vor Afghanistan zu erkennen. Da werden vom Petersberg immer neue Erfolgsmeldungen in die öffentliche Ebene heruntergesandt. In Wirklichkeit aber gestaltet sich der widerspenstigen Afghanen Zähmung noch schwieriger als schon vermutet. Die Konferenz in Königswinter zur Neuordnung Afghanistans war notwendig und alternativlos. Aber ihr - wie auch immer geartetes - Ergebnis wird bald in der Realität zwischen Kabul und Kandahar einem schonungslosen Härtetest unterzogen werden.

Und schon jetzt deutet sich an, dass es den afghanischen Vertretern auf dem Petersberg zu Hause an Durchsetzungkraft fehlen wird - und ihren westlichen Partnern am Willen zum Engagement. Mit Geld und diplomatischen Drohungen wie in Mazedonien wird der Konflikt am Hindukusch nicht zu regeln sein. In Afghanistan haben ein Jahrzehnt Stellvertreterkriege und ein Jahrzehnt Stammeskriege zum größten anzunehmenden gesellschaftlichen Unfall geführt.

Das Problem der internationalen Staatengemeinschaft besteht darin, dass die in Königswinter beschlossenen ersten Schritte zu einer Friedensordnung in Afghanistan auf dem Territorium der Kriegsfürsten und Kriegsgewinnler zu setzen sind. Da mögen die jungen Führer der Nordallianz Yunus Qanuni und Abdullah Abdullah verstanden haben, dass mit ihrem Noch-immer-Präsidenten Barhannudin Rabbani in Kabul kein Staat mehr zu machen ist. Aber schon die lautstarken Klagen des Usbeken-Generals Dostam aus seinem Kleinstaat in Masar-e- *Scharif und der Protest des vorzeitig vom Petersberg abgereisten Paschtunen-Gouverneurs Abdul Qadir zeigen die Grenzen ihrer Kompromissfähigkeit und politischen Macht.

Selbst wenn die mehrheitlich tadschikische Nordallianz zum Machtverzicht bereit wäre, steht dieses siegreiche Bündnis mit undisziplinierten und arbeitslosen Kämpfern im Feld, die ziviles Verhalten so wenig kennen wie ihre Taliban-Vorgänger. Außer dem Willen der afghanischen Bevölkerung haben die Warlords alles auf ihrer Seite: Macht und Tradition, Waffen und Geld, Soldaten und vermutlich auch Sponsoren in der Nachbarschaft.

Lediglich beim letzten Punkt gibt es Anzeichen für eine positive Entwicklung. Aber noch ist unklar, ob die Annäherung zwischen Iran und Pakistan dauerhaft sein wird. Auch ob Russland im Interesse einer Stabilisierung seiner südlichen Grenzregion mit den UN zusammenarbeiten, oder ob Wladimir Putin mit militärischen Störmanövern doch wieder auf den politisch-religiösen Hardliner Rabbani setzen wird, bleibt eine offene Frage. Und die USA mögen zwar in Afghanistan von ihrer desaströsen Stellvertreterpolitik abgerückt sein. Washingtons bornierte Konzentration auf die militärische Kriegführung aber lässt befürchten, dass die Bush-Administration nach "erfolgreicher" Jagd auf Osama bin Laden und Al Qaeda die diplomatische "mission impossible" wieder allein den UN überlässt.

Der mühsame Verlauf der Konferenz auf dem Petersberg sowie die rapide Zersplitterung der Macht in Afghanistan zeigen, wie schwierig es sein wird, das fragmentierte Land nach dem Sturz der Taliban wieder zusammenzufügen. Allein eine rasch stationierte, Frieden schaffende und mehrheitlich muslimische Einsatztruppe unter UN-Mandat könnte in Afghanistan für jene Stabilität sorgen, vor deren Hintergrund sich politische Kompromisse durchsetzen sowie humanitäre Hilfe und eine Demobilisierung beginnen ließen.

Doch hier beginnt die Angst vor Afghanistan. Denn gefragt ist der gefährlichste, teuerste, anspruchsvollste und riskanteste Einsatz einer UN-Streitmacht seit Gründung der Weltorganisation - ein "nation building" im zivilen Vakuum mit Sonderaufgaben von der Demobilisierung einer ganzen Kriegergeneration bis zur Ersetzung der Opium-Ökonomie.

Selbst wenn die Nordallianz also auf dem Petersberg einer internationalen Streitmacht im Prinzip zustimmt, vermögen die UN in Afghanistan kaum die zur Garantie politischer Kompromisse notwendige Sicherheitspräsenz bereitzustellen. Dabei sind Notwendigkeit und Akzeptanz einer UN-Truppe in der afghanischen Bevölkerung völlig unumstritten. Aber das für den Frieden erforderliche massive Engagement in Afghanistan würde in den westlichen Staaten einige Schein-Operationen enttarnen: von der angeblichen Konversion der Bush-Administration zum Multilateralismus über die bevorstehenden Geberkonferenzen in Berlin und Tokio bis zum Bundeswehretat des deutschen Ministers Rudolf Scharping.

Selbst die Nato, die sich ja sonst gern zum Einsatz drängt, verzichtet lieber auf eine Transporthilfe-Operation in Afghanistan. Risiko? Nein danke! Allein die Vereinten Nationen können sich eine solche Verweigerung nicht leisten. Ihr Scheitern bleibt die eleganteste Nicht-Lösung eines Konfliktes. Auch in Afghanistan.

IM HINTERGRUND Steiniger Weg zum Frieden

Der Übergang in Afghanistan

Von Rolf Paasch (Königswinter)

Mühsam nähert sich die Afghanistan-Konferenz auf dem Bonner Petersberg einem Minimalkonsens. Aber auf mehr als die Namensliste für eine rund 30-köpfige Interims-Regierung und eine vage Formulierung, dass eine UN-Friedenstruppe nötig sei, werden sich die vier afghanischen Delegiertengruppen unter Leitung der UN nicht einigen können. Wenn überhaupt.

Die UN-Entwürfe für die Tagesordnung schrumpfen täglich. Nach einwöchigen Verhandlungen der vier afghanischen Delegiertengruppen will sich der Konferenzleiter Lakhdar Brahimi momentan auf die Bildung einer Interims-Regierung beschränken. Pläne für einen ebenfalls geplanten, parlamentsähnlichen Rat sind seit dem Wochenende ad acta gelegt. Stattdessen soll nun eine 21-köpfige Kommission gebildet werden. Diese soll eine Loya Jirga (traditionelle Ratsversammlung) einberufen, deren Aufgabe darin bestehen soll, die Übergangsregierung für 18 Monate zu bestätigen oder sie zu verändern. Nach einer Übergangsphase von zwei Jahren sind in Afghanistan Wahlen vorgesehen. Doch dies ist alles Konferenztheorie.

In der Praxis war am Montag in Königswinter nicht einmal klar, wie die Interims-Regierung besetzt werden soll. Auch nach einwöchigem Feilschen konnten sich die 39 Delegierten bisher nicht auf eine Kabinettsliste einigen, vom Vorsitz des Gremiums ganz abgesehen.

Ende vergangener Woche hatten Unstimmigkeiten in der Nordallianz den Fortgang der Verhandlungen verhindert. Erst durch massiven internationalen Druck konnte sich Verhandlungsführer Junus Qanuni in Königswinter gegen das ständige Sperrfeuer seines Rivalen Burhanuddin Rabbani aus Kabul durchsetzen. Der Noch-Präsident Afghanistans hatte sich lange allen Kompromissen zur provisorischen Regierungsbildung und dem Einsatz einer UN-Truppe in Afghanistan widersetzt. Ob Rabbani damit wirklich "entmachtet" ist, wie westliche Diplomaten interpretieren, wird sich bei der Durchsetzung des Abkommens noch zeigen müssen. "Innenminister" Qanuni und "Außenminister" Abdullah Abdullah dürften für die Nordallianz im Kabinett sitzen. Als Interims-Premier ist der Paschtunenführer Hamid Karzai im Gespräch, widersprüchliche Angaben gibt es über die Chancen von Königsberater Abdul Sattar Sirat.

Umstritten bleibt auch, welche Rolle der 87-jährige Ex-König Mohammed Sahir Schah im Übergang spielen soll. Die Rom-Gruppe möchte ihn in einflussreicher Stellung sehen, die Nordallianz will den paschtunischen Ex-Monarchen nur als symbolische Figur akzeptieren.

Der Konflikt zwischen der militärisch siegreichen Nordallianz und den drei aus dem Exil operierenden Rom-, Zypern- und Peschawar-Gruppen verhinderte in Königswinter bisher auch einen Konsens über den Einsatz einer UN-Friedenstruppe im politischen Vakuum Afghanistans. Die Nordallianz behauptet, die Sicherheitslage unter Kontrolle zu haben und will nur einer symbolischen UN-Präsenz zustimmen. Die übrigen Delegierten argumentieren, dass die Interims-Regierung mit ihren Repräsentanten aus allen Volksgruppen im Dezember nur dann die Macht übernehmen kann, wenn eine handlungsfähige UN-Truppe im Land ihre Sicherheit garantiert. Der auf dem Petersberg erwartete Kompromiss dürfte den Streit um Form und Stärke des UN-Mandats weiter in die Zukunft verlagern.

Am Montag trugen die UN der Realität Rechnung, indem sie das Schild "UN Talks on Afghanistan - Bonn, November/December 2001" aufstellten. Zuvor hatte es nur "November 2001" geheißen.

IM BLICKPUNKT

Pokern um den Paschtunen

Das Personal-Karussell

Von Rolf Paasch (Königswinter)

Auf der Afghanistan-Konferenz in Königswinter ist der Namens-Poker für den Vorsitz der Übergangsregierung am Dienstagabend in die entscheidende Phase gegangen. Für die Auswahl des ersten afghanischen Nachkriegs-Premiers ist weniger die Qualifikation der vorgeschlagenen Kandidaten entscheidend als deren ethnisches und persönliches Profil. Das Kompromiss-Paket über die zukünftige Machtverteilung ist komplex.

Immer wieder tauchen auf dem Petersberg Namen auf, verschwinden darauf in nächtelangen Diskussionen oder zirkulieren weiter durch die Presselobby. Seit Tagen wird der vor Kandahar kämpfende Paschtunen-Führer Hamid Karzai als Favorit für das Amt des Übergangs-Premiers gehandelt. Aber auch Abdul Sattar Sirat aus der Rom-Gruppe des Ex-Königs Mohammed Sahir Schah hat unter den Delegierten seine Unterstützer. Karzai ist der Wunschkandidat der US-Amerikaner; was ihn bei manchen Afghanen disqualifiziert. Der freundliche, früher in Deutschland lehrende Islam-Wissenschaftler Sirat gilt dagegen als schwächere Führungsfigur; was ihn den militärischen Siegern der Nordallianz attraktiv erscheinen läßt.

Karzai und Sirat sind unterschiedliche Antworten auf ein Dilemma. Da ist zum einen die Schwierigkeit der vermittelnden UN, nach dem Sturz der Taliban einen integren Repräsentanten für die Paschtunen zu finden, die rund 40 Prozent der afghanischen Bevölkerung stellen. Zum anderen weigern sich die Tadschiken an der Spitze der Nordallianz, noch mehr von ihrer Macht abzugeben, die sie in ihrer Delegation bereits mit Vertretern von Usbeken und schiitischen Hasara teilen müssen.

Karzai ist ein unabhängiger Paschtune, war zu Beginn der 90er Jahre stellvertretender Außenminister der Mudschaheddin-Regierung und hatte sich nach anfänglichen Sympathien für die Taliban bald von deren Führung distanziert. Der 44-Jährige gehört zum Stamm der Durrani, die von Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur sowjetischen Invasion 1979 Afghanistan beherrschten. Ein kampferprobter, paschtunischer Ex-Minister gegen einen usbekischen Professor der Islam-Studien aus dem Exil - darüber wird die Nordallianz entscheiden müssen.

Ein Funken Hoffnung

Die Afghanistan-Einigung vom Petersberg hat einen Rahmen für den Übergang in einen Zustand festgelegt, den man dann vielleicht als den Anfang eines Friedens bezeichnen kann - mehr war auch nicht zu erwarten

Von Karl Grobe

Die Afghanistan-Einigung vom Petersberg hat einen Rahmen für den Übergang in einen Zustand festgelegt, den man dann vielleicht als den Anfang eines Friedens bezeichnen kann. Mehr war - auch in der Nachspielzeit - nicht zu erwarten. Und dass nach geraumer Zeit auch wieder weniger daraus wird, ist nicht ausgeschlossen.

Die Interims-Regierung der ersten sechs Monate ist nach ethnischem Proporz zusammengesetzt. Das ist nicht ganz unproblematisch; denn die Funktionen, in denen sich faktische Macht (Polizei, Aufsicht über bewaffnete Gruppen) konzentriert, lassen sich nicht in dieser Weise aufteilen und werden bei bestem Willen Mühe haben, über den Kriegsparteien zu stehen. Dass unter den 29 zeitweiligen Würdenträgern auch eine Frau ist, bleibt Symbol; die Loya Jirga der Stammesältesten in sechs Monaten wird dann wieder das patrizische und patriarchalische Clan-Ordnungssystem aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts abbilden. Weitere Teufel sitzen in weiteren Details. Sie zu bannen, also neue Schießkriege und Massaker zu verhindern, ist dann eine Blauhelmtruppe berufen - aber sie steht längst nicht bereit und wird so klein sein, dass sie kaum mehr als die Kabuler Region ruhig halten kann.

Das Wohlverhalten aller ist zunächst eine Hoffnung. Freilich, das ist ein Fortschritt nach einem Vierteljahrhundert Gemetzel. Er wird messbar und ist dem Volk zu vermitteln, wenn nun rasch alles getan wird, eben diesem Volk aus dem bitteren Elend zu helfen: In der Fläche des Landes, nicht nur in Kabuls Machtzentrum.

Internationale Truppe für Kabul

Afghanistan-Konferenz einigt sich auf Übergangsordnung

So rasch wie möglich soll eine internationale Friedenstruppe nach Afghanistan entsandt werden. Darauf hat sich die Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn geeinigt. Die Konferenz soll am heutigen Mittwoch beendet werden.

BONN, 4. Dezember (dpa/ap/afp). Umfang, Zusammensetzung und Befehlsgewalt der internationalen Truppe, die zunächst für die Hauptstadt Kabul geplant ist, sind noch unklar. Sie werde unter UN-Mandat stehen, sagte UN-Sprecher Ahmed Fausi am Dienstag. Die Truppe solle schon dann in Kabul sein, wenn dort die neue Regierung ihre Arbeit aufnehme, erläuterte er. Es gebe die "Gefahr eines Machtvakuums". Mit der Stationierung wird laut Vereinbarung ein Rückzug der militärischen Kräfte der Nordallianz aus Kabul verknüpft, die dort faktisch die Macht haben. Für den internationalen Einsatz sollen Länder gesucht werden, die schnell über Truppen verfügen könnten, erläuterte ein westlicher Diplomat. Soldaten der Bundeswehr kämen dabei nicht zum Einsatz; vielmehr kämen vor allem die Briten in Frage. Für einen späteren Einsatz einer von den UN autorisierten Truppe ist Deutschland aber im Gespräch.

Die Verständigung auf eine Friedenstruppe gehört als Anhang zu dem Rahmenabkommen für die zweijährige Übergangsordnung, auf das sich die Delegierten bereits vor Abschluss der Petersberg-Konferenz einigten. Um das Abkommen zu erreichen, hatte zuvor Bundesaußenminister Joschka Fischer beim Chef der Nordallianz in Kabul telefonisch interveniert.

Das Abkommen sieht einen sechsmonatigen Interims-Exekutivrat und eine 18-monatige Übergangsregierung vor. Unklar war am Dienstag noch, wer Übergangs-Regierungschef werden soll, wobei laut UN-Kreisen als Favorit weiter der Paschtunenführer Hamid Karzai galt. Chancen werden aber auch Abdul Sattar Sirat, Verhandlungsführer der Gruppe um den Exil-König Sahir Schah, eingeräumt. Außerdem haben die Delegierten vor dem Konferenz-Ende vorgesehen ist, die Auswahl von 28 weiteren Regierungsmitgliedern aus insgesamt 150 Vorschlägen zu treffen. Höhlen und Bunker, komfortabel und hochgesichert

Der unterirdische Irrgarten bei Tora Bora könnte das Rückzugs-Versteck von Osama bin Laden sein

Von Florian Hassel

Osama bin Laden soll sich mit seinen engsten Vertrauten in dem Gewirr aus Kellern, Höhlen und Bunkern bei Tora Bora im Süden Afghanistans verschanzt halten. US-Truppen und Einheiten der Nordallianz das Gelände kreisen das Gelände immer enger ein. Bei den Versuchen, das hochkomplizierte unterirdische System zu durchkämmen und zu zerstören, haben bereits die sowjetische Armee vor rund Jahren blutiges Lehrgeld bezahlt. Florian Hassel, Auslands-Korrespondent der Frankfurter Rundschau, erinnert an den damaligen Krieg gegen die Mudschaheddin und beschreibt die moderne Infrastruktur des hochgesicherten Bunker-Irrgartens.

Wiktor Kuzenko, Offizier der sowjetischen Armee, staunte ziemlich, als er den Unterschlupf besichtigte, in dem die Widerstandskämpfer wochenlang den sowjetischen Bomben getrotzt hatten. In den afghanischen Bergen, fünf Kilometer von der pakistanischen Grenze entfernt, fand Kuzenko Keller - zehn Meter tief, vier Meter breit, drei Meter hoch. Die Wände waren mit Ziegelsteinen verkleidet, die Eingänge mit mächtigen Eisentüren verschlossen, die mit grellen Farben bemalt waren.

Bei einer genaueren Inspektion hatte der sowjetische Offizier noch mehr Grund, sich zu wundern. In dem Dschawar genannten Komplex boten 41 Keller Mudschaheddin, den Widerstandskämpfern gegen Moskau, Zuflucht. Alle Räume waren komfortabel mit Strom ausgerüstet. Hinter den Kellern fand Kuzenko eine Klinik mit modernster medizinischer Technik made in USA und bequemen Betten. Dazu eine Bibliothek mit Büchern in Englisch und in Farsi, eine Bäckerei; schließlich Vorratsräume mit Metallregalen, in denen säuberlich Kisten mit Waffen und Munition gestapelt waren.

Daneben war Platz für Minen: Panzer- und Autominen aus aller Herren Länder. Im entferntesten Teil des Bergbunkers stieß Kuzenko neben Garagen und Reparaturanlagen auf einen T-34-Panzer: gepflegt, aufgetankt, mit neuen Batterien. Über der Bunkerflucht fand der Offizier ein schönes Haus mit der Aufschrift "Hotel" und bequemen Möbeln für seine Gäste. Was hatte, so dachte der Soldat, unsere Luftwaffe hier nicht gearbeitet, und doch hatten das Haus und die Keller alles unbeschadet überstanden.

Mit vereinten Kräften war es den sowjetischen und den an ihrer Seite kämpfenden Soldaten des afghanischen Nadschibullah-Regimes im April 1986 zwar letztlich gelungen, die Mudschaheddin aus ihrer Zuflucht zu vertreiben. Doch bis es soweit war, hatten die Mudschaheddin hunderte russischer und afghanischer Soldaten getötet, dreizehn Hubschrauber abgeschossen und drei Wochen ausgehalten

Kein Wunder bei der soliden Konstruktion der unterirdischen Bunker, die Offizier Kuzenko nach dem Kampf besichtigte und 25 Jahre später als pensionierter Generalmajor in der Zeitung Literaturnaja Rossija (Ausgabe vom 1. Juni 2001) beschrieb. In dem Bau steckten viel Arbeit, Hilfe der Pakistaner und etliche Millionen Dollar des US-Geheimdienstes CIA, der dem afghanischen Widerstand in Dschawar eine (fast) uneinnehmbare Festung bezahlt hatte. Sowjetoffizier Kuzenko ließ 200 Panzerminen in jeden Keller legen und gab vor dem Rückzug seiner Einheit den Befehl zur Zündung.

Die Bunker freilich waren damit immer noch nicht zerstört: Ende August 1998 wurde Dschawar noch einmal bombardiert. Diesmal freilich von den USA, die nach den Attentaten auf ihre Botschaften in Tansania und Kenia deren mutmaßlichen Urheber Osama bin Laden vernichten wollten. Der hatte Dschawar Jahre nach dem Abzug der Sowjets neuerdings zu einer formidablen Festung ausgebaut.

Doch Dschawar ist keinesfalls die einzige der Bunkeranlagen, die ehemals den Mudschaheddin Schutz vor den Sowjets boten und heute den Taliban und Osama bin Laden Verstecke bieten können. Entlang der gesamten Grenze Afghanistans zu Pakistan und in anderen Teilen des Landes bauten die Mudschaheddin manchmal ohne, oft mit US-Geld beeindruckende Bunkeranlagen. Kaum weniger formidabel als Dschawar ist Tora Bora ausgestattet, ein Höhlen- und Bunkerkomplex sechzig Kilometer südwestlich von Jalalabad an der afghanisch-pakistanischen Grenze. In ihm sollen sich bis zu 2000 Kämpfer des bin-Laden-treuen Netzwerks Al Qaeda aufhalten, möglicherweise auch bin Laden selbst. Am Dienstag begannen paschtunische Taliban-Gegner mit bis zu 4000 Kämpfern einen Ring um Tora Bora zu ziehen, um möglicherweise einen Angriff vorzubereiten. Der Fernsehsender CNN meldete, bin Laden habe an die anrückenden Paschtunen appelliert, nicht anzugreifen, weil er nicht gegen moslemische Brüder kämpfen wolle.

Die Beschreibung, die ein afghanischer Augenzeuge vor wenigen Tagen der Washington Post von Tora Bora gab, erinnert frappierend an die Erinnerungen des sowjetischen Offiziers. Dem Bericht zufolge ist das in den Bergen verborgene Tora Bora mit zahlreichen Kellerräumen und immens dicken Wänden ausgerüstet, mit Komfort wie in einem Hotel, elektrisch beheizt und mit Strom durch Wasserkraft versorgt. Diesem und anderen von der Zeitung zitierten Zeugen zufolge sollen die arabischen Kämpfer die Bewohner der umliegenden Dörfer gut für Arbeit, Essen und Einkaufsgänge in Jalalabad bezahlen.

Vor zwei Wochen spickte das Pentagon die New York Times mit optimistischen Informationen über die technische Überlegenheit der USA: Danach verfügte die amerikanische Armee über Flugzeuge und High-Tech-Sensoren, die nicht nur im Dunkeln, sondern auch durch 30 Meter dicke Bergwände sehen können. Hitzeempfindliche Kameras könnten von Menschen ausgestrahlte Wärmefelder durch Fels hindurch noch aus fünfzig Kilometern Entfernung erkennen. Außer bekannten, bis zu mehrere Tonnen schweren Bomben habe die Luftwaffe neue, noch schrecklichere Bomben im Arsenal, um die unterirdische Festung bin Ladens treffsicher zu knacken.

Als die USA am Ende der vergangenen Woche mit verstärkten Bombardierungen Tora Boras begannen, waren die ersten Opfer indes nicht bin Laden und seine Leute, sondern offenbar Hunderte von Bewohnern der umliegenden Dörfer.

Zwar behauptete das Pentagon, alle Bomben hätten ausschließlich militärische Ziele getroffen.

Doch als am Montag eine Gruppe westlicher Reporter den Agam-Bezirk besuchte, filmte eine Fernsehcrew ein zerstörtes Lehmhaus, in dem die Überreste einer US-Rakete mit lesbarer Seriennummer steckten. Ein Reporter der Agentur Associated Press zählte in einem Dorf mehr als 40 frische Gräber.

In der Frauenabteilung eines Krankenhauses von Jalalabad wurden am Montag sieben schwer verletzte Frauen und Babys behandelt, die nach Aussage ihrer Retter im Städtchen Landakhel von US-Bomben getroffen wurden.

Lokale Kommandeure in der Provinz Nangahar, in der Jalalabad und Tora Bora liegen, versuchten in den vergangenen zwei Wochen, durch Unterhändler die Kämpfer in der Bergfestung zur Aufgabe zu bewegen. Bisher vergeblich.

Deshalb der Belagerungsring mit den bis zu 4000 Paschtunen, die von den Kommandeuren Hadschi Mohammed Saman und Hasrat Ali angeführt werden. Ali sagte, auch US-amerikanische Spezialeinheiten würden an dem Angriff teilnehmen. In Washington bestätigte Konteradmiral John Stufflebeem, Vize-Chef der Operationsabteilung der Vereinigten Stabschefs, dass US-Spezialeinheiten in der Gegend um Jalalabad Aufklärungsaufträge erfüllten und Bombenangriffe vorbereiteten.

DAS PORTRÄT

Gebündelte Kraft, gepaart mit Trotz

Sima Samar wird Ministerin

Von Gerd Braune (Ottawa)

Sie wird die einzige Frau in der afghanischen Übergangsregierung sein: Die Ärztin Sima Samar. Seit rund 15 Jahren setzt sie sich für die Rechte von Frauen und Mädchen in ihrem Heimatland ein - und widersetzte sich mit den von ihr gegründeten Schulen und Krankenhäusern in Afghanistan und in Flüchtlingslagern in Pakistan den Anordnungen der Taliban, die Frauen von Bildung und Arbeit rigoros ausschlossen In der Interimsregierung soll sie nun Frauenministerin werden.

Sima Samar hält sich derzeit in Kanada auf, wo sie über die Lage der Frauen in Afghanistan berichtet. Am 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, will die kanadische Menschenrechtsorganisation "Rights and Democracy" die Medizinerin in Montreal mit dem John Humphrey-Freiheitspreis auszeichnen. In einem Gespräch mit der Organisation hatte Sima Samar schon vor der Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg gemahnt: "Allein dass einige Frauen jetzt die Burkas ablegen konnten, bedeutet nicht, dass die Rechte der Frauen respektiert werden." Nur ein demokratischer Prozess, an dem Frauen aktiv teilnehmen, könne diese Rechte garantieren.

Dafür kann sich Sima Samar, die im Februar 1957 im afghanischen Ghazani geboren wurde, nun als Ministerin einsetzen. Sie gehört zum Volk der Hazara und war damit doppelt benachteiligt als Angehörige einer ethnischen Minderheit und als Frau. Mit 18 Jahren heiratete sie und begann das Medizinstudium, das sie als erste Hazara-Frau 1982 an der Universität von Kabul abschloss. Als Ärztin half sie der Widerstandsbewegung gegen die sowjetische Besatzung, den Mudschaheddin. Ihr Mann wurde 1984 verhaftet - seither hat ihn niemand mehr gesehen. Sima Samar floh mit ihrem Sohn nach Quetta in Pakistan und gründete zusammen mit anderen Frauen 1987 das erste Krankenhaus und später die Organisation Shuhada. Inzwischen betreut ihre Organisation vier Krankenhäuser und zehn Arztpraxen sowie mehrere Schulen in Afghanistan und ein Hospital in Quetta. Zwei ihrer Schulen, die von mehr als 20 000 Schülern besucht wurden, hatten die Taliban zwangsweise geschlossen. Doch Samar ließ sich nie einschüchtern. Auch als Ärztin kritisierte sie die Taliban-Vorschrift, dass alle Frauen den Ganzkörperschleier tragen mussten. Die Burka, die kein Sonnenlicht an den Körper lässt, machte sie mitverantwortlich für die Knochenerweichung, unter der viele Afghaninnen leiden.

"Wir wollen eine Regierung mit aktiver Beteiligung von Frauen, die Freiheit und gleiche Rechte fördert", bekräftigte Sima Samar nun laut "Rights and Democracy". Die internationale Gemeinschaft müsse der Übergangsregierung helfen, freie und faire Wahlen in Afghanistan zu organisieren: "Es wird nicht leicht", weiß Sima Samar, "aber wir geben nicht auf."

Karsai soll Afghanistan regieren

Paschtunenführer laut TV von US-Bombe verletzt / Abkommen unterzeichnet

Der designierte afghanische Regierungschef Hamid Karsai ist nach Informationen des US-Fernsehsenders NBC bei einem US-Luftangriff im Gebiet von Kandahar leicht verletzt worden. Der königstreue Paschtune Karsai war in dem am Mittwoch auf dem Petersberg bei Bonn unterzeichneten Afghanistan-Abkommen zum Chef der Übergangsregierung in Kabul ernannt worden. Die 30-köpfige Regierung soll ihre Arbeit am 22. Dezember aufnehmen und sechs Monate im Amt bleiben.

BONN, 5. Dezember (afp/rtr/dpa/ap). Die Vertreter der wichtigsten afghanischen Stämme und Volksgruppen haben sich am Mittwoch bei ihrer Konferenz auf dem Petersberg auf eine Interimsregierung mit dem Paschtunen-Führer Hamid Karsai an der Spitze geeinigt. Damit erhalte das Land endlich eine Chance auf dauerhaften Frieden, sagte der UN-Sondervermittler Lakhdar Brahimi nach der Unterzeichnung des Abkommens.

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sprach von einem "großen Tag für Afghanistan und die Vereinten Nationen". Er kündigte an, dass sich Deutschland im europäischen Rahmen an der vereinbarten UN-Schutztruppe beteiligen werde.

Das Abkommen über die Bildung neuer Regierungsstrukturen bedeute eine Atempause und einen ersten Schritt, um mit der Demokratisierung und dem Wiederaufbau zu beginnen, sagte Brahimi. Der neuen Regierung stelle sich die Herausforderung, das Land wieder aufzubauen und zu versöhnen. "Sie können es sich dieses Mal nicht leisten zu scheitern", mahnte Brahimi. Die internationale Gemeinschaft werde nur finanzielle Unterstützung gewähren, wenn die Regierung ihren Verpflichtungen nachkomme.

Deutschland sei bereit, langfristig Hilfe beim Wiederaufbau zu leisten, sagte Außenminister Joschka Fischer. Die Kosten werden auf bis zu zehn Milliarden Dollar (etwa 22 Milliarden Mark) geschätzt. Eine Konferenz von 15 Geberländern, die am Nachmittag in Berlin begann, könnte erste Aufbauschritte beschließen.

Die Vertreter der im Krieg gegen die Taliban erfolgreichen Nordallianz und der drei wichtigsten Gruppen von Exil-Afghanen vereinbarten, zunächst eine Interimsregierung für sechs Monate zu bilden. Dann soll die traditionelle große Versammlung der Afghanen, die Loja Jirga, eine Übergangsregierung für bis zu zwei Jahre bestellen. Parallel werden eine Verfassung und freie Wahlen vorbereitet. Die Verantwortung für die wichtigsten Ressorts Außen, Innen und Verteidigung erhält die Nordallianz. Die Paschtunen erhielten elf, die Tadschiken acht, die Hazara fünf und die Usbeken drei Posten. Drei weitere Kabinettsmitglieder werden von kleineren Volksgruppen gestellt. Zwei der Kabinettsposten werden mit Frauen besetzt.

Zum Schutz der neuen Verwaltung baten die Afghanen den UN-Sicherheitsrat um ein Mandat für eine internationale Schutztruppe in Kabul. Wie viele Soldaten entsandt werden und aus welchen Ländern sie kommen sollen, ist noch unklar. Afghanistans Außenminister Abdullah Abdullah sagte in Kabul, die Übergangsregierung werde beweisen, dass die Afghanen zusammenarbeiten könnten.

Der US-Fernsehsender NBC berichtete am Mittwoch, ein B-52-Bomber der US-Luftwaffe habe eine Bombe nahe des vorläufigen Hauptquartiers von Karsai abgeworfen. Dabei sei Karsai leicht verletzt worden. Zwei US-Soldaten wurden getötet. Das US-Verteidigungsministerium hatte bestätigt, dass es auch unter den afghanischen Anti-Taliban-Kämpfern Tote und Verletzte gab. Zu dem Bericht über eine Verletzung Karsais wollte sich das Pentagon zunächst nicht äußern.

Ruinenbaumeister

Usbeken-Warlord Abdul Raschid Dostam treibt quer, weil er sich im Petersberg-Abkommen nicht genügend repräsentiert sieht

Von Karl Grobe

Ein Haus vom Dach her zu bauen ist schon schwierig genug. Wenn auf dem fertigen First aber mehrere Wetterfahnen sitzen und meinen, die Ausrichtung nach eigenem Gusto bestimmen zu können, wird die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass da eine Bauruine entsteht, bevor es ein Fundament gibt. Der Usbeken-Warlord Abdul Raschid Dostam will eine andere afghanische Staatsarchitektur als die soeben vom Petersberg abgestiegenen Vertreter der verschiedenen Gruppen, Fraktionen und Strömungen, die sich mühsam genug geeinigt haben. Und in Iran übt sich der nicht minder selbstbezogene Gulbuddin Hekmatjar in der Tätigkeit, die er am besten beherrscht: Quertreiben.

Kurz, es besteht eine gelinde Gefahr, dass die auf dem Berg gegenüber Bonn gestiftete Interimsregierung zerredet wird von Kräften, die sich unterrepräsentiert fühlen. Nicht nur zerredet, sondern, wie eine kurze Erinnerung an frühere Auseinandersetzungen ahnen lässt, auch zerschossen. Es sind viele alte Rechnungen offen.

Falsch wäre indessen, ethnische oder religiöse Unterschiede als Ursache der kreuz und quer verlaufenden Feindschaftsbünde zu verstehen. Solche Unterschiede werden vielmehr als Spielmaterial eingesetzt im Kampf um Macht, um Kontrolle über den Drogenmarkt und Pipelines. Wer sich da ausgeschlossen glaubt von einem Bund, der zudem gerade diese Kriminalitätsformen beseitigen will, begehrt auf.

Dostam hat, wie Hekmatjar, mehrere Runden im diesbezüglichen Machtkampf verloren. Das, wenn nicht mehr, haben beide mit dem Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar gemeinsam. Der aber sucht Anschluss an die Sieger, um zu überleben, und bietet offenbar einen Handel an. An der Zukunfts-Architektur Afghanistans oder der Stärkung des paschtunischen Elements ist er nicht sehr interessiert. Auch er ist nichts als ein Ruinenbaumeister.

Taliban in Kandahar kapitulieren

Kämpfer geben auf / Usbekenführer Dostam boykottiert neue Regierung

Zwei Monate nach Beginn der US-Militärangriffe in Afghanistan wollen die Taliban ihre letzte Bastion Kandahar aufgeben. Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar will die Stadt nach Angaben des künftigen Regierungschefs Hamid Karsai an einen Paschtunen-Kommandeur übergeben. Zugleich zeichnen sich Probleme für die geplante Übergangsregierung Afghanistans ab. Usbekenführer Abdul Raschid Dostam kündigte aus Ärger über die Postenverteilung den Boykott der neuen Regierung an.

KABUL / ISLAMABAD, 6. Dezember (rtr/afp/dpa/ap). Der designierte Chef der Übergangsregierung, Hamid Karsai, sagte dem US-Sender CNN, dass die Taliban am Freitag mit der Übergabe von Kandahar beginnen werden. Eine entsprechende Übereinkunft sei erzielt worden. Die Übergabe der Macht werde vermutlich in zwei bis drei Tagen abgeschlossen.

Den "gewöhnlichen" afghanischen Taliban-Kämpfern solle Straffreiheit gewährt werden, sagte Karsai. Taliban-Führer Omar müsse sich öffentlich vom Terrorismus distanzieren. Falls er dies nicht tue, befinde er sich nicht "in Sicherheit". Laut Karsai ist aber nicht bekannt, wo sich Omar und Terroristenchef Osama bin Laden aufhalten. Die arabischen Taliban bezeichnete Karsai als Kriminelle, die zur Verantwortung gezogen würden. Ein Taliban-Sprecher hatte der Nachrichtenagentur AIP gesagt, Omar wolle Stadt an den Mullah Nakibullah, einen Mitstreiter des Ex-Präsidenten Burhanuddin Rabbani, übergeben. Die USA forderten, Omar müsse vor Gericht gebracht werden. Einen Schutz für den Taliban-Führer lehne Präsident George W. Bush ab, sagte dessen Sprecher, Ari Fleischer.

In Kandahar sind vermutlich mehrere tausend Taliban-Kämpfer und viele Mitglieder von bin Ladens Organisation Al-Qaeda eingekesselt. In der Nähe warten 1000 US-Elitesoldaten auf einen Einsatzbefehl. Der frühere Taliban-Botschafter in Pakistan, Abdussalam Saeef, sagte, die Taliban seien als politische Bewegung am Ende: "Wir sollten nach Hause gehen."

Die Kämpfe um die Bergfestung Tora Bora, in der bin Laden vermutet wird, wurden unterdessen verschärft. Vorrückende Einheiten der Anti-Taliban-Allianz stießen nach eigenen Angaben auf heftigen Widerstand. Die Festung verfügt über ein ausgedehntes System von Höhlen und Tunneln. Nach Angaben von "Ärzte ohne Grenzen" wurden bei Tora Bora in den vergangenen Tagen mindestens 80 Menschen getötet, darunter viele Frauen und Kinder.

Für die auf dem Bonner Petersberg vereinbarte Übergangsregierung zeichnen sich Schwierigkeiten im Land ab. Usbekenführer Dostam kündigte an, er werde sie boykottieren, da seine Gruppe nicht ausreichend vertreten sei. Die Vereinbarung sei eine Demütigung, sagte Dostam der Agentur Reuters. Er habe für seine Fraktion das Außenministerium gefordert, stattdessen aber die Ressorts Landwirtschaft, Bergbau und Industrie bekommen. Er werde deshalb den Regierungsvertretern den Zutritt in den Norden des Landes verweigern. Dostams bewaffnete Fraktion kontrolliert große Gebiete im Norden Afghanistans, darunter die Stadt Masar-e-Scharif. Der Boykott gelte, bis "eine vernünftige Regierung im Amt ist", so Dostam.

Auch der gemäßigte Paschtunen-Führer Sayed Ahmad Gailani bezeichnete die Bonner Vereinbarung als ungerecht. Gailani, der bei den Verhandlungen von seinem Sohn vertreten worden war, kritisierte die Zusammensetzung der Regierung sei "nicht sehr ausgewogen". Für Gailani ist kein Posten vorgesehen.

DAS PORTRÄT

Diener Gottes - und bin Ladens

Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar ist auf der Flucht

Von Peter Isenegger (Neu Delhi)

Der Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar ist offenbar geflohen, bevor seine "Gotteskrieger" die Stadt Kandahar aufgaben. Er soll nach den Vorstellungen der Allianz gegen den Terror und auch des designierten Chefs der afghanischen Übergangsregierung, Hamid Karsai, gefangen und vor Gericht gestellt werden.

"Ihr werdet die Erdbeben und die Stürme erleben, die Gott der Allmächtige, euch schickt und ihr werdet erzittern, über das, was euch widerfährt." Diese Warnung soll Mullah Omar 1999 an seine Taliban abgegeben haben. Auch wenn viele Westler ihn für einen Scharlatan und für einen Verbrecher halten - über eine gewisse prophetische Gabe hat er offensichtlich verfügt. Und über einen unbeugsamen, ja sogar fanatischen Glauben, dass Allah auf seiner Seite stehe.

Im Nachhinein allerdings muss gesagt sein, waren die Stürme und das, was die Erde Afghanistans zum Beben sowie die Afghaninnen und Afghanen zum Erzittern brachte, nicht gottgesandt, sondern "Made in USA". Und selbst Moslems werfen heute Mullah Omar vor, er hätte mehr auf Allah an seiner einen Seite hören sollen als auf Osama bin Laden auf der anderen.

Doch der aus äußerst einfachen Verhältnissen stammende Mullah, von dem es nur zwei unscharfe Bilder gibt, muss dem Charme des weltgewandten bin Laden erlegen sein. Vielleicht auch erlag er den Gesten, mit denen bin Laden sich für Omars Gastfreundschaft bedankte. Osama bin Laden schenkte ihm seine älteste Tochter zur Frau und soll die Residenzen des Mullahs und anderer Taliban-Führer in Kandahar gebaut und finanziert haben.

An derart feudale Unterkünfte war auch Mullah Omar nicht gewohnt. Geboren wurde er - das genaue Geburtsdatum ist nicht bekannt - so um 1959 in Nodeh, einem Dorf in der Nähe von Kandahar. Seine Eltern waren landlose Bauern, Paschtunen, die dem Stamm der Hotak angehörten. Der Krieg gegen die Russen verschlug seine Familie in den achtziger Jahren nach Urozgan, in eine der unzugänglichsten und am wenigsten entwickelten Provinzen des Landes, wo er seine erste Madrassa, seine erste Koranschule gründete.

Von hier aus zog Omar auch in den Krieg gegen die Russen. In einem Gefecht wurde er am Bein schwer verletzt und verlor ein Auge. Mit ihm waren auch andere fromme Männer aus Urozgan in den Krieg gezogen. Zum Beispiel Mullah Mohammed Gaus und Mullah Rabbani, ein Namensvetter des Ex-Präsidenten Afghanistans.

Und es war diese Gruppe, die später die Bewegung der Taliban gründete.

"Wir erkoren Mullah Omar, damit er unsere Bewegung anführe. Er war der Erste unter Gleichberechtigten, und wir gaben ihm die Kraft, uns zu führen. Er wiederum gab uns die Kraft und die Autorität, uns um die Probleme der Menschen zu sorgen", beschrieb Mullah Hassan, ein weiterer Mitstreiter Omars, wie es zur Wahl des gottesfürchtigen Taliban-Führers kam. Taliban übrigens heißen die Schüler der Madrassa, der Koranschulen.

Als er einst von einem pakistanischen Journalisten gefragt wurde, warum er als Mullah zu den Waffen griff, antwortete Omar: "Wir haben die Waffen gewählt, um das Ziel des heiligen Krieges der Afghanen (gegen die Russen) zu erreichen. Und um unsere Leute von den Leiden zu befreien, die sie unter den so genannten Gotteskriegern (Mudschaheddin) zu erdulden hatten. Wir hatten vollständiges Vertrauen in Gott, den Allmächtigen. Wir haben das nie vergessen. Er kann uns segnen oder mit einer Niederlage bestrafen." Für den Moment hat sich Allah offenbar für Letzteres entschieden.

Als die Frist ablief, war Omar weg

USA ärgern sich, weil ihnen der wichtige Mann in Kandahar durch die Lappen ging

Von Dietmar Ostermann (Washington)

Nach dem Fall der Stadt Kandahar konzentrieren sich die USA auf ihr zweites Kriegsziel in Afghanistan: die Ergreifung führender Taliban und des mutmaßlichen Terrorpaten Osama bin Laden. Zugleich wächst die Angst, am Ende womöglich mit leeren Händen dazustehen.

Mehr als ein Schönheitsfehler bei der Kapitulation der Taliban in Kandahar war aus US-Sicht die offenkundige Flucht von Mullah Mohammed Omar aus der belagerten Stadt. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte am Donnerstag in scharfer Weise klargestellt, dass Washington jeden Deal, der den Taliban-Chef vor Strafverfolgung schützt, strikt ablehne. Omar habe die "Freiheitsmedaille" nicht verdient. Rumsfeld drohte den um Kandahar aufmarschierten Anti-Taliban-Kräften offen mit Konsequenzen, sollten sie sich auf eine Amnestie einlassen. In diesem Fall würden sich die Beziehungen verschlechtern, erklärte der Pentagonchef. Rumsfeld deutete Kompromissbereitschaft nur in der Frage an, wo hohe Taliban-Führer vor Gericht gestellt werden sollten. Bislang hatte Washington auf eine Überstellung an die USA bestanden. Auch Präsidentensprecher Ari Fleischer erklärte, jene, die Terroristen Unterschlupf gewährt hätten, "müssen vor Gericht gebracht werden".

Zu diesem Zeitpunkt hatte der künftige Regierungschef Afghanistans, Hamid Karsai, noch über die Formalitäten der Übergabe Kandahars verhandelt. Auch dem belagerten Taliban-Chef Omar bot Karsai dabei laut Berichten Verschonung an, falls der dem Terrorismus abschwöre.

Am Freitag erklärte Karsai zwar, die Frist sei abgelaufen - da aber war Mullah Omar verschwunden. Für Washington ist das in mehrfacher Hinsicht problematisch. Zum einen wirft der offene Konflikt mit Karsai die Frage auf, inwiefern die USA bei der anstehenden Jagd nach führenden Köpfen der Taliban auf die paschtunischen Verbündeten im Süden Afghanistans zählen können.

Zum anderen fürchtet Washington, dass Osama bin Laden ebenfalls untertauchen könnte. Die Ergreifung des Mannes, der für die Terroranschläge vom 11. September verantwortlich gemacht wird, gilt jetzt als wichtigstes US-Kriegsziel. Die Bush-Regierung hat für seine Ergreifung 25 Millionen Dollar ausgelobt. Vermutet wird bin Laden in der Nähe der Höhlenfestung Tora Bora im Osten Afghanistans, die seit Tagen heftig umkämpft ist. Berichten zufolge schließt der US-Geheimdienst aber nicht aus, dass sich der Terrorpate nach Pakistan abgesetzt haben könnte. Überdies wurde erstmals die Anwesenheit von US-Spezialtrupps an der Front von Tora Bora bestätigt.

Zugleich überdenken die USA offenbar ihre Haltung in Bezug auf die Entsendung einer internationalen Friedenstruppe nach Afghanistan. Vorige Woche wurde ein solcher Schritt unter Verweis auf die laufenden Kriegshandlungen noch als verfrüht abgelehnt. Die US-Regierung wollte weiterhin freie Hand. Jetzt erklärte Außenstaatssekretär Richard Haass, zwar sei der militärische Sieg über die Taliban lediglich "die Basis für alles andere, was wir in Afghanistan erreichen wollen". Man besitze aber nicht mehr den Luxus, nur die Kriegführung im Auge haben zu können. Vielmehr müsse jetzt über die Zukunft nachgedacht werden.

Beim Nato-Außenministertreffen in Brüssel setzte sich US-Außenminister Colin Powell unter Hinweis auf den bevorstehenden Amtsantritt der neuen Regierung in Kabul am 22. Dezember ebenfalls für rasche Schritte ein.

Sieg in Kandahar

Die Taliban-Herrschaft scheint bewältigt zu sein, aber die Details beunruhigen - aber vor allem dem politischen Ziel, den Terror zu verhindern, ist man nicht wesentlich näher gekommen

Von Karl Grobe

Die Erfolgsmeldungen aus Afghanistan scheinen vollständig zu sein: Kandahar hat kapituliert, die Berg-Höhlen-Festung Tora Bora ist erobert, der Grenzübergang Spin Boldak ist ohne Blutvergießen auf die Siegerseite übergegangen. Das Problem der Taliban-Herrschaft scheint bewältigt. Die Übergabe von Kandahar ist das deutlichste Zeichen dafür.

Aber nicht viel ist gewonnen. Die Details beunruhigen. Der Machtkampf zwischen den regionalen Siegern und mit den Überläufern der letzten Tage lässt nicht viel Ruhe erwarten. Es mag etwas entstehen, das oberflächlich nach Befreiung aussieht; Frieden fürs Volk gibt es noch nicht.

Dieser Krieg wurde mit dem verkündeten Ziel begonnen, Osama bin Laden - lebendig oder lieber tot - als Urheber des weltweiten Terrorismus auszuschalten. Nach dem Fall von Kandahar ist lediglich die sekundäre Aufgabe gelöst, die Staatsmacht zu zerstören, die bin Laden Zuflucht gewährt hat. Er wurde bisher nicht aufgefunden. Zudem trifft die Annahme, er habe über eine internationale Kommandozentrale namens Al Qaeda geboten, in dieser Form wohl nicht zu. Al Qaeda ist nach allem, was seit dem 11. September zu erfahren war, eher ein koordiniertes Netzwerk von Terrorgruppen gewesen - oder ist es noch. Sollte dies zutreffen, so werden Terrorgruppen künftig eher unkoordiniert handeln, ohne eine geographisch fassbare Basis, also schwerer zu finden und zu bekämpfen.

Die Frage, ob ein polizeimäßiger Einsatz zur Ergreifung des mutmaßlichen Verantwortlichen das geeignetere Mittel gewesen wäre, ist jetzt müßig - sie ist anders beantwortet worden, und gewiss nicht so, wie die Planer es sich gedacht hatten.

Die politische Aufgabe ist ungleich schwerer. Mit militärischen oder polizeilichen Mitteln kann sie nicht in Angriff genommen werden; die taugen zur Ergreifung Krimineller und sind nur dafür unverzichtbar. Frieden entsteht letztlich durch den Aufbau einer Welt-Gesellschaft, die Terror dadurch unmöglich macht, dass sie kein Ziel bietet, das vermeintlich mit Terror-Mitteln erreicht werden kann.

Taliban-Chef Omar auf der Flucht

Opposition in Kandahar eingerückt / Osama bin Laden womöglich außer Landes

Tausende Kämpfer der afghanischen Taliban haben sich am Freitag in Kandahar und weiteren Städten den einrückenden Oppositionstruppen ergeben. Ein paschtunischer Stammesrat übernahm in Kandahar die Kontrolle. Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar, der die Übergabe der Stadt am Vortag vereinbart hatte, befand sich auf der Flucht.

ISLAMABAD, 7. Dezember (dpa/ap/afp/rtr). Augenzeugen berichteten dem US-Fernsehsender CNN, die Anti-Taliban-Truppen zögen in Konvois nach Kandahar ein und würden von der Bevölkerung begrüßt. Viele Menschen schwenkten Fahnen und Bilder von Ex-König Sahir Schah. Ein Vertreter des paschtunischen Stammesrats, der so genannten Schura, bat die USA, ihre Luftangriffe auf Kandahar einzustellen. Die Kämpfe rund um die Stadt hielten jedoch an, sagte eine Sprecherin des US-Verteidigungsministeriums; auch die Lage in der Stadt sei noch nicht klar.

Zumindest zeitweise herrschte Chaos in Kandahar. Einwohner berichteten von Maschinengewehrfeuer und Plünderungen. Taliban versuchten zu entkommen. Unklar war, ob alle Kämpfer wie zuvor vereinbart ihre Waffen abgeliefert hatten. US-Elitesoldaten feuerten auf einen Konvoi flüchtender Taliban und töteten sieben von ihnen, wie CNN berichtete.

Der designierte Chef der afghanischen Übergangsregierung, Hamid Karsai, sagte, Taliban-Kämpfer, die keine Verbrechen begangen hätten, erhielten freies Geleit. Offenbar auf Druck der USA stellte Karsai später ausdrücklich klar, dass die Straffreiheit nicht für den Taliban-Führer Mullah Omar und nicht für ausländische Taliban-Kämpfer gelte. Omar müsse in Afghanistan vor Gericht gestellt werden. Die US-Regierung hatte zuvor betont, dass sie eine Amnestie für Talibanführer nicht dulden könne. Für diesen Fall habe Washington gedroht, jegliche Unterstützung einzustellen, sagte der Nordallianz-Repräsentant in den USA, Haron Amin.

Auch in den Provinzen Helmand und Sabol gaben die Taliban auf. In die Stadt Spin Boldak nahe der pakistanischen Grenze marschierten nach Angaben aus Afghanistan rivalisierende Clan-Kämpfer ein. In der Provinz Paktia lieferten sich zerstrittene Clans heftige Kämpfe.

Ein Taliban-Vertreter sagte in Islamabad, bei den Angriffen auf Kandahar seien etwa 10 000 Menschen getötet worden, meist Taliban-Kämpfer. Russlands Verteidigungsminister Sergej Iwanow betonte, mit dem Fall Kandahars sei der Krieg nicht zu Ende: "Wenn Städte und große Teile Afghanistans erobert wurden, heißt das noch nicht, dass die Taliban-Verbände vollständig zerschlagen wurden."

Die heftigsten Kämpfe gab es am Freitag zwischen Oppositionstruppen und Al-Qaeda-Kämpfern von Osama bin Laden um die Bergfestung Tora Bora nahe Dschalalabad. Mehrere Dutzend Al-Qaeda-Kämpfer seien getötet worden, hieß es. Anti-Taliban-Einheiten hätten den Höhlenkomplex fast vollständig erobert. Von bin Laden fehle aber jede Spur. Möglicherweise sei er nach Pakistan entkommen. CNN berichtete, auch US-Militärs schlössen nicht aus, dass bin Laden nicht mehr in Afghanistan ist. US-Geheimdienste suchten ihn auch in anderen Ländern, etwa in Somalia, aber auch in Asien und Europa.

Unterdessen berichtete der Sprecher der Internationalen Organisation für Migration, Jean Philippe Chauzy, von Hunger-Opfern in Afghanistan. Nahe der Stadt Kundus seien 177 Menschen vor Hunger und Erschöpfung gestorben, darunter viele Kinder.


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