Wenn das Unfassbare live im Fernsehen zu sehen ist, bleibt es dennoch unfassbar. Kurz nach einer Katastrophe das sind wir gewohnt sehen wir frische Bilder. Ein Flugzeug war in einen Turm des New Yorker World Trade Center "gestürzt" wie es zunächst heißt. Reporter bringen ihre Live-Kameras in Stellung. Und dann wird alles noch viel schlimmer. Ein weiteres Flugzeug kracht in den zweiten Turm des Doppelhochhauses. Live und gleichzeitig wird Millionen Menschen in den nächsten Minuten klar: das ist Terror. Das ist wie Krieg. Und es geht noch weiter: auch das US- Verteidigungsministerium in Washington wird von einem gekaperten Kamikaze-Jet getroffen und brennt; die brennenden Türme des Welthandelszentrums stürzen Minuten nacheinander in sich zusammen. Millionen Menschen sehen weltweit zu, wie vermutlich zehntausende Menschen in den Trümmern sterben. Rauchwolken stehen über der Hauptstadt Amerikas, Washington, und über der Hauptstadt der Welt, New York. Rauchwolken stehen über einem, vielleicht d e m Symbol der westlichen Welt.
Pearl Harbour der westlichen Welt
Ein Kommentator im Fernsehen sagt, bei dem Terrorangriff seien mehr Menschen getötet worden, als beim japanischen Angriff auf Pearl Harbour. Der deutsche Bundeskanzler spricht von einer Kriegserklärung an die ganze zivilisierte Welt. Viele Menschen haben Angst vor dem 3. Weltkrieg. Ich hoffe, dass die zivilisierte Welt diese Kriegerklärung auch gemeinsam erwidert: denn es gibt keine Religion, keine Ideologie, keine politische Idee, die so etwas rechtfertigen kann. Sobald klar ist, wer hinter diesem Anschlag steckt, muss auch klar sein, dass diesen Tätern niemand Unterschlupf gewähren kann, der zur zivilisierten Welt gehören will. Die Täter gehören bestraft, wenn man erst einmal weiß, wer sie sind. Aber die "massierten Luftangriffe", die Terrorismus-Experten in diversen Fernsehsendern voraussagen, werden da wohl nicht viel helfen. Gewalt hilft nicht gegen Gewalt.
Eine neue Zeitrechnung hat begonnen
Weltweit endete am 11. September 2001 der bisherige Alltag auf diesem Planeten. Live und in Farbe konnten wir miterleben, dass auch die militärisch stärkste Nation der Welt letztlich genau so verwundbar ist, wie jedes kleine Land irgendwo auf der Welt. Terror und Wahnsinn lassen sich nicht verhindern. Jeder, der etwas anderes verspricht, lügt sich und anderen etwas in die Tasche. Keine Milliarde für Rüstung konnte das verhindern und kann das künftig verhindern.
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World Trade Center mit entführten Flugzeugen zerstört / Anschlag auf das Pentagon / Täter unbekannt
Die USA sind am Dienstag von den schwersten Terroranschlägen in ihrer Geschichte erschüttert worden. Dabei wurden die beiden Türme des World Trade Center in New York völlig und das US-Verteidigungsministerium in Washington teilweise zerstört. New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani rief die Einwohner auf, das südliche Manhattan zu verlassen. Er sprach von einer "gewaltigen Zahl" von Toten. Zunächst war nicht bekannt, wer hinter den Anschlägen steckt. US-Präsident George W. Bush machte Terroristen verantwortlich und kündigte Vergeltung an. Das Weiße Haus, alle Schlüsselministerien und andere wichtige Gebäude in den USA wurden evakuiert.
WASHINGTON / NEW YORK, 11. September (ap/afp/dpa/rtr). Zwei vermutlich entführte Passagierflugzeuge rasten am Dienstag um 9 Uhr morgens (Ortszeit) im Abstand von 18 Minuten in die Zwillingstürme des World Trade Center. Die 411 Meter hohen Gebäude gingen nach den schweren Explosionen in Flammen auf und stürzten etwa eine Stunde später in sich zusammen. Über die Zahl der Verletzten und Toten gab es zunächst keine Angaben. Wahrscheinlich seien außer den Insassen der Flugzeuge zahlreiche Menschen innerhalb der beiden Wolkenkratzer getötet und tausende weitere verletzt worden, hieß es. In den beiden Türmen arbeiteten normalerweise rund 50 000 Menschen.
Der US-Sender CNN berichtete von Massenevakuierungen in New York. Alle Brücken und Tunnel nach Manhattan wurden geschlossen. Bürgermeister Giuliani rief im Fernsehen die Einwohner auf, "Ruhe zu bewahren und so weit sie können Süd-Manhattan zu verlassen". In Manhattan explodierte offenbar ein weiteres Gebäude.
Vermutlich waren beide Maschinen, die das World Trade Center rammten, zuvor entführt worden. Nach US-Angaben handelte es sich bei einer Maschine um eine Boeing 767, die in Boston gestartet war. Das zweite Flugzeug wurde offenbar in Newark (New Jersey) entführt. Die Fluggesellschaft American Airlines bestätigte den Verlust zweier Maschinen mit insgesamt 156 Passagieren an Bord.
Kurz nach den Anschlägen auf das World Trade Center stürzte ein weiteres Flugzeug auf das Verteidigungsministerium (Pentagon) in Washington. Zuvor hatten Augenzeugen von einer Explosion vor dem Pentagon berichtet.
In der Nähe von Pittsburgh (Pennsylvania) stürzte nach Angaben der Flughafenbehörden eine Boeing 747 der United Airlines ab. Es war zunächst unklar, ob es sich um eine dritte entführte Maschine handelte, die ebenfalls Kurs auf das Pentagon genommen hatte. Vor dem Außenministerium in Washington explodierte nach Angaben der Polizei eine Autobombe. CNN berichtete von einem Feuer im Ministeriumsgebäude.
Nach den Anschlägen wurden alle Flüge in den USA untersagt, sämtliche Flughäfen wurden geschlossen. Der Luftraum über New York wurde gesperrt. Alle Transatlantik-Flüge in die USA wurden nach Kanada umgeleitet.
Präsident George W. Bush sprach in einer ersten Reaktion von einem "offenkundigen Terroranschlag auf unser Land". In Sarasota (Florida) sagte er: "Wir erleben heute eine nationale Tragödie." Bush kündigte Vergeltung an. Die USA würden die für die Tat Verantwortlichen jagen und "die Leute, die diese Tat begangen haben, zur Strecke bringen". Er wollte sofort nach Washington zurückkehren.
Auch der frühere Vizepräsident Al Gore und Außenminister Colin Powell, die sich zu Besuchen in Österreich und Peru aufhielten, wollten so schnell wie möglich in die USA fliegen.
Zunächst war nicht bekannt, wer hinter den Anschlägen steckt. Die palästinensische Gruppe DFLP (Demokratische Front für die Befreiung Palästinas) soll sich zunächst zu dem Anschlag bekannt haben. Das berichtete ein Fernsehsender in Abu Dhabi. Die Gruppe dementierte das aber später. Auch Vertreter der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) und der radikal-islamischen Hamas sagten, ihre Organisationen hätten nichts mit den Terrorakten zu tun. Aus US-Geheimdienstkreisen verlautete, die Urheber der Taten seien nicht bekannt.
Nach Angaben des Journalisten Abdel Bari Atwan von der in London erscheinenden Tageszeitung El Kuds es Arabi steht der saudi-arabische Extremist Osama bin Laden hinter den Anschlägen auf das World Trade Center. Bin Laden habe vor etwa drei Wochen angekündigt, in den USA einen noch nie dagewesenen Anschlag zu verüben. Der Journalist hatte bin Laden mehrmals interviewt und steht in engem Kontakt zu dessen Anhängern.
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Weltweit Bestürzung über Terror/Nato sieht Angriff auf Demokratie/Freude bei Palästinensern
Mit großer Bestürzung haben westliche Staaten und Russland auf die Anschläge in den USA reagiert. Bundeskanzler Gerhard Schröder berief den nationalen Sicherheitsrat ein und bezeichnete die Anschläge als "Kriegserklärung gegen die gesamte Welt". Weltweit sagten Fluglinien ihre Flüge in die USA ab. In den Flüchtlingslagern in Libanon feuerten Palästinenser Freudensalven in die Luft, Palästinenserpräsident Yassir Arafat verurteilte die Anschläge. Israel räumte weltweit seine Botschaften.
FRANKFURT A. M., 11. September (dpa/rtr/afp/ap). Die Europäische Union äußerte sich schockiert über die Anschläge. Der EU-Ratsvorsitzende, Belgiens Ministerpräsident Guy Verhofstadt, verurteilte am Dienstag im Namen der EU "mit allem Nachdruck diese grausamen Taten, denen unschuldige Menschen aus der Zivilbevölkerung zum Opfer fallen".
Nato-Generalsekretär George Robertson verurteilte die Anschläge. "Diese barbarischen Akte stellen eine nicht zu tolerierende Aggression gegen die Demokratie dar und unterstreichen die Notwendigkeit, dass die internationale Gemeinschaft und die Mitgliedstaaten der Allianz ihre Kräfte vereinigen, um die Geißel des Terrorismus zu bekämpfen", erklärte Robertson in Brüssel. Das Nato-Hauptquartier wurde evakuiert. Für das US-Militär in Europa gilt die höchste Sicherheitsstufe.
Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) versicherte seinem US-amerikanischen Amtskollegen Colin Powell Mitgefühl für die Opfer. "Mit fassungslosem Entsetzen verfolgen wir die Bilder aus Washington und New York. Wir fühlen mit den Opfern und ihren Angehörigen. Deutschland steht angesichts dieses furchtbaren Verbrechens fest an der Seite des amerikanischen Volkes", hieß es in einem Schreiben an Powell. Auch Bundespräsident Johannes Rau bekundete in einem Schreiben an US-Präsident George W. Bush sein Mitleid.
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) will am heutigen Mittwoch eine Regierungserklärung zu den Terrorakten abgeben. Das kündigte eine Sprecherin der Bundesregierung an. Der Bundestag brach am Nachmittag seine Beratungen über den Haushalt 2002 ab. Alle Flüge von Deutschland mit Ziel USA wurden vorläufig gestoppt. Das teilte die Flugsicherung in Frankfurt am Main mit. Eine Sprecherin sagte, die Bundesregierung habe den Flugstopp angeordnet.
Russlands Präsident Wladimir Putin sprach der Bevölkerung der USA seine Anteilnahme aus und bezeichnete die Anschläge als "terroristischen Akt". Das russische Militär versetzte die gesamte Flugabwehr in Gefechtsbereitschaft, berichtete die Nachrichtenagentur Interfax.
In den Flüchtlingslagern in Libanon gaben Palästinenser Freudenschüsse ab. Zahlreiche Menschen schossen in die Luft, als sie die Nachrichten von den Explosionen in den USA hörten, wie ein Korrespondent der Nachrichtenagentur afp meldete. Palästinenserpräsident Arafat verurteilte in Gaza-Stadt die Anschläge: "Wir waren völlig geschockt. Es ist unglaublich."
Israel räumte nach den Terroranschlägen sämtliche Botschaften und andere öffentliche Einrichtungen. Dies berichtete der israelische Rundfunk am Abend.
Die afghanische Taliban-Führung bezeichnete die Anschläge der pakistanischen Nachrichtenagentur AIP zufolge als "terroristischen Akt".
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Das Armageddon in Manhattan ist der grausame Beweis dafür, dass die USA sich nicht politisch aus der Welt zurückziehen können
Von Jochen Siemens
Er finde keine Worte, würgte ein Reporter mit erstickter Stimme in die Bilder einer Kriegszone auf dem südlichen Manhattan. Die schlimmsten Visionen apokalyptischer Science-Fiction-Filme sind in New York Realität geworden. Und zwar weit unterhalb aller zukünftigen Raketenschirme, die solche terroristischen Desaster für alle Zeit verhindern sollten. Der 11. September 2001 wird fast sechzig Jahre nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbour 1941 als eine weitere Kriegserklärung gegen die Supermacht USA in die Geschichte eingehen.
Die Kriegserklärung 2001 trägt alle Merkmale einer Zeit, in der Terrorismus zur weltweit alltäglichen Form der Gewalt geworden ist. Einer Gewalt, die nicht fragt, wer die Opfer sind, einer Gewalt, die auf irrsinnige Weise total geworden ist. Japan glaubte vor sechzig Jahren, mit seinem Angriff auf ein militärisches Ziel den Grundstein für einen Kriegsgewinn zu legen. Die beispiellose Terrorwelle des 11. September trifft alle Symbole, die Macht und Größe der USA des Jahrs 2001 ausmachen. Die schlanken, himmelstürmenden Türme des Welthandelszentrums symbolisierten nicht nur US-amerikanische Wirtschaftsmacht, sie galten inmitten des Wirtschaftszentrums Manhattan als der Knotenpunkt von Handels- und Geldströmen.
Das Pentagon ist seit Jahrzehnten der Inbegriff einer militärischen Schaltzentrale. Von hier haben die USA Kriege geführt, komplexe militärische Operationen gesteuert und gezielte Schläge auf reale oder vermeintliche terroristische Ziele rund um den Globus ausgeführt. In einer grauenvollen Stunde sind nun diese Symbole ganz oder teilweise zusammengebrochen. Getroffen von zivilen Flugzeugen, die vermutlich samt allen Insassen und gefüllten Tanks als Bomben in die verhassten Symbole US-amerikanischer, ja westlicher Macht einschlugen.
Das Armageddon in Manhattan, das brennende Pentagon, es sind wie vor sechzig Jahren die "Arizona" in Pearl Harbour der grausame Beweis dafür, dass Nordamerika zwar ein von Meeren umgebener Kontinent ist, aber eben auch Teil dieser Welt. Und aus dieser kann man sich politisch nicht zurückziehen und die Entwicklungen im Nahen Osten treiben lassen, wie dies in diesem Jahr geschehen ist.
Dieser Angriff auf die USA ist freilich mehr als eine offenbar lang und perfekt geplante Terrorattacke, wie sie aus der Verzweiflung eines unterdrückten und gepeinigten Volkes erwachsen kann. Sie trägt vielmehr alle Züge einer Hass-Attacke auf Symbole westlicher Macht, und nährt Vermutungen, es handele sich um einen religiös-fanatischen Hintergrund.
Die Folgen dieses 11. September werden ebenso gravierend wie unüberschaubar sein. Die westliche und Weltwirtschaft erhalten zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt einen schweren, vor allem psychologischen Schlag. Die Zivilbevölkerung rund um den Globus, insbesondere in der westlichen Welt, lebt bewusster denn je im Gefühl allgegenwärtiger terroristischer Gewalt. Die USA werden militärisch reagieren. Ein Straffeldzug, und wenn er um den halben Globus geführt werden muss, erscheint wahrscheinlich. Rüstungsprogramme werden hochgefahren werden. Die Welt wird kälter, kriegerischer werden.
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Die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon treffen das Herz der Vereinigten Staaten
Von Dietmar Ostermann (Washington)
Apocalypse now, Dienstag, der 11. September 2001. Am Morgen gegen Dreiviertel neun in New York: Als ein Flugzeug, offenbar eine zweimotorige Maschine, auf die Südspitze Manhattans zuhält und in den Südturm des World Trade Centers in Downtown Manhattan rast, setzt eine Kette an Ereignissen ein, deren grausiges Ausmaß, aber auch Tempo und Präzision der Weltmacht binnen weniger Stunden den Atem nehmen werden.
Noch wird über einen möglichen Unfall spekuliert. Aber der Himmel über New York ist blau, die Sicht ungetrübt. "Das ist das Schlimmste, was man sich vorstellen kann", sagt ein Fernsehreporter zu diesem Zeitpunkt in die Kamera. Aber da hat die Vorstellungskraft schon den Wettlauf mit dem Terror verloren.
Zwei Stunden später brennt nicht nur auch der andere Zwillingsturm, getroffen von einem weiteren Flugzeug, offenbar einer Boeing 767, die auf einem Linienflug in Boston gestartet ist und kurz nach dem Start entführt wurde. Das 110-Etagen-Gebäude ist, vor den Augen der Welt, um 9 Uhr und 58 Minuten in einem Meer aus Qualm und Feuer zusammengesackt. Wie ein brennendes Streichholz, schwarz, porös, zerfressen von den Flammen. 37 Minuten später kann auch die Konstruktion des anderen Turms die Last nicht mehr tragen. Die Südspitze Manhattans, das Postkartenidyll der berühmtesten Wolkenkratzer-Silhouette, gibt es so nicht mehr. Vorbei an der Freiheitsstatue geht der Blick auf eine Qualmwüste, aus der das schrille Konzert der Rettungswagen dröhnt. Ambulanzen und Feuerwehrautos rasen dort jetzt Richtung Norden, weg vom Inferno. Unterhalb der 14. Straße ist die Stadt gesperrt. "Wir wissen nicht, was vor Ort los ist, die Funkverbindung ist unterbrochen", sagt ein Polizist an der Absperrung. In dem Teil Manhattans, der noch zugänglich ist, spielen sich Szenen ab wie im Film. Ein bisschen wie in einer Geisterstadt sind die Straßen leergefegt.
Keine Panik hier, die Leute versuchen, ihre Angehörigen zu erreichen. Einen Kilometer von den Ruinen des World Trade Center entfernt senkt sich Geschäftigkeit über die Stadt. Taxis drehen ihr Radio lauter und die Fenster herunter. Alle paar Minuten ertönt der Aufruf, dass sich Mitglieder der Feuerwehr bei ihren Stationen melden sollen.
In einem Büro versichert der Boss, man versuche alles, um die Mitarbeiter nach Hause zu schaffen. Wer Geld brauche, könne dies haben. Der Besitzer einer Autowerkstatt lässt reihenweise Menschen an seinem Telefon nach Angehörigen forschen. Aber die Leitungen sind öfter unterbrochen oder überlastet. "Da ist nichts, was ich machen kann", sagt der Mann, durchaus gelassen. Er ist Jude. "Die Menschen in Israel", sagt er, "haben das jeden Tag."
Nur ein paar Querstraßen entfernt, hinter der Absperrung, herrscht Chaos. "Die Leute springen aus dem Fenster", sagt zitternd eine Frau einem Fernsehreporter und drängt sich mit angststarren Augen in eine Hauseinfahrt: "Die Polizei sagt, haut ab hier, aber wir können nirgendwo hin, alles ist dicht. Wo sollen wir hin? Die Leute springen aus dem Fenster!" Die Angst, weitere Gebäude könnten einstürzen, geht um. Glassplitter sind bis über den Hudson River geflogen. Drüben in Brooklyn hat es noch fünf Kilometer entfernt Papierfetzen geregnet, die vor kurzem noch sorgfältig auf den Schreibtischen in den Büros des World Trade Center gelegen haben. Dort haben bis gestern rund 50 000 Menschen gearbeitet.
Aber der Terror hat sich schon weiter gefressen, die Ostküste herunter. Nicht nur New York, auch die Hauptstadt Washington, das Stein gewordene Symbol amerikanischer Macht, versinkt fast zeitgleich in schwarzen Wolken. Das Pentagon brennt, ebenfalls getroffen von einem Flugzeug.
Das Weiße Haus wurde vorsorglich evakuiert. Auf der Mall, heißt es, sei ein weiteres Flugzeug abgeschossen worden. Mitarbeiter im Kapitol, dem Parlamentsgebäude, berichten, wie ein Flugzeug um die heilige Kuppel des Marmorpalastes der amerikanischen Demokratie kreiste. Noch gibt es keine Angaben über Opfer - weder in New York, noch in Washington, wo in der Zentrale des Verteidigungsministeriums der USA ebenfalls die Wände nachzugeben drohen. Aber es gibt schlimmste Befürchtungen und die Gewissheit, dass es sich um die schwerste Terrorwelle handelt, welche die Vereinigten Staaten je erlebt haben. Alle Flughäfen des Landes wurden stillgelegt, die Wall Street hat den Handel ausgesetzt.
Der Präsident, der am Morgen noch in Florida Grundschülern Geschichten vorgelesen hatte, ist auf dem Weg zurück nach Washington. "Heute hatten wir eine nationale Tragödie", hat George W. Bush vor dem Abflug gesagt. Aber es war die Angst, dass die Ereigniskette noch nicht gestoppt war, dass noch irgendwo etwas passieren könnte, welche das Gefühl umgehen ließ, dass die Tragödie noch nicht zu Ende war.
Niemand mehr mochte das, was man nun unzweifelhaft für eine gut geplante Terrorserie hielt, mit bisherigen Anschlägen vergleichen. Im Februar 1993 war in der Tiefgarage des World Trade Centers eine Bombe explodiert. Damals starben sechs Menschen, hunderte wurden verletzt. Diesmal hatten die Urheber ganze Arbeit geleistet.
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Präsident Bush und Kanzler Schröder nach den Anschlägen
Nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York City und noch vor dem Anschlag auf das Pentagon in Washington am Dienstag hat US-Präsident George W. Bush eine innenpolitische Reise unterbrochen und in Florida eine kurze Ansprache gehalten. Kurz nach den Anschlägen hat Bundeskanzler Gerhard Schröder ein Telegramm an Bush gesandt. Die Agentur dpa dokumentiert die Texte im Wortlaut.
Präsident Bush: "Wir haben heute eine nationale Tragödie erlitten. Zwei Flugzeuge sind in einem offensichtlichen terroristischen Anschlag in das World Trade Center gerast. Ich habe mit dem Vizepräsidenten, dem Gouverneur von New York und dem Direktor des FBI gesprochen, und ich habe angeordnet, dass sämtliche Mittel der Bundesregierung eingesetzt werden, um den Opfern und ihren Familien zu helfen und eine vollständige Untersuchung einzuleiten, diejenigen aufzuspüren, die diese Tat ausgeführt haben. Terrorismus gegen unser Land wird keine Zukunft haben. Und nun bitte ich sie zusammen mit mir zu einer Schweigeminute. Gott segne die Opfer, ihre Familien und Amerika."
Bundeskanzler Schröder: "Sehr geehrter Herr Präsident, mit Entsetzen habe ich von den verabscheuungswürdigen terroristischen Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington erfahren, bei denen so viele Menschen ihr Leben verloren haben. Meine Regierung verurteilt diese terroristischen Akte auf das Schärfste. Das deutsche Volk steht in dieser schweren Stunde an der Seite der Vereinigten Staaten von Amerika. Ich möchte Ihnen und dem amerikanischen Volk mein tief empfundenes Beileid und meine uneingeschränkte Solidarität aussprechen. Unsere Anteilnahme gilt den Opfern und deren Angehörigen."
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Saudiarabischer Millionär wird als möglicher Drahtzieher der Terrorwelle genannt
Die Terrorserie in New York und Washington war offenkundig sorgfältig geplant. Schon am Dienstagnachmittag wurde gemutmaßt, der als Terrorist gesuchte Millionär Osama bin Laden könnte für die Anschläge verantwortlich sein. Allerdings wiesen die radikalislamischen afghanischen Taliban einen Zusammenhang zwischen bin Laden und den Anschlägen zurück.
Flugzeuge flogen in das World Trade Center, das Pentagon brannte, Weißes Haus und Außenministerium wurden evakuiert, im ganzen Land wurden Häuser geräumt, Flughäfen geschlossen. Bereits kurz nach den Anschlägen wurden Spekulationen laut, für eine so aufwändige Operation könne nur Osama bin Laden (Bild: rtr) verantwortlich sein.
Der saudiarabische Millionär soll bereits in der Vergangenheit Anschläge auf US-Einrichtungen im Ausland verübt haben. Er verfügt über das Geld und die Verbindungen, die USA auf ihrem eigenen Territorium anzugreifen. Aus seinem Hass auf die US-amerikanische Regierung macht bin Laden keinen Hehl. In einer Reihe von Fatwas, religiösen Erlassen, die er der Welt von seinem Aufenthaltsort in Afghanistan per Fax zukommen ließ, machte er seine Ansichten deutlich: Die US-Soldaten in seinem Heimatland Saudi-Arabien entweihten die heiligen Stätten der Moslems allein durch ihre Anwesenheit; die USA hätten die arabischen Länder ihrer Kraft beraubt und sie zu Untertanen gemacht; der Freund der USA sei Israel.
"Wir rufen mit Gottes Hilfe jeden Moslem, der an Gott glaubt und der belohnt werden will, weil er an Gottes Gebote glaubt, auf, die Amerikaner zu töten und ihr Geld zu rauben, wo immer es ist", heißt es in einer Fatwa vom Februar 1998.
Der Sohn eines Bauunternehmers kämpfte zunächst gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan. Er ging in die Berge, um sich einen Namen als tapferer und entschlossener Mann zu machen. Mit seinen Millionen kaufte er Bagger, um Gräben in Kampfgebieten ausheben zu lassen. Nach eigenen Angaben brachte er Tausende Ägypter, Libanesen und Türken nach Afghanistan, damit sie sich dort dem Kampf ihrer Glaubensbrüder anschließen konnten. Nach dem Abzug der Sowjetunion aus Afghanistan 1988 benutzte bin Laden nach Einschätzungen von Experten nun seine Millionen, um Angriffe auf die USA zu finanzieren, vielleicht auch die Bombenanschläge in Kenia und Tansania, bei denen 257 Menschen getötet wurden. Viele der Kämpfer, die er einst anwarb, sind ihm immer noch treu ergeben.
In den 80er Jahren waren die USA und bin Laden auf derselben Seite. Aber schon damals verhehlte er nicht, dass die Regierung in Washington für ihn genauso aus Ungläubigen bestand wie die in Moskau.
Die Außenstehenden, die bin Laden trafen, beschreiben ihn als scheu. Interviews gibt er selten. Er soll Ende 40 sein und in Afghanistan leben. Vor allem auf Initiative der USA und Russlands belegte der UN-Sicherheitsrat die Taliban 1999 mit Sanktionen, um seine Überstellung zu erzwingen. Die Taliban bezeichnen bin Laden als Gast, verurteilten allerdings am Dienstag die jüngsten Anschläge. (ap)
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Die Kommentare der deutschen Tagespresse am Mittwoch werden fast ausschließlich von einem Thema beherrscht: den Terroranschlägen in den USA. Dazu ist in der in Freiburg erscheinenden BADISCHEN ZEITUNG zu lesen:
"Die Weltmacht ist in ihren Metropolen auf das Entsetzlichste verwundbar. Was bisher nur nach der Phantasie von Regisseuren exaltierter Katastrophen-Filme vorstellbar war, haben Regisseure des international operierenden Terrorismus blutige Wirklichkeit werden lassen. Die Menschheit verzeichnet ein neues, einschneidendes Datum in ihrer Geschichte, es ist wieder ein Datum des Grauens. Das 21. Jahrhundert hat mit dem Datum des 10. September 2001 begonnen." Das HANDELSBLATT aus Düsseldorf stellt fest: "Die sorgfältig koordinierten Terrorattacken gegen Symbole amerikanischer Macht haben drastisch vor Augen geführt, dass die USA trotz des Schutzgürtels von zwei großen Ozeanen Vergeltungsmaßnahmen auf Grund ihrer Politik in Übersee fürchten müssen. Es ist der endgültige Beweis, dass die USA ihre Verwicklung in internationale Konflikte nicht mehr vollständig kontrollieren können." Auch der Kommentator des KÖLNER STADT-ANZEIGER meint: "Kein Raketenabwehrprogramm, kein Rückzug in Isolationismus kann die USA vor solchen Terroranschlägen schützen. Eine neue, nie gekannte Angst ist in die USA und die Weltpolitik eingezogen. Sie wird für viele Jahre nicht wieder weichen." Der MANNHEIMER MORGEN glaubt: "Vorbei der Nimbus der Unverwundbarkeit. Vorbei der Glaube vor allem der neuen Bush-Regierung, sich aus den Händeln dieser Welt heraushalten und auf sich selbst beschränken zu können. Vorbei auch der Glaube an ein weltraumgestütztes Abwehrsystem, das anfliegende Raketen bereits im All vernichten soll. Die Gefahr, so eine der bitteren Lektionen dieses Tages, ist durchaus irdisch, sie ist allgegenwärtig - und sie lässt sich nicht abwenden, wenn blindwütige Fanatiker zu buchstäblich allem entschlossen sind." Die in Berlin erscheinende Tageszeitung DIE WELT beschreibt die Dimension der Anschläge so: "Pearl Harbor, die Kuba-Krise, Vietnam, kaum etwas reicht an das heran, was (am Dienstag) in Amerika auf derart entsetzliche Weise geschehen ist. Nie zuvor hat es solche Terroranschläge in den Vereinigten Staaten, ja in der gesamten westlichen Welt gegeben. (...) Nicht Amerika allein, der Westen insgesamt sollte mit dem Angriff auf seine Führungsmacht in New York und Washington getroffen werden. (...) Amerika wird zurückschlagen- hart und schwer. (...) Krieg ist in Sicht und es wäre fatal, sich in Deutschland mitfühlend, aber unbeteiligt zurückzulehnen." Die FRANKFURTER RUNDSCHAU meint: "Die USA werden militärisch reagieren. Ein Straffeldzug, und wenn er um den halben Globus geführt werden muss, erscheint wahrscheinlich. Rüstungsprogramme werden hochgefahren werden. Die Welt wird kälter, kriegerischer werden." Die BERLINER MORGENPOST prognostiziert: "Die politischen Folgen dieses Anschlags sind bisher völlig unabsehbar. Der gesamte Nahe Osten steht am Rande eines Krieges. Amerika wird zurückschlagen. Und dieses Zurückschlagen wird keine Grenzen kennen. Keine Rücksichten auf Staaten, die Terroristen heimlich unterstützen und sie schützen. Keine Rücksicht auf Zögerer und Relativierer. Nach diesem Anschlag gibt es keine Sicherheit mehr - bis die Drahtzieher gefasst sind. Gestern um neun Uhr hat sich die Welt verändert." Die STUTTGARTER ZEITUNG hält fest: "Der 11. September dieses Jahres wird als schwarzer Tag in die Geschichte der Menschheit eingehen. Vielfältige Versuche, im Zeitalter der Globalisierung Konflikte und Gegensätze unterschiedlicher Kulturen und Zivilisationen friedlich zu überwinden, sind gescheitert." Die BERLINER ZEITUNG kommentiert: "Der 11. September ist das Pearl Harbor des Krieges gegen den Terrorismus. Er hat die USA aufgeschreckt. Sie wurden angegriffen. Sie haben sich als verletzlich erwiesen. Die Hunderttausenden, die aus Washington und New York evakuiert wurden, werden die USA verändern und die Welt. Es wird schwer werden für die USA, für Europa, für alle, in dem Kampf gegen den Terrorismus nicht selbst terroristische Züge anzunehmen." © DW 2001