Der altbekannte Automatismus kriegerischer auseinandersetzungen greift nicht mehr in dem, was man heute den "postmodernen Krieg" nennt. Wir werden umdenken müssen, sonst sind wir alle verloren.
Als ich vor zwei Tagen meinen ersten ausführlichen Bericht schrieb, habe ich mich bereit gefunden, eine begrenzte militärische Aktion der Vereinigten Staaten und der NATO unter gewissen Umständen zu befürworten. Dem Terrorismus müsse die Stirn geboten werden. - Heute, nur 48 Stunden später bringt mich die Angst und mein klares politisches Denkvermögen dazu, darum zu beten, daß der große Gegenschlag nicht geführt wird, nicht so, nicht jetzt, nicht so unüberlegt.
Der verwundete Stolz der Weltmacht könnte uns an den Rand eines globalen Krieges führen, der sehr schnell zum Albtraum für unsere sogenannte zivilisierte Welt führen kann. Denn gibt es überhaupt ein begrenztes Ziel, gegen das die USA militärisch vorgehen könnten? Nein, denn der Terrorismus ist international, und ein hartes Eingreifen ohne Rücksichtnahme auf die Bevölkerung würde den Haß gegen die westliche Großmacht nur noch verstärken. Und wer weiß, zu welchen Gegenschlägen sich die Terroristen und die Staaten, die sie unterstützen, dann gezwungen sehen? Immerhin sollte uns klar sein, daß Pakistan die Atombombe besitzt, und Pakistan befindet sich in keinem Falle in einer günstigen Lage, hin- und hergerissen zwischen der Freundschaft zu den Taliban und der Hilfeleistung der westlichen Welt.
Der Automatismus und die Verläßlichkeiten der Kriegführung des 19. Jahrhunderts greifen nicht mehr, selbst die des 20. Jahrhunderts sind überholt. Bush greift Staaten an, um Personen und Gruppen zu treffen, und andere Staaten fühlen sich verpflichtet, ihren Verbündeten zu helfen. Der Haß wird größer, der Terror unkontrollierbarer. Früher konte man sich darauf verlassen, daß ein Krieg zwischen Staaten ausbrach, geführt und durch Friedensschluß oder Kapitulation beendet wurde. Heute wären die Staaten nicht die Gegner, aber sie würden es durch die Vergeltungsschläge werden, die dann unweigerlich als kriegerischer Akt verstanden würden. Wer Fundamentalismus und Fanatismus unterschätzt, der begeht den größten Fehler, den man begehen kann. Aus Sicht der Terroristen tut die amerikanische Regierung genau das, was sie soll, sie dreht die Schraube der Gewalt nach oben, sie läßt sich darauf ein, überzureagieren und die Welt in ein Chaos zu stürzen.
Präsident Bush hat es in der Hand. Seine Entscheidung, die Truppen in Marsch zu setzen, ist gleichzeitig die Entscheidung über die Zukunft der nächsten Generation, und vielleicht ist er sich dessen noch nicht bewußt. Sein Verhalten entscheidet darüber, ob es eine mächtige antiwestliche Koalition aus Terror, Haß und Gewalt gibt, die die Welt auf Jahrzehnte unsicher macht und einen Flächenbrand auslösen kann, einen nicht mehr für möglich gehaltenen dritten Weltkrieg unter veränderten Vorzeichen, oder ob man langsam aber sicher auf Deeskalation setzt. Die einzig verbliebene Supermacht ist Kulminationspunkt der Haßgefühle derer, die sich unterdrückt fühlen, sie haben keine Wahl mehr. Früher, im kalten Krieg, konnte man sich zwischen mehreren Optionen entscheiden, heute gibt es nur noch ein für oder gegen die USA. In dieser Situation hilft die militärisch präzise Logik einer Weltmacht, die ihre Stärke beweisen will, nicht weiter, sie ist zerstörerisch und denkt nicht nach. Aufgehetzt von den Medien wird versucht, mit alten Mitteln gegen neue Formen des Terrors zu kämpfen, ohne dabei zu bedenken, daß damit die gesamte bisherige Ordnung der Welt zerstört werden kann.
Seit Tagen hören wir nichts anderes mehr, als daß sich die Veeinigten Staaten im Krieg befinden. Wenn das, was am Dienstag in den USA geschehen ist, ein Krieg ist, dann hat sich die Definition von Krieg in den letzten Jahren massiv verändert. Krieg wäre dann der Anschlag auf die Sportler im Olympischen Dorf in München 1972 auch gewesen, der Anschlag in Oklahoma vor einigen Jahren auch. In New York wurde ein Symbol zerstört, und in Washington ein Ministerium. Grausam ist die Zahl der Opfer, sie ist es, die uns veranlassen sollte, einmal inne zu halten und nachzudenken. Nicht die Türme sind es, die angegriffen wurden, sondern in Wahrheit sind es die Menschen. Wird jetzt abe mit aller Gewalt zurückgeschlagen, dann wird gleiches mit gleichem vergolten, und die Spirale der Gewalt dreht sich weiter.
Ehrt die Toten, Trauert menschlich und gebt der nächsten Generation eine Chance. Machtgehabe und Kulturkampf sind ebenfalls ungerecht und grausam. Die Ursachen des Terrors gilt es zu beseitigen, und zu den Ursachen zählt auch die Tatsache, daß die USA noch nicht in die Verantwortung zum ausgleich hineingewachsen sind, die sie als einzige Supermacht nun einmal haben. Sie müßten sich in der Verantwortung sehen, Ansprechpartner und verlässliche Freund aller Staaten zu sein und in Übeeinstimmung mit der Völkergemeinschaft zu handeln. Die Pauschalverurteilung der Muslime, der Kulturkampf gegen Andersdenkende führt zur Katastrophe und zur Arroganz der Macht. Aber spätestens seit Dienstag wissen wir, daß auch diese Mach angreifbar ist. Eingedenk dessen sollte die Regierung der USA ihre Stärke zeigen, indem sie auf mehr Gewalt verzichtet, in dem sie sich auf die Mechanismen verläßt, die schon heute gegeben sind. Daß wir mit diesen Mechanismen der internationalen Polizei und der UNO gegen Bin Laden und sein internationales Terrornetz nicht viel werden ausrichten können, will ich gar nicht bestreiten, aber mit einem großangelegten Angriff auf unschuldige Afghanen auch nicht.
Der Druck der Medien, die jetzt eine Vegeltung, einen Rachefeldzug fordern, der Druck dieser Medien könnte dazu führen, daß der Terror, der in den letzten Jahren ständig zugenommen hat, bald in Europa und Amerika überhand nimt und die freiheitlichen Gesellschaften aushebelt und zu Polizeistaaten macht, wie einige Bürgerechtsaktivisten befürchten. Eine wirkliche Großmacht muß gerade jetzt besonnen sein, sich ihrer Stärke bewußt, ohne sich die Fähigkeiten des Militärs selbst beweisen zu müssen. Sie spielt nämlich mit dem Leben anderer Menschen.
© 2001, Jens Bertrams