Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Spiegelberichte zu Bin Laden und seinem Terrornetzwerk

Mittwoch, 16. Januar 2002

Terroristen-Prozess: Bürger können Bin Laden per CNN verklagen ---------------------------------------------------------------------

New York - Ein Richter in New York hat es für zulässig erklärt, dem Terrorchef Osama Bin Laden über die Medien Klageschriften für die Terroranschläge vom 11. September zukommen zu lassen. Bin Ladens Adresse sei unbekannt, niemand müsse darauf warten, bis er in Gefangenschaft gerate. Richter Harold Baer sagte, zwei Zivilklagen, die in Manhattan gegen den Terrorfürsten und sein Netzwerk eingereicht worden seien, würden jetzt unter anderem über die Fernsehsender al-Dschasira, CNN und BBC World verbreitet. Auch die afghanischen Zeitungen "Hewad", "Anis", "Kabul News" und "Kabul Times" sowie die pakistanische "Wahat" würden die Klageschriften sechs Wochen lang veröffentlichen.

Es sei entscheidend, die einzelnen Rechtsschritte genauestens abzuwägen, damit Bin Ladens Anwälte später nicht einen etwaigen Prozess wegen Formfehler zu Fall bringen könnten.

--------------------------------------------------------------------- © SPIEGEL ONLINE 2002

Ermittlungen: Schuhbomber Reid offenbar al-Qaida-Kurier ---------------------------------------------------------------------

Richard Reid, der im vorigen Monat versucht haben soll, eine American-Airlines-Maschine in die Luft zu jagen, hatte offenbar enge Beziehungen zur Terrororganisation al-Qaida.

Hamburg - Nach Erkenntnissen französischer Ermittler gibt es mehrere Indizien, die zu der Vermutung führen, berichtet die "New York Times". Die Tatsache, dass der 28-jährige Brite, der zum Islam übergetreten war und in London des öfteren Moscheen fundamentalistischer Ausrichtung besucht hatte, im vergangenen Jahr mehr als ein halbes Dutzend Länder besucht hat, die Art, wie er für Tickets und Hotels gezahlt habe, und die Tatsache, dass er sich in einem Ausbildungslager in Afghanistan aufgehalten habe, legten nahe, dass Reid Kurier niederen Ranges für Osama Bin Ladens Terrorgruppe gewesen sei.

Ermittler in den USA und in Israel zeigten sich nach Angaben der Zeitung frustriert darüber, dass sie relativ wenig über den Mann in Erfahrung gebracht haben, der mit Sprengstoff in seinen Schuhen offenbar vorhatte, eine Maschine der American Airlines auf dem Flug von Paris nach Miami hochgehen zu lassen. Beamte des FBI in Washington sagten, auch sie verdächtigten Reid der Mitgliedschaft an der terroristischen Vereinigung, doch sie fügten hinzu, dass sie keine Beweise hätten, die diese Behauptung erhärten.

Die französischen Ermittler sind sich darüber offenbar sicherer. Sie gaben an, Reid habe in Europa finanzielle Unterstützung von Agenten der al-Qaida bekommen.

Israelische Beamte erklärten unterdessen, es sei zu vermuten, dass Bin Ladens Leute mit der radikalislamischen Hamas zusammenarbeiteten. Darauf weise Reids Besuch in Israel vergangenen Juli hin, als er aus Holland kommend sich fünf Tage in den Palästinensergebieten aufgehalten habe und über Ägypten ausgereist sei.

--------------------------------------------------------------------- © SPIEGEL ONLINE 2002

Al-Qaida: Bin Ladens Kronprinz steht bereit ---------------------------------------------------------------------

Wo sich Osama Bin Laden aufhält, ist unbekannt, ob er überhaupt noch lebt, ebenso. Doch hinter dem Gespenst Bin Laden steigt ein Mann auf, der die Führung in der angeschlagenen Terrortruppe übernehmen könnte. Die Jagd auf Bin Ladens Nachfolger hat begonnen.

Hamburg - Friedensforscher haben gleich nach den Anschlägen vom 11. September prophezeit: Wenn Bin Laden militärisch ausgeschaltet würde, stünden zehn neue Bin Ladens auf. Soweit bekannt, ist der Terrorfürst noch nicht unschädlich gemacht, doch ein möglicher Nachfolger zeichnet sich bereits ab.

US-Behörden haben einen Mann ins Visier genommen, der bestimmt worden sein soll, die Stafette im al-Qaida-Netzwerk von Bin Laden zu übernehmen und die Terrorgruppe zu reorganisieren. Sein Name: Abu Zubeida.

Bisher soll Zubeida ein Kurier für Bin Laden gewesen sein, berichtet der "Independent". Als solcher habe er viele Mitglieder der weitverzweigten Terrororganisation kennengelernt. Er soll auch Kontakt zu dem Attentätern vom 11. September gehabt haben, schreibt die Zeitung.

Obwohl die Taliban in Afghanistan aus den Zentren vertrieben wurden und der größte Widerstand der al-Qaida-Kämpfer gebrochen ist, nehmen die US-Behörden an, dass Bin Ladens Extremisten immer noch eine Gefahr für den Westen darstellen. Die Mitteilung der Regierung Singapurs vom Freitag über einen Plan von mit al-Qaida in Verbindung gebrachten Terroristen, Bombenanschläge auf westliche Einrichtungen in dem südostasiatischen Stadtstaat zu verüben, unterstrichen die Bedrohung, die von Bin-Laden-Leuten weiterhin ausgehe.

Von Seiten hoher Militärs in Tampa, Florida, hieß es, es gebe eine Prioritätenliste von gesuchten al-Qaida-Mitgliedern - und ganz oben stehe Zubeida. Weil Zubeida vermutlich der Verbindungsmann zwischen Bin Laden und den Attentätern vom 11. September war, seien die Fahnder schärfer darauf, ihn zu bekommen, als etwa den ideologischen und strategischen Kopf der al-Qaida, Ayman al-Zawahri.

Die Bedeutung Zubeidas für die US-Regierung wird aus anderer Quelle bestätigt. Gegenüber der "Los Angeles Times" sagte ein Beamter der Bush-Regierung, Zubeida sei so etwas wie der Außenminister der al-Qaida. "Er war für die Infrastruktur in den Ausbildungslagern zuständig, er brachte Terroristen in die Camps, bildete sie dort aus und brachte sie zurück in ihre Herkunftsländer oder in Länder, wo al-Qaida sie benötigte." Der Beamte fuhr fort: "Er ist ein äußerst wichtiges Rädchen im Getriebe der al-Qaida, und sicher ist er einer, der die Organisation übernehmen wird, wenn Bin Laden nicht mehr da ist. Wir haben ein hohes Interesse, ihn zu fassen."

Der US-Geheimdienst schätzt, dass seit 1996, als Bin Laden vom Sudan nach Afghanistan ging, rund 15.000 Nachwuchsleute durch die Ausbildungslager gegangen sind, die von Zubeida geführt wurden.

Über Abu Zubeida ist nicht sehr viel bekannt. Er soll zwischen 30 und 40 Jahre alt sein. Sein richtiger Name sei Zain al-Abidin Mohammad Hussein, hieß es. Wo er geboren wurde, ist den Behörden nicht klar. Es wird vermutet, dass er aus dem Gaza-Streifen stammt, andere Quellen reden davon, dass Zubeida in Saudi Arabien zur Welt kam. Ein US-Ermittler berichtete, dass Zubeida als al-Qaida-Bote mindestens 37 verschiedene Decknamen und Pässe benutzt haben soll.

Vermutlich als Cheforganisator soll er 1998 an den Anschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam beteiligt gewesen sein und im Oktober 2000 beim Anschlag auf die USS Cole im Jemen.

--------------------------------------------------------------------- © SPIEGEL ONLINE 2002

Neues Video: Wie al-Qaida Anschläge auf Politiker trainierte ---------------------------------------------------------------------

In Australien sind in der Nacht neue Videoaufnahmen der Terrorgruppe al-Qaida veröffentlicht worden. Sie zeigen, mit welcher Präzision die Gotteskrieger Osama Bin Ladens für Terroranschläge gedrillt wurden.

Sydney - Der Sender ABC strahlte Auszüge der insgesamt sechsstündigen Aufzeichnungen aus und teilte mit, er werde das gesamte Material dem US-Geheimdienst zur Auswertung zusenden. Die Aufnahmen seien von der afghanischen Nordallianz gefunden und dem Sender ausgehändigt worden.

Auf dem Video sind nach Angaben von ABC die Anhänger des muslimischen Extremisten Osama Bin Laden unter anderem dabei zu sehen, wie sie ein Attentat auf eine Fahrzeugkolonne proben. Die Autos passierten dabei Straßen, die an die US-Hauptstadt Washington erinnerten, hieß es.

Die sehr körnigen Bilder zeigen den Angaben zufolge al-Qaida-Mitglieder aus arabischen Ländern, Pakistan und Afrika. Sie sprächen Englisch untereinander, teilte "ABC" mit. Bei einer Entführungsübung riefen sie ihren Geiseln auf Englisch "Vorwärts, vorwärts" zu und "Lauf, lauf". Man sehe, wie die Gruppe ein Auto anhalte, Gebäude stürme und ein Fahrzeug in die Luft sprenge. Auch sei eine Trainingseinheit zu einer Hinrichtung aufgezeichnet.

Zudem werde die Übung eines Anschlags auf mehrere Staats- und Regierungschefs bei einem Golfturnier gezeigt. Die trainierenden Attentäter hätten ihre Waffen in Golftaschen versteckt und führten den Anschlag schließlich mit einem Raketenwerfer aus. Die als Opfer ins Visier genommenen Dummies stellten offenbar führende Politiker dar.

Das Video war ABC zufolge von der Nordallianz kurz nach dem Fall der afghanischen Hauptstadt Kabul im Dezember in einem verlassenen Schulgebäude unweit der Stadt gefunden worden. In dem Gebäude habe die al-Qaida ein Trainingslager unterhalten. Die USA machen Bin Laden und seine Organisation für die Anschläge am 11. September verantwortlich.

---------------------------------------------------------------------

© SPIEGEL ONLINE 2002

Irak: Osama Bin Laden zum "Mann des Jahres" gewählt --------------------------------------------------------------------- Bagdad - Für die einen ist Osama Bin Laden der Verbrecher des Jahres 2001 - für andere ist der die "bedeutendste politische Persönlichkeit des Jahres 2001". Die Bürger des Irak jedenfalls sollen den Terroristenanführer aus letzterem Grunde zum "Mann des Jahres 2001" gewählt haben. Das berichtete das irakische Fernsehen, das diese Umfrage zusammen mit dem staatlichen Radio und der regierungstreuen Zeitung "Al-Thawra" durchgeführt hatte. "Al-Thawra" zufolge gaben 93 Prozent der Befragten ihre Stimme für den Führer der Terrororganisation al-Qaida ab. Für wen die restlichen sieben Prozent stimmten, wurde nicht bekannt gegeben.

Zur Begründung erklärten die Bin-Laden-Sympathisanten nach Berichten der staatlichen Medien im Irak, er widersetze sich dem Willen der USA, deren Ziel es sei, andere Völker zu unterdrücken. Laut "Al-Thawra" sind 54 Prozent derjenigen, die Bin Laden für die "bedeutendste politische Persönlichkeit des Jahres 2001" hielten, Akademiker. Wie viele Leute sich an der Umfrage beteiligt haben, wurde nicht angegeben.

--------------------------------------------------------------------- © SPIEGEL ONLINE 2002

Ostafghanistan: US-Kommandos durchkämmen Höhlensystem ---------------------------------------------------------------------

Islamabad - Zwei Wochen lang hat die Luftwaffe der in Afghanistan eingesetzten US-Streitkräfte das ehemalige al-Qaida-Trainingslager Zawara im Osten Afghanistans und nahe gelegene Höhlen bombardiert. Nun haben US-Bodentruppen damit begonnen, das Höhlensystem, das komplexer sein soll als das von Tora Bora, zu durchsuchen.

An der Aktion seien rund hundert Mitglieder von Sonderkommandos beteiligt, meldete am Dienstag die in Pakistan ansässige afghanische Nachrichtenagentur AIP. Die Suche der Soldaten ziele auf Kämpfer der Terrororganisation Osama Bin Ladens sowie auf Waffen und Munition, die in den Höhlen gelagert sein könnten, hieß es.

US-Kampfflugzeuge hatten zu Jahresbeginn mit heftigem Angriffen auf die Gegend des Lagers begonnen, weil dort versprengte Taliban- und al-Qaida-Mitglieder vermutet wurden. Bewohner einer nahe gelegenen Ortschaft berichteten, die Nacht zum Dienstag sei die erste gewesen, in der keine Bombardements zu hören gewesen seien.

--------------------------------------------------------------------- © SPIEGEL ONLINE 2002

Verhör-Ergebnis: Gefangene planten offenbar Anschläge in USA ---------------------------------------------------------------------

Immer mehr Taliban- und al-Qaida-Gefangene werden in Afghanistan von der US-Armee verhört. Nach eigenen Angaben wollen die Ermittler herausgefunden haben, dass einige der Inhaftierten Attentate in den USA geplant hatten.

New York - Die bisher ermittelten Informationen wiesen darauf hin, dass gefangene al-Qaida-Kämpfer direkt mit geplanten Angriffen auf die USA zu tun hätten, hieß es nach Angaben von CNN aus Kreisen des US-Militärs. Sie fügten hinzu: "Zu einigen geplanten Anschlägen sei es nicht gekommen, aus welchen Gründen auch immer, möglicherweise wegen der Ereignisse vom 11. September."

Ein Zentrum der Verhöre ist offenbar Bagram, der Flughafen rund 50 Kilometer nördlich von Kabul. Dort werden von den Amerikanern zurzeit etwa 50 Gefangene festgehalten. Kürzlich wurde der hochrangige al-Qaida-Führer Ibn al-Scheik al-Libi von der "USS Bataan" in der Arabischen See nach Bagram verlegt. Der Libyer wird beschuldigt, Terroristenausbildungslager in Afghanistan geführt zu haben. Auch Mullah Abdul Salam Saif, der frühere Botschafter der Taliban in Pakistan, wurde vergangene Woche nach Bagram überstellt.

Unter den Gefangenen sollen sich mehr Briten befinden als bisher bekannt war. Die "Times" schreibt, mindestens sechs britische Muslime seien in Afghanistan in Gefangenschaft geraten, weil sie der al-Qaida-Terrorgruppe angehören sollen. Auch sie sollen offenbar nach Kuba in das Gefangenenlager auf dem US-Stützpunkt Guantanamo Bay gebracht werden.

Dort befindet sich bereits ein Brite in Haft. Er gehörte zum ersten Schub von 20 al-Qaida- und Taliban-Gefangenen. Nach Angaben eines Sprechers von Premierminister Tony Blair ersuchte Großbritannien die USA um Zugang zu britischen Gefangenen. Die Briten haben bereits die Zusicherung seitens der USA erhalten, dass die Gefangenen gemäß internationaler Gepflogenheiten behandelt würden.

--------------------------------------------------------------------- © SPIEGEL ONLINE 2002


Zum Feature

Zur Hauptseite