Es ist gar nicht einfach, für einen Artikel eine vernünftige Überschrift zu finden. Ein Artikel soll nicht nur deshalb gelesen werden, weil er besonders reißerisch aufgemacht ist und muß trotzdem eine gute, nicht zu lyrische Überschrift haben, die auch Interesse weckt. Ich hoffe, ich habe einen dementsprechenden Namen gewählt.
Dabei ist schon die Überschrift eine Art Frage. Krieg? Ist das, was durch die Attentate auf das World Trade Center und das Pentagon ausgedrückt wurde, eine Kriegserklärung an die USA?
Ich habe in den letzten Tagen in Sendungen, die sich wahrhaftig der Klärung, nicht der Verwirrung verschrieben haben, verschiedene Definitionen für Dinge gehört, unter anderem auch für Krieg. Da erfahre ich zum Beispiel, daß zu einem Krieg ein auszumachender Gegner in Form einer politischen Gruppierung oder meistens eines Nationalstaates gehört. Das kann ich nicht erkennen. Sicher, der Akt galt den USA als ganzes, als Staat und Weltmacht. daran zweifle ich nicht. Aber offiziell gibt es keinen Gegner. Krieg also?
Als ichmich heute morgen mit den amerikanischen Vorbereitungen zu einem "Feldzug" konfrontiert sah, als ich hörte, daß Kampfflugzeuge in 26 Stützpunkten in Stellung gegangen sind und Pakistan um das überfliegen dürfen seines Luftraumes ersucht worden ist, da ertappte ich mich bei aller, nach ein paar Tagen endlich wirklich empfundenen Trauer, bei sehr, sehr zynischen GEdanken.
Ich stelle gern in Rechnung, daß es für die USA der erste Krieg im eigenen Land ist, daß die gezielten und treffsicheren terroristischen Aktionen mit großer Wahrscheinlichkeit zumindest so gewertet und vor allem, was noch wichtiger ist, auch empfunden werden mußten. Und ich trage auch dem Umstand REchnung, daß ich als deutsche vielleicht gar nicht verstehen kann, welche Traumata sich hinter den Ereignissen im Leben von AmerikanerInnen verbergen. Politik, Medien und Unterhaltungsindustrie unterstrichen tagtäglich die Uneinnehmbarkeit und fast uneingeschränkte Macht des Pentagon, und das im wahrsten Sinne des Wortes weitreichende des world trade Center war unübersehbar. MIr fält kein deutsches Gebäude ein, dessen Zerstörung auf uns einen ähnlich lähmenden und schockierenden Effekt hätte. Symbole der Sicherheit, der Uneinnehmbarkeit, der Ruhe und der Kontrolle wurden mit einem Schlag weggefegt, ohne Vorwarnung, anscheinend mit spielerischer Leichtigkeit und - nicht zu verachten - einem enormen Gefühl der Selbstsicherheit. Das erste GEfühl, der erste, kalte Gedanke, der auch mich befiel, war: Um Gottes Willen! Wenn sie *das* schon wagen, was tun sie als nächstes, was haben sie noch in Petto? Wie viele Anschläge werden heute noch geschehen? Wie sicher müssen die sich sein?! Die erste, wuchtige Zahl der Opfer, die über die Amerikaner herfiel, war fünfzigtausend! Eine Kleinstadt. Ein kleines Hiroshima. Ja, ich kann verstehen, daß das im ersten Schock wie ein Krieg empfunden wurde, und die Bilder, die vom Fernsehen ausgestrahlt und vom Rundfunk beschrieben wurden, beschrieben auch Bilder eines Chaos, das wir vor allem von Kriegen her kennen. Dennoch: Keine Horden hungernder wandern durch die Straßen, niemand flüchtet in Luftschutzbunker, und die Suchlisten erreichen bei aller Trauer für die viel zu vielen Toten bei weitem nicht die Länge irgendwelcher beliebigen Suchlisten vergangener Kriege, wenn überhaupt welche erstelt werden konten.
New Yorker BürgerInnen werden aufgefordert, wieder zur Normalität zurückzukehren, um dem Terrorismus nicht nachzugeben und um zu zeigen, daß Amerika in der lage ist, trotz der enormen Schäden weiter zu machen wie bisher... Und New York folgt dem Aufruf, so gut es kann, und das ist gut so.
Doch die Politik Amerikas spricht eine diesem Anliegen vollkommen entgegengesetzte Sprache. Die Normalität in Amerika scheint nur erreicht werden zu können, indem die persönlichen Ängste der Menschen durch starke, militärische Präsenz verscheucht werden. Meiner Ansicht nach werden sie allerdings nur verdrängt. Das große Geschehen, der sichtbare, präsentierte Wille zum großen Schlag läßt die Lücken fergessen machen, die kleine, mit Selbstmordattentätern bemannte Flugzeuge zwischen Raketenabwehrsystemen und Beobachtungsanlagen gefunden haben und auch wieder finden werden. Die Amerikaner kennen keine Soldaten, die vor ihren Türen stehen, kennen keine vom Feind vergewaltigten Frauen, keine durch abgeworfenes Bombenspielzeug verstümmelten Kinder, aber sie wissen, daß es das gibt. Und sie haben Angst, daß diese Dinge nun ihre eigenen Landesgrenzen überschreiten könnten. Bei aller terroristischen Energie sind solche Vorstellungen äußerst abwegig, aber es wäre nicht das erste Mal, daß ein unbekanntes, bedrohliches Gespenst eine stärkere Wirkung auf Menschengemüter hat als die Realität. Viele fühlen sich, so stelle ich es mir vor, wie Kinder im dunklen Wald, die laut rufen und toben, damit vielleicht niemand wagt, sie anzugreifen. Ich meine das nicht spöttisch oder zynisch. Vielleicht würde ich nicht anders reagieren, wäre ich persönlich gefährdet. Würde mich jemand persönlich bedrohen, sähe ich vielleicht auch mein Heil darin, mich stark und mutig zu präsentieren, um keine zu leichte Beute zu werden.
Aber diese nur zu verständlichen Gefühle vieler, "einfacher" Menschen dürfen nicht in Politik umgewandelt werden! Der laute Ruf aus dem Wald darf nicht einen Krieg gegen einen nicht mal klar zu definierenden Gegner bedeuten! Und jetzt, wo genau das zu passieren droht, ertappte ich mich also bei den schon erwähnten zynischen GEdanken, daß lediglich zwei wenn auch wichtige Gebäudekomplexe zerstört worden sind. Jedes ERdbeben kann so viele Opfer fordern wie diese Attentate - und mehr. Das kann kein Grund für einen Krieg sein.
Ein Krieg der Großmacht USA zeigt Schwäche, Angst, ja blinde Panik, nicht Stärke. Aber von Politikern, so denke ich, kann man erwarten, daß sie die Konsequenzen jenseits der entstandenen Volksangst bedenken, und so kluge Köpfe mit so scharfem Verstand, wie man sie in der Führung der USA vermuten darf, können nicht ernstlich daran glauben, daß der Krieg zu gewinnen ist. Angst und Schrecken können verbreitet werden unter Unschuldigen, die ohnehin nichts mit der Sache zu tun haben. STellungen können zerstört und Sachschäden angerichtet werden. Die Opfer der Attentate können, zur Genugtuung weniger, verdoppelt, vervielfacht werden. Opfer an genauso unbeteiligten Zivilisten, wie es die Mitarbeiter des Pentagon oder des World trade center waren, die bloß mal eben ihre ARbeit niederlegten, um ihre Frühstückspause zu machen oder sonstwas taten, was sie jeden Tag taten. Das alles kann erreicht werden, nur nicht eine wirksame Bekämpfung des Terrorismus, von dem selbst Repräsentanten dr USA sagen, daß er dezentralisiert sei und daß es für dessen Zerstörung vielmehr als einen Militärschlag brauche. In wie viele Länder wollen sie ihre Kriegsmaschinerie schicken?
Ich bin auch der Ansicht, daß man etwas unternehmen muß, daß die Schuldigen zu bestrafen sind. Aber um wieviel sinnvoller wäre es doch, in aller Stille und mit geheimdienstlichen und polizeilichen Mitteln nach Helfershelfern und zentralen Schaltstellen zu suchen, um dann gezielt den entsprechenden Ländern klare Beweise für diesen oder jenen Drahtzieher liefern zu können? Jedem internationalen Beobachter aller Länder präsentierte sich so eine besonnene Weltmacht, die in der Lage wäre abzuwarten und sich nicht vom Terrorismus aus der Reserve locken und dazu verleiten zulassen, vor der Welt den Rachegott zu mimen. Wie gesagt: Gefühlsmäßig kann ich es verstehen, aber es geht um mehr als die Vergeltung für ein Attentat. Ein schneller Krieg "ins Blaue hinein" dagegen ist nur allzuleicht geeignet, die USA ins Unrecht zu setzen, wo sie jetzt noch mehr oder weniger ehrlich, aber doch von fast allen offiziell, auf Mitgefühl und Sympathie rechnen kann. Und der Krieg hätte noch weitere negative Seiten. Nach meiner Ansicht ist er genau das, worauf die Terroristen warten. Spätestens, wenn die Nato sich einschalten müßte, werden sich die Attentate nicht nur auf Amerika beziehen. Es wird andere Europäische verbündete treffen, und spätestens dann, wenn der Terror vor der eigenen Haustür beginnt, werden Stimmen laut werden, die von einem leichtfertigen Krieg der USA reden. Es ist fraglich, ob die von Politikern proklamierte Solidarität sich dann auch in der Bevölikerung halten wird. Paralel dazu wird natürlich auch allenthalben der Haß gegen Araber und Muslime aller ARt zunehmen und es wird zu Konflikten kommen, die wir bisher nicht hatten. Wir zwingen Kulturen zum Kampf gegeneinander, statt wirkungsvoll den Terrorismus zu bekämpfen, wenn wir einen unsinnigen, kraftstrotzenden Militärschlag unterstützen. Und auch den AmerikanerInnen in ihren gewönlichen Mietshäusern oder eigentumswohnungen, die wie wir nur ihrer Arbeit nachgehen und ein bißchen glücklich sein wollen, werden sie irgendwann wieder einfallen , die kleinen Lücken des selbsternannten David, die ihnen auch dann noch den Schlaf rauben werden, wenn die 20 Milliarden Dollar für das Militär und auch die für die Rettungsaktionen längst ausgegeben sein werden. Auch ein Geschoß fürhundert Mark, aus dem Hinterhalt abgefeuert, trifft. Das werden wir alle zu spüren bekommen, wenn dieser Krieg der Köpfe erst geführt wird. Und auf der einen Seite werden hochrangige Politiker sitzen, die den VErsuch unternehmen, einer verängstigten Nation Sicherheit durch veraltetes Weltmachtdenken zu vermitteln, auf der anderen phanatische Menschen, denen es gelungen ist, eine wendige und unseren SpielrEgeln völlig entzogene mobile Guerilla-ARmee zu bilden, deren Akteure für ihre Sache, die - machen wir uns nichts vor - für sie nicht so abstrakt ist wie für die meisten unserer Mitbürger die eigene Politik, ihr Leben geben werden und dabei unberechenbar das Leben anderer zerstören.
Auf beiden Seiten aber werden Köpfe sitzen, um deren Prestige und Glaubwürdigkeit es eigentlich geht. Und sie werden auch am Ende noch am leben sein.
© 2001, Bianca Heß