Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Infopaket Nr. 7: Berichte vom dritten Tag nach der Katastrophe

Freitag, 14. September 2001

New York am dritten Tag nach dem Terror

Ein Bericht von Herbert Bopp

Du kommst nach New York und du denkst, du hast schon alles gesehen: die Trümmer, das Elend, den Schmerz. Du glaubst, du kennst sie vom Fernsehen: die verzerrten Gesichter der Verletzten, die verdreckten Leiber der Geretteten, den schluchzenden Polizisten und auch die alte Frau, die schlicht den Verstand verloren hat, als sie durchs Küchenfenster einen Feuerball sah, dort, wo doch eigentlich die Sonne hingehörte. Du denkst, die Fernsehbilder, die dein bisschen Heile Welt jetzt schon seit Tagen durch den Fleischwolf drehen, hätten dich gewappnet für den Besuch in der Hölle. Du irrst. Jetzt stehst du plötzlich mitten in Manhattan und du weißt: Es gibt immer noch Steigerungsmöglichkeiten. Vor allem nach unten. Willkommen in New York! Was dich empfängt, ist die geköpfte Skyline einer verwundeten Stadt. Das Begrüßungskomitee hat ausgedient. Die Zwillinge, drunten am Battery Park, werden dir nie wieder den Doppelfinger zeigen können. Fanatische Henker haben die beiden Türme von der Luft aus gefällt. Seither ist Manhattan ärmer. Du schluckst. Du versuchst, dich an deinen letzten Besuch im Big Apple zu erinnern. Auch damals war die Welt nicht in Ordnung, in New York. Das soziale Tohuwabohu dieses Molochs passte noch nie zum American Way of Life. Aber New York ist eben New York. Dazu gehört das programmierte Chaos wie die Würstchenverkäufer, die an jeder Ecke Frankfurter verkaufen, die auf gut Deutsch doch Hotdogs heißen. Am liebsten hättest du damals unter der Brooklyn-Bridge Quartier bezogen, um nur noch Sonnenuntergängen nachzusehen. Nirgendwo in New York sieht man die Sonne schöner untergehen, als hinter diesem Wunderwerk aus rostigem Stahl und fleckigem Beton. Heute ist der Himmel hinter der Brücke wolkenverhangen. Rauchwolkenverhangen. Selbst das haben die Mörder von Manhattan geschafft. Die beißende Luft, die bissigen Polizisten - selbst die Freudenmädchen am Times Square binden sich Masken um Mund und Nase. Sein wahres Gesicht trägt New York in diesen Horrortagen hinter verrotzten Mullbinden. Auch das ein Werk der Monsterkiller von Manhattan. Zehn Stunden bist du mit dem Zug, aus Kanada kommend, unterwegs gewesen, weil sie dir kein Flugticket verkaufen, das nach Amerika führt. Dann steigst du an Penn-Station aus, im Bauch des Madison Square Garden, und verspürst so etwas wie Demut, dass du hier bist. Fast hättest du gelacht, als dir ein Penner für zwei Dollar die Stars and Stripes auf Halbmast verkaufen will. Fast. Und weil es zum Lachen nicht reicht und du in New York bist, bekommst du feuchte Augen. Diesmal nicht vom Trümmerstaub. © WDR 2001

Deutsche Politiker rufen USA zu Besonnenheit auf Nach der Feststellung des Nato-Bündnisfalles hat die Bundesregierung die USA aufgerufen, besonnen auf die Terroranschläge zu reagieren. In den Äußerungen der deutschen Politiker wurde das Bemühen deutlich, eine Eskalation der Lage zu verhindern und der Bevölkerung Ängste zu nehmen, man stehe am Rande eines Krieges. Anders als in den vorangegangenen Tagen vermieden die Politiker bei der Wertung der Anschläge den Begriff "Kriegserklärung". Außenminister Fischer sagte, Deutschland, Europa und die USA seien zusammen in der Lage, der Herausforderung entgegen zu treten. In der Reaktion auf die Anschläge seien Festigkeit, Entschlossenheit, aber auch Gelassenheit nötig. "Wegducken wird nichts nützen, weil diejenigen, die für diese verbrecherische Tat verantwortlich sind, die werden keine Ruhe geben." Die Entscheidung der Nato, die wegen der Anschläge erstmals in ihrer Geschichte den Bündnisfall festgestellt hat, habe die Festigkeit bewiesen. Nun bedürfe es auch politischer Lösungen für den Nahen Osten und andere Regionalkonflikte. Verteidigungsminister Scharping warnte davor, nur mit militärischen Mitteln auf die Anschläge zu reagieren. "Wir stehen nicht vor einem Krieg." Es werde eine angemessene Antwort auf die terroristische Herausforderung geben, die aber nicht auf militärische Maßnahmen beschränkt sein dürfe. Vor einer Reaktion auf die Anschläge würden die Erkenntnisse der USA und anderer Länder über die Täter und Hintergründe gemeinsam in der Nato überprüft. Grüne und Union machten deutlich, dass sie den deutschen Beistand im Rahmen der Nato unterstützen. Bei den Grünen kritisierten Parteilinke den Beschluss. Zur Vorbereitung auf eine Beteiligung an einem Nato-Einsatz wurde die Bundeswehr in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. © sueddeutsche.de GmbH, 2001

SZ-Kommentar Zeit zum Bekenntnis Von Stefan Kornelius (SZ vom 14.09.2001) - Aus amerikanischer Sicht ist die Entscheidung der Nato zur Aktivierung ihrer Beistandspflichten erstens eine Selbstverständlichkeit und zweitens vor allem eine politische Demonstration. Eine Selbstverständlichkeit deshalb, weil das Land angegriffen wurde, auch wenn die alten Schemata von Freund und Feind, Angreifer und Verteidiger nicht mehr gelten für einen von Unsichtbaren geführten Terrorkrieg. Und eine politische Geste, weil die USA das Bündnis derart militärisch dominieren, dass sie auf die Hilfe der anderen Mitglieder nicht angewiesen sind und mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht angewiesen sein wollen. Amerika wird die Nato in Anspruch nehmen als Fundament für eine rasant entstehende politische Koalition gegen einen Feind, dessen Gestalt Konturen annimmt. Die Pflicht zur Unterstützung ergibt sich schon fast zwangsläufig aus dem Geist und selbst aus den Vertragsbuchstaben eines Bündnisses, das als sein oberstes Ziel schon immer den Schutz der demokratischen und freiheitlichen Werte seiner Bürger verfolgte. Was jede Bundesregierung nach einem Terror-Angriff auf die Skyline von Frankfurt von ihren Freunden in der Welt erwartet hätte, muss im Umkehrschluss auch von den USA in Anspruch genommen werden können. Diese Beistandspflicht lässt sich nicht kleinreden durch ein gerade in den vergangenen Monaten gewachsenes antiamerikanisches Ressentiment. Kritik an amerikanischer Politik und Gesellschaft ist wohlfeil, sie kann aber nicht das Massaker von New York und Washington relativieren. Amerika wird die Nato zunächst wohl nicht in ihrer militärischen Kapazität beanspruchen, weil die Abstimmung im Kreis der 19 immer Kompromisse fordert. Kosovo oder Mazedonien halten diese Lehre parat. Es wäre gleichwohl absurd, der Nato deshalb blinden Gehorsam zu unterstellen und den USA die Absicht, größtmögliche politische Zustimmung für einen im unkontrollierten Hass geführten Vergeltungsschlag sichern zu wollen. Das Gegenteil ist wahr: Anders als die von Ratlosigkeit und Bestürzung geleitete Reaktion an vielen Stellen in Europa wird die Politik in den USA in Krisen von globaler Dimension häufig von kühlem Pragmatismus bestimmt. Natürlich lässt sich das Land auch leiten von der Erfahrung, dass Vergeltung das nationale Selbstbewusstsein wieder aufrichten wird. Aber gleichzeitig ist die Politik gezwungen, das Ende zu bedenken. In diesem Zwiespalt steht nun Präsident Bush: Amerika ist eine ungeduldige Nation, sie will Erfolge sehen, schnell. Und gleichzeitig verweigert sie sich Abenteuern mit ungewissem Ausgang. Sie wird die Sinnlosigkeit einer Flächenzerstörung wo auch immer in der Welt erkennen, wenn im Ergebnis die nächste Terrorwelle zu Selbstmordanschlägen in Chicago und Los Angeles führt. Vietnam, obwohl nicht wirklich verarbeitet, haftet im Gedächtnis. Aktionismus kann also auch schnell zu einem Desaster führen: zu Frustration, zu mehr Unsicherheit, zu größerer Gefahr und damit zu einem Rückzug aus dem Konflikt, der eigentlich gewonnen werden wollte. Für Bush käme dies dem politischen Ende gleich. In der sich nun abzeichnenden Auseinandersetzung mit einer schwer zu fassenden Terrorgruppe ist also mehr nötig als ein militärisches Konzept. Deswegen versichert sich die amerikanische Regierung zunächst größtmöglicher politischer Gefolgschaft. Und sie bastelt an einem Plan, der selbst im Amerikanischen als Gesamtkonzept bezeichnet würde. Der Kampf gegen die Terrorgruppen, gegen bislang unsichtbare Netze aus Sympathisanten und Todesschwadronen, wird politisch, diplomatisch, ökonomisch und militärisch geführt werden. Er wird, wenn er denn Erfolg hat, den politischen und religiösen Fundamentalismus zumindest zurückdrängen und die Gefahren mindern, die aus einer verbohrten Geisteshaltung für die freiheitlichen Werte der westlichen Gesellschaft erwachsen. Die Risiken sind gleichwohl enorm. Die Radikalisierung in der arabischen Welt kann wachsen, die Bereitschaft zur Konfrontation mit dem Westen steigen. Und gleichwohl dürfen die USA und auch die Nato nicht vor dem Problem zurückschrecken. Zurückhaltung wird sonst als Feigheit ausgelegt und ermuntert zu neuen Attentaten. Als sich amerikanische Truppen vor Wochen nach Bombendrohungen von verschiedenen Plätzen im Mittleren Osten zurückzogen, war dies ein Triumph für die Fundamentalisten, eine Aufforderung zum Tanz. Der politische und militärische Einfluss der nun entstehenden Anti-Terror-Koalition sollte nicht unterschätzt werden. Demutsgesten aus der arabischen Welt, verbale Prävention quasi, zeugen von einem Realitätssinn, den sich die USA zu Nutzen machen müssen. Jetzt ist die Zeit der Koalitions-Bildung, die Zeit der Entscheidung: Wer mit den USA (und mit Deutschland und den übrigen Nato-Staaten) Beziehungen haben möchte, der kann nicht Herberge sein für Massenmörder und terroristische Mitläufer. Wer Konten in der Schweiz unterhalten möchte und sein Ölgeld in deutsche Banken und Versicherungskonzerne investieren will, der muss sich entscheiden, auf welcher Seite des Konflikts er steht. Letztlich werden sich fundamentalistische Terroristen nur in ihrer Gesellschaft isolieren lassen. Das klingt zwar sehr soziologisch und fern, erzwingt aber geradezu den politischen und militärischen Druck des Westens. Gute Worte werden nämlich wenig helfen, wie der Vermittler Amerika zuletzt in Camp David erfuhr. © sueddeutsche.de GmbH, 2001

Amerika im Fahndungsfieber: Eindringen in die Logistik des Grauens Der Terror bekommt ein Gesicht Das FBI steht unter enormem Erfolgsdruck, und überraschend schnell gelingt es, Strich für Strich die Profile der kaltblütigen Planer zu zeichnen Von Wolfgang Koydl (SZ vom 14.09.2001) - Nur 36 Stunden sind seit dem fürchterlichen Geschehen von Manhattan verstrichen, aber das, was das Grauen auslöste, hat bereits Gesicht und Namen - Ergebnis der größten Menschenjagd in der amerikanischen Geschichte. Mehr als 7000 Agenten der amerikanischen Bundespolizei FBI sind an ihr beteiligt. Und schon werden Fotos präsentiert. Verlegen, fast schüchtern lächelt da ein junger Mann hinauf in eine Kamera. Er ist untersetzt, fast fleischig. Der nette Junge aus der Nachbarschaft In der Badehose steht er an einem Swimmingpool und stützt die Arme auf den Beckenrand. Ein kahlen Kopf hat er und einen leichten Bartschatten. Nichts an ihm wirkt bedrohlich. Er ist der nette Junge aus der Nachbarschaft, der in seiner Freizeit mit Freunden Baseball spielt. Doch Marwan al-Shehhi ist nach allem, was man weiß, nicht der, als der er erscheint. Fünfzig mögliche Attentäter hat das Heer der Ermittler aus Computerdaten, aus Hinweisen, vor allem aber aus den Passagierlisten der vier entführten und als Granaten benutzten Verkehrsflugzeuge herausgefiltert. Die Maschine startete bereits in Hamburg Und ihn, Marwan al-Shehhi, glaubt man identifizieren zu können als einen von denen, welche die vier Flugzeuge ins Verderben gesteuert hatten - gegen die Türme des World Trade Centers in New York und gegen das Pentagon in Washington. Und dieser 23-jährige Mann hat offenbar in Deutschland den entsetzlichen Flug vorbereitet, in der Hamburger Marienstraße, wo er und ein zweiter vermutlicher Attentäter, der 33-jährige Mohamed Atta, als Technikstudenten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gewohnt hatten. Wie konnte es zu einem so schnellen Fahndungserfolg kommen im scheinbaren Chaos nach den grauenvollen Attentaten kommen? Das FBI steht unter Erfolgsdruck, wird beschuldigt, die Vorbereitung der Todesflüge nicht erkannt zu haben. Die größte Menschenjagd aller Zeiten soll das FBI rehabilitieren Die Jagd ist die erste und schon die größte Herausforderung für seinen neuen Chef, Robert Mueller, der erst seit wenigen Wochen im Amt ist. Wenn das FBI die Anschläge schon nicht vorhersehen konnte, so will es sie zumindest so rasch wie möglich aufklären. Als die Katastrophe eingetreten war, wurde keine Minute Zeit versäumt. Die mehr als 7000 Fahnder gliedern sich auf in 4000 Spezialagenten und 3000 helfenden Mitarbeitern sowie 400 Labor-Techniker, die in sich aufsaugten, was in drei Tagen überhaupt aufzusaugen war an Informationen. Ohne ein ausgeklügeltes Computer-Netz wären sie hilflos gewesen. Die Suche breitet sich wie ein Netz über die Welt So aber konnte man herausfinden, wer Tickets für die betreffenden Flüge kaufte, wer Online-Buchungen vornahm, wer Leihwagen mietete, wer Unterkünfte besorgte und wer womit bezahlte, mit Kreditkarten oder Bargeld. Weltweit lieft die Polizeimaschinerie an. Der verdächtige Personenkreis nahm immer mehr Konturen an. An der 2000 Kilometer langen Grenze der USA zu Mexiko begann man nach sechs Personen mit pakistanischem Pass zu suchen und in Thailand nach weiteren 15 Männern aus arabischen Ländern. Hamburger Studenten gehörten offensichtlich zu den Tätern Aber die entscheidende Spur führte bereits am Mittwoch nach Hamburg, wo Marwan al-Shehhi und Mohamed Atta bis zu ihrer Abreise in die Vereinigten Staaten gewohnt hatten, nahe der Technischen Universität, an der sie als Studenten für Schiffsbau und Elektro-Technik eingeschrieben waren. Sie gehören ganz offensichtlich zu den Attentätern, die in die vier Todesflugzeuge eincheckten, die Passagiere im hinteren Teil der Kabine zusammenpferchten, im Cockpit die Piloten außer Gefecht setzten und am Ende den Steuerknüppel übernahmen und die Maschinen auf ihren neuen, tödlichen Kurs brachten. Nachbarn: Sie haben bis tief in die Nacht gebetet Auch das Foto von Mohamed Atta hat das FBI veröffentlicht. In seinen Gesichtszügen findet sich keine Spur von Freundlichkeit. Es ist ein Passbild, wie es in einem Führerschein kleben könnte. Herausfordernd blickt der Mann in die Kamera, die schmalen Lippen mit einem Hauch von Spott zu einem dünnen Strich zusammengepresst, die Augen kalt und bar jeglichen Gefühls. Von Marwan al-Shehhi und Mohamed Atta weiß man zwar, dass sie Pässe der Vereinigten Arabischen Emirate hatten, aber sonst weiß man wenig Präzises. Für ihre Nachbarn in Hamburg galten sie als religiöse Eiferer, die bis tief in die Nacht laut Koran-Suren beteten. Die Terrorgruppe wurde in Deutschland gegründet Aufgefallen ist des weiteren, dass ungewöhnlich viele Menschen in der Wohnung im ersten Stock des Mietshauses im Hamburger Arbeiterviertel Harburg aus- und eingingen und ganz offenbar auch verschiedene Personengruppen dort lebten. Der Terror hat viele Freunde in vielen arabischen Staaten, und sie morden und sterben nicht im Namen irgendeines bestimmten Staates, sondern für eine kranke Idee oder für eine pervertierte Form ihres Glaubens. Wie sich inzwischen herausgestellt hat, waren die in Hamburg ausgemachten Männer Mitglieder einer anfangs des Jahres in Hamburg gegründeten Terroristengruppe mit dem Anliegen, zusammen mit islamischen Fundamentalistenorganisationen weltweit Anschläge zu verüben. Perfekte Organisation und Logistik Besonders die Vereinigten Staaten waren das Ziel. Es ging ihnen von vorneherein darum, in einem spektakulären Anschlag jene Gebäude zu attackieren, die einen Symbolwert für die Macht des verhassten Kapitalismus Amerikas darstellten. Darauf verwies Generalbundesanwalt Nehm in einer ersten Bestandsaufnahme. Das Durchsuchen der Passagierlisten, die Sichtung von Visa-Anträgen und Einreisekarten, das Studium von Videoaufzeichnungen und Fotografien, das Befragen von Kellnern, Taxifahrern und Hotelbesitzern, ergab, dass eine perfekte Organisation und Logistik hinter den Anschlägen stecken musste. Keine Chance für den Geheimdienst Die Attentäter waren in kleinen und kleinsten Zellen zusammengeschlossen, die keine Kenntnis voneinander hatten. Auch die Mitglieder der einzelnen Zellen telefonierten kaum, sondern sprachen sich von Angesicht zu Angesicht ab; sie hinterließen so wenig schriftliche Indizien wie möglich, und sie trafen unabhängig voneinander auf verschiedenen, verschlungenen Routen in den USA ein. Einige kamen gleichsam durch die Hintertür ins Land, auf einer Fähre, die zwischen dem kanadischen Nova Scotia und dem US-Bundesstaat Maine verkehrt. Bei diesen ausgeklügelten Vorbereitungen überrascht es nicht mehr, dass selbst erfahrene Geheimdienstveteranen in Europa und Amerika - wie die Washington Post enthüllte - erst aus dem Fernsehen von den Mordanschlägen erfuhren. Die Täter trafen sich erst im Fluzeug Ein mörderisches Werk So geheim arbeiteten die einzelnen Zellen, dass sich noch nicht einmal die jeweiligen Entführer einer Maschine kannten. Zwischen drei und sechs Männer, so glauben die Ermittler, seien für jedes der vier entführten Flugzeuge eingesetzt worden - und sie hätten sich wahrscheinlich noch nie zuvor gesehen. Erst nachdem sie an Bord gegangen waren, das Flugzeug gestartet war und seine Reiseflughöhe erreicht hatte, sprangen sie auf ein Signal hin aus ihren Sitzen auf und begannen mit ihrem mörderischen Werk. Nur wenige Männer - vielleicht war es sogar nur jeweils eine Person - kannten den ganzen Plan, jeden einzelnen Schritt der schrecklichen Entführung von Passagiermaschinen: Dies sind die Drahtzieher, die Organisatoren, die Geldgeber, und sie haben noch immer kein Gesicht. Gewiss, amerikanische Sicherheitsexperten und Vertreter der Administration glauben, immer mehr Hinweise zu besitzen, die auf den saudischen Millionär Osama bin Laden hindeuten. Ausgebildet in den USA Doch noch kann man nicht mit letzter Sicherheit sagen, ob der Geschäftsmann hinter dem Terror steckt. Sicher ist allerdings, dass die kühlen Planer des Massenmordes von Manhattan kaltblütig alle Möglichkeiten nutzten, die ihnen das offene amerikanische System bot. Justizminister John Ashcroft machte eine Pause, bevor er einer entsetzten Öffentlichkeit das Unglaubliche mitteilte, so als ob er sich selbst dazu zwingen müsste, die fürchterliche Wahrheit auszusprechen: Zumindest einige der Attentäter waren in den USA von Amerikanern zu Piloten ausgebildet worden. Und einige der Attentäter sind offenbar ungehindert nach USA eingereist, obwohl sie bereits auf der Fahndungsliste standen. "Huffman Aviation" in Venice im Bundesstaat Florida ist eine der vielen Flugschulen in den Vereinigten Staaten, wo man schnell und einfach fliegen lernen kann, solange man bis zu 2000 Dollar für die Stunde hinlegt. Pilotenschein für 2000 Dollar pro Stunde Aber an Geld mangelte es den Terroristen zu keinem Zeitpunkt. Auch Marwan al-Shahhi und Mohamed Atta gehörten zu den Schülern von "Huffman Aviation", wo sie sich im vergangenen Jahr als Piloten für kleinere Privatmaschinen ausbilden ließen. Allem Anschein nach zeigten sie Begabung. Wie sich Rudi Dekkers, der Besitzer der Firma, erinnerte, absolvierten sie ihre Ausbildung in fünf Monaten. Im November letzten Jahres machten sie ihre Prüfung, die sie dazu berechtigte, ein- und mehrmotorige Kleinjets zu steuern. Dann verließen sie die Schule, aber zumindest die Spur von Atta glaubt das FBI weiter verfolgen zu können. Viele Ausländer bekommen die Lizenz in den USA Offensichtlich vermutet die Behörde, dass der Araber sich anschließend an der Embry-Riddle Aeronautical University eingeschrieben hat. Auch sie liegt in Florida, in Daytona Beach an der Atlantikküste, und an dieser Hochschule werden Flugkapitäne von Passagiermaschinen ausgebildet. Es ist nicht auszuschließen, dass auch die Berufspiloten der vier Todesflüge von American Airlines und United Airlines hier ihre Ausbildung erhielten. Es ist nicht außergewöhnlich, dass Ausländer in den USA einen Pilotenschein machen. Die Einwanderungsbehörde INS hat zu diesem Zweck sogar ein Sondervisum "M" zur Verfügung, das einzig und allein zu diesem Zweck ausgestellt wird. Auch eine weitere Spur führt nach Florida, zu zwei weiteren Männern, und zu einer anderen Flugschule. Piloten der Saudi Air Adnan und Amir Abbas Buchari, zwei saudische Brüder, sollen in Vero Beach, nördlich von Fort Lauderdale, eine Spezialausbildung erhalten haben. Beide Männer gaben sich als Piloten der saudischen Fluggesellschaft Saudi Airlines aus. Sie zumindest werden nicht das Fliegerhandbuch in arabischer Sprache benötigt haben, das die Polizei in einem Auto sicherstellte, das am Flughafen Logan von Boston geparkt war. Von diesem Airport waren die Maschinen entführt wurden, die das World Trade Center zerstörten. Boston spielt ohnehin eine besondere Rolle in den Überlegungen der Ermittler, und es sind Überlegungen, die ebenfalls auf Osama bin Laden hinweisen. Denn in dieser Stadt im Nordosten hat der 44-jährige islamische Terrorchef, der aus einer verzweigten und reichen Familie stammt, alte und enge Verbindungen. Bin Ladens einflussreiche Brüder Einer seiner Brüder hat mehrere Stipendien an der renommierten Harvard-Universität eingerichtet; einem anderen Bruder gehören sechs Luxus-Appartments in einer der besseren Wohnlagen der Stadt. Hinzu kommt, dass zwei als Vertraute von Bin Laden bekannte Männer als Taxifahrer in Boston arbeiteten. Im Zuge seiner Ermittlungen stürmte das FBI nun auch das Westin Copley Hotel der Stadt, um drei Verdächtige abzuführen. Doch mit all seinen bisher gewonnenen Erkenntnissen hat das FBI wohl noch lange nicht das ganze erschreckende Ausmaß der Verschwörung erfasst. Denn wenn es stimmt, was vermutet wird, dann lernten nicht weniger als insgesamt 27 Terroristen, wie man ein Flugzeug lenkt. Das aber würde bedeuten, dass die Drahtzieher der Anschläge auf Nummer sicher gehen wollten. Nur Kampfpiloten fliegen solche Manöver Sie hatten, wie das Nachrichtenmagazin Time in seiner jüngsten Ausgabe herausgefunden haben will, für jeden Flug einen erfahrenen Berufspiloten abgestellt. Entweder standen die anderen in Reserve, oder aber es waren weitere Entführungen geplant. Und wenn es zutrifft, was Ari Fleischer, der Sprecher des Weißen Hauses mit leichenblasser Miene und tonloser Stimme vortrug, dann hätten die Terroristen zumindest einen Mann gebraucht, der fast über die Qualitäten eines Kampfpiloten verfügen musste. Ohne Einzelheiten zu nennen, teilte Fleischer mit, dass auch Air Force One, das Flugzeug des Präsidenten der Vereinigten Staaten, ein Ziel der Attentäter gewesen sei. Nach diesem Kalkül erwarteten die Terroristen, dass Präsident George Bush sofort nach Washington zurückkehren würde, sobald er von den mörderischen Akten in New York und Washington erfahren hatte. Für diesen Fall hielten sie die vierte Maschine einsatzbereit, die ihr Ziel nicht erreichte und auf einem Feld in der Nähe von Pittsburgh in Pennsylvania abstürzte. Nach dem ursprünglichen Plan aber sollte diese Boeing der Air Force One bei ihrer Rückkehr auf die Andrews Air Force Base südöstlich der amerikanischen Hauptstadt auflauern. Wenn das fliegende Symbol amerikanischer Macht in Sicht gekommen wäre, hätte der Terrorpilot es gerammt und in einem gewaltigen Feuerball zerstört. © sueddeutsche.de GmbH, 2001

Drei Optionen für den großen Schlag Den USA genügt es wohl schon, wenn ihnen Europa Rückendeckung gibt Von Udo Bergdoll (SZ vom 14.9.2001) - Die Nato hat sich an die Seite Amerikas gestellt. Aber wird sie Krieg führen und wenn ja, welchen wenn die USA militärisch auf die Terrorangriffe antworten? So weit ist es noch lange nicht. Das westliche Bündnis ebnete mit der Solidaritätserklärung einen Tag nach den barbarischen Anschlägen erst den Weg zur Feststellung des kollektiven Verteidigungsfalles nach Artikel 5 des Nato-Vertrages. Mehr war nicht möglich. Die Beistandspflicht ist erst gegeben, wenn die USA mitgeteilt haben, dass es sich um einen von außen gelenkten bewaffneten Angriff auf ihr Territorium handelt und der Nato-Rat einstimmig die kollektive Verteidigung ausruft. Aber schon jetzt kann Amerika voll mit der politischen Unterstützung durch seine Verbündeten rechnen. Auch der euroatlantische Partnerschaftsrat, dem neben den 19 Mitgliedern der Allianz 27 weitere Staaten angehören, hat sich der Solidarität des Bündnisses weit gehend angeschlossen, danach ebenfalls Moskau im Nato-Russland-Rat. Militärisch sieht es komplizierter aus. Die Nato hat zwar 1999 beschlossen, dass ihre Sicherheitsinteressen auch durch Akte des Terrorismus, der Sabotage und des organisierten Verbrechens sowie der Unterbrechung der Zufuhr lebenswichtiger Ressourcen berührt werden können. Aber es existieren noch keine Planungen für ein gemeinsames Vorgehen wie nach den Angriffen auf New York und Washington. Es ist auch nicht wahrscheinlich, dass die USA eine direkte militärische Beteiligung ihrer 18 Verbündeten an der Vernichtung der sie bedrohenden Terroristen und ihrer Helfer erwarten. Wichtiger ist ihnen die politische Rückendeckung Europas für ihren Gegenschlag. Lehren aus dem Kosovo-Krieg Die Militärs in Brüssel sehen drei Optionen. Ohne dass dies gesagt würde, ist das Ziel dabei das Afghanistan der Taliban, das den möglichen Drahtzieher der Terrorakte, Osama bin Laden, beherbergt: 1.Ausschaltung der Terror-Nester durch eine kleine Spezialtruppe, die zunächst unerkannt eingeschleust werden muss. 2.Attacken aus der Luft mit Cruise Missiles und hoch fliegenden Bombern. 3.Einmarsch mit Landstreitkräften. Es spricht viel dafür, dass sich die USA wie im Kosovo-Krieg für Luftschläge entscheiden könnten. Dafür stehen Flugzeugträger und Fernbomber zur Verfügung. Der Schock ist so groß, dass diesmal vielleicht höhere Risiken in Kauf genommen werden. Eine Spezialtruppe, die verdeckt in das Operationsgebiet eindringt, wäre aber hoch gefährdet. Einen Landkrieg gar können sich Nato-Militärs nur schwer vorstellen. Anders als beim Golfkrieg vor zehn Jahren hätten die Truppen Amerikas und der Koalitionäre keine Freunde im Rücken. Damals wurden sie durch SaudiArabien und auch durch die Türkei gedeckt. Afghanistan grenzt im Osten an Pakistan, im Westen an den Iran, im Norden an mittelasiatische Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Hinzu kommt, dass der Feind in kleinsten Gruppen operiert, und das in unüberschaubarem Gelände. Es liegen auch keine Häfen in der Nähe, über die wie beim Golfkrieg der Aufmarsch erfolgen könnte. Die Amerikaner bereiten ihre Soldaten in aller Welt zwar auf einen möglicherweise raschen Vergeltungsschlag vor. Sie bemühen sich aber auch intensiv um eine breite politische Koalition, die sich das Ziel setzt, den Terrorismus diesmal wirklich an der Wurzel zu packen. Das braucht seine Zeit. Sollte sich bestätigen, dass die Beistandsverpflichtung der Nato greift, müssten den militärischen Aktionen umfangreiche Konsultationen vorausgehen, wobei jedes der angesprochenen 18 Länder theoretisch die Probleme verkomplizieren oder ein Veto einlegen könnte. Es ist nicht die Art der Amerikaner, sich mühsamen Absprachen solcher Art für Aktionen zu unterziehen, für die sie sich allein stark genug fühlen.Vergessen werden darf auch nicht die Frage der Sicherheit. Im Kosovo-Krieg gab es Pannen, sickerten aus dem Nato-Hauptquartier Daten über Angriffsziele durch. Im Nato-Hauptquartier jedenfalls wird damit gerechnet, dass die USA den zentralen Gegenschlag überraschend, ohne längere Konsultationen über militärische Einzelheiten, ganz aus eigener Kraft führen werden. Die europäischen Verbündeten, das hat der Kosovo-Krieg gezeigt, und das gilt immer noch, haben für Operationen außerhalb des Bündnisgebietes nicht viel anzubieten. Der Mangel beginnt beim Luft-und Seetransport und endet bei der so genannten Führungsfähigkeit. Die Amerikaner werden allerdings, wenn sie zuschlagen, Flughäfen ihrer Freunde zu nutzen wissen. © sueddeutsche.de GmbH, 2001

Cincinnati, Ohio Heute beten, morgen bomben? Reaktionen aus dem amerikanischen Hinterland Von Daniel Braun Cincinnati, 13. September - Flaggen überall. Sie hängen zu Hunderten auf Halbmast an Gebäuden und in Vorgärten. Das ist die einzige Veränderung in Cincinnati, die zwei Tage nach den Terroranschlägen noch sichtbar ist. Am Tag der Katastrophe sah es in der drittgrößten Stadt Ohios noch anders aus. Die Polizei hatte den zentralen Platz und einige Strassen für den gesamten Verkehr gesperrt. Die Gebäude der Staatseinrichtungen wurden geräumt und auf Bomben durchsucht. Procter & Gamble, einer der größten Arbeitgeber der Region, schickte seine Angestellten nach Hause. Cincinnatis sonst so belebte Downtown glich danach einer Geisterstadt. Dafür bildeten sich Autoschlangen an den Tankstellen. Gerüchte über eine bevorstehende Ölkrise hatte die Preise an manchen Zapfsäulen kurzzeitig auf mehr als das Doppelte hochschnellen lassen. Zwei Tage nach den Terroranschlägen sind die Strassen der Innenstadt wieder frei und die Tankstellen verkaufen ihr Benzin zu normalen Preisen. Das Leben in der Millionenstadt im Mittleren Westen scheint wieder normal zu laufen. Aber die Explosionen in Washington und New York haben Risse in der amerikanischen Seele hinterlassen - auch in Cincinnati. Ruhe in der Luft Al Sinclair, ein Späthippie mit ergrautem Pferdeschwanz hat es sich auf seinem Gepäck bequem gemacht. Seine Frau Suzanne versucht derweil ein letztes Mal am Schalter noch einen Flug zu bekommen. Das Paar wollte zusammen nach Irland in den Urlaub reisen. Dafür hatten sie ihre Koffer gepackt und T-Shirts mit keltischen Symbolen übergestreift. "Die können wir jetzt wohl wieder ausziehen", bemerkt Al, ohne dabei verärgert zu wirken. Nach den Terroranschlägen hat die Luftfahrbehörde bis auf weiteres den gesamten Flugbetrieb annulliert. Al hat die Zeit im fast leeren Terminal genutzt und über die amerikanische Seelenlage nachgedacht. "Wir rücken nun alle ein bisschen näher zusammen - egal, wo wir politisch stehen. Es ist nur schade, dass uns eine solche Tragödie vereint". Seine Frau fügt hinzu: "Angesichts einer solchen Katastrophe ist unser verlorener Urlaub nichts, gar nichts". Rick Stendafer wartet auf ein Taxi, das ihn zurück ins Hotel bringt. Auch er hat heute keinen Flug mehr bekommen, obwohl er es wirklich eilig hat. Der kräftige Enddreißiger war mit seiner Familie in Kentucky auf Wandertour, als die Flugzeuge abstürzten. "Als ich nach Hause kam, hab ich allerdings nicht nur die schrecklichen Neuigkeiten im Radio gehört. Auf meinem Anrufbeantworter waren auch einige Nachrichten, dass ich mich innerhalb von 24 Stunden in der Luftwaffenbasis in Salt Lake City einfinden muss". Stendafer ist Reservist der US-Luftwaffe und Pilot für F16-Kampfflugzeuge. Im Ernstfall wäre er an der vordersten Front. Trotzdem wirkt er ruhig, aber sehr entschlossen. "Wir haben in den wenigen Minuten in New York zehnmal mehr Menschen verloren, als in Pearl Harbor. Das ging zu weit. Wir müssen jetzt zeigen, dass wir das nicht tolerieren", fordert er und fügt hinzu, "ich bin bereit, meinen Job zu tun". Krieg ist Karma Jeder am Flughafen ist ruhig und geduldig. Aber in der Innenstadt und den Wohnvierteln macht sich Ärger breit. Eine junge Studentin auf dem Campus redet sich in Rage. "Ich war nie recht patriotisch. Aber jetzt merke ich, wie stolz ich auf die Freiheit und Sicherheit bin, die wir hier geschaffen haben". Sie erzählt, dass es während des Golfkriegs unter Jugendlichen in Mode war, amerikanische Militärabzeichen zu tragen. "Das war mehr, um cool zu sein. Und der Krieg war ja weit weg", erklärt sie. "Aber wenn jemand versucht, das zu zerstören, wofür mein Land steht, dann werde ich verdammt ärgerlich. Jetzt ich denk mir nur noch: Bombt sie alle zur Hölle!" Am Hyde Park Place herrscht normaler Betrieb. Die Restaurants und Bars haben Tische nach draußen gestellt, Menschen schlendern vorbei und genießen den Spätsommerabend. Eine Gruppe Studenten steht auf dem Buergersteig vor dem Cafe "Awakening" und schlürft Eiscappuccino. "Wir leben unser Leben wie jeden Tag und das ist auch gut so", sagt Nick, der in Cincinnati lebt und studiert. "Mein Vater war gestern ziemlich sauer, dass wir eine Gartenparty gefeiert haben". Sein Freund Matthew versucht sich in Entschuldigungen. "Was sollen wir denn schon anders machen? Wir können doch eh nichts ausrichten und in Ohio lebt sich's ja gottseidank recht sicher". Malakae, ein junger, leicht esoterisch inspirierter Student, glaubt, dass die Anschläge eine Folge der amerikanischen Außenpolitik sind. "Das ist Karma. Wenn wir Araber töten, dann kommt das irgendwann zu uns zurück". Gestern wurde er für solche Ansichten aus einer Bar geworfen. "Als Bush im Fernsehen sprach, hab ich ein paar kritische Kommentare über ihn abgegeben - das hat denen nicht so gut gefallen". Einer der Männer am Tresen hat ihn gepackt und vor die Tür gesetzt. "Aber das ist mir egal. Wenn die USA einen großen Krieg beginnt, würde ich eh nach Kanada abhauen". Blut und Gebete Nicht alle sind den Ereignissen gegenüber so teilnahmslos. Wie viele andere spendete auch Buergermeister Charlie Luken noch am Tag des Anschlags Blut. Er ließ sich dabei allerdings von Fernsehkameras filmen. Es ist Hauptwahlkampf in Cincinnati und bei den gestrigen Vorwahlen unterlag der Demokrat seinem schwarzen republikanischen Herausforderer Courtis Fuller. Der Gouverneur von Ohio entschied, dass sich die Demokratie in seinem Bundesstaat nicht terroristischen Anschlägen beugen werde und setzte trotz Protesten die Wahlen fort. So konnten die Buerger trotz allem für ihren Kandidaten abstimmen - nur fünfzehn Prozent der Wahlberechtigten gingen zu den Urnen. Viele hundert Menschen versammelten sich dagegen in den Kirchen der Stadt und beteten für die Opfer des Terrors. Schon kurz nach den ersten Nachrichten aus New York trudelten Faxe und Anrufe der christlichen Gemeinden bei den lokalen Medien ein. Gotteshäuser aller Konfessionen öffneten an diesem Abend ihre Pforten für Gebete, Bibellesungen und seelische Betreuung. Allerdings richtete sich auch Hass gegen religiöse Einrichtungen. Das örtliche Islamische Zentrum wird seit dem Tag des Terroranschlag mit Drohanrufen bombardiert. Die Polizei sicherte das Areal ab und nahm einen Verdächtigen fest: ein junger weißer Mann, Mitte Zwanzig, wohnhaft in Cincinnati. Mama, was ist Krieg? "Obwohl es so weit weg geschah, hat es uns doch alle in irgend einer Weise betroffen", fasst Terri die Ereignisse zusammen. Sie hat sich zusammen mit ihrer Nachbarin gerade auf den Weg zu einem Restaurant gemacht und wirkt wie viele andere recht gefasst. "Gestern im Büro konnten wir allerdings vor Schock nicht mehr arbeiten. Wir haben nur noch über den schrecklichen Anschlag geredet". Die Firma, in der sie als Verkaufsmanagerin arbeitet, liegt in der Nähe eines Regierungsgebäudes. "Die Polizei hat alle Autos in unserer Parkgarage durchsucht und einen Wachmann auf dem Dach postiert". Nach all dem habe sie einen unglaublichen Widerstandswillen in sich gespürt, erzählt die resolute Frau. "Zu Hause bin ich als erstes zum Kleiderschrank gegangen, hab die Flagge herausgeholt und aus meinem Fenster gehängt. Das ist meine Art, Stellung zu beziehen. Wir lassen uns unser Leben nicht kaputtbomben". Ihre Nachbarin Susan hatte am Tag des Anschlags andere Sorgen. "Ich habe meine Kinder früher aus der Schule geholt", erzählt sie. "Meine Töchter sind sieben und zehn Jahre alt. Sie waren richtig verängstigt und haben die ganze Zeit gefragt: Mama, was ist das - Krieg?" Die junge Mutter hatte nach dem Anschlag das Gefühl, ihren Kindern erklären zu müssen, dass dieser Tag alles verändert hat. "Amerika wird mehr sein, wie zuvor", sagt sie und wirkt dabei selbst unsicher, was sich nun eigentlich verändert hat. "Ich glaube, wir haben den Frieden und die Freiheit als viel zu selbstverständlich angesehen und uns hier zu sicher gefühlt. Die Ereignisse gestern haben das alles zusammenbrechen lassen". © sueddeutsche.de GmbH, 2001


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