Im Krieg gegen den Terrorismus nimmt Amerika jetzt Saddam Hussein ins Visier. Zweck des geplanten Militärschlags ist der Regimewechsel in Bagdad
von Thomas Kleine-Brockhoff, Albrecht Metzger & Matthias Nass
Die Serie von Begegnungen mit Menschen, die den nächsten Krieg vorbereiten, beginnt an Washingtons Pennsylvania Avenue. Nicht im berühmtesten Gebäude dieses Boulevards, Hausnummer 1600, wo Amerikas Präsident im Weißen Haus seinen Kampf gegen die "Achse des Bösen" orchestriert, sondern am anderen Ende, Hausnummer 1006, in einer Gegend, wo die Häuser klein, die Menschen schwarz und die Fährnisse der Weltpolitik eine Ewigkeit entfernt sind. Und doch erklingt gerade in diesem Haus das Lied von der bevorstehenden Befreiung des Irak, denn hier hält ein neuer politischer Star der Stadt Hof.
Sein Name ist Ahmad Chalabi, 57 Jahre alt und Co-Chef des irakischen Oppositionsbündnisses INC. Dessen Ziel: der Sturz Saddam Husseins. Wie einflussreich Chalabi und sein Iraqi National Congress innerhalb des Irak sind, ist umstritten. Die amerikanische Regierung unterstützt den Dachverband mehrerer irakischer Widerstandsgruppen seit Jahren mit Millionenbeträgen. Chalabi, ein früherer Bankier, hat in den USA Mathematik studiert, lebt in London und befindet sich zurzeit zu Gesprächen mit der amerikanischen Regierung in Washington. Jahrelang galt er als König ohne Reich, weil er nicht einmal seine Exilanten zu einigen vermochte. Doch seit Präsident Bush vor zwei Wochen den "Regimewechsel" in Bagdad zur neuen Priorität der amerikanischen Antiterrorpolitik erklärte, erlebt Ahmad Chalabi seine politische Wiedergeburt.
Durch den Hintereingang, bewacht von vier Kameras und zwei Bodyguards, betritt er das Reihenhaus, das der INC gemietet hat. Um sich herum verbreitet Chalabi eine Aura von Macht, die er nicht hat. Eine kleine Geste, ein Wort nur, und dienstbare Geister eilen herbei. Ein arabischer Potentat könnte sich nicht schöner inszenieren. Chalabi nimmt in einem geblümten Ohrensessel Platz und beginnt sogleich mit dem, was er am liebsten tut: Er entwickelt ein Szenario zum Sturz Saddam Husseins. Truppen marschieren auf, befreien einzelne Regionen des Landes, schließlich den ganzen Irak. Nach einem Vortrag von einer Stunde ist der Diktator gestürzt und die Demokratie ausgerufen. Eine schöne, eine edle Vorstellung; Menschen im Exil hält so etwas am Leben.
Und doch ist dieses Gedankenspiel mehr als pures Wunschdenken. Aus einer Dissidentenfantasie wurde mit George Bushs Rede zur Lage der Nation amerikanische Regierungspolitik, und Chalabi hat sofort gemerkt, was das bedeutet. Wenige Stunden später, am Morgen des 30. Januar, betritt er das Außenministerium. Er ist zum Rapport bestellt, soll sich eigentlich verantworten wegen des Verdachts, der INC habe Gelder veruntreut. Seit Jahren finanziert die US-Regierung Iraks Widerstand, neuerdings moniert sie fehlende Ausgabenbelege. Doch statt einer Standpauke erlebt Chalabi einen Staatssekretär, den sein Präsident überrascht hat. Was soll der arme Mann sich über ein paar fehlende Dollar aufregen, wenn George Bush in rabiater Klarheit davon spricht, jetzt gegen den Irak "handeln" zu wollen?
Ahmad Chalabi berichtet, er habe das Außenministerium mit lauter Zusagen verlassen. Das gleiche Erlebnis im Weißen Haus und im Pentagon. Überall wird er jetzt gefragt und angehört, eingeladen und hofiert. Plötzlich lautet die Frage nicht mehr, ob Amerika Saddam stürzen soll. Nun geht es nur noch darum: Wie soll das geschehen? Mit wem? Um welchen Preis? Und was kommt nach Saddam?
Botschaften wie Gewehrsalven Für Chalabi hat die Phase der Planung begonnen. "Nächsten Monat", erzählt er aus seinem Sessel heraus, "bringen wir exilierte irakische Offiziere hier in Washington zusammen." Wenn Amerika bis dahin Waffenhilfe genehmige, könne der Aufbau des militärischen Widerstandes beginnen. Nur ein paar Monate werde das dauern, "das sind doch alles erfahrene Leute". Und die Amerikaner? Gibt es Anzeichen, dass es ihnen jetzt ernst ist?
An dieser Stelle wird Chalabi schweigsam. Er sagt nur ein Wort: "Ja." Und nach einer Pause: "Aber über Details möchte ich nicht sprechen." Lieber beantwortet er andere Fragen. So meint er etwa, dass der anstehende Sturz Saddams militärisch nicht so gewaltig sei. Seine Armee sei nicht mehr so furchteinflößend wie früher. Die regulären Truppen stünden an den Grenzen, die Leute wollten nicht kämpfen, meldeten sich krank oder desertierten. Es seien Rekruten aus verarmten Gegenden, viele Analphabeten befänden sich darunter, "auf deren Loyalität Saddam nicht bauen kann".
Ob die Furcht vieler Amerikaner vor biologischen und chemischen Waffen Saddams begründet sei? Wie wären diese Waffen bei einem Angriff unschädlich zu machen? "Das ist die wirkliche Gefahr", räumt Chalabi ein. "Ein Deserteur aus Saddams Entwicklungsteam hat uns jüngst berichtet, dass die Waffen in Bauernhöfen, Wohnhäusern und Brunnenschächten gelagert werden. Was wollen die Amerikaner tun? Schnell eine Besatzungstruppe schicken und alle Häuser Bagdads besetzen? Wir brauchen dreierlei: eine unmissverständliche Erklärung der Amerikaner, dass jeder, der mit B- und C-Waffen hantiert, persönlich verantwortlich gemacht werden wird. Zweitens brauchen wir Spionage, um zu erfahren, wo die Waffen sind. Und drittens müssen wir jetzt die Leute kontaktieren, die diese Waffen abfeuern sollen.
Wenn wir das alles getan haben, gibt es immer noch keine Garantie." Auch wenn Chalabi sich zum möglichen Angriff in Schweigen hüllt - das Säbelrasseln ist in diesen Tagen so laut, dass sich manches Detail der Kriegsvorbereitungen sogar in den Zeitungen nachlesen lässt. Danach sind Großbritannien und andere Verbündete informiert worden, dass ein Militärschlag in diesem Jahr unvermeidlich sei (The Times); das Pentagon arbeite gerade den Invasionsplan aus (New York Times). Präsident Bush habe den Rohentwurf schon auf dem Tisch liegen, über die militärischen Optionen aber noch nicht entschieden; zugleich hätten die Streitkräfte begonnen, ein Hauptquartier am Persischen Golf einzurichten (The Guardian).
Sollte es tatsächlich zum Krieg kommen, so dürften die vergangenen Tage als Beginn der Propagandaschlacht in Erinnerung bleiben. Unermüdlich wirbt Amerikas Regierungsspitze um Unterstützung: der Präsident, sein Vize, seine Sicherheitsberaterin, sein Verteidigungsminister - alle im medialen Dauereinsatz. Und alle scheinen vom selben Sprechzettel abzulesen: Wer Massenvernichtungswaffen in der Hand von Schurkenregimen toleriere, ermögliche den terroristischen Massenmord von morgen. Das sei die Lehre des 11. September. Amerika behalte sich "alle Optionen" vor, um gegen den Tyrannen Saddam zu handeln - am liebsten mit Verbündeten, notfalls ohne sie.
Wie Gewehrsalven peitschen diese Botschaften übers Land, gerade so, als zielten sie auf eine Masse von Oppositionellen, die überall ihr Haupt erhöben. Doch es gibt niemanden, der Sorge und Bedenken formulierte. Niemand im Senat und niemand im Abgeordnetenhaus. Niemand bei den Republikanern, niemand bei den Demokraten. Sogar Al Gore, der alte Widersacher des Präsidenten, ruft jetzt auf zur "finalen Abrechnung" mit Saddam Hussein. Amerika, zurzeit ein einig Vaterland. Nur einen Politiker von Gewicht hat es gegeben, von dem Widerspruch zu erwarten gewesen wäre.
Wie ein Musterschüler sitzt dieser vergangenen Mittwoch auf dem Zeugenstuhl, die Hände unter dem blanken Tisch gefaltet, die Augen schräg nach oben auf die erhöht sitzenden Abgeordneten gerichtet: Colin Powell. Der Außenminister ist zur Anhörung in den Finanzausschuss des Senats geladen und spielt in den ersten Minuten jene Rolle des Chefdiplomaten, die ihm in der Welt zu Ansehen verholfen hat. Er ist die Stimme der Mäßigung - und deshalb der Liebling der Europäer.
Als jedoch an diesem Morgen das magische Wort "Irak" fällt, ist auf dem Kapitolshügel eine Sensation zu beobachten. Der Außenminister wandelt sich zum Falken. Es wird still im Saal, als Powell das ganze aggressive Vokabular herunterrasselt, das bisher nur von seinen Gegenspielern in der Regierung zu hören war. Ohne jede Distanzierung benutzt Powell das Wort von der "Achse des Bösen", er macht sich das Postulat des "Regimewechsels" in Bagdad zu Eigen und sagt über die Allierten: "Manchmal gibt es Zeiten, in denen wir allein handeln müssen. Wenn wir unser nationales Interesse verfolgen, darf uns die Antiterrorkoalition dabei nicht behindern." Das ist schärfer, als Washingtons Scharfmacher es öffentlich sagen würden. Im Saal des Senatsausschusses heben sich ein paar Augenbrauen, die Reporter schreiben eifrig mit. Sie protokollieren eine Kapitulationserklärung. Ein zehnjähriger Kampf darf als entschieden gelten.
Es ist ein Konflikt zwischen den beiden großen Lagern konservativer Außenpolitik in Amerika. Da sind einmal die republikanischen Traditionalisten, die im Vater von Präsident George W. Bush ihre Ikone sehen. Sie setzen auf die etablierten Bündnisse, die Nato zum Beispiel, und sehen Amerika als Teil der multilateralen Vertragswelt. Sie sind keine Missionare für den amerikanischen Lebensstil, sondern Realpolitiker. Ihre Heimat ist das Außenministerium, und ihr Bannerträger heißt Colin Powell.
Powells Wandlung zum Falken Ihre Konkurrenten sind Amerikas Neokonservative. Ronald Reagan brachte sie einst mit in die Regierung. Bisweilen sind sie Verfechter westlicher Werte, malen die Welt ansonsten aber in dunklen Tönen: überall komplizierte Konflikte und böse Regime, die es in Schach zu halten gilt. Maßstab der Außenpolitik ist für sie das amerikanische Interesse. Und das gebietet, einzige Supermacht zu bleiben, was durch ein rigides Regiment militärischer Abschreckung gegen alles und jeden geschehen soll. Wer Amerika herausfordert, wird mit dem ganzen Arsenal militärischer Machtmittel zurückgeschlagen. Zu dieser "Amerika zuerst"-Gruppe gehören Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, sein Stellvertreter Paul Wolfowitz und Vizepräsident Dick Cheney. Sie kritisieren Colin Powell, seit er 1991 den ersten Irak-Krieg als Chef des Generalstabs führte. Powell sei damals anfangs dagegen gewesen, Saddam mit Gewalt aus Kuwait zu vertreiben; dann habe Powell dem Präsidenten fünf Tage nach dem Angriff der Bodentruppen empfohlen, den Krieg mit der Befreiung Kuwaits zu beenden und darauf zu verzichten, Saddam aus Bagdad zu verjagen.
Für die Neokonservativen war dies der größte Fehler amerikanischer Außenpolitik nach dem Ende des Kalten Krieges. Die Vereinigten Staaten hätten Schwäche gezeigt, als sie den Herausforderer Saddam nicht erledigten. Seit einem Jahrzehnt trachten die Falken danach, diesen Fehler zu korrigieren. In Washington haben sie sich zu einer machtvollen Irak-Lobby vernetzt. Als Saddam 1998 die UN-Waffeninspektoren aus dem Land warf, sahen sie sich bestätigt. Sie setzten Präsident Bill Clinton unter Druck, zum zweiten Mal in den Irak einzumarschieren - ohne Erfolg.
Als mit George Bush junior die Republikaner nach acht Jahren an die Macht zurückkehren, geht der Streit innerhalb der Regierung weiter. Mit Colin Powell ist der alte Kontrahent wieder da. Powells Strategie lautet: Eindämmen statt einzumarschieren. Er setzt auf "intelligente Sanktionen", also auf die strikte Kontrolle von Ölexporten und Finanzströmen und die Erlaubnis zur Einfuhr von Lebensmitteln und Medikamenten. Das Fingerhakeln bleibt monatelang ohne Ergebnis - bis zum Terroranschlag vom 11. September 2001.
Am 14. September tafelt Colin Powell auf Camp David, dem Landsitz des amerikanischen Präsidenten, mit seinen wichtigsten Kontrahenten, Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Dabei ist auch Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice. Dass die Terroristen in Afghanistan gejagt werden müssen, ist schon entschieden. Aber was kommt danach? Sofort ist das ewige Memento der Neokonservativen wieder da: Irak!
Die Zweifel der CIA Colin Powell, so wird er sich später in einem Interview erinnern, hält dagegen. Es gebe keinen Hinweis auf eine Tatbeteiligung Saddam Husseins. Das sei unwichtig, hört Powell, schließlich habe die Regierung bei Amtsantritt versprochen, mehr zu tun, um den Tyrannen zu stürzen. Powell kontert. Wenn Amerika den Irak ohne Tatbeweis ins Visier nehme, werde es keine Antiterrorkoalition geben, also keinen internationalen Informationsaustausch, keine globalen Festnahmen, keine Kontrolle der Finanzströme. Am folgenden Tag, als Präsident Bush sein Kabinett bittet, beim Mittagessen die Diskussionsergebnisse vorzutragen, hat der Außenminister gewonnen. Vorerst.
Die Kriegspartei gibt nicht auf. Donald Rumsfeld beauftragt einen seiner Irak-Lobbyisten, den früheren CIA-Chef James Woolsey, allen Hinweisen auf eine Tatbeteiligung Saddam Husseins nachzugehen. Das Ergebnis fällt wie erwünscht aus: Saddam stecke wahrscheinlich dahinter. Der Irak habe schon die erste Attacke auf das World Trade Center 1993 unterstützt. Und viel spreche dafür, dass Saddam Hussein ein Förderer der Anschläge von 2001 sei.
Doch wieder unterliegt die Kriegspartei. Diesmal kommt Colin Powell eine Macht zur Hilfe, die er als Bündnispartner kaum erwartet hatte: die CIA. Der Geheimdienst überprüft die Verdachtsmomente und findet nur schwache Indizien. Amerikanische Zeitungen haben deshalb eine ablehnende Haltung der CIA zu einem Angriff auf den Irak ausgemacht; durch jahrelange Zusammenarbeit mit irakischen Oppositionsgruppen verfügt der Geheimdienst über eine intime Kenntnis der potenziellen Oppositionskräfte und ihrer Kampffähigkeit. Nachdem 1991 der damalige Präsident George Bush verdeckte Aktionen zum Sturz Saddam Husseins genehmigt hatte, begann die CIA die verstreute Opposition zu organisieren. Der 1992 in Wien gegründete Iraqi National Congress sollte den einzelnen Gruppen eine gemeinsame Plattform bieten. Die CIA beauftragte eine PR-Agentur mit einer Propagandakampagne und half irakischen Regimegegnern, Radiostationen und einen Fernsehsender aufzubauen; die von CIA-Agenten geplanten Umstürze im Irak scheiterten jedoch allesamt.
Wer jahrelang für einen Feldzug wirbt, gibt nicht so schnell auf. Nun, nach den Anschlägen vom 11. September, beginnen in Washington die Falken den Präsidenten zu überzeugen, ein Sturz Saddams wäre auch ohne Beweise die beste Antiterrorpolitik. Dabei stützen sie sich auf die neuen Videofunde aus Afghanistan. Sie zeigen, dass Osama bin Ladens Leute Massenvernichtungswaffen bauen wollten. Was, wenn eine Terrorgruppe, von einem Staat geschützt, biologische und chemische Waffen entwickelt? Was, wenn ein Schurkenregime diese an Terroristen weitergibt oder selbst als Terrorwaffe einsetzt? Diese grauenhafte Vision scheint Präsident Bush schließlich beeindruckt zu haben, sie wird zur Grundlage für die Rede von der "Achse des Bösen". Für Bush mag das reine Präventionspolitik gegen den Terrorismus sein, für die Kriegspartei der Neokonservativen ist endlich das Argument gefunden, das zu ihrem Ziel führt: Amerikas neuer Kampf gegen Saddam.
Dass Colin Powell im Senat mit der Schärfe des frisch bekehrten Konvertiten spricht, bedeutet nur, dass er nichts mehr zu gewinnen hat. Beim Diplomaten Powell zeigt sich seine Herkunft. Er ist Soldat und folgt der Order seines Oberbefehlshabers. Wollte er in einer Frage von Krieg und Frieden weiter opponieren, müsste er als Außenminister zurücktreten. Nun wird sein internationales Renommee gebraucht, die Alliierten zu überzeugen.
Strategiespiele beim Dinner Wie Saddam zu verjagen wäre, das ist im Washington dieser Tage eine beliebte Denkaufgabe für Strategen, zugleich ein schönes Thema für Abendveranstaltungen. Eine davon ist am vergangenen Donnerstag in einer repräsentativen Bürovilla nahe dem Weißen Haus zu belauschen. Geladen ist ein kleiner Kreis, einige Dutzend Personen, die sicherheitspolitische Elite der Stadt. Manches Gesicht ist aus dem Fernsehen bekannt. Die Bürde ihrer Ämter haben die Gäste für ein paar Stunden zum Zwecke der freien Rede abgelegt. Alle sind als Privatpersonen gekommen, weshalb sie nur ohne Nennung des Namens zitiert werden dürfen, so sind die Teilnahmebedingungen.
Die Gesellschaft sitzt um runde Dinnertische gruppiert und hört sich während eines dreigängigen Menüs einen Angriffsplan auf den Irak an. Der Redner, leicht erhöht zwischen Zimmerpalme und amerikanischer Flagge sitzend, ist ein stadtbekannter Falke, einer, der seit Jahren zum Angriff bläst und in diesen Tagen seine große Stunde erlebt. Zur Vorspeise, einem leicht sandigen Blattsalat, wird die Bombenkampagne erläutert. Sie soll wie in Afghanistan laufen. Man kennt das schon: auf dem Boden lokale Oppositionelle, unterstützt von amerikanischen Spezialtruppen, aus der Luft Präzisionswaffen. Alles sei einfacher als vor zehn Jahren. Saddams Armee sei viel kleiner, zudem schlechter ausgerüstet, vom Waffenembargo geschwächt, durch die Diktatur demoralisiert, von der Opposition zermürbt. Dagegen sei Amerika viel stärker als damals. Eine waffentechnische Revolution habe stattgefunden. Auch bewegliche Ziele, Scud-Abschussrampen etwa, könne die Luftwaffe heute erkennen und zerstören. Saddams Armee solle einfach in Bewegungsstarre versetzt werden. Die Opposition befreie dann Provinz um Provinz.
Natürlich könnte dies alles ein privates Strategiespiel sein, wahrscheinlich ist das kaum. Der Redner hat am Vorabend, bei anderer Speisenfolge, mit Verteidigungsstaatssekretär Paul Wolfowitz und Vizepräsident Dick Cheney zum selben Thema diniert.
Als das Kräutersteak gereicht wird, hat sich der Redner bereits dem Problem der biologischen und chemischen Waffen zugewandt. Ob es die schon gebe, jedenfalls in Sprengköpfen, sei unklar. Falls ja, wisse man recht genau, wo sie versteckt seien und wie sie unschädlich zu machen wären. Mehr will der Redner nicht sagen. Es muss ja auch noch Staatsgeheimnisse geben. Schließlich bleibt Zeit für die Diskussion. Aus einer hinteren Ecke kommt eine ziemlich grundlegende Frage: "Was ist eigentlich unsere Rechtfertigung für diesen Krieg? Wenn wir einfach loslegen: Ist das nicht ein Angriffskrieg, ein Kriegsverbrechen?"
Nein, sagt der Redner, Selbstverteidigung sei legal, auch präventive Selbstverteidigung.
Der Frager setzt nach: "Muss Saddam nicht erst UN-Waffeninspektoren die Einreise verwehren, damit wir sagen können, er habe die alte Waffenstillstandsvereinbarung gebrochen?"
Alles schon bedacht: Amerika werde eben die Regeln der Waffeninspektionen so hart machen, dass keine Gefahr bestehe, Hussein könnte ihnen zustimmen. Etwa so: Die Inspektoren, Amerikaner darunter, müssten jederzeit und ohne Ankündigung alles sehen dürfen im Irak, und bewaffnet wären sie auch noch.
An einem anderen Tisch hat sich Ärger aufgestaut, eine Frau erhebt sich: "Was soll die ganze Scharade mit den Inspektoren? Warum Diplomatie, wenn man sowieso nicht will, dass sie Erfolg hat? Warum neben dem Irak auch noch das internationale System zerstören?"
Das ist eine Frage, die der Redner wirklich nicht verstehen kann. Warum sollte die Selbstentblößung des Saddam Hussein das internationale System zerstören? Und außerdem: Bedroht sei Amerika und nicht die internationale Gemeinschaft. Handeln müsse deshalb Amerika.
"Und die Nato?", fragt ein weiterer.
Der Redner: Eine Ära, die über die Nato hinausweise, habe längst begonnen.
So geht dieser Abend mit Lösungen für jedes weltpolitische Problem zu Ende, ohne dass in Betracht gezogen wird, dass Präsident George W. Bush auf die nach dem 11. September geschmiedete weltumspannende Antiterrorkoalition nicht bauen kann, wenn er zum Militärschlag gegen Saddam Hussein ausholt.
Mit imperialem Gestus hatte der Präsident damals, nach den Anschlägen auf World Trade Center und Pentagon, sämtliche Nationen vor die Wahl gestellt: "Entweder ihr steht zu uns, oder ihr steht zu den Terroristen." Alle - Europäer, Russen, Chinesen, Araber - entschieden sich für Amerika; Tony Blair sprach von "der moralischen Kraft einer Welt, die als Gemeinschaft handelt".
Und heute? Das Wort von der "Achse des Bösen" hat nicht in einem Land der Welt Beifall gefunden, nicht eine Regierung ermutigt George W. Bush zum Angriff auf den Irak. Allein Margaret Thatcher meldete sich aus dem politischen Off zurück, unverwüstlich und unverwechselbar: "Wie und wann, nicht ob" Saddam entfernt werden solle, sei "die einzig wichtige Frage".
Aus amerikanischer Sicht sind die Briten der Lichtblick unter lauter europäischen Heulsusen, die vor Abenteuern und Alleingängen warnen, keine "Freifahrtscheine" ausstellen und schon gar nicht "Satelliten" Amerikas sein möchten. Peter Mandelson, geschasster Blair-Minister, aber immer noch ein virtuoser Strippenzieher, hat in der Financial Times, gewiss nicht ohne Rücksprache mit 10 Downing Street, angedeutet, dass die Briten als Erste auf Bush-Kurs einschwenken dürften: "Am Ende, wenn der Krieg notwendig wird, könnte Europa kämpfen müssen." Wenn US-Vizepräsident Dick Cheney Mitte März zu einer Rundreise in zehn Staaten des Mittleren Ostens aufbricht, dann wird London sein einziger Zwischenstopp in Europa sein.
Mit Cheneys geplanter Reiseroute lässt sich eine Vorkriegslandkarte zeichnen. Saudi-Arabien, Jordanien, Kuwait, Türkei: Sie alle grenzen an den Irak. Die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Qatar und Oman: Die konservativen Monarchien am Golf sind die Anker- und Landeplätze für Amerikas Navy und Airforce. Schließlich Ägypten und Israel. Von diesen zehn Ländern kommt es bei einem Krieg gegen Saddam auf vier ganz besonders an.
Saudi-Arabien. Die alte Waffenbrüderschaft mit den USA aus Golfkriegszeiten ist längst dahin. Misstrauen nistet zwischen den beiden Ländern, nicht erst, seit bekannt wurde, dass 15 der 19 Selbstmordattentäter vom 11. September saudische Staatsbürger waren.
Kronprinz Abdullah, der in Riad die Regierungsgeschäfte führt, legte den Amerikanern wiederholt den Abzug ihrer 5000 nach dem Golfkrieg verbliebenen Soldaten nahe. Von der Prinz-Sultan-Airbase südöstlich Riads dürfen schon seit langem keine amerikanischen Jagdbomber mehr zur Überwachung der Flugverbotszonen im Irak aufsteigen. Öl gegen Sicherheit: So lautete jahrzehntelang die Formel eines höchst einträglichen Geschäfts auf Gegenseitigkeit. Heute sind die Amerikaner bei den Saudis nicht mehr willkommen. Ihr Land wird diesmal nicht Aufmarschgebiet gegen Saddam sein, anders als 1990, als sich südlich der irakischen Grenze ein Heer von einer halben Million Soldaten versammelte.
Kuwait. Ein Teil der Streitkräfte könnte sich in dem kleinen Emirat versammeln, das die Truppen Saddams im August 1990 besetzten - auch wenn die Regierung beteuert, sie werde keinen Angriff auf den Irak von kuwaitischem Boden aus dulden. In Kuwait hat das Central Command der amerikanischen Streitkräfte sein regionales Armeehauptquartier aufgeschlagen; das Hauptquartier der Marine wurde im nahen Bahrain errichtet. Diese Woche hat in Kuwait das Manöver Iris Gold begonnen, an dem neben amerikanischen und tschechischen Einheiten auch 250 Bundeswehrsoldaten teilnehmen. Die ABC-Abwehrspezialisten sind mitsamt zwei Dutzend Spürpanzern Fuchs in den Wüstenstaat verlegt worden.
Insgesamt hat der Bundestag für die Operation Enduring Freedom 800 ABC-Abwehrsoldaten bewilligt. Für einen Einsatz im Irak haben diese Truppen kein Mandat. Aber wer möchte den Amerikanern den Rückgriff auf die hochmodernen Fuchs-Panzer verwehren, sollte es tatsächlich zum Krieg gegen den Irak kommen? Deutsche Soldaten könnten dann sehr schnell in Kämpfe verwickelt werden.
Auch wenn Kuwait nicht Sprungbrett für einen Angriff auf Bagdad sein will: Ganz wird es sich den Wünschen des einstigen Befreiers nicht verschließen können. Ohnehin könnten sich auf dem begrenzten Territorium allenfalls die Kräfte für den Angriff von Süden sammeln. Die stärkeren Einheiten dürften von Norden kommen.
Türkei. Der Nato-Partner könnte Amerikas wichtigster Verbündeter im Krieg gegen Saddam werden. Die Regierung in Ankara scheint sich mit einem Waffengang abgefunden zu haben. Unter zwei Bedingungen ist sie bereit, amerikanische Operationen von türkischem Boden aus zu dulden: Im Norden des Irak darf kein unabhängiger kurdischer Staat entstehen, dessen Anziehungskraft auch auf die Kurden in der Türkei ausstrahlen könnte. Das Land müsse für finanzielle Einbußen entschädigt werden, die eine Unterbrechung des Handels (und des höchst einträglichen Schmuggels) mit dem Irak zur Folge hätten.
Israel Gleich drei Militärübungen sind in nächster Zeit zwischen Amerikanern, Türken und Israelis angesetzt. Israel wird sich an Kampfhandlungen gegen den Irak nicht beteiligen; die ganze Region stünde sonst in Flammen. Aber Diplomatie und Geheimdienste in Jerusalem und Washington arbeiten auf das engste zusammen. Wie vor zehn Jahren muss Israel befürchten, Angriffsziel irakischer Raketen zu werden; damals schlugen 41 Scuds ein. Inzwischen wurden die Stadtverwaltungen aufgefordert, Luftschutzräume vorzubereiten und Treibstoffvorräte anzulegen. Im Januar führten Israelis und Amerikaner Manöver durch, bei denen die beiden Raketenabwehrsysteme Patriot und Arrow getestet wurden.
Fast verzweifelt warnt Jordanien, Israels Nachbar, vor einem Feldzug gegen den Irak. Die jordanische Regierung fürchtet, zwischen die Fronten von Intifada und Irak-Feldzug zu geraten. König Abdullah von Jordanien versucht, gemeinsam mit Ägyptens Präsident Mubarak die Amerikaner von einem Schlag gegen Saddam abzubringen. Wohl vergeblich, denn George W. Bush, berichtet die New York Times, wüte im privaten Kreis nicht nur über die "weichen Knie" der "europäischen Eliten", sondern auch über jene verängstigten arabischen Politiker, die nicht den Mumm hätten, sich den Schurkenstaaten entgegenzustellen.
Putin ist besorgt Und die anderen unvermuteten Verbündeten, die Amerika nach dem 11. September gewann?
China warnt vor "schwerwiegenden Konsequenzen". Ein Präventivschlag gegen einen souveränen Staat verstieße gegen alles, was den chinesischen Herrschern heilig ist. Den Stabilitätsfanatikern in Peking graut es vor dem Interventionismus des Westens.
Wladimir Putin, der neue strategische Partner von George Bush, fragt nicht weniger insistierend nach den völkerrechtlichen Voraussetzungen eines militärischen Eingreifens. Die Mitglieder der Antiterrorkoalition hätten sich für den Kampf gegen die Taliban und Al-Qaida eingetragen - "der Irak stand nicht auf der Liste".
Auf dem Weg von Kabul nach Bagdad droht den Vereinigten Staaten die Antiterrorkoalition abhanden zu kommen. Doch darf man Washingtons Diplomatie nicht unterschätzen; sie beginnt gerade erst, die Kräfte einer Anti-Saddam-Allianz zu sammeln. Notfalls wird George Bush jedoch auch allein handeln. "Die Geschichte hat uns eine einmalige Möglichkeit gegeben, die Freiheit zu verteidigen", sagte er Anfang der Woche in Tokyo. "Wir werden sie nutzen."
Selbst wenn die Amerikaner glauben, auf die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft verzichten zu können: Die Menschen im Irak können sie nicht einfach übergehen. "Ohne die Kurden und Schiiten wird im Irak nichts laufen", sagt Faleh Abed Jaber, ein Iraker im englischen Exil. Jaber ist Soziologe und lehrt am Birkbeck College in London. Er forscht seit Jahren über die irakische Opposition und steht mit deren Führern in Kontakt. Das Problem der Amerikaner im Irak sei ihr Mangel an Glaubwürdigkeit. Schon mehrfach unterstützten sie die Opposition, um sie dann wieder fallen zu lassen. Die Kurden haben diese schmerzhafte Erfahrung gemacht, das erste Mal vor fast 30 Jahren. Der Irak befand sich im Konflikt mit dem Iran, zu jener Zeit ein enger Verbündeter der USA. Als die verfeindeten Nachbarn 1974 ihren Grenzstreit beendet hatten, stellten die Amerikaner ihre Unterstützung für die Kurden ein und lieferten sie der Rache des Regimes aus. Mehr als ein halbherziges Bedauern brachte der damalige Außenminister Henry Kissinger nicht über die Lippen.
Danach war Saddam Hussein in den USA lange Zeit wohl gelitten, nach der Islamischen Revolution im Iran 1979 galt er als Gegengewicht zum islamischen Extremismus. Während des achtjährigen irak-iranischen Krieges lieferte die CIA der irakischen Armee Luftaufnahmen, die diese nutzte, um Ziele im Iran zu bombardieren. Auch der Einsatz von Giftgas gegen die Kurden 1988 änderte nichts an der amerikanischen Haltung. Noch im April 1990 besuchte eine hochrangige amerikanische Delegation Saddam Hussein und überbrachte ihm freundliche Grüße von Präsident George Bush. Doch nur wenige Monate später kam der Bruch. Nach acht Jahren Krieg war der Irak finanziell ausgeblutet. Am 2. August 1990 marschierte die irakische Armee in das Ölreich Kuwait ein. Die USA befürchteten, Saddam könnte seine Truppen weiter bis nach Saudi-Arabien schicken und sich somit einen Großteil der Ölreserven im Nahen Osten unter den Nagel reißen. Schon im Januar 1980 hatte der damalige Präsident Jimmy Carter Amerikas geopolitisches Engagement in der Golfregion auf die Formel gebracht: "Jeder Versuch einer fremden Macht, Kontrolle über die Golfregion zu erringen, wird als ein Anschlag auf die Lebensinteressen der Vereinigten Staaten verstanden und mit allen Mitteln, militärische inklusive, abgewiesen." Folgerichtig verlangten die USA jetzt Saddams bedingungslosen Rückzug aus Kuwait. Als sich der Diktator weigerte, verhängte die Uno strenge Sanktionen gegen den Irak, die bis heute in Kraft sind. Als auch das nichts half, griffen die USA, mit symbolischer Unterstützung aus Europa und der arabischen Welt, den Irak an. Nach zwei Monaten Bombardement aus der Luft zog sich die irakische Armee aus Kuwait zurück - Saddam jedoch blieb an der Macht. "Dass sie nach den irakisch-iranischen Grenzstreitigkeiten 1974 von den USA allein gelassen wurden, verfolgt die Kurden bis heute", sagt Jaber. Deswegen wollen sie die Autonomie, die sie sich nach dem Golfkrieg 1991 erkämpft haben, auf keinen Fall wieder aufgeben. Dennoch seien sie im Poker um die Zukunft des Irak das "schwächste Glied", denn die Kurden sind auf das Wohlwollen ihrer Nachbarn angewiesen: Im Norden grenzt das kurdische Gebiet an die Türkei, im Osten an den Iran, im Westen an Syrien - und im Süden wartet Saddam Hussein. Für die USA sind die Kurden so wichtig, weil sie als einzige Opposition im Land selbst sitzen. Als Aufmarschgebiet der amerikanischen Armee wäre der Nordirak unentbehrlich. "Wenn die Amerikaner die Kurden gewinnen wollen, müssen sie ihnen eindeutige Garantien geben, sie diesmal nicht zu verraten", so Jaber.
Die Schiiten im Süden des Landes, wo Saddam Husseins Regime besonders verhasst ist, haben ähnliche Erfahrungen wie die Kurden gemacht. Auch sie zettelten nach dem Golfkrieg 1991 einen Aufstand gegen das Regime an, zunächst mit ausdrücklicher Unterstützung der Amerikaner. Doch dann überwog in Washington die Angst vor dem iranischen Einfluss und einer islamischen Revolution im Irak.
Sollten sich die Amerikaner zu einer militärischen Invasion des Irak entscheiden, wären sie auf die Hilfe der Schiiten angewiesen. Diese scheinen dazu auch bereit, trotz der Erfahrungen von 1991. "Die Leute würden mit dem Teufel paktieren, um Saddam Hussein zu stürzen", sagt Ghanim Jawad, ein schiitischer Oppositioneller in London.
Beschützt von Elitetruppen Wie fest sitzt Saddam Hussein im Sattel? Ohne die Hilfe von außen wird es kaum jemandem gelingen, den Diktator zu stürzen, zu ausgefeilt ist das Sicherheitssystem, das er im Laufe der Jahre um sich herum aufgebaut hat. Der wichtigste Pfeiler seiner Herrschaft ist sein eigener Clan der Albu Nasr. Dessen Mitglieder besetzen die höchsten Posten in den militärischen Eliteeinheiten, die den Präsidenten schützen sollen. Den engsten Kreis der Macht bildet die Präsidentengarde, die 5000 bis 7000 Mann umfasst. Sie ist für den unmittelbaren Schutz Saddam Husseins zuständig und bewacht seine zahlreichen Paläste. Die Präsidentengarde gilt als absolut regimetreu, 70 bis 80 Prozent der Männer gehören zum Clan der Albu Nasr. Die zweite, nicht minder wichtige Eliteeinheit ist die "Spezielle Sicherheit", die 1500 bis 2000 Offiziere zählt. Sie überwachen die gesamten Sicherheitstruppen sowie das Militär; von ihnen wird erwartet, dass sie einen Staatsstreich bereits im Keim ersticken. Zuletzt ist ihnen dies vor einigen Monaten gelungen, als sie einen Putschversuch aus den Republikanischen Garden aufdeckten und die Verantwortlichen exekutieren ließen.
Die Speziellen Republikanischen Garden (SRG) schließlich, bestehend aus 20 000 bis 25 000 Soldaten, sind die einzige schwer bewaffnete militärische Einheit, die in Bagdad stationiert ist; weder Armee noch Republikanische Garden haben ansonsten Zugang zur Haupstadt. Die SRG verfügt über 100 Panzer, Panzerabwehrrakten sowie Helikopter und schwere Artillerie. Sollten Teile der Armee den Vormarsch auf Bagdad wagen, bekämen sie es mit dieser Eliteeinheit zu tun. Darüber hinaus sind die SRG für die Niederschlagung von Massenaufständen zuständig. Wenn beispielsweise in Saddam City, einem Stadtteil Bagdads mit zwei Millionen schiitischen Einwohnern, Unruhen ausbrechen sollten, hat die Elitegarde die Order, das gesamte Gebiet abzusperren und ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu bombardieren. Weil dieser Befehl allgemein bekannt sei, erklärt der israelische Irak-Experte Amatzia Baram, sei nach dem Ende des Golfkriegs in Bagdad auch alles ruhig geblieben - im Gegensatz zum Südirak, wo die Schiiten einen Aufstand vom Zaun brachen.
Saddams Eliteeinheiten werden mit dem modernsten militärischen Gerät ausgerüstet, bekommen die beste Verpflegung und den höchsten Sold. Die Republikanischen Garden dagegen und mehr noch die reguläre Armee sind dagegen vergleichsweise schlecht bestückt. Besonders die Armee hat seit dem Ende des Kriegs gegen den Iran 1988 kontinuierlich an Bedeutung verloren. Nicht zuletzt deswegen ist die Unzufriedenheit in ihren Reihen besonders hoch. Dass ein von der Armee angezettelter Putsch Erfolg haben könnte, hält Amatzia Baram jedoch für unwahrscheinlich: "Die Speziellen Republikanischen Garden würden schnell mit der Armee fertig werden."
Aber auch die irakischen Elitetruppen sind nach zehn Jahren Embargo militärisch keinesfalls auf dem neuesten Stand. Gegen die amerikanischen Streitkräfte wären sie chancenlos. Die Armee, so Baram, würde sich ihrerseits gar nicht erst an den Kämpfen beteiligen, Moral und Motivation seien viel zu niedrig. Die Republikanischen Garden würden vielleicht "etwas kämpfen, aber sie würden nicht ihr Leben für Saddam Hussein opfern".
Sollte niemand von außen intervenieren, kann sich Saddam Hussein also seines Lebens sicher sein, kaum jemand wird an ihn herankommen. Dennoch ist seine Macht in den vergangenen zehn Jahren merklich geschrumpft. Durch den Golfkrieg und das anschließende Embargo hat er die Kontrolle über weite Teile der Gesellschaft verloren. Ein Beispiel ist die Baath-Partei. Als sie 1968 an die Macht kam, hatte sie gerade 400 Mitglieder. Zehn Jahre später, als Saddam Hussein das Präsidentenamt von seinem Onkel übernahm, war sie bereits zu einer Massenorganisation mit 1,8 Millionen Mitgliedern angewachsen.
Die Baath-Partei diente als Organ der Propaganda und der Kontrolle. Seit dem Golfkrieg aber ist das Regime nur noch mit dem Erhalt seiner Macht beschäftigt; Einfluss auf das Denken der Menschen nimmt die Baath-Partei kaum noch. Beim ersten Parteikongress nach dem Golfkrieg 1991 verzeichnete sie einen Mitgliedsschwund von 60 Prozent, vier Jahre später waren noch einmal 40 Prozent der Mitglieder abgesprungen.
Ein weiteres Instrument der Kontrolle im Irak sind die Geheimdienste. Ihre Überwachung war einst flächendeckend. Doch auch hier hat sich durch den Golfkrieg einiges verändert. Geheimdienstgebäude wie etwa die Zentrale in Bagdad wurden während des amerikanischen Bombardements schwer getroffen. Dabei wurde, neben den personellen Opfern, wichtiges Archivmaterial zerstört. Den Verlust konnten die Geheimdienste nicht wieder wettmachen. "Da ist ein ganzes Kommunikationsnetz zerstört worden", sagt Faleh Abed Jaber, der irakische Soziologe an der University of London. Mittlerweile konzentrieren sich die Geheimdienste darauf, die Armee und die Sicherheitsdienste zu überwachen.
Selbst wenn der Unterdrückungsapparat des Regimes also nicht mehr so funktioniert wie früher, hat Saddam Hussein von seiner eigenen Bevölkerung, mit Ausnahme des Südens, kaum etwas zu befürchten. An Rebellion denkt niemand, im Irak kämpfen die Menschen ums nackte Überleben. Die Sanktionen, die seit über elf Jahren in Kraft sind, haben den Irak von einem Schwellenland auf das Niveau eines Dritte-Welt-Staates zurückgeworfen. Als Symptom wachsenden Wohlstands verzeichneten Ärzte vor dem Embargo eine vermehrte Dickleibigkeit bei Kindern. Heute hat der Irak eine höhere Säuglingssterblichkeit als der Sudan, 30 Prozent der Kinder sind unterernährt.
Die Sanktionen sind dafür nicht der alleinige Grund. Während des Golfkriegs bombardierte die amerikanische Luftwaffe gezielt Kläranlagen, Elektrizitäts- und Wasserwerke; die Schäden sind bis heute nur notdürftig behoben worden, weil das Sanktionsregime die dazu notwendigen Investitionen erschwert. Iraks Kinder sterben hauptsächlich an Infektionskrankheiten wie Diphterie und Durchfall. Nach Angaben von Unicef sind es jeden Monat 5000 Kinder unter fünf Jahren.
Saddam Hussein weiß das Embargo zu seinem Vorteil zu nutzen: Er macht die Amerikaner für das Elend im Irak verantwortlich und gewinnt auf diese Weise Sympathien in der arabischen Welt, bis heute. Darüber hinaus setzt er die Abhängigkeit der Bevölkerung von den Lebensmittelrationen als Waffe gegen seine Feinde ein. "Dieses Regime beruht auf dem Prinzip der Rache", sagt Soziologe Jaber. "Wer sich gegen Saddam Hussein auflehnt, wird bestraft."
Hass auf bin Laden auch im Irak Obwohl die gezielte Zerstörung der wirtschaftlichen Infrastruktur eines Landes das Völkerrecht verletzt und der Genfer Konvention widerspricht, halten sich die Rachegelüste der irakischen Bevölkerung gegenüber den Amerikanern in Grenzen. Yasmin Hussein von der University of Exeter ist im Oktober 2001 in den Irak gefahren, um den Wirkungen der Sanktionen nachzugehen. Der 11. September sei dort genauso wichtigstes Gesprächsthema gewesen wie im Rest der Welt, berichtet sie. Unerwartet allein der Tenor aller Diskussionen. "Osama bin Laden war damals der wohl meistgehasste Mann im Irak", sagt sie, "die Menschen wussten genau, dass die Anschläge auf sie zurückfallen würden, sie wussten, dass die Amerikaner den Irak mit verantwortlich machen würden." An den Bildern der einstürzenden Türme habe sich niemand ergötzt. "Meine Verwandten haben zu mir gesagt: ,Hast du gesehen, wie die Menschen aus dem 50. Stockwerk in den Tod gesprungen sind? Das ist nicht das, was wir wollen.' Natürlich hassen die Leute Amerika. Aber sie vertrauen darauf, dass Gott ihr Leid später vergelten wird."
Die Amerikaner allerdings fühlen sich im Recht. Laut UN-Resolution 687 ist der Irak nämlich dazu verpflichtet, seine Massenvernichtungswaffen vollständig zu zerstören. Unter Aufsicht der United Nations Special Commission (Unscom) ist das bis 1998 auch weitgehend gelungen. Allerdings beugte sich Saddam Hussein nur widerwillig dem UN-Mandat. Jean-Pascale Zanders vom Friedensforschungsinstitut Sipri in Stockholm kritisiert das Katz-und-Maus-Spiel, das die Iraker mit Unscom betrieben. "Der Irak hat immer nur dann Informationen geliefert, wenn er nicht anders konnte, keine Frage."
Im Dezember 1998 beendete der Irak die Zusammenarbeit mit Unscom ganz, weil einige der Inspektoren für den amerikanischen Geheimdienst gearbeitet hatten. Bis dahin war das irakische Atomwaffenprogramm weitgehend neutralisiert worden; nach Einschätzung von Experten liegt es bis heute weiterhin brach. Offene Fragen gab es aber bei den Chemie- und vor allem Biowaffen. Weil es seit dem Abzug der Unscom keine Inspektionen mehr gegeben hat, ist unklar, über welche Kapazitäten der Irak gegenwärtig verfügt. Der stellvertretende irakische Ministerpräsident Tarik Aziz beteuerte kürzlich, sein Land habe keine Massenvernichtungswaffen mehr. Doch Skepsis ist angebracht. "Der Irak hat in den vergangenen 20 Jahren keinerlei Anstalten gemacht, auf dem Gebiet der Massenvernichtungswaffen mit internationalen Organisationen zu kooperieren", sagt Zanders. "Deswegen liegt es nahe, ihm schlechte Absichten zu unterstellen.
Außerdem hat Saddam Hussein gezeigt, dass er bereit ist, diese Waffen einzusetzen." Andererseits hält es Zanders für unwahrscheinlich, dass der Irak chemische oder biologische Waffen an Terroristen weitergeben würde. "Kein Staat überlässt solche Waffen gerne Terroristen. Die könnten sie irgendwann gegen ihn selbst richten."
Und wer kommt nach Saddam Hussein, sollte dieser wirklich gestürzt werden? Dass nach Jahrzehnten der Diktatur über Nacht die Demokratie ausbricht, kann sich niemand vorstellen. Wahrscheinlich wäre es dem Land auch nicht zu wünschen. Zu viele Rechnungen sind noch offen, die Opfer des Regimes könnten die Gelegenheit nutzen, um sich an den Tätern zu rächen. "Die Angst vor einem Chaos ist groß", sagt der irakische Soziologe Faleh Abed Jaber. "Ich denke, die Amerikaner werden nach einem Mann aus dem Militär suchen, der zunächst das Ruder übernimmt."
Wer das sein könnte? Im Gespräch soll Nizar Khazraji sein, ein ehemaliger Armeechef, der im November 1990 von Saddam Hussein aus der Armee entlassen wurde, Khazraji hatte den Einmarsch nach Kuwait kritisiert. Heute lebt er im Exil in Dänemark. Doch wie viele ehemalige irakische Offiziere hat Khazraji ein Problem: Er steht selbst im Verdacht, Menschenrechte im Nordirak verletzt zu haben. Keine besonders gute Referenz für einen besseren Irak nach dem Sturz von Saddam.
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