Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Ende der Fahnenstange

Bekenntnis eines friedlichen Querdenkers, Von Jens Bertrams

Samstag, 15. September 2001

Noch selten wurde in meiner Umgebung so viel Diskutiert, wie in den letzten vier Tagen. Selten lagen Trauer und Bestürzung, aber auch Wut und Angst so dicht beieinander. Niemals aber verschoben sich auch gewohnte, lieb gewonnene und festgefügte Meinungen in so überraschend kurzer Zeit. Die Welt hat sich verändert, das steht nun fest, obwohl ich mich noch vor zwei Tagen darüber aufgeregt habe, daß alle immer gleich das Schlagwort von einer Welt vor diesem Tag und einer Welt nach diesem Tag im Mund führen. Auch für mich in meinen politischen Ansichten hat sich einiges geändert. Die Bezugssysteme verschieben sich, die "Großmacht" USA rückt in den Mittelpunkt, die trauernde Nation gerät aus dem Blickfeld. Noch gestern habe ich, schon leise geworden im Gegensatz zum ersten Tag, die Vereinigten Staaten als die angegriffene Nation bis zu einem gewissen Punkt in Schutz genommen. Aber mit beängstigender Geschwindigkeit, etwa in demselben Maße, wie das Tollhaus europäisch-amerikanischer Politik den großen Vergeltungsschlag anstrebt, zerfallen auch bei mir die Weltbilder, und das Grundsatzgefühl der Verantwortung bricht sich bahn. Ich habe mich dagegen verwahrt, die USA mit alten, sozialistischen und linksrhetorischen Schlagworten zu belegen, habe die pauschale These abgelehnt, daß unser großer Bruder durch seinen Kapitalismus die Ursache für den Terrorismus trage, und daß sich über Terrorismus des Westens in anderen Nationen keiner aufrege.

Die politische Vernunft, die Verantwortung des Einzelnen und nicht zuletzt mein Bekenntnis zu einer kooperativen Weltordnung zwingen mich jetzt, noch ehe überhaupt Zeit war, das Verbrechen als solches innerlich zu verarbeiten, etwas zu sagen, was unpopulär ist derzeit, was unbequem ist und mißverständlich: Das Ende der Fahnenstange ist erreicht. Wenn die US-Regierung den Boden der durch die vereinten Nationen begründeten Weltordnung bewußt und geplant verläßt, dann kann ich das nicht mehr gutheißen, trotz der Dankbarkeit, die auch ich für unsere Befreiung vom Nationalsozialismus, für die Care-pakete und die Luftbrücke empfinde. Hier ist der Punkt, an dem ich meinen ganz persönlichen Bündnisfall nicht ausrufen werde.

Das Wort von der "Beendigung" der sogenannten "Schurkenstaaten" ist es, das mich stört, ängstigt, ärgert und bedrückt. Eine militärische "Ausrottung" der Infrastruktur jener Staaten, die den Terrorismus unterstützen, ist außerhalb jeder völkerrechtlichen Ordnung und ist maßlos und unverhältnismäßig. Dieser Feldzug wird zunehmend durch Rache beherrscht, und auch die Medien sind an dieser Entwicklung schuld.

Natürlich gäbe es, wie schon mehrfach erwähnt, genügend Gründe, Afghanistan mit legalen Mitteln der Vereinten Nationen zuleibe zu rücken. Dies scheiterte an politischen Widerständen und beschränkt sich bislang auf das schon lange fehlgeschlagene und einfallslose Mittel westlicher Diplomatie, die Wirtschaftssanktion, die sowieso nur die Armen des Landes trifft, während die Reichen aus Pakistan und anderen Staaten heraus unterstützt werden. Zur politischen Einforderung der Menschenrechte gegenüber Frauen und anderen Religionen war der Westen nicht in der Lage. Aber wegen dieser Attentate, weil sie die Weltmacht ins Mark trafen, soll nun die Weltordnung der Staaten und der gemeinsamen Handlungen außer Anwendung gesetzt und durch das Hegemonialgelüst einer Regierung ersetzt werden, die sich nur durch Krieg ihre Stärke und Güte beweisen und ihr Selbstvertrauen stärken kann und will. Das instrumentarium der kalten Krieger ist wieder ausgepackt, der Strategen, die auch gern mal wirklich kämpfen wollen, um ihre Position zu sichern, auch wenn dabei unschuldige Menschen getötet werden, Staaten liquidiert werden. Daß diese "Beendigung" der "Schurkenstaaten" keine Erfindung dieser Tage ist, sondern schon im August von einem Staatssekretär des Verteidigungsministeriums erwähnt wurde, macht die Sache nur noch schlimmer. Die Bush-Administration plant also den Umsturz der heutigen Weltordnung von langer Hand? Ist es denn wahr, daß es einzig und allein um unser aller Vormachtstellung und um Geld geht?

Natürlich ist das eine rhetorische Frage. Wer - wie ich - sich schon lange mit Politik befaßt, der weiß auch, daß die USA vor allem bei wirtschaftlich nutzbringenden Unternehmungen aktiv wurden, sei es in Kuwait oder im Kosovo. Aber von der "Beendigung" von Staaten war bislang noch nicht die Rede. Die neue Qualität US-Amerikanischer Arroganz geht gegen mein Gefühl, gegen das Gebot der Vernunft und der Besonnenheit, und sie ist eine Beleidigung für alle, die sich seit Jahren und Jahrzehnten dem Ziel einer gerechteren Welt verschrieben haben. Allerdings werde ich auch morgen noch Herrn Bin Laden und die afghanischen Taliban genauso hart ablehnen.

Es gibt heute genug Leute, die zur Besonnenheit mahnen. Selbst das berliner Kabinett, anfangs ein bloßer Vorsprecher und Nachplapperer, übt sich in mahnenden Appellen. Doch in der jetzigen Lage, die so aufgeheizt ist mit Haß und Gewalt, wird ja fast jede Mahnung schon als Bündnisverrat verstanden. Das enttäuscht. Das grauenhafte dieses Attentats hätte auch zu mehr Bewußtheit, zu mehr Sensibilität führen können. Aber das hätten wir alle von vorneherein wissen können, daß diese oder ähnliche Hoffnungen auf Sand gebaut waren. In Zeiten des machtvollen Schreckens und der medialen Aufpeitschung gerät man in Wut, aber nicht in Nachdenklichkeit.

Bei dem Geschrei vergißt man die Opfer. Die einen unter den Trümmern in New York und Washington ,zusammen mit den unermüdlichen Helfern, die mit allen Mitteln zu retten versuchen, was zu retten ist, auch wenn sie dafür ihr Leben lassen müssen, und die anderen, die Muslime, die überall auf der Welt angegriffen werden, weil man sie für das Verbrechen in maßloser Verblendung verantwortlich macht. Die Gründlichkeit und der Zorn der ewig Gerechten fordert ja einen Sündenbock. Unsere Solidarität, die wir unseren amerikanischen Freunden so bereitwillig gewähren, verdienen diese Opfer nicht minder, opfer unseres Hasses, den wir programmgemäß ausstreuen, wie die Terroristen es von uns wollen, um Vorwände für weitere anschläge zu haben. Solange wir diesen Automatismus nicht einsehen und beenden, solange wir uns nicht als die Klügeren und Besonneneren erweisen, so lange werden wir auch mit dem extremistischen Terror leben müssen.

Auch morgen noch werde ich sozialistische Lösungen ebenso ablehnen wie die Gewalt der Terrorbanden. Auch morgen noch werde ich froh sein, in einer westlichen Zivilisation zu leben, und ich werde die Dankbarkeit für die Leistungen unserer westlichen Nachbarn und der USA nicht vergessen. Aber gegen Wirtschaftsarroganz und politische Gewalt werde ich mich ebenso aussprechen und engagieren. Nicht so sehr aus einer grundsätzlichen Ablehnung des Militärischen, so naiv bin ich nicht. Aber nur mit dem Völkerrecht ist eine militärische Option als letztes Mittel überhaupt denkbar. Und solange die USA diese Weltordnung durch eine aggressive Politik ablehnen oder zerstören wollen, solange bekenne ich, daß ich keine Solidarität für ihre Regierung übrig habe.

© 2001, Jens Bertrams


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