"Wenn die USa mit ihrem Vergeltungsschlag vor hat, unsere Weltordnung zu zerstören, kann ich keine Solidarität mit der US-Regierung mehr haben." Diesen Satz finde ich fast mutig, ich frage mich hier an dieser Stelle besorgt: "wie lange kann man so eine kritische äußerung noch sagen, ohne schief angeguckt zu werden oder sogar in Gefahr zu geraten?
Die Menschen in den USA, aber auch viele Menschen in der ganzen Welt, sind bestürtzt, traurig und wütend über dass, was am Dienstag geschehen ist. Die Wut zeichnet sich jetzt nur leider schon dadurch aus, das "Die Moslems" für den Terrorismus verantwortlich gemacht werden. Sie alle, ob schuldig oder nicht schuldig, müssen sich dafür Verantworten und die Konsequenzen ertragen. Nicht nur in den USA, sondern auch bei uns in der Bundesrepublik werden die Moslems schief angeguckt, in wie weit es hier Gewalttaten gegen sie in den letzten Tagen gegeben hat, ist mir nicht bekannt. Die Tatsache, die mich so erschreckt, ist, dass die Ausländerfeindlichkeit wieder stärker zunimmt. Einige, u.A. unser Bundespräsident, mahnen dazu, in dieser Situation den Verstand zu bewahren und zu differenzieren zwischen den Terroristen, und denen, die hier friedlich leben und ihren Glauben vertreten, ohne den Versuch zu machen, andere zu bekehren. Diese Differenzierung ist in allen Ländern, aber besonders in Deutschland, ganz schwierig. Man sieht es auch in Bereichen, die nichts mit Gewalt zu tun haben, Beispielsweise sind "Die Ausländer" für einige Menschen dafür verantwortlich, dass die Arbeitslosigkeit so hoch ist, da sie uns alle Arbeitsplätze wegnehmen. Das wir wiederum die Ausländer brauchen, um Arbeitsplätze zu schaffen, will keiner dieser Personen hören. Unsere Bundesregierung und viele von uns sind bemüht, nach allem, was während des Nationalsozialismus passiert ist, den Ausländern in unserem Land das Gefühl zu geben, dass sie hier willkommen sind, Schutz finden, und dass wir sie zu unserer Bereicherung an Wissen und Kultur auch brauchen. Damit haben wir uns mühsam ein zartes Fundament aufgebaut.
Nun wissen wir ja noch nicht, was die Amerikaner genau vor haben, in wiefern sie uns in den Vergeltungsschlag involvieren wollen. Aber immer Mehr Menschen, auch ich, befürchten, dass die ganze Situation eskaliert. Da unsere Politiker den Amerikanern unsere volle Solidarität versichert haben, können wir nicht mehr umhin, den Amerikanern zu folgen, und sie in jedem Falle zu unterstützen, egal, was sie jetzt unternehmen. Da aber jetzt schon das Vorurteil gegen "Die Moslems" umhergeht, befürchte ich, dass hier im Inland die Gewaltbereitschaft gegen jeden, der dem islamischen Glauben angehört, wieder zunimmt. Damit würde unser Fundament, dass wir uns mühsam aufgebaut haben, mit dem wir auch international wieder Anerkennung gewonnen haben, wieder in sich zusammenstürzen. Wir sind dann nicht besser als andere Staaten, die für eine grausame Situation wie diese immer einen Schuldigen suchen, ohne zu differenzieren. Somit stecken wir dann, wenn es eskaliert, mitten in dem Strudel der Gewalt, aus dem wir nicht entkommen können, wir sind gezwungen, mit dem Strom zu schwimmen. Das traurige daran ist, dass wir keinen Vortschritt, sondern einen gesellschaftlichen Rückschritt erleiden, wir fallen wieder in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurück. Dabei sollten wir Deutschen mit unserer Geschichte, die sich schließlich nicht verleugnen lässt, gerade Vorreiter sein, gegenüber der Akzeptanz und zusammenarbeit mit Ausländern, egal, welcher Religion sie nun angehören. Nur leider hat sich in der Vergangenheit immerwieder gezeigt, wie schwierig es ist, in einer Kriegssituation, die wir eventuell leider bald haben werden, zwischen den Schuldigen und unschuldigen zu unterscheiden. Ich fürchte, dass, wenn es soweit kommt, die islamischen Mitbürger unseres Landes um ihr Leben fürchten müssen.
Präsident George W. Bush sagte in etwa: "Wir werden keinen Unterschied machen zwischen den Tätern, und denen, die ihnen Schutz gewähren!" Was meint er genau mit diesem Satz? Ist damit auch gemeint, dass auch die zur Rechenschaft gezogen werden, die Unschuldigen Menschen Schutz gewähren, oder die sich kritisch äußern, gegenüber den nach Rache strebenden USA? Wenn das so ist, und wenn wir in der Bundesrepublik vollständig mit hineingezogen werden, sind wir alle in Gefahr, sobald wir eine Kritische Bemerkung gegenüber den USa machen, oder einen Bekannten bei uns aufnehmen, der in Gefahr ist, nur, weil er vielleicht Türke ist, und an dem islamischen Glauben festhält. Im Krieg gibt es imme zwei Parteien. Nach der Logik des Krieges ist man oft ein Gegner, wenn man kein Mitglied der eigenen Partei ist. Somit gibt es für uns im schlimmsten Fall nur zwei Möglichkeiten. Es ist einfach furchtbar sich vorzustellen, man müsste sich auf einmal, nur um Solidarität mit Amerika zu bewahren, gegen seine ausländischen Freunde, die man schon länger kennt, entscheiden. Die Menschen, die man vorher, so wie sie waren, lieb gewonnen hatte, werden plötzlich zu Feinden, weil man sie nicht mehr als einzelne Menschen, sondern nur als Gruppe betrachtet. Das jeder ein Individuum ist und im Bezug auf Gewalt und Terrorismus ganz anders denkt als andere, spielt keine Rolle mehr. Die Hauptsache ist, man übt Rache und besiegt den Feind. Was mit den Menschen, die daran keine Schuld haben, letzten Endes passiert, interessiert in dieser Situation keinen mehr. Das ist das traurige, und die Gefahr, die ich sehe. Somit kommen wir auch nach der Eskalation nicht enger zusammen, sondern entfernen uns wieder voneinander, und neuer Hass wird aufgebaut, der irgendwann wieder explodiert. Wenn wir dann noch irgendwann Atombomben einsetzen, zerstören wir uns letzten endes selbst.
Hier möchte ich noch etwas ansprechen, dass dabei speziell die Bundesrepublik betrifft. Es ist ja gut und zeigt Stärke und Einigkeit, wenn jetzt alle Parteien hinter den USa stehen. Erschreckend währe hier jedoch, wenn bei der möglichen Eskalation rechte Parteien, wie die NPD, uns bei dem "Krieg gegen unseren Feind" unterstützen würden, wenn damit die rechten Parteien in unsere Gesellschaft integriert, statt ausgeschlossen werden. Mit all der Gewalt gegen die Moslems könnten die rechten Parteien wieder mehr Stimmen erhalten, und dies gilt es zu verhindern.
Somit ist klar, die Entscheidung, die wir jetzt treffen, hat nicht nur auswirkungen nach außen, sondern auch Außwirkungen auf unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben in der Bundesrepublik und auf der ganzen Welt. Deshalb sollten wir alle mit Ruhe und Sorgfallt überlegen, wie wir jetzt vorgehen, ohne die Gewaltbereitschaft zu erhöhen. Gerade die Bundesrepublik sollte sich anhand ihrer schwerwiegenden Geschichte genau überlegen, wie weit sie die Solidarität mit Amerika tragen kann. Ich würde mir wünschen, dass wir hier zu einer Kooperation finden, die eine Eskalation verhindert, mit der wir Frieden schaffen können, den wir auch langfristig bewahren können. Wenn wir es schaffen, diese Kooperation in Gang zu bringen und gleichzeitig unsere Solidarität gegenüber Amerika nicht einzuschränken, dann sind wir stark. Dann haben wir Anerkennung verdient, und gezeigt, dass wir, auch in so einer Krise engagiert sind, den Frieden zu erreichen.
© 2001, Anja Nitschke