Freitagsgebete im Zeichen der Terror-Anschläge
Im Islam gilt der Schutz menschlichen Lebens
Auf dem Moscheegelände in Köln wehen die Fahnen auf Halbmast; Offensiv wollen die gläubigen Muslime in Köln ihren Standpunkt in der Gemeinschaft der Religionen vertreten. Nach außen, als Angebot für ihre Nachbarn in dieser Stadt. Die Plakate für den alljährlich stattfindenden "Tag der offenen Moschee" sind bereits gedruckt. Mit handlichen Broschüren soll der Leser über die rituellen Eigenheiten des Islam informiert werden. Die größte Kölner Moschee in der Venloer Straße öffnet vom 1.-5. Oktober ihre Räume für die Besucher. Die Türken wollen sich nicht in die Kaffeehäuser, Clubs oder Moscheen zurückziehen, sondern sich den ersten Anzeichen einer möglichen neuen Diskriminierungswelle stellen. Sie wollen aufklären, sagt der Sprecher der Türkisch-Islamischen Union. Gerade jetzt, in einer Zeit nach dem Anschlag religiöser Fanatiker auf die Vereinigten Staaten von Amerika.
Für den Frieden beten
Aber auch die gläubigen Muslime brauchen Zuspruch und Aufklärung nach dem Massenmord durch Glaubensbrüder in New York und Washington. Viele Muslime suchten beim Freitagsgebet (14.09.2001) in der Kölner Moschee theologischen Beistand . Der Freitag ist ein gesegneter Tag für die islamische Gemeinschaft. In Köln wie in allen Moscheen des Landes gab es nur ein Thema: Den Terroranschlag und die sich abzeichnende veränderte Situation der islamischen Bevölkerung in Deutschland. Mehmet Soyhun; Rechte: wdr In einer sehr engagiert vorgetragenen Predigt (hutbe) verurteilte der Gelehrte (Hoodschah) den Massenmord an den Bewohnern New Yorks. Das Recht auf Leben gelte für Individuen wie für die Menschheit, deshalb sei der Schutz des Lebens auch im Koran (Sure 5, Vers 32) eines der wichtigsten Forderungen an die Gläubigen. Diesen Kernsatz übersetzt Memet Soyhun, der die Besucher auf dem Gelände der Moschee betreut.
"Wir verurteilen den Terror"
Die Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB) in Köln ging bereits am Mittwoch mit einer Presseerklärung an die Öffentlichkeit. Sie enthält auch weitere Gedanken der Predigt: "Wir teilen die Trauer der amerikanischen Bevölkerung und teilen unsere besondere Anteilnahme mit und wünschen allen Hinterbliebenen Geduld und Ausdauer. Wie wir es immer zu verdeutlichen versucht haben, ist der Terror ein großes Unglück und eine Grausamkeit. Es ist das Unglück des Jahrhunderts und ein Vergehen gegen die Menschheit. Aus diesem Grund gibt es den Zwang, dass die ganze Menschheit gegen die Terrorgrausamkeiten zusammen handelt. Möge Gott die ganze Menschheit vor dem Unglück des Terrors und vor allen Gefahren beschützen. Wir sollten in diesen Tagen, an denen wir viel mehr darauf angewiesen sind, für das Wohl und den Frieden der Menschheit beten. Wir hoffen, dass die demnächst anfangenden muslimischen heiligen drei Monate und die heilige Nacht der Wünsche Regaib Kandili' zum Wohl und den Frieden der Menschheit beiträgt und bitten Gott, dass die Menschheit von dem Unglück des Terrors befreit wird."
Viele junge Männer in der Moschee
Freitagsgebet in der Kölner Moschee Venloer Straße; Rechte: wdr Im zentralen Gebetsraum waren um 14 Uhr etwa 800 Männer zusammengekommen. Viele von ihnen noch jung; sie fanden differenzierte Antworten auf die Frage, ob es in diesen Tagen Erfahrungen mit neuerlichen, verstärkten fremdenfeindlichen Begegnungen in Köln gegeben hat? "Gotte sei Dank nicht", sagten die Befragten und verließen nach dem Gebet das Gelände in der Vernloer Straße. Mehr zum Thema Morgenecho WDR 5, 14.09.2001 Versteckte Rassisten warten sicher auf einen Anlass zur Diskriminierung, aber der größte Teil der deutschen Bevölkerung hat ein differenziertes Bild von den hier lebenden Muslimen. - Interview - mit Memet Kilic, Vorsitzender des Bundesausländerbeirats in Deutschland. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) © WDR 2001
Umfrage
Mehrheit der Deutschen will Vergeltungsschlag
Nach den Terroranschlägen in den USA befürwortet die Mehrheit der Bundesbürger militärische Vergeltung. Die Bundeswehr soll allerdings nicht beteiligt sein.
Das ZDF-Politbarometer für September ergibt, dass 57 Prozent der Deutschen Vergeltungsschläge für gerechtfertigt halten. 35 Prozent sind dagegen. Doch ebenfalls 57 Prozent wollen die Bundeswehr außen vor lassen, nur 37 Prozent wollen, dass sie beteiligt ist. Zwei Drittel der Befragten sind davon überzeugt, dass es infolge der Terroranschläge zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommen wird, nur 32 Prozent glauben das nicht. Gespalten war die Reaktion auf die Frage, ob ähnliche Attacken auch in Deutschland zu befürchten seien. 50 Prozent sehen diese Gefahr, 48 Prozent sehen sie nicht. Die Terroranschläge wirkten sich auch auf die politische Stimmung im Lande aus. So konnte sich die SPD in den spontanen Reaktionen gegenüber August von 38 auf 43 Prozent verbessern. Die Union blieb unverändert bei 39 Prozent. Die kleinen Parteien verlieren durchgehend: Die Grünen fallen von acht auf sechs Prozent, die FDP von sieben auf sechs Prozent, die PDS von fünf auf drei Prozent. Bei Berücksichtigung längerfristiger Wählerbindungen nimmt der Einfluss der Anschläge allerdings wieder ab. Hier verbessert sich die SPD von 39 auf 40 Prozent, die Union von 37 auf 38 Prozent. Grüne und FDP verlieren je einen Prozentpunkt und kommen auf fünf beziehungsweise sieben Prozent, während die PDS unverändert bei fünf Prozent liegt. Damit gibt es weiterhin weder für Rot-Grün noch für Rot-Gelb oder Schwarz-Gelb eine parlamentarische Mehrheit. Die Werte ermittelte die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen durch eine Befragung von 1.031 Bundesbürgern. (sueddeutsche.de/AP) © Süddeutsche Zeitung GMBH
Islamisten
Schily für Verbot radikaler Organisationen
Nach den Terroranschlägen in den USA hat in Deutschland eine Debatte über den Umgang mit dem Islam begonnen. Von Christiane Wirtz
(SZ vom 15.9.2001) - Während Bundesinnenminister Otto Schily "absolute Härte" gegenüber radikalen Islamisten forderte, warnten islamische Verbände und deutsche Politiker vor einer anti-islamischen Stimmung. Schily sagte, radikal-islamistische Organisationen sollten verboten werden. Die erforderliche Neuregelung des Vereinsgesetzes müsse rasch verabschiedet werden. "Wir können es nicht zulassen, dass eine kleine Minderheit der hier lebenden Muslime - im schlimmsten Fall - für solche Anschläge wie in den USA wirbt." Auch der rechtspolitische Sprecher der Grünen, Volker Beck, plädierte für Änderungen im Vereinsrecht. Unter der Tarnung von Religionsgemeinschaften gebe es Gruppen, die ohne das so genannte Religionsprivileg des Vereinsrechts schon längst verboten wären. Währenddessen richtete die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung Marieluise Beck einen Appell an die Bürger in Deutschland: "Statt Gräben des Hasses auszuheben, sind Besonnenheit und Dialog auf allen Seiten gefragt." Sie verfolge mit größter Sorge feindliche und ablehnende Reaktionen gegenüber muslimischen Menschen nach den Terroranschlägen. Die Grenzziehung verlaufe nicht zwischen den Religionen, "sie verläuft zwischen Zivilität und Respekt vor menschlichem Leben und einem politischen Fundamentalismus, der sich der Religion bedient", sagte Beck. Der stellvertretende Vorsitzende des Islamrats, Abu Bakr Rieger, sagte, man werde alles zu tun, um extreme Gruppen in Zukunft auszugrenzen. Auch Deutschland sei es bisher nicht gelungen, den Rechtsradikalismus vollständig zu unterbinden. "Genauso schwer ist es für uns, extreme Gruppen aus den Moscheen herauszuhalten." Dies zumal die Moscheen grundsätzlich allen Muslimen offen ständen. Auch suche man den Dialog, um klar zu machen, dass sich die Islamisten in Deutschland von Männern wie bin Laden distanzieren. In ihren traditionellen Freitagsgebeten wollten die Muslime in Deutschland der Opfer der Anschläge gedenken. "Ihnen gilt unser tiefes Mitgefühl", erklärte der Zentralrat der Muslime. Zugleich berichtete der Zentralrat von zahlreichen Drohbriefen, in denen Muslime pauschal der Attentate verdächtigt würden. Nach Angaben des Zentrums für Türkeistudien in Essen hat die offene Diskriminierung von Ausländern nach den Terroranschlägen in den USA zugenommen. Frauen mit Kopftüchern seien auf der Straße beschimpft worden, berichtete der Institutsleiter Faruk Sen. Auch hätten mehrere Anrufer beim Zentrum auf den Islam geschimpft. Der Islamrat berichtete von Internet-Seiten mit islam-feindlichem Inhalt. Die Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Die Grünen) warnte davor, dass es für die in Deutschland lebenden Türken zu einer "Beweislastumkehr" kommen könnte. "Die internationalen Entwicklungen dürfen nicht dazu führen, dass Angehörige des islamischen Glaubens beweisen müssen, dass sie die Auffassung eines bin Laden nicht teilen", sagte die Ministerin. Auch der innenpolitische Sprecher der Grünen, Cem Özdemir, warnte vor pauschalen Urteilen. "Den Islam gibt es genauso wenig wie das Christentum."
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Terroristen-Fahndung
Der "höfliche, nette" Attentäter
An der Universität Hamburg-Harburg ist der mutmaßliche Terror-Pilot Mohammed Atta nie als extrem oder fanatisch aufgefallen.
Atta, der in Hamburg Stadtplanung studierte, soll zu den Attentätern zu gehören, die eines der beiden Passagierflugzeuge auf das World Trade Center steuerte. Ein deutscher Studienfreund von Atta hat sich inzwischen beim norwegischen Geheimdienst gemeldet und über den 33-jährigen Mohammed Atta aus Hamburg ausgesagt. "Er schien ein ganz netter Kerl zu sein", sagte Martin E. in Norwegen, wo er zur Zeit lebt und arbeitet. "Mohammed war nie extrem, auf keine Weise", fügte er hinzu. Er berichtete, dass er häufig mit dem Studienkollegen vor dem Unterricht an der Technischen Universität Hamburg gefrühstückt habe. Er kenne Atta seit 1997. E. beschrieb den Verdächtigen als höflich, zurückhaltend und korrekt. "Ich war schockiert, als ich Mohammeds Bild in den Nachrichten sah", sagte er. "Von Anfang bis Ende kommt mir die ganze Sache so unreal vor." Atta habe nie politische Diskussionen angefangen oder sich für Gewalt ausgesprochen. Er habe sich für das Thema Entwicklung in ärmeren Ländern der Welt interessiert, aber abgesehen davon, hätten sie nie über Politik gesprochen. Aufgefallen sei ihm lediglich, dass Atta ungern mit Frauen über sein Studium gesprochen habe. "Ein guter Student" Atta leitete zeitweise die Islam-Arbeitsgemeinschaft an der Technischen Universität Harburg, berichtet das Hamburger Abendblatt. Mohammed Atta sei ein guter Student und liebenswerter Mensch gewesen, sagte auch der Dekan der Technischen Universität (TU) Hamburg-Harburg, Dittmar Machule nach einem Bericht von Spiegel Online. Machule betreute Attas Diplomarbeit. Irgendwelche Anzeichen, die auf eine radikale Gesinnung hingedeutet hätten, habe es bei Atta nicht gegeben: "Er war ein kritischer Geist, immer überlegt argumentierend." Er habe sich sogar für das Zusammenleben der Religionen ausgesprochen." (sueddeutsche.de/Reuters/AP)
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Reaktionen
NPD-Anwalt rechtfertigt Terroranschläge
Die PDS hat ein scharfes juristisches Vorgehen gegen jegliche "Hetze" des rechtsextremen NPD-Anwalts Mahler angesichts der Terroranschläge in den USA gefordert.
independenceday
Horst Mahler rechtfertigt die Terrorakte auf der von ihm betriebenen Homepage des so genannten "Deutschen Kollegs" und spricht von "Independence Day live". Wörtlich heißt es dort: "Die militärischen Angriffe auf die Symbole der mammonistischen Weltherrschaft sind - weil sie vermittelt durch die Medien den Widerstandsgeist der Völker beleben und auf den Hauptfeind ausrichten - eminent wirksam und deshalb rechtens." Weiter heißt es: "Die Luftangriffe auf Washington und New York vom 11. September 2001 markieren das Ende des Amerikanischen Jahrhunderts, das Ende des globalen Kapitalismus..." Gegen die "Hetze" vorgehen Die innenpolitische Sprecherin der PDS-Bundestagsfraktion, Ulla Jelpke, erklärte, Staatsanwaltschaften und Polizei müssten sofort gegen diese "Hetze" vorgehen. Mahler vertritt die NPD als Anwalt im Verbotsverfahren gegen die rechtsextreme Partei vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Der Jurist ist seit Ende der neunziger Jahre in der rechten Szene aktiv, im August 2000 trat er in die NPD ein. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Mahler bereits in einem anderen Zusammenhang wegen des Verdachts der Volksverhetzung. (sueddeutsche.de/AFP)
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SZ-Bericht
Sind wir alle Amerikaner?
Hass und Liebe auf der Straße: Nirgend sonst ist der Pro- aber auch der Anti-Amerikanismus so ausgeprägt wie in Berlin. Von Klaus Harpprecht
(SZ vom 15.9.2001) - Keine Phrase schien unseren Staats-leuten in diesen Tagen der großen Worte und der großen Ängste so leicht von den schmalen Lippen zu gehen wie das Bekenntnis: Wir sind alle Amerikaner. Man weiß es, welche Zeugen ihnen die Formel zugeraunt haben: Sie dachten, es liegt nahe genug an John F.Kennedys Berliner Credo. Vielleicht hörten sie auch von fern her die Pariser Studenten vom Mai1 968, die mit dem Blick auf ihren mächtigsten Rhetor, den Rotschopf Cohn-Bendit, mit dem Schlachtruf "Nous sommes tous les juifs allemands". Oder erinnerten sie sich an Helmut Schmidt, der in den späten Siebzigerjahren bei einer Rede in Baltimore unsere Zugehörigkeit zur Zivilisation der transatlantischen Partner mit genau diesem Satz zu umschreiben versuchte? Nirgendwo stimmt die Bekundung unseres Amerikanertums mit der Geschichtserfahrung und dem Lebensgefühl der Deutschen klarer überein als in Berlin - wenigstens in ihren westlichen Quartieren. Denn in Berlin wurde die Ankunft der GIs im bedrückenden Sommer 1945 in der Tat als eine Befreiung empfunden. Was die Mehrzahl erst als eine historische Wahrheit begriff, die sie allesamt tief geprägt hat, als sie mit 40-jähriger Verspätung von Richard von Weizsäcker endlich couragiert und präzise gesagt wurde: Dass auch für uns (im Westen) der 8.Mai 1945 ein Tag war, an dem uns die Chance einer Rückkehr in die Freiheit geschenkt worden ist. In Berlin dachten, fühlten, wählten die meisten der Bürger längst amerikanisch - dank der Luftbrücke, dank der Schutzwachen an der Sektorengrenze, dank des Willens aller US-Präsidenten, die Präsenz der Vereinigten Staaten in dieser Stadt niemals preiszugeben. Aber auch dies ist wahr: Nirgendwo brandeten in der unglücklichen Epoche des Vietnam-Krieges die antiamerikanischen Ressentiments heftiger auf als in diesem längst verwöhnten Westberlin, das es sich in der bergenden Gewissheit der Subventionen gemütlich gemacht hatte. Nirgendwo tobte der Hass auf den großen Bruder ungehemmter durch die Straßen. Nirgendwo anders quoll der Schaum des Protestes üppiger unter den Schnauzbärten hervor. Nirgendwo brüllte man sich mit solch veitstänzerischer Besoffenheit die brutale und so grundverlogene Parole "USA - SA - SS" mit gleicher Entschlossenheit zu. Vermutlich wird eine sorgsame Studie zeigen, dass die Kerntruppe an der antiamerikanischen Revolte mit den Berlinern selber nicht allzu viel zu schaffen hatte. Wir wissen auch längst, dass sie auf heimlich-unheimlichen Wegen von den beamteten Hassproduzenten der Stasi mit einiger Systematik genährt wurden. Wir haben es nicht vergessen: Das kriegerische Engagement der westlichen Vormacht in Südostasien war ein welthistorischer Irrtum, der ins Kriminelle umschlug. Aber in jenen Wogen des antiamerikanischen Aufruhrs schwemmten ungute Reminiszenzen aus dem Bodensatz der Kollektivseele nach oben: Ein teutonischer Grundhass auf den "Westen", den Amerika repräsentierte, ja, ein negativer Nationalismus, mit dem sich die moralisierenden Paukenschläger über die sittliche Niederlage der älteren Generation hinweg ins Recht zu setzen versuchte. Mit anderen Worten: Man ließ die Amerikaner und den Bonner Staat, der ihr Geschöpf war, mit dem Pathos des nachgeholten Widerstandes für die Schwäche der eigenen Väter und Mütter büßen. Sind wir alle Amerikaner? Ist unser Verhältnis zu den Vereinigten Staaten seit jenen Heimsuchungen nicht auf seltsame Weise gebrochen? Haben wir uns nicht Schritt für Schritt von der gigantischen, weltbeherrschenden Über-Macht entfernt? Türmten sich unsere Vorbehalte nicht in Wahrheit fast so hoch wie die Stahlkolosse auf, die über Manhattan in den Himmel ragten? Der Golfkrieg; das Demonstrationsritual bei den Visiten amerikanischer Präsidenten, das zur politischen Folklore der Stadt zu gehören scheint; unser Unbehagen an der Todesstrafe, das so tief (und so berechtigt) ist, dass uns nicht mehr in den Sinn kommt, wie lange bei uns - nämlich bis zur Ankunft der Alliierten - die Köpfe rollten. Aber ist es denn wahr, dass sich die Amerikaner nach dem entsetzlichen Fanal des 11.September einer Orgie der Hassgefühle und des Verlangens nach Rache überlassen? Sie sagen den Terroristen ihre unerbittliche Feindschaft an, das trifft wohl zu. Aber überwiegen nicht die Stimmen, die zu Besonnenheit und Umsicht mahnen? Wo flammt er auf, der (angeblich) alttestamentarische Zorn, der sich anmaßt, die Gerechtigkeit Gottes zu ersetzen? Und wo flackert der apokalyptische Irrsinn? Gewiss nicht in den Worten und in den Zügen des Präsidenten Bushjr., die nicht durchgeistigter, aber auch nicht verdunkelter den Bildschirm besetzten, als es ihm, eine eher geizige Natur, erlaubt war. In denen seiner Minister? Waren nicht die Stimmen der Moderatoren und Kommentatoren von CNN ein bewegendes Zeugnis der Vernunft, der Ruhe, der klugen Professionalität - im Gegensatz zu der latenten und so hilflosen Hysterie, von der unsere deutschen TV-Helden gebeutelt waren?Und war der Hass, war die Rachsucht jemals ganz in unseren Seelen erloschen? Haben nicht wir die Zivilisation vor gut einem halben Jahrhundert in die Luft gesprengt - ihre sittlichen Fundamente, nicht nur ihre weltlichen Türme, die nun in New York in sich zusammengesunken sind? Vor Hochmut schütze uns Gott. Davon weiß man in Berlin, wenn denn irgendwo, ein Lied zu singen. Wäre es nur wahr, dass wir alle Amerikaner sind.
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Bush hat freie Hand
US-Truppen warten auf den Einsatzbefehl
Bush tagt mit Sicherheitsberatern / Amerikaner befürworten Krieg / Kongress bewilligt 40 Milliarden Dollar / Pakistan und Russland stimmen Militärschlag zu / Taliban droht Nachbarländern mit Krieg
Bergungsmannschaften haben einem Bericht der New York Times zufolge in den Trümmern des World Trade Centers die Leiche einer Stewardess gefunden. Ihre Hände sollen auf dem Rücken zusammengebunden gewesen sein. Bush tagt mit Sicherheitsberatern Der amerikanische Präsident George W. Bush hat sich mit seinen Sicherheitsberatern auf den Landsitz Camp David zurückgezogen. Dort lässt er sich über den genauen Stand der Vorbereitungen für den Militärschlag informieren. Gegenüber den Helfern in Manhattan kündigte Bush nochmals rasche Vergeltung für die Anschläge an. "Die Leute, die dieses Gebäude zum Einsturz gebracht haben, werden sehr bald etwas von uns allen zu hören bekommen." Amerikaner befürworten Krieg Die Amerikaner stehen mit einer überwältigenden Mehrheit hinter Präsident George W. Bush und den von ihm angekündigten Angriffen auf die Terroristen. Laut Umfragen in amerikanischen Medien spricht sich auch eine deutliche Mehrheit für harte Militärschläge aus. Mehr als zwei Drittel befürchten sogar, dass die Reaktion der USA zu schwach ausfallen könnte. Sieben von zehn Amerikanern befürworten auch einen längeren Krieg, bei dem es möglicherweise viele tote US-Soldaten gibt. Zwei Drittel der Befragten halten die Terrorangriffe für schlimmer als den japanischen Angriff auf Pearl Habor. Kongress bewilligt 40 Milliarden Dollar Drei Tage nach den Terrorangriffen hat der amerikanische Kongress Präsident Bush freie Hand für einen Militärschlag gegeben. Senat und Abgeordnetenhaus bewilligten 40 Milliarden Dollar (43,5 Mrd Euro/85 Mrd Mark) für den Kampf gegen den internationalen Terrorismus und den Wiederaufbau zerstörter Einrichtungen. Bush rief den nationalen Notstand aus. Kurz darauf wies der Präsident das Verteidigungsministerium an, für die Stärkung der inneren Sicherheit 50.000 Reservisten einzuberufen. Sie sollen unter anderem zur Überwachung des Luftraums über New York und Washington eingesetzt werden. Pakistan und Russland stimmen Militärschlag zu Pakistan ist offenbar bereit, auf alle Forderungen der USA für einen Angriff auf Afghanistan einzugehen. Dazu gehören die Stationierung einer multinationalen Streitmacht und die Freigabe des Luftraums für US-Kampfflugzeuge. Das verlautete am Samstag aus diplomatischen und Militärkreisen. Wie es hieß, wurde die Entscheidung Pakistans am Freitag von Militärmachthaber Pervez Musharraf der amerikanischen Botschafterin Wendy Chamberlin übermittelt. Eine offizielle Bestätigung dafür gab es zunächst nicht. Der russische Außenminister Igor Iwanow hat die Unterstützung Russlands für mögliche Vergeltungsangriffe der USA gegen Afghanistan signalisiert. Im Kampf gegen den Terrorismus dürfe "die Anwendung von Gewalt" nicht ausgeschlossen werden. Taliban drohen Nachbarländern mit Krieg "Wenn ein Nachbarland seinen Boden oder Luftraum für einen Angriff auf Afghanistan zur Verfügung stellt, kann die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden, dass wir dieses Land angreifen", kündigt das Außenministerium der Taliban an. Dies meldete die afghanische Nachrichtenagentur AIP. "Wir werden gezwungen sein, unsere Widerstandskämpfer in ihr Land zu schicken", heißt es weiter. "Sie (die Nachbarländer) werden für die Konsequenzen selber verantwortlich sein." Indische Nachrichtendienste haben nach Berichten des Indian Express der US-Bundespolizei FBI detaillierte Karten und Informationen über Ausbildungslager des mutmaßlichen Top-Terroristen Osama bin Laden in Afghanistan übermittelt. Es seien ausführliche Informationen über Stützpunkte in Asababad, Sarkanar, Ghazni, Jalalabad, Khost, Paktya und Kandahar in Afghanistan enthalten.
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Terror-Angriff
Abfangjäger kamen zu spät
Die US-Luftwaffe wusste von der Entführung der Flugzeuge, konnte aber nicht mehr eingreifen. Auch die vierte Maschine soll nicht abgeschossen worden sein.
Die US-Luftwaffe war bereits um 8.38 Uhr, zehn Minuten vor dem Absturz der gekaperten Maschinen in das World Trade Center alarmiert. Abfangjäger stiegen auf, doch die Zeit habe nicht mehr ausgereicht, um die entführten Maschinen zu erreichen, teilte ein Sprecher des nordamerikanischen Luftabwehrkommandos (Norad) mit. Die Luftwaffe habe nicht damit gerechnet, dass die Luftpiraten die Maschinen zum Absturz bringen wollten. Zwei F-15-Abfangjäger seien um 8.52 Uhr vom Air Force-Stützpunkt Otis in Cape Cod vor der Küste von Massachusetts aufgestiegen. Die gekaperte Maschine der American Airlines raste jedoch bereits um 8.40 Uhr in das World Trade Center. Als der zweite Turm um 9.02 Uhr von einer Maschine der United Airlines getroffen wurde, seien die Abfangjäger noch rund 100 Kilometer von New York entfernt gewesen. Das vierte entführte Flugzeug, das in der Nähe von Pittsburgh abstürzte, hätte die Luftwaffe dagegen abschießen können. Der stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz sagte, die Luftwaffe habe das Flugzeug verfolgen können. "Ich glaube, es war die Tapferkeit der Passagiere an Bord, die die es runter brachten; aber die Luftwaffe war in einer Position es zu tun, wenn es hätte getan werden müssen." Zuvor hatte es bereits Gerüchte gegeben, die Maschine sei nicht abgestürzt, sondern abgeschossen worden. Auf die Frage, ob es der Luftwaffe erlaubt worden wäre, das Flugzeug abzuschießen, sagte Wolfowitz: "Ich denke, es war zu diesem Zeitpunkt ganz klar, dass das Flugzeug nicht unter Kontrolle des Piloten stand und größeren Schaden hätte anrichten sollen." Die letzte Entscheidung hätte aber beim Präsidenten gelegen. Nach Informationen der Washington Post trainieren die Air Force-Piloten das Abfangen gekaperter Flugzeuge. Allerdings sei bei den Übungen immer angenommen worden, dass der Vorfall über dem Atlantik oder Pazifik passiere und genügend Zeit bleibe, um das Weiße Haus vor einer Attacke zu kontaktieren. (sueddeutsche.de/Reuters/AFP/dpa)
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"Nicht alle Araber sind Mörder"
Von Herbert Bopp
Kerzen am Kerzen. Wo man hinsieht Kerzen. Kerzen auf Parkbaenken und im Schaufenster. Kerzen in der Hand von schoenen Frauen mit kleinen Kindern. Millionen Kerzen lassen New York in diesen dunklen Tagen ein kleines bisschen heller erscheinen. Flaggen. Wo man hinsieht Flaggen. Flaggen an Arbeiterhelmen und Radioantennen. Kerzen in der Hand von schönen Männern mit kleinen Hunden. Millionen Flaggen lassen New York in diesen patriotischen Tagen noch ein wenig patriotischer erscheinen. Besonders hell: Das Lichtermeer auf dem Union Square, wenige Minuten von "Point Zero" entfernt. So nennen New Yorker die Stelle, an der am 11. September die Hölle ausgebrochen war. Das Candlelight-Meeting am Union Square war weder organisiert, noch war es behördlich genehmigt. Aber wer kümmert sich in diesen Tagen schon um Behördengenehmigungen, wo es doch um viel Wichtigeres geht: Um die Bewältigung von Trauer und Schmerz. Um die Toten von Manhattan. Um die Verwundeten in den Krankenhäusern. Und um den Frieden in der Welt.
"Give Peace a Chance"
"Nie wieder Krieg" steht auf dem T-Shirt, das sich der Mann mit dem anderen Mann in der Hand angezogen hatte. "Make Love - Not War" trägt das dralle Mädchen auf dem etwas engen Haltertop. Ein weißer Pudel ist in eine amerikanische Flagge drapiert. Ein alter Mann mit Turban und Pfeife fängt irgendwann an, "Give Peace a Chance" zu summen. Und plötzlich singen Tausende mit. Singen mit John Lennon und dem alten Mann mit Turban.
Gloria Riley; Rechte: wdr Im Laufe des Abends wird die Lichterfeier am Union Square zum Treffpunkt für links und rechts, schwarz und weiß, arm und reich. Und für Gloria Riley. Gloria kommt aus Brasilien. Sie war auf einer Reise um die Welt, als das Inferno in Manhattan ausbrach. Doch nachdem die Monster von Manhattan die Twin Towers in Schutt und Asche gelegt hatten, durfte kein Flugzeug mehr fliegen. Zuerst sei sie nur geschockt gewesen, als sie von den Terroranschlägen gehört habe. "Dann war ich ärgerlich, weil ich nicht weiter reisen konnte". Dafür schämt sich Gloria heute. Sie werde irgendwann, irgendwie schon weiter kommen, sagt sie. Tausende andere nicht. Sie liegen noch unter den Trümmern am "Point Zero".
Singen unterm Ahornbaum
Anteilnahme am Point Zero; Rechte: wdr Die Stimmung am Union Square verändert sich den ganzen Abend über kaum. Friedensgesänge. Schluchzen. Und überall brennende Kerzen und Flaggen. Irgendwann ändert sich der Geräuschpegel. Von der östlichen Ecke des Stadtparks her sind arabische Gesänge zu hören. Es können auch Gebete sein. Fremdländisch jedenfalls. Eine Handvoll dunkelhäutiger Menschen - Frauen, Männer, ein Kind - haben sich unter einem ausladenden Ahornbaum zu ihrem eigenen Kerzen-Meeting eingefunden. Was sie singen, verstehe ich nicht. Was sie sagen, gleich gar nicht. Und das Plakat, das eine Frau etwas hilflos in den Himmel hält, kann ich nicht entziffern. Ich frage den Mann neben mir. Er kennt die Sprache. "Nicht alle Araber sind Mörder", stehe auf dem Plakat, sagt er. Ich will weg hier. Diese ständig feuchten Augen machen mir zu schaffen. Im Weggehen blicke ich noch einmal zurück. Die arabische Gruppe ist nicht mehr da. Einfach verschwunden. In einer dunklen Strassenschlucht, ganz in der Nähe von "Point Zero". Weitere Berichte von Herbert Bopp Ein deutsches Touristenpaar in New York (15.09.01) Schutzmasken, Menschenschlangen und ein fast deutscher Polizist (15.09.01) New York am dritten Tag nach dem Terror (14.09.01) © WDR 2001
Die Echtzeit-Katastrophe Fassungslos mussten Millionen Fernsehzuschauer mit ansehen, dass die Attentäter mit ihrer Dramaturgie des Horrors jede Fiktion mühelos übertroffen haben. Achtzehn Minuten sind völlig ausreichend. In dieser Zeit schafft es auch ein nur durchschnittlich begabter TV-Manager, das Nötige anzuordnen: Kameraleute auf Hochhäuser zu schicken, Satelliten-Verbindungen bereitzustellen, Sondersendungen ins Programm zu hieven.
DER SPIEGEL
18 Minuten sind in einer gut ausgestatteten Medienmetropole wie New York allemal ausreichend, um als Fernsehmanager für eine grausame Inszenierung bereitzustehen. Selbst wenn gar nicht bekannt ist, dass der erste Akt noch lange nicht der letzte dieser menschenverachtenden Tragödie gewesen sein wird.
Genau 18 Minuten gaben die Terroristen den Sendern nach dem ersten Angriff Zeit, dann raste der zweite entführte Passagier-Jet in den Südturm des World Trade Center und verschwand in einem gewaltigen Feuerball.
Mit perfektem Timing hatten die Attentäter so dafür gesorgt, dass der spektakulärste Akt ihrer Horror-Aufführung live in die ganze Welt übertragen wurde.
"Sie haben es inszeniert wie eine TV-Show", sagt die amerikanische Medienprofessorin Joan Deppa: "Es sollte vor unser aller Augen stattfinden."
Einen besseren Ort hätten sich die Terroristen nicht aussuchen können: Nirgendwo gibt es so gute Kommunikationseinrichtungen und so schnelle Übertragungswege wie in Manhattan, und in keiner Stadt arbeiten so viele Journalisten wie in New York, dem Sitz der größten Medienkonzerne der Welt.
Und so wurde die Arbeit der TV-Sender selbst nach den verheerenden Anschlägen nur vorübergehend behindert: New Yorker Lokalsender, die ihre Programme über Antennen auf dem zerstörten World Trade Center ausgestrahlt hatten, waren nur noch im Kabel zu empfangen. 75 000 Fernverbindungen kamen nicht zu Stande, da eine der Telefonleitungen unter dem Gebäude gestört war. Über die Telekommunikationseinrichtungen in den zerstörten Zwillingstürmen wurden an normalen Tagen Millionen Anrufe übertragen.
Alles Unannehmlichkeiten, die aber kaum einen Sender davon abhielten, pausenlos aus New York zu berichten. Nie ist über eine große internationale Krise so gut berichtet worden wie über diese - im Fernsehen und im Internet, wo Anbieter wie SPIEGEL ONLINE ihre Serverkapazitäten ausbauen mussten, um die ungeheure Nachfrage befriedigen zu können.
Die Terrorkommandos hatten erreicht, was sie wollten: In Echtzeit war die Welt dabei, als die letzte Supermacht der Erde über Stunden hinweg immer neu gedemütigt wurde.
"Das Furchtbare daran: Das war genau die Absicht der Terroristen", sagt RTL-Chefredakteur Hans Mahr und spricht von einem "Anschlag im Herz der globalen Mediengesellschaft".
So viel Nachdenklichkeit muss sein.
Doch dann schwärmt auch ein Mahr davon, wie sein Sender bereits am Dienstagnachmittag um 15.09 Uhr ins Nachrichtenstudio umgeschaltet habe, um aus New York zu berichten: "Dadurch hatten wir einen großen Vorsprung, weil wir umgehend Übertragungszeiten buchen konnten."
Während RTL-Korrespondent Christoph Lang live vom Dach des New Yorker CBS-Gebäudes in die Sendung gestellt wurde, bevölkerten bei der ARD noch Elefanten ("Abenteuer Wildnis") den Bildschirm.
Nur N-tv war schneller und zeigte schon ab 14.56 Uhr die ersten Bilder. Für den Nachrichtenkanal aus Berlin kann es kaum etwas Besseres geben als eine Katastrophe: An diesem Tag versechsfachte sich der Marktanteil des Kleinsenders.
"So viel gab's bisher noch nicht einmal beim Tod von Diana", sagt N-tv-Chef Helmut Brandstätter, der vom Attentat telefonisch auf der Frankfurter Automobilausstellung erfuhr. Der katastrophengestählte Nachrichtenmann ("In Eschede waren wir auch schon gut") flog umgehend nach Berlin in die Zentrale, wo die Redaktion schon längst die Bilder des großen amerikanischen Partners CNN übertrug: "Wir haben gelernt, angstfrei unbekannte Bilder zu übernehmen. Das ist nur ein Knopfdruck."
Der Nachrichtensender aus Atlanta galt bisher bei großen internationalen Krisen als unschlagbar. Während im Golfkrieg CNN-Korrespondent Peter Arnett als letzter ausländischer Reporter live aus Bagdad berichtete, bemühte sich die ARD vergebens um eine simple TV-Verbindung nach Kairo ("Hallo, hören Sie mich?"). "Die Kriegsspiele der Deutschen glichen im weiteren Verlauf weitgehend dem Versuch, Butternudeln in eine Betonwand zu rammen", schrieb damals der SPIEGEL.
Seitdem war es immer wieder CNN, das bei internationalen Ereignissen den anderen großen TV-Stationen die Show stahl. So waren die Amerikaner während des Sturms auf das Belgrader Parlament im Oktober 2000 lange Zeit als Einzige in der Lage, eigene Bilder zu zeigen. Die Deutschen stümperten oft genug hilflos vor sich hin. "Im Grunde lernen Sie in jeder Krise etwas, was Sie in der nächsten Krise nicht gebrauchen können", sagt Hartmann von der Tann, der Politikkoordinator der ARD.
Doch ausgerechnet in den USA haben die deutschen Sender jetzt gezeigt, dass sie mit der übermächtigen Konkurrenz aus Atlanta mithalten können. So berichtete CNN fast pausenlos vom Ort des Geschehens, selbst wenn über Stunden hinweg nur wenig Neues passierte. Die deutschen Sender dagegen schalteten sich unentwegt durch die Hauptstädte der Welt, um Reaktionen abzufragen, interviewten Experten und bemühten sich immer wieder, so viel Hintergrund wie möglich zu den schwer erklärlichen Ereignissen zu liefern.
Anders als in Belgrad oder Bagdad waren Bilder dieses Mal keine Mangelware. Zwei Einstellungen jedoch waren am Dienstag zunächst nicht zu bekommen. Ausgerechnet die wichtigsten. Das Video vom Aufprall des ersten Flugzeugs auf die New Yorker Zwillingstürme kam erst am Mittwoch auf den Markt. Die ersten Bilder des zweiten Aufpralls hingegen gehörten exklusiv CNN. Einige öffentlich-rechtliche Sender ließen sich davon nicht abhalten - jetzt prüfen die Amerikaner rechtliche Schritte.
"Wir haben einfach gute Leute", lobt von der Tann, der es angesichts guter Quoten inzwischen verschmerzt hat, dass der New Yorker ARD-Korrespondent zum Zeitpunkt des Anschlags in Kanada drehte. Umständehalber musste ARD-Hörfunkkorrespondent Thomas Nehls einspringen.
Auch die Verstärkung, die das ZDF nach Amerika schicken wollte, hing auf der Hälfte der Strecke fest - in Island. Schon jetzt bereitet sich der Mainzer Sender, der am ersten Tag der Krise beim Quotenrennen hinter dem Ersten und RTL weit abgeschlagen auf Platz drei landete, auf eine mögliche Eskalation des Konflikts vor.
ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender hat zusätzliche Reporter nach Kairo und Amman geschickt. Ein ZDF-Mann soll versuchen, nach Bagdad zu kommen, auch für Israel ist Verstärkung auf dem Weg.
Aus dem Island-Debakel hat Brender gelernt - das Team reist von Zypern aus mit dem Schiff an.
KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN, FRANK HORNIG
© DER SPIEGEL 38/2001