Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Mord in Pakistan

Dienstag, 23. April 2002

Wer regiert das Land und wer tötete Daniel Pearl? / Von Tariq Ali

Es ist ein herrlicher Frühling in Pakistan. Aber die Ruhe ist trügerisch. Als der Afghanistankrieg begann, war abzusehen, dass die Taliban rasch unterliegen und die "Dschihad"-Organisationen samt ihren Protektoren sich in Pakistan neu formieren würden, um schließlich gegen das Regime General Musharrafs zu ziehen. Dieser Prozess ist jetzt im Gange.

In den letzten Monaten sind den Gotteskriegern drei große Treffer gelungen: die Entführung und brutale Ermordung des Reporters Daniel Pearl vom Wall Street Journal, das Attentat auf den Bruder des Innenministers und der Bombenanschlag auf eine Kirche im streng bewachten Diplomatenviertel von Islamabad. Es hat auch gezielte Profi-Morde in Karatschi gegeben; so wurden mehr als ein Dutzend Ärzte erschossen, die der schiitischen Minderheit angehörten.

Alle diese Taten waren als Warnung an den Militärmachthaber Pakistans gedacht: Wenn du Washington zu weit entgegenkommst, wird auch dein Kopf rollen. Einige erfahrene Journalisten glauben, dass es bereits einen Mordanschlag auf Musharraf gegeben habe. Werden diese Terrorakte wirklich von Hardliner-Gruppen wie Jaish-e-Mohammed oder Harkatul Ansar begangen, die sich zu ihnen bekennen? Wahrscheinlich ja; trotzdem sind diese Gruppen nur die Schale, Man braucht nur hineinzugucken, und man erblickt den rationalen Kern: die wichtigste pakistanische Geheimdienstbehörde ISI (Inter-Sevices Intelligence), von der bekannt ist, dass sie als Drahtzieher im Hintergrund steht.

Ein aufdringlicher Journalist?

Jene Abteilungen des ISI, die diese Dschihad-Organisationen finanziert und beschirmt haben, waren bleich vor Wut über den "Verrat an den Taliban". Den einzigen Sieg aufgeben zu müssen, den sie je errungen hatten - die Übernahme Kabuls durch die Taliban -, erzeugte in der Armee enorme Spannungen. Ohne diesen Umstand ist der Terrorismus, der heute das Land erschüttert, nicht zu erklären. Colin Powells Äußerung vom 3. März, worin er die ISI von jeder Verantwortung für das Verschwinden und die Ermordung Pearls freisprach, ist schlechterdings schockierend. In Pakistan wird solchen Versicherungen kein Glauben geschenkt. Musharraf war nicht persönlich beteiligt, aber er muss gewusst haben, was vorging. Er hat Pearl als einen "allzu aufdringlichen Journalisten" bezeichnet, der bei "Geheimdienstspielchen" ertappt worden sei. Hat er Washington gesagt, was er weiß? Und wenn ja, warum hat Powell die ISI entlastet?

Die Tragödie um Pearl hat ein wenig Licht in die dunkelsten Winkel der Geheimdienstnetze geworfen. Pearl war ein begabter investigativer Journalist mit unabhängiger Meinung. Bei früheren Recherchen hatte er festgestellt, dass die auf Befehl Clintons bombardierte pharmazeutische Fabrik im Sudan tatsächlich nur eine pharmazeutische Fabrik gewesen ist und nicht, wie das Weiße Haus unterstellte, eine Einrichtung zur heimlichen Produktion biologischer und chemischer Waffen. Später schrieb Pearl ausführlich über den Kosovo, wobei er einige Geschichten über Gräueltaten in Frage stellte, die die Nato-Propaganda auftischte, um den Krieg gegen Jugoslawien zu rechtfertigen.

Pearl gab sich nie mit offiziellen Verlautbarungen oder einer Unterhaltung mit örtlichen Journalisten zufrieden. Leute, die mit ihm in Pakistan in Kontakt waren, sagen, er habe Verbindungen zwischen den Geheimdiensten und dem Terrorismus aufdecken wollen. Seine Zeitung verhält sich bemerkenswert zurückhaltend und weigert sich, zu offenbaren, welchen Spuren Pearl zuletzt nachging.

Jeder westliche Journalist, der nach Pakistan kommt, wird routinemäßig bewacht und beschattet. Die Vorstellung, dass Daniel Pearl, der Kontakte zu Extremistengruppen knüpfte, nicht sorgfältig vom Geheimdienst überwacht worden wäre, ist absurd - und niemand in Pakistan glaubt das.

Die Gruppe, die sich zu Entführung und Tötung Pearls bekannte - "die nationale Jugendbewegung für die Souveränität Pakistans" - ist ein Konstrukt. Eine ihrer Forderungen ist außergewöhnlich: Sie verlangt die Wiederaufnahme der F-16-Verkäufe an Pakistan. Demnach würde eine terroristische Gotteskriegergruppe, die angeblich das herrschende Regime als Verräterbande betrachtet, sich eine seit zwanzig Jahren erhobene Forderung der pakistanischen Militär- und Staatsbürokratie zu eigen machen.

Das Video, das Pearls Ermordung zeigt, wurde an Ghulam Hasnain, den örtlichen Kontaktmann der Times, ausgehändigt, der es genau am Vorabend von Musharrafs Besuch in Washington für die Weltmedien freigeben sollte. Bevor jedoch Hasnain irgendetwas unternehmen konnte, wurde er vom Geheimdienst verhaftet und vier Tage lang an einem unbekannten Ort festgehalten. Nach seiner Rückkehr weigerte er sich, irgendetwas über diese Affäre preiszugeben.

Rätsel gibt auch der Hauptentführer Omar Saeed Sheikh auf, der an der London School of Economics studiert hat und am 8. April in Karatschi vor Gericht gestellt wurde. Er lieferte sich leichtsinnigerweise selbst ans Messer, als er sich am 5. Februar dem Innenminister seiner Provinz (einem ehemaligen ISI-Mitabeiter) ergab. Sheikh ist in Pakistan als erfahrene ISI-Hilfe bekannt und war auch an Operationen in Kaschmir beteiligt. Würde er an Washington ausgeliefert und sich dort zur Aussage entschließen, würde sich die ganze Geschichte entwirren. Seine Angehörigen bangen um sei Leben. Sie befürchten, dass mit ihm kurzer Prozess gemacht werden könnte, damit die Identität seiner Verbündeten nicht ans Licht komme.

Die ganze Angelegenheit ist mittlerweile so mysteriös, dass man sich fragt, wer in Pakistan wirklich herrscht. Offiziell ist es General Musharraf. Aber es ist klar, dass sein Wort nicht im gesamten Staatsapparat gilt, geschweige denn im ganzen Land. Was ist von einem Militärregime zu halten, das nicht einmal Recht und Ordnung garantieren kann? Auf jeden Fall sind der amerikanische Außenminister und Musharraf der Witwe Daniel Pearls eine Erklärung schuldig.

Tariq Alis "Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung" erschien im Heinrich Hugendubel Verlag.

Deutsch von Olga Anders

© Süddeutsche Zeitung


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