Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Alle Wege führen nach Rom I bis III

Sonntag, 25. August 2002

Das hegemoniale Selbstverständnis der USA und die europäische Melancholie

Von Leander Scholz

Wo liegt Rom? Und wer sind die Barbaren? Was ist eigentlich mit Karthago? Und vor allem: Wer ist der neue Erzfeind, nachdem Karthago zerstört wurde? Es soll Strategen geben in den USA, die sich solche Fragen stellen. Abgesehen natürlich von der ersten. Die Selbstidentifikation der Vereinigten Staaten mit dem Römischen Reich ist vorausgesetzt, spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg, nach dem die Weltmacht-Staffel von Mitteleuropa nach Amerika weitergereicht wurde. Nach Rom I, dem Römischen Reich, und Rom II, dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, liegt Rom III nicht mehr in Europa. So weit ist das Bild stimmig, und es weist exakt den Platz an, den das überwundene Europa in der Außenpolitik der USA einnehmen soll. Denn Amerika sieht sich in diesem Bild nicht mehr als eine europäische Sekundärkultur.

Schon das neuzeitliche Europa verstand sich im Bild einer translatio imperii, einer Übertragung der Reichsmacht, nicht nur als legitimer Erbe der Antike, sondern hoffte zugleich, in diesem Bild sein Minderwertigkeitsgefühl zu überwinden, nur im Schatten der antiken Größe zu stehen. Um sich von der Antike zu emanzipieren, musste die Selbstbeschreibung von Rom I, im Zentrum der Welt zu stehen, von Rom II überboten werden. Bekanntlich begann Europa, als es tatsächlich in der Kolonialzeit zu einer zentralen Macht geworden war, sich selbst zu zerstören.

Wenn uns heute bei manchen Reden amerikanischer Politiker die alteuropäische Semantik des Barbaren und Zivilisierten oder sogar der Kreuzzüge wieder begegnet, beruhigen wir uns damit, dass das nicht so gemeint sein kann. Dass der tatsächliche Adressat solcher Reden die amerikanische Nation sei. Wir tun das, weil wir es selbst so nicht mehr meinen könnten. Und das deshalb, weil wir uns in dieser Semantik nicht mehr beschreiben, geschweige denn adressieren können. Rom II ist kein Bild mehr für Europa, auch wenn ab und zu historische Gestalten wie Karl der Große für die europäische Einigung herangezogen werden.

Umso entscheidender ist es zu verstehen, wie wichtig diese Semantik für die amerikanische Selbstbeschreibung ist - und dass sie keineswegs als bloße Rhetorik abgetan werden kann. Sie erlaubt es den Amerikanern, mit einer Selbstverständlichkeit über ihre weltpolitischen Interessen zu sprechen, worüber die europäischen Nationen eben nicht mehr mit Selbstverständlichkeit sprechen können. Dadurch wird zweierlei klar gemacht: zum einen, wo Rom III liegt, und zum anderen, dass eine zweite translatio imperii von Rom II nach Rom III stattgefunden hat, in die Europa eingebunden und durch die es zugleich marginalisiert wird. So kommt es, dass wir in doppelter Weise von solchen Reden gemeint sind. Einerseits sollen wir uns wiedererkennen, wenn von einer westlichen Zivilisation gesprochen wird. Andererseits sollen wir anerkennen, dass Amerika der legitime Erbe und der neue Agent der europäischen Werte ist.

So sieht sich das europäische Selbstverständnis vor ein Dilemma gestellt. Wenn die Europäer ein Wörtchen mitreden wollen in der Weltpolitik, dann müssen sie die Sprache der USA sprechen und ihre Empfindsamkeiten gegenüber deren Selbstverständnis aufgeben. Amerikanische Politiker scheuen sich nicht, die Europäer als Schwächlinge zu bezeichnen. Die Empfehlungen, um diese Schwäche zu beheben, sind dann auch einfach: mehr Militär, mehr Einigkeit, mehr Tatkraft, eben mehr vom neuen Imperium lernen. Das hieße, die historische Erfahrung Europas zu übergehen und eine Kopie der Vereinigten Staaten auf den Weg zu bringen. Es geht dabei nicht um die Frage, ob die Mehrzahl der Europäer pro- oder anti-amerikanisch ist. Eine solche Frage stellt sich im Bild von Rom III immer nur aus der Perspektive einer aufständischen Provinz. Vielmehr geht es um die Frage, welches Bild Europa von sich selbst hat, ob es dem Gefühl nachtrauert, einmal Rom II gewesen zu sein und heimlich und unentschieden von einem neuen Eurozentrismus träumt.

Europäische Erfahrungshorizonte

Was man Europa nennt, speist sich keineswegs aus der überwiegenden Erfahrung, ein historisches Zentrum gewesen zu sein. Gemessen an Persien oder gar an Asien war das neuzeitliche Europa eher marginal, jedenfalls kein Zentrum der Welt oder höchstens als solches fingiert. Die desaströsen Erfahrungen aus der Zeit, in der europäische Nationen tatsächlich ein Zentrum für ihre Kolonien darstellten, huschen noch immer wie aufgeschobene Gespenster durch die europäische Gegenwart. Ganz zu schweigen von der Selbstzerstörung Europas in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, bei der noch die rassistischen und die anderen ideologischen Elemente aus der Kolonialzeit wiederzufinden sind, bis hin zu den Umsiedlungsprogrammen. Im Unterschied zu Amerika kann Europa nicht ernsthaft noch einmal davon träumen, sich als Zentrum der Welt zu fühlen. Es verbindet keine glücklichen Erfahrungen damit.

Amerikaner schreiben ihre Unabhängigkeit gerne groß. Die Kontrolle der Geldströme, die Dynamik ihrer Ökonomie, abgesichert durch militärische Macht: Der Erfolg scheint diesem Streben nach Unabhängigkeit Recht zu geben. Auch wenn man heutzutage schnell bereit ist, gewalttätige Konflikte zu ethnologisieren, gilt immer noch, dass der Preis für diese Unabhängigkeit in einem aggressiven Kampf um Rohstoffe besteht, selbst im Fall von Afghanistan. Darin unterscheidet sich Rom III nicht von Rom I. Das weltpolitisch überwundene Europa hat nach dem Zweiten Weltkrieg auf eine Ökonomie gesetzt, die überwiegend durch Export gekennzeichnet ist und deshalb von der Erschließung neuer Märkte abhängt. Damit unterscheiden sich die europäischen Interessen grundlegend von den amerikanischen: Europa ist angewiesen auf das, was man gute Beziehungen nennt.

Vor kurzem schickten sechzig führende amerikanische Intellektuelle einen Brief an die Medien der Welt, in dem sie dem Rest der Welt die amerikanischen Werte erklären. Als hätte es nie einen Kant, einen Nietzsche, einen Marx gegeben, wurden in einem Atemzug die Universalität dieser Werte und die Partikularität derjenigen, die sie durchsetzen, ausgesprochen.

Mit Kant müsste man antworten, dass eine Handlung nicht dadurch rechtmäßig wird, dass sich die Interessen des Handelnden zufällig mit einem objektiv Guten decken, sondern nur dadurch, dass die Handlung allein aus dem Grund ausgeübt wird, weil sie rechtmäßig ist. Wer glaubt, moralisch zu handeln, weil sich dies mit seinen Interessen deckt, kann weder Achtung noch Selbstachtung beanspruchen.

Mit Nietzsche müsste man antworten, dass sich in jedem Wert, sei er noch so gut gemeint, ein Wille zur Macht verborgen hält. Und dass sich derjenige auf den Leim geht, der sich nicht dieser Selbsthermeneutik der Macht unterzieht. Mit Marx schließlich müsste man antworten, dass es wohl einer der offensichtlichsten Widersprüche ist, wenn gerade der Teil der Welt die Universalität von Werten erklärt, der die größte Macht hat, ihre Gültigkeit gegebenenfalls einzuschränken. An der Formel, dass der Weltgeist der Weltmarkt ist, hat sich seit Marx nichts geändert. Die Absender des Briefes über die amerikanischen Werte wundern sich, warum sie in manchen Teilen der Welt so gehasst werden. Und manche Empfänger werden sich wundern, dass die Absender sich darüber noch wundern können. Hier scheint es einen Mangel an Erfahrung zu geben.

Für die Zukunft Europas könnte es deshalb weit wichtiger sein, sich seine historische Marginalität aus der Zeit von Rom II anzueignen, als dem Status eines verlorenen Empires nachzutrauern und immer ein wenig missgünstig auf die selbstverständliche Semantik der amerikanischen Interessen zu schielen. Denn wer sich im Zentrum der Welt stehen sieht, sieht in der Regel zu wenig, um mit einer polyzentrischen Weltordnung umzugehen. Das galt schon im Fall von Rom I. Die Europäer können sich ruhig beleidigen lassen. Ihre Erfahrungen haben sie schon gemacht.

Von Leander Scholz ist zuletzt erschienen der Roman "Windbraut" bei dtv.

Copyright © Frankfurter Rundschau 2002 Erscheinungsdatum 23.04.2002


Zum Feature

Zur Hauptseite