Von Matthias Gebauer
11. September, Djerba, Nairobi, Daressalam, Straßburg - Je mehr die Fahnder über geplante und verübte Terror-Anschläge herausfinden, desto mehr zeigt sich, dass die Islamisten untereinander ein über alle Grenzen hinweg gut funktionierendes Netzwerk aufgebaut haben. Die vielen Querverbindungen sind erstaunlich.
Berlin - Ein kleiner Zettel ließ bei den Fahndern des Bundeskriminalamts (BKA) in der vorvergangenen Woche die Alarmglocken schrillen. Auf der unscheinbaren Notiz, die sie in der Duisburger Wohnung des Marokkaners Karim M. fanden, stand eine Hamburger Telefonnummer. Schon nach kurzer Prüfung war klar, dass der Fund eine wichtige Verbindung belegt. Denn offenbar hatte Karim M., dessen Wohnung die Fahnder wegen seiner Kontakte zu dem Mülheimer Islamisten Christian G. durchsuchten, auch Kontakte zu der Hamburger Terror-Zelle um den mutmaßlichen Attentäter Mohammed Atta, der am 11. September eines der Flugzeuge ins World Trade Center gesteuert haben soll. Christian G. alias "Abu Ibrahim" wiederum war ins Visier der Fahnder geraten, weil der Attentäter von Djerba ihn rund hundert Minuten vor dem Anschlag auf seinem Handy angerufen hatte.
Der Fund in Duisburg ist nur ein kleines Teil eines großen Puzzles von weltweit agierenden Terror-Netzwerken, das die Fahnder nun Stück für Stück zusammen setzen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Spanien, Italien, Pakistan, den USA und den Philippinen finden bei diesen Ermittlungen fast jeden Tag Vernehmungen und Durchsuchungen statt, bei denen sich neue Verbindungen zwischen den zahlreichen Tätern und Verdächtigen offenbaren. Und auch schon abgeschlossene Verfahren in den USA belegen die regen Kontakte untereinander. Je mehr die Ermittler heraus finden, desto mehr entwirren sie ein Netz von kleineren Zellen und Logistikern in Europa und dem Rest der Welt, die sich untereinander zumindest kennen und möglicherweise auch unterstützen.
"Lockeres Netz mit vielen Knoten"
Demnach hatten Beteiligte der Planung der Anschläge in den USA Kontakt zu den im Zusammenhang mit dem Djerba-Attentat verdächtigten Deutschen. Unterstützer der Hamburger Zelle um Atta standen in Verbindung zu den Akteuren des al-Qaida-Finanzsystems in Spanien, und Bekannte der Djerba-Verdächtigen hatten wiederum Verbindungen zu mutmaßlichen Mitorganisatoren eines geplanten Anschlags in Los Angeles. "Es ist ein lockeres Netz mit festen Knoten", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" dazu einen hohen Beamten, der mit den Ermittlungen betraut ist. Die einzige Gruppe, die bisher scheinbar isoliert agiert hat, sind fünf Algerier, gegen die wegen eines geplanten Anschlags in Straßburg vor dem Frankfurter Oberlandesgericht verhandelt wird.
Schon kurz nach dem 11. September hatte die Sonderermittlungsgruppe beim Bundeskriminalamt (BKA) ein Netz von Kontakten der Hamburger Zelle um Mohammed Atta, Ziad Jarrah und Marwan al-Shehhi zu einem Teil entwirrt. Ganze Tafeln voll mit Namen von Kontaktleuten malten die Fahnder auf. Anhand von Pfeildiagrammen und stammbaumartigen Schemata versuchten sie zu verstehen, wie die Terroristen untereinander vernetzt sind. Mit den aktuellen Ermittlungen zu dem Anschlag auf Djerba, der in den vergangenen Tagen ausgehobenen al-Tawhid-Zelle und den weiteren internationalen Ermittlungen, vor allem in Spanien, kam noch einiges hinzu.
Hauptfiguren zeichnen sich ab
Das Bild, das die Fahnder mittlerweile haben, ist noch lange nicht vollständig. Gleichwohl lässt sich die Rolle einiger Personen nun genauer definieren:
- Der Hamburger Geschäftsmann Mamoun Darkanzali gerät durch Ermittlungen in Spanien erneut ins Visier der Fahnder. Denn als die spanischen Behörden in den vergangenen Tagen mehrere Bauunternehmer wegen ihrer Verbindung zu al-Qaida festnahmen, tauchte auch Darkanzalis Name wieder auf. Der Hamburger Import-Export-Unternehmer hatte demnach vor den Anschlägen in den USA aus Spanien rund 15.000 Euro erhalten, ohne dass dafür eine erkennbare Gegenleistung erbracht wurde. Die Fahnder vermuten deshalb, dass das Geld zur Unterstützung terroristischer Aktivitäten verwandt wurde.
Für die Fahnder ist Darkanzali kein Unbekannter: Der Syrer hatte enge persönliche Kontakte zu der Hamburger Terror-Zelle um Mohammed Atta. Noch immer vermuten die Fahnder, dass er die Gruppe finanziell unterstützt haben könnte. Suspekt erscheint den Ermittlern ebenfalls, dass Darkanzali offenbar als Hamburger Stadthalter des in den USA bereits verurteilten Terroristen Wadih al-Hage fungierte. Als Hamburger Adresse von al-Hages Firma "Anhar Trading" war die Wohnanschrift von Darkanzali auf Visitenkarten vermerkt. Al-Hage ist mittlerweile als al-Qaida-Logistiker für die Anschläge auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam verurteilt worden.
- Vieles deutet darauf hin, dass der mittlerweile weltweit gesuchte Ramzi Binalshibh eine Vermittlerrolle zwischen verschiedenen Gruppen in Deutschland spielte die Rekrutierung von neuen Kämpfern betrieb. So fanden die Ermittler bei einer Durchsuchung gegen Verdächtige im Zusammenhang mit dem Attentat auf Djerba eine alte Telefonnummer von Binalshibh aus Hamburg. Ob jedoch je ein Kontakt zwischen Christian G. und Binalshibh stattgefunden hat, ist unklar.
Ein weiteres Indiz spricht dafür, dass Binalshibh Männer für den heiligen Krieg warb: Einen Tag vor den Anschlägen in den USA waren zwei Hamburger an der pakistanisch-afghanischen Grenze festgenommen worden. Beide waren nach eigenen Aussagen auf dem Weg in ein Trainingscamp in Afghanistan und sagten aus, sie seien von Binalshibh in Deutschland angeworben worden. Binalshibh selber wohnte mit den mutmaßlichen Attentätern vom 11. September in der Hamburger Marienstraße zusammen. Mittlerweile wissen die Fahnder, dass er während der Hamburger Zeit ständig in Deutschland umherreiste - offenbar, um neue Kämpfer anzuwerben.
- Auch der in Haft sitzende Marokkaner Mounir al-Mutasadek wird für die Fahnder nach den Ermittlungen gegen die deutschen Verdächtigen im Fall Djerba wieder interessant. Denn bei einem der Verdächtigen fand die Polizei die Kontonummer der russischen Frau des Marokkaners. Auch al-Mutasadek pflegte einen engen Kontakt zu der Hamburger Zelle und unterschrieb sogar das Testament von Mohammed Atta. Nachdem Atta und Co. bereits in die USA abgereist waren, regelte der Marokkaner den Geldtransfer aus Deutschland. Weil er sich ins Ausland absetzen wollte, ließ ihn Generalbundesanwalt Kay Nehm Ende 2001 festnehmen.
- Der bis zum Jahr 2000 ebenfalls in Deutschland lebende Mohmambedou Ould Slahi spielt in den losen Netz offenbar ebenfalls eine wichtige Rolle. Er soll nach Erkenntnissen der Ermittler enge Kontakte zu den deutschen Verdächtigen aus den Djerba-Ermittlungen unterhalten haben. Demnach beteten er wie sie in der gleichen Moschee im Ruhrgebiet. Slahi wiederum soll als Logistiker bei der Durchführung eines geplanten Anschlags auf den US-Flughafen in Los Angeles beteiligt gewesen sein. Er soll wie Darkanzali über eine Import-Export-Firma Geld der al-Qaida in alle Welt transferiert haben.
Ob die jetzt ausgehobene al-Tawhid-Gruppe ebenfalls Verbindungen zu den verschiedenen anderen Gruppen unterhielt, ist bisher unklar, da sich die Ermittler über ihre Ergebnisse ausschweigen. Doch schon jetzt zeigen sich erste Anhaltspunkte, dass die Zelle um den 26-jährigen Yaser H. diverse Kontakte ins Ausland unterhielt. So soll der Tipp auf die bis dahin unauffälligen Männer vom italienischen Geheimdienst gekommen sein. Dort hatte die Polizei in den vergangenen Monaten mehrere kleinere Gruppen von radikalen Islamisten festnehmen lassen, die Anschläge geplant haben sollen. Eine dieser Gruppen unterhielt auch Verbindungen nach München, wo daraufhin ebenfalls ein mutmaßlicher Terrorist festgenommen wurde. Auch der aktuelle Tipp auf die al-Tawhid-Gruppe im Ruhrgebiet soll nach Medienberichten durch die Aussage eines geständigen Verdächtigen in Italien zustande gekommen sein.
So unterschiedlich die verschiedenen Gruppen auch sein mögen, eine Parallele zwischen der Hamburger Zelle, den Djerba-Verdächtigen, den vor Gericht stehenden Mitgliedern der Frankfurter Zelle und den mittlerweile acht inhaftierten al-Tawhid-Kämpfern zeigt sich ganz deutlich: Fast alle Verdächtigen haben zwischen 1996 und 2001 Trainingscamps in Afghanistan besucht. Auch mehrere der in Italien festgenommenen Männer berichteten von ihrer Ausbildung in den Lagern der al-Qaida, wo in den Jahren der Taliban-Herrschaft nach Schätzung von Terror-Experten zwischen 30.000 und 70.000 Männer für den heiligen Krieg ausgebildet wurden.
Lager nach Nationalitäten aufgeteilt
Diese Trainings spielen nach Meinung der Fahnder eine zentrale Rolle bei der Bildung der Zellen im Ausland. Denn nach der Ausbildung an Waffen und mit Sprengstoff haben die Lagerorganisatoren nach Aussagen mehrerer bereits verurteilter Terroristen noch vor Ort Gruppen gebildet, die nach Herkunft oder Wohnort ausgesucht wurden. Diese Aufteilung "je nach Herkunft" schilderte beispielsweise der verurteilte Wadih al-Hage vor einem New Yorker Gericht. Demnach habe es Einheiten von Deutschen oder in Deutschland lebenden Ausländern gegeben. Ähnliches berichtete im selben Prozess auch der Kronzeuge Jamal Mohamed al-Fadl von seiner Zeit in Afghanistan und nannte mehrere europäische Länder, aus denen Rekruten in die Camps kamen.
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