Da sitze ich nun nach vier Tagen geballter Information, fast schon erstarrt, inmitten eines Berges von Gedanken. Und da sind auch Gefühle, Assoziationen, die ungeordnet in meinem Kopf kreisen. Vieles von dem, was da geschrieben und gesagt wurde, findet meine Zustimmung. Anderes stimmt mich nachdenklich und traurig. Wieder anderes macht mich wütend oder schürt Angst. Besonders sind meine Gedanken an einem Wort hängen geblieben. Es ist eigentlich ein Tippfehler, der in dem Satz, in den er gebettet ist, mir den Anhaltspunkt gab, meine Gedanken zu ordnen und mich, wenn auch assoziativ und bruchstückhaft, und so gar nicht wissenschaftlich, äußern zu können:
Er stammt aus dem ersten Kommentar von Jens Bertrams und lautet: "Das World Trade Center war ein Symbol. Nicht, weil es bis vor kurzem das höchste Gebäude der Welt war, das war nur eine Randnotiz wert. Es war ein Symbol für die westliche Welt, ihre Wirschaftskraft, ihren grenzüberschreitenden Zusammenhalt und ihre gegenseitige Loyalität." (vgl. entsetzliche Sprachlosigkeit Wer kann das verstehen?" Gedanken nach der Anschlagsserie in New York und Washington Mittwoch, 12. September 2001 Kommentar von Jens Bertrams)
Nun mache ich mir meine Gedanken um diese "Wir-schafts-kraft". Wer oder was ist das eigentlich? Da ist die Rede vom Schulterschluss aller westlichen Zivilisationen gegen den Terrorismus. Da höre ich, dass dem islamischen Extremismus, verkörpert in Selbstmordattentätern, islamischen Schurkenstaaten, fanatischen Religionsführern und deren auf hohem Niveau ausgebildeten - ja was eigentlich - Kämpfern?, Terroristen?, Soldaten?; Auf diese Frage nach der Definition dieser Leute, auf die ja noch nicht mal die USA oder die NATO eine Antwort wissen, weis ich auch nichts zu sagen. Jedenfalls sind sich alle, die sich innerhalb der westlich-zivilisierten Wir-schaft glauben einig. Diesen Leuten gilt unsere ganze Kampfkraft. Alles, was wir aufbieten können stecken wir nicht nur in die Eindämmung des Terrorismus, so wie wir ihn erleben und fürchten, sondern sogar in deren Vernichtung
Die "Wir-schafts-kraft"! Das sind Politiker aus westlichen Demokratien, das sind die Bündnispartner in der NATO, das sind die Wirtschaftsbosse. Und vor allem ihre Untergebenen. Soldaten, Angestellte sowohl in Alarmbereitschaft als auch im "Buisness as usual"! Und das ist nicht zuletzt ein George W. Bush, der den Tross der von Entsetzen gepeinigten westlich-christlich-proamerikanischen Kämpfern?, Politikern?, Christen?; in den sehr großen Fußstapfen von "Big Daddy" anführt, und sich zu behaupten sucht?
Da stehen sich die großen Führer zweier Wir-schafts-kräfte gegenüber. Der verborgene Feind, bislang verkörpert mit den Namen Osama Bin Laden, dem Taliban Regime, Saddam Hussein, und anderen islamischen Kräften. Und, dem fortschrittlichen, Demokratischen, friedfertigen, toleranten und nicht zuletzt zivilisierten und christlichen Westen. Die Gegensätze könnten nicht größer sein. Was zur Zeit unter den oben genannten Begriffen subsumiert wird, verkörpert alles, was der westlichen Welt verhasst ist. Alles was in unsere "Wir-schafts-kraft" nicht hineinpasst. Was uns Angst macht, würden wir uns vorstellen, was ein radikaler Religionsstaat nach dem Vorstellungen eines Bin Ladens für uns bedeuten würde. Es würde unser Weltbild unser Leben so fundamental verändern. Nein diese Horrorvision müssen wir mitsamt den sie verkörpernden "Elementen" schnell verdrängen und aussperren.
Denn was würde es für mich beispielsweise bedeuten, wenn ich verschleiert und mit einem viel älteren Mann verheiratet leben müsste, und in meinem Alter bereits 10 Kinder geboren hätte? Wären die Söhne unter Ihnen heute alle schon Soldaten und vielleicht schon im "Heiligen Krieg" gefallen? Wenn, wenn, wenn - alles das wahr würde, was wir durch die Medien vermittelt, für den Islam, islamischer Lebensweise und für islamische Staaten halten? Nein, diese, von Medien und Erziehung gefärbte Vorstellung so leben zu müssen, muss auch ich weit von mir weisen. Und dennoch ist und scheint das in vielen Ländern der Welt traurige Realität. Aber auch ich stelle die Frage... Sind deshalb alle Muslime potentielle Terroristen, die nichts anderes zu tun haben, als unsere Lebensart zu zerstören?
In gruppenanalytischen Zusammenhängen wird als ein Grund für Feindseligkeiten zwischen zwei oder mehreren Konfliktparteien ein entscheidendes Moment hervorgehoben, nämlich die Angst von den Feinden den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Der vermeintliche Feind, ist demnach oft der Spiegel dessen, was wir an uns selbst fürchten, was wir an uns selbst ablehnen. Das gilt letztlich für alle Parteien. Für Bush wie auch Bin Laden.
Der Rückfall in die Barbarei, in der nach unserem Weltbild Staaten wie Saudi Arabien, Afghanistan, oder der Irak heute noch leben, und die somit, aus unserer Sicht, der ideale Nährboden für Grausamkeiten wie die Anschläge der letzten Tage zu sein scheinen. Zeigt dieser Spiegel uns nicht, was noch vor nicht einmal 70 Jahren noch bei uns Wirklichkeit war? Drohen wir jetzt nicht auch wieder in jene Muster, die uns der Spiegel zeigt, zurückzufallen? Eine angekratzte Großgruppenidentität versucht nun ihr Fundament zu wahren, dass empfindliche Risse bekommen hat.
Und was heißt das eigentlich für mich, die ich mich, trotz aller kritischen Überlegungen nun als Teil dieser Wir-schafts-kraft betrachte? Ich das kleine Licht, das von sich glaubt nichts ausrichten zu können, außer sich an Trauerbekundungen und Diskussion zu beteiligen und vielleicht, wie schon vorgeschlagen, mit einem kleinen Licht an meinem Fenster, meinen Friedenswillen zu bekunden, und zu versuchen so meine Angst, meine Verwirrung und auch meine Wut zu verstehen? Ich, die ich in meinen hilflosen Horrorvisionen von Krieg, um sich greifendem Fanatismus, und befürchteten Umstürzen der mir so vertraut gewordenen Weltordnung, in der nun wahrlich nicht alles Gold ist, was da glänzt, versuche meinen Platz zu finden? Kann ich in dem "Wir" Halt finden? Ich glaube nicht so, wie mir die Medien das vorschlagen. Ich frage mich, wem es wohl ähnlich geht?
Und zum Abschluss dieses sehr persönlichen Kommentars möchte ich noch anmerken, dass es irgendwo in Manhatten unter den Trümmern vielleicht auch den ein oder anderen Toten Muslimen gibt, der genauso Opfer dieses Anschlages ist, wie alle anderen auch. Und vielleicht gibt es auch irgendwo muslimische ÄrztInnen und HelferInnen, die sich genau so unermüdlich für die Rettung der Verschütteten einsetzen und vielleicht auch dabei ihr Leben gefährdet oder verloren haben. Wer trauert um diese Menschen, und gedenkt Ihrer in Zuneigung? Sind sie nicht auch Teil dieser westlichen "Wir-schafts-kraft"?
Vielleicht kann das Anstoß sein, der Polarisierung, in der Militäroperationen vorbereitet, Grenzen geschlossen, Landsleute zurückgerufen, und Sicherheitsmaßnahmen verschärft werden, auch als wirklich kleines Licht, wenigstens gedanklich, etwas entgegen zu setzen.
© Susanne Aatz 16.09.2001