Amerika begeistert sich nach dem 11. September an sich selbst
STROBE TALBOTT, NAYAN CHANDA: Das Zeitalter des Terrors. Amerika und die Welt nach dem 11. September, Propyläen, München 2002. 205 Seiten, 18 Euro.
WOLFGANG SOFSKY: Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2002. 256 Seiten, 19,90 Euro.
Der 11. September hat die USA verändert. Nach den Terroranschlägen wurde der Ausnahmezustand in Amerika legalisiert. Das Gesetzespaket mit dem Namen "US-PATRIOT" erlaubt es, Passanten bei Verdacht auf offener Straße zu kontrollieren. Und ein Rechtsprofessor der Harvard University hat kritisiert, dass ein US-Bürger allein aufgrund eines Gerüchts vor einem Militärgericht zum Tode verurteilt werden könne.
Neben solch "überhasteten Maßnahmen der sozialen Überwachung", wie der Soziologe Wolfgang Sofsky in "Zeiten des Schreckens" anmerkt, erleben auch einfache Erklärungen - das Wort vom Bösen oder vom religiösen Wahn - einen inflationären Gebrauch. "Doch rasch wurde klar, dass sowohl das Problem als auch die Lösung komplizierter sind", schreiben Strobe Talbott, stellvertretender Außenminister unter US-Präsident Bill Clinton, und Nayan Chanda, langjähriger Chefredakteur der Far Eastern Economic Review, im Vorwort zu "Das Zeitalter des Terrors". Die beiden Herausgeben lassen acht renommierte Wissenschaftler in der Hoffnung zu Wort kommen, dass sie jenseits der Schablone "Gut gegen Böse" argumentieren. Tatsächlich aber sind die meisten Aufsätze nur ein weiterer Beleg dafür, dass in den USA komplexe Erklärungsansätze derzeit keine Konjunktur haben.
Der Sicherheitsexperte Charles Hill nutzt eine kurze Genealogie des Terrors des 20. Jahrhunderts, um die US-Politik als "oberflächlich und inkonsequent" zu bewerten. Die "Lösung" erblickt er in einer einfachen Methode: "Die völlige Vernichtung ist die einzige Möglichkeit, sich der Bedrohung zu entledigen." Paul Kennedy argumentiert etwas zurückhaltender. So warnt er die USA zwar vor einer kolonialen Politik im Stile Englands, feiert aber umgekehrt die militärische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Macht Amerikas, die für die unilaterale Vormachtstellung in der Welt verantwortlich sei. Für ihn ist dieser Vorsprung nicht nur Garant des Status quo, sondern auch Gewähr genug, um auf den Terror angemessen reagieren zu können.
"Wahnsinn" und "Nihilismus" identifiziert Niall Ferguson, Professor für Politikwissenschaften an der University of Oxford, als Antrieb des 11. Septembers. Gewalt als Antwort sei erlaubt. Ähnlich auch die Argumentation des Politologen Paul Bracken: "Das Einzige, was unberücksichtigt blieb, war die Verteidigung des amerikanischen Volks." Hier müssten "neue Prioritäten" gesetzt, das Undenkbare müsse gedacht werden.
Harald Hongju Koh wiederum, Professor für internationales Recht, stellt den Bezug zu Pearl Harbor her - eine viel zitierte Analogie zum 11. September. Der Angriff der Japaner hatte die "Internierung Zehntausender loyaler Amerikaner zur Folge, deren einziger Makel ihre ethnische Zugehörigkeit war". Darum dürfe der Preis der "Verteidigung der Freiheit" nicht die Unfreiheit sein. In diesem Sinne verlangt auch der Historiker John Lewis Gaddis eine Neubestimmung der US-Politik jenseits des Unilateralismus. Zudem müsse die amerikanische Politik glaubwürdiger werden. Die USA könnten nicht verbal für Gerechtigkeit eintreten, um dann, wie in Ruanda, "vor den brutalsten Massakern des Jahrzehnts einfach die Augen" zu schließen.
Ganz anders nähert sich Wolfgang Sofsky dem Terror. In seinen Aufsätzen rückt der Soziologe, der an den Universitäten Göttingen und Erfurt lehrt, nicht Ideologien oder Mutmaßungen über Motive ins Zentrum, sondern das Menschliche im Tötungsakt. In einer ersten Reaktion auf den 11. September stellte er verwundert fest: "Für Hass und Mordlust ist Fanatismus weder notwendig noch hinreichend. Für antiwestliche Ressentiments bedarf es nicht einmal des Islam."
Die Fähigkeit zur Gewalt, zum Töten um des Töten willens, entdeckt Sofsky bereits in der Freiheit des Menschen angelegt, die ihn vom Tier unterscheidet: "Die Gewalt ergibt sich aus der spezifischen Menschlichkeit des Menschen. Weil er immer schon außer sich ist, ist er zu jeder Grausamkeit in der Lage", schreibt er. An der moralischen Verwerflichkeit des Tötens lässt Sofsky keinen Zweifel, so wenig wie an der Tatsache, dass die Menschen vom Tod eigenartig fasziniert sind: "In der Geschichte des Homo sapiens gehört der Krieg zu den beliebtesten Aktivitäten. Offenbar hat die menschliche Spezies Gefallen am Krieg."
Eine hoffnungsfrohe Perspektive eröffnet keines der Bücher. Der Krieg wird weitergehen, ob als "Kampf gegen den Terror" oder als der ganz normale, alltägliche Wahnsinn, den Thomas Hobbes einst "Krieg aller gegen alle" nannte.
ANDREAS BOCK
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