Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

USA: Operation Große Hochzeit

Sonntag, 25. August 2002

Warnungen erreichten ihre Empfänger nicht, wichtige Informationen wurden unterschlagen, unkoordiniert wurstelten CIA und FBI nebeneinander her - das Versagen der Geheimdienste verschuldete Amerikas schlimmste Katastrophe seit dem Überfall auf Pearl Harbor.

Senator Richard Shelby aus Tuscaloosa in Alabama lässt kein gutes Haar am FBI. "Es hat das amerikanische Volk im Stich gelassen. Es hat entweder geschlafen, oder es war unfähig oder beides." Wenn das anders gewesen wäre, so meint Senator Shelby, hätte die Katastrophe des 11. September nicht geschehen können. Anlass zur Schelte für die Polizeibehörde ist das klägliche Schicksal eines hochbrisanten Dossiers, das der FBI-Beamte Kenneth Williams aus Phoenix (Arizona) am 10. Juli 2001 an seine Zentrale in Washington schickte. Darin warnte er vor der Gefahr, dass Anhänger des Chef-Terroristen Osama Bin Laden an amerikanischen Flugschulen für einen Angriff auf die USA ausgebildet werden könnten.

Williams hatte mehrere Flugschüler aus dem Nahen Osten einvernommen und dabei feindselige Äußerungen über die Vereinigten Staaten notiert. Er hatte auch mitgeteilt, dass sie sich in höchst verdächtiger Weise für die Sicherheitseinrichtungen auf amerikanischen Flughäfen interessierten. Doch irgendwo auf dem Dienstweg blieben seine Aufzeichnungen hängen.

Später stellte sich zwar heraus, dass die befragten Araber mit den Hijackern vom 11. September nichts zu tun hatten. Aber wenn die FBI-Bosse seinem Rat gefolgt wären, auch anderswo mehrere hundert arabische Flug-Eleven ins Verhör zu nehmen, dann hätten sie vermutlich Erfolg gehabt. Dann wäre das FBI wohl auch auf jene Schulen gestoßen, an denen die arabische Terrororganisation Qaida die Attentäter für ihre Kamikaze-Flüge trainierte. Und dann stünde das World Trade Center noch.

Wenn das Williams-Papier beispielsweise in den internen Umlauf gegeben worden wäre, dann hätte auch die FBI-Dienststelle in Minnesota den Inhalt mit ihren Erkenntnissen über den französischen Studenten Zacarias Moussaoui verknüpfen können, den sie am 16. August in Minneapolis festgenommen hatte. Moussaoui war dem örtlichen FBI ins Visier geraten, weil er an der Pan-Am-Flugakademie in Minneapolis zwar fliegen lernen wollte, nicht aber landen. Inzwischen wirft ihm die Anklageschrift vor, der 20. Selbstmordaspirant für den 11. September gewesen zu sein.

Die FBI-Zentrale in Washington erkannte auch die Bedeutung dieses Falles nicht. Sie nahm ebenfalls den Hinweis eines ihrer Mitarbeiter in Minnesota nicht ernst, Moussaoui habe womöglich die Absicht gehabt, ein großes Verkehrsflugzeug zu kapern und es ins World Trade zu steuern. Ausdrücklich: in das World Trade Center.

Was unmittelbar nach den Attentaten von New York und Washington nur eine Vermutung war, hat sich inzwischen zur Gewissheit verdichtet: Das Versagen der Geheimdienste verschuldete Amerikas größte Katastrophe seit dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor.

In einem amtlichen Dossier hatte es schon 1999 geheißen, al-Qaida könnte Angriffe gegen die USA fliegen, und zwar "auf das Pentagon oder das Weiße Haus". "Wenn ich gewusst hätte, dass der Feind ein Flugzeug als Mordwerkzeug benutzen würde", sagte George W. Bush am vorletzten Freitag, "dann hätte ich alles getan, um das amerikanische Volk zu schützen." Er hat es nicht gewusst, weil seine Geheimdienste es ihm offenbar nicht gesagt haben.

In den Monaten vor dem Angriff auf Washington und New York mehrten sich die Anzeichen, dass ein großer Coup bevorstand. Es gab eine Menge Mosaiksteinchen, doch niemand versuchte, sie zu einem Gesamtbild zusammenzufügen.

Präsident George W. Bush erfuhr zwar am 6. August, dass al-Qaida in den Vereinigten Staaten Flugzeuge kapern wollte. Aber die Informationen waren diffus. Die Williams-Akte war dort mit keinem Wort erwähnt. Es war auch nicht die Rede davon, dass die entführten Maschinen als fliegende Bomben benutzt werden könnten.

Doch schon 1995 hatte die CIA die Pläne von al-Qaida enthüllt, einen Passagierjet in den Eiffelturm zu steuern. Noch im Juli letzten Jahres hatte sie zusammen mit dem italienischen Geheimdienst Flugabwehrwaffen rings um Genua positioniert, um einen möglichen Airliner-Angriff auf den G8-Gipfel zu verhindern.

Sicher ist: Der Präsident war in den Wochen vor der Attacke wesentlich schlechter informiert als seine Abwehr. Sein Informationsrückstand nährt die Zweifel daran, dass George W. Bush die Dienste so im Griff hat, wie es von ihm erwartet wird.

Letzte Woche trat das Weiße Haus zum Gegenangriff an. Auf bohrende Fragen der New Yorker Senatorin Hillary Clinton ließ Bush zurückgiften, während der Regierungszeit seines Vorgängers (des Hillary-Ehemanns) Bill Clinton seien alle Schwächen und Defizite der Geheimdienste stets toleriert, wenn nicht gefördert worden.

Die Anti-Terror-Gruppe im Weißen Haus will von FBI-Chef Robert Mueller jetzt wissen, warum dessen Behörde ihm auch "post mortem", also nach Ground Zero, das Williams-Papier vorenthalten habe.

Ins Gedränge geraten sind - wegen anfänglich mangelnder Kooperationsbereitschaft - CIA-Chef George Tenet und Royce Lamberth, Chefrichter des Bundessondergerichts für Spionageangelegenheiten. Auf Lamberths Anordnung hatte das FBI eine Reihe von Telefonfangschaltungen wieder demontieren müssen, die es bei Terrorverdächtigen installiert hatte. Abhöranträge aus Phoenix und Minneapolis waren gar nicht erst genehmigt worden.

Das Bekenntnis zum Kampf gegen die terroristische Gewalt, das George W. Bush am Donnerstag in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag ablegte, wirkt fast makaber vor dem Hintergrund der tragischen Versäumnisse vor dem 11. September. An einschlägigen Hinweisen hat es wahrhaftig nicht gefehlt.

Das State Department hatte schon am 26. Juni seine Botschaften weltweit in Alarmbereitschaft versetzt. Die Flugaufsichtsbehörde FAA gab von Juni bis zum 11. September 2001 ein Dutzend Warnmeldungen an Airlines und Flughäfen aus.

Es gab auch schon Verdächtige. Das FBI hatte in Kalifornien eine ganz heiße Spur aufgenommen - nur, um sie wieder zu verlieren. Der Araber Nawaf al-Hamsi wurde observiert und ging dann in San Diego wieder verloren. Die Beschatter kamen aber nicht auf die Idee, im Telefonbuch von San Diego nachzuschauen, in dem seine Adresse verzeichnet war. Al-Hamsi war einer der Hijacker der Maschine, die am 11. September ins Pentagon einschlug.

Auch aus dem Ausland lagen Hinweise vor, dass ein großer Terrorcoup geplant war. Ob jedoch eine Warnung ernst genommen wird oder nicht, das hat nicht in erster Linie mit ihrer Plausibilität zu tun. Wichtig ist, dass die Nachrichtenquelle in Washington auch gut angesehen ist. Insofern standen die Tipps aus Jordanien und aus Marokko von vornherein unter einem schlechten Stern.

Im Frühjahr 2001 hatte der jordanische Geheimdienst die Nachricht abgefangen, dass al-Qaida in den USA die "Operation al-Urus al Kabir" vorbereitete, die Operation Große Hochzeit. Man wusste, dass ein oder mehrere Flugzeuge dafür benutzt werden sollten. Die Warnung an die amerikanischen Freunde ging aber im großen Mahlstrom der Nachrichten unter. Ebenso wie die Mitteilung eines marokkanischen Undercover-Agenten, Osama Bin Ladens Leute wollten mit einer "groß angelegten Operation" in New York zuschlagen.

Schon Jahre vor den Attentaten hatte auch der sudanesische Geheimdienst Mucharabat den Amerikanern Dokumente über "die ganze Bin-Laden-Clique" (so Mucharabat-Ex-Generaldirektor Kutbi al-Mahdi) wie Sauerbier angeboten. Lebensläufe, Abhörprotokolle, Fotos, Kopien von Pässen, kurzum "eine Mine von Material", wie der damalige US-Botschafter in Khartum, Tim Carney, sagt.

Doch Präsident Bill Clintons Außenministerin, Madeleine Albright, lehnte ab. Von Schurkenstaaten nähmen die USA keine Ratschläge. Eine krasse Fehlentscheidung, wie sie ähnlich seither immer wieder passiert ist.

Bei den Sicherheitsbehörden der Vereinigten Staaten laufen jeden Tag Hunderte von Warnungen ein. Sie werden veröffentlicht in der "Threat Matrix". Der täglich erscheinende fünf bis zehn Seiten starke Nachrichtendienst wird vom "Counter-Terrorism Center" in Langley (Virginia) zusammengestellt.

In nur wenigen Exemplaren gedruckt, enthält die Threat Matrix ein Potpourri an Bedrohungsszenarien, meist einige Dutzend, zuweilen auch über hundert. Allerdings, Eingeweihte messen dem Schlapphut-Blättchen nur eingeschränkte Aussagekraft zu. Es enthält frische Aussagen von Taliban direkt aus dem Afghanistankämpfer-Knast Camp X-Ray in Guantanamo, aber auch zusammengestoppelte Telefon- und E-Mail-Mitschnitte, Satellitenbilder, Stichwortanalysen und allerlei Schnüffel-Schrott, der vor allem deshalb gedruckt wird, weil die Auswerter der US-Geheimdienste derzeit so nervös sind. Nur für den Uneingeweihten ist es schwer, hier Klasse aus der Masse auszusortieren.

Das Blatt ist ein Co-Produkt der zwei großen amerikanischen Aufklärungsdienste, des vorwiegend für Inneres zuständigen FBI und der eher nach außen orientierten CIA. Ihre Zusammenarbeit beim Kampf gegen den Terror ist noch nicht lange selbstverständlich. Bevor George W. Bush ins Weiße Haus einzog, ermittelten die beiden Organisationen stets nur auf eigene Faust - und häufig auch gegeneinander.

Weil sie in der permanenten Angst leben, sie könnten für den nächsten Anschlag mitverantwortlich gemacht werden, erfüllen CIA und FBI derzeit ständig Übersoll. Sie überfluten die Regierung mit Berichten über verdächtige Vorfälle, auch wenn sie glauben, dass sie belanglos sind.

Deshalb sind auch die Verhörprotokolle aus den afghanischen Gefangenenlagern und aus Guantanamo mit Skepsis zu bewerten. Die Qaida-Terroristen haben offenbar auch präzise Anweisungen für den Fall erhalten, dass sie festgenommen werden. Nicht auszuschließen, dass es ihnen darauf ankommt, den Feind durch schwammige und nicht verifizierbare Aussagen zu verwirren oder auf falsche Fährten zu locken.

Tausende von Gotteskriegern, die durch den Afghanistan-Krieg entwurzelt wurden, sind dabei, sich neu zu gruppieren. Die ersten von ihnen sind offenbar auf dem Weg zu neuen Einsatzorten. Am vorigen Montag berichtete Bob Graham, Chef des Geheimdienstausschusses im US-Senat, von Ende April bis Mitte Mai seien zwei Dutzend Extremisten in Containerschiffen unerkannt in die USA eingereist und untergetaucht. Die Küstenwache habe sie zwar geortet, später aber aus den Augen verloren.

Das kann jeden Tag wieder passieren. In den amerikanischen Überseehäfen werden pro Stunde ein paar tausend Container entladen - Tag und Nacht. Der US-Außenhandel würde zusammenbrechen, wenn sie alle durchsucht werden müssten.

Verunsicherung auch in Deutschland. Dem Bundeskriminalamt gelang vor fünf Wochen die Festnahme von elf Verdächtigen der Tawhid-Gruppe, die mit ihren engen Beziehungen zur Qaida als derzeit größte Bedrohung gilt. Was die Beschattung der Subversiven so schwer macht: Sie lösen sich von alten Organisationsstrukturen und machen nun als Einzelkämpfer weiter.

In den USA stehen die Prognosen zurzeit alle auf Sturm. FBI-Chef Robert Mueller hält Selbstmordattentate auch in den Vereinigten Staaten für "unvermeidbar". Alarm gab es schon im November letzten Jahres für die Golden Gate Bridge in San Francisco, jetzt scheinen vor allem New Yorker Ziele bedroht.

Nach FBI-Informationen müsste mit Anschlägen auf die Brooklyn Bridge, den Battery-Tunnel und die Freiheitsstatue gerechnet werden. Die New Yorker Polizei will auch erfahren haben, dass Terroristen Wohnungen in der City anmieten wollen, um sie mit Sprengstoff vollzupacken und in die Luft zu jagen. Keine der Warnungen war aber so konkret, dass die Sicherheitsstufe von Gelb auf Orange oder gar auf Rot angehoben werden musste.

Die ganz frischen und heißen Tipps kommen in diesen Tagen aus Guantanamo und von dem palästinensischen Qaida-Spitzenfunktionär Abu Subeida, der am 28. März nach einem Feuergefecht mit pakistanischen Soldaten verhaftet worden war. Abu Subeida gilt als Quelle für die Warnungen vor einem Anschlag in New York. Er wird zurzeit von CIA- und FBI-Agenten verhört - "an einem unbekannten Ort in Übersee".

ANDREAS ULRICH, ERICH WIEDEMANN

© Der Spiegel - Mai 2002


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