Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Pilgerreise in die Freiheit

Sonntag, 25. August 2002

Das Amerikanische Imperium: Wie die USA ihren historischen Auftrag zum Wohle der Menschheit verstehen / Von Andrew J. Bacevich

Der Ausdruck "amerikanischer Imperialismus" ist kein Schimpfwort mehr - in letzter Zeit ist er zu einer Aussage geworden, die nach ihrem Für und Wider begutachtet werden muss. Glaubt man führenden Meinungsmachern, hat die Vorstellung, dass die Vereinigten Staaten heute ein globales Imperium darstellen, tatsächlich fast schon so etwas wie Ehrbarkeit erlangt.

Eine solche Entwicklung ist außerordentlich heilsam. Denn nur durch die Einführung der Idee des Imperiums in den allgemeinen öffentlichen Diskurs wird es möglich, Dinge anzusprechen, die weit drängender sind als die Debatte über die semantischen Unterschiede zwischen Empire, Hegemonie und "globaler Führung". Denn was genau ist die Natur der Pax Americana? Welchen Zweck hat sie? Worin bestehen die Herausforderungen und Fallstricke, die Amerika beim Ordnen seiner Domäne erwarten? Was sind die voraussichtlichen moralischen und materiellen Kosten des Empire, und wer wird für sie aufkommen? Solche Fragen finden langsam einen Platz auf der Agenda der US-Außenpolitik.

Die Idee eines "amerikanischen Imperiums" ist salonfähig geworden. In den Vereinigten Staaten diskutiert man, welche Verantwortung damit für die Nation einhergeht. In lockerer Folge bringen wir Stimmen zu diesem Begriff des neuen Imperialismus. Der Autor unseres ersten Beitrags lehrt Internationale Beziehungen und Sicherheitspolitik an der Boston University. Sein Buch "American Empire" (Harvard University Press) erscheint im Herbst.

Wie es sich für eine Nation gehört, die auf der Überzeugung ihrer eigenen Einzigartigkeit gegründet wurde, gleicht auch das amerikanische Imperium selbst keinem anderen in der Geschichte - angefangen damit, dass die USA eine direkte Herrschaft über abhängige Völker lieber vermeiden und Zugang und Einfluss dem direkten Kommando vorziehen. Amerikas Imperium ist informell, da es sich nicht aus Satelliten oder Lehen zusammensetzt, sondern aus nominell gleichrangigen Staaten. Wann immer möglich, herrschen die USA indirekt über ihr Imperium, meist über zwischengeschaltete Institutionen, die sie zwar nicht allein kontrollieren, deren Ton sie aber vorgeben, etwa in der Nato und im Weltsicherheitsrat, im IWF und in der Weltbank.

Obwohl ihre militärische Vormacht unbezwingbar ist, ziehen die Vereinigten Staaten die Verführung der Nötigung vor. Wo es möglich ist, setzen sie auf die Anziehungskraft des "American way of life" um Zweifler und Gegner zu überzeugen. Respekt wird Washington daher immer öfter freiwillig entgegengebracht. Auch das erschöpfte Europa der Nachkriegszeit suchte Schutz und wirtschaftliche Wiederbelebung auf den mächtigen Schultern der USA - und stützte damit umgekehrt aktiv deren Vormacht. Das so entstandene "Imperium auf Einladung" dauerte auch fort, als Europas Wohlstand wiederhergestellt und ein Angriff längst nicht mehr zu befürchten war.

Imperiale Mächte gleichen sich in ihrer Begeisterung für Ordnung. Imperiale Mächte unterscheiden sich jedoch in den Werten, die sie ihrem Herrschaftsbereich vermitteln wollen. Wo die alten europäischen Imperien ihren Zweck (zumindest teilweise) in der Verbreitung der Vorzüge westlicher Zivilisation definierten, qualifiziert sich die Pax Americana heute zwar als historische Nachfolgerin. Doch während sich die früheren imperialen Unternehmen darauf spezialisierten, Heiden zu bekehren oder den Wilden die Aufklärung nahe zu bringen, heißt das wahre Ziel des amerikanischen Imperiums: Freiheit. Als Thomas Jefferson davon sprach, dass die Vorsehung die Vereinigten Staaten auserkoren habe, ein "Imperium der Freiheit" zu schaffen, wiederholte er eine unter seinen Landsleuten weitverbreitete Empfindung.

Tatsächlich sahen sich die USA seit Gründung der Republik als "Neues Jerusalem, vom Himmel gesandt": Diese Definition einer historischen Bestimmung ist bis heute tief in die amerikanische Psyche eingegraben. Nur war die Erlösung, die diesem irdischen Zion versprochen wurde, nicht ewiges Leben, sondern Freiheit. "Die Bewahrung des heiligen Feuers der Freiheit", erklärte George Washington in seiner ersten Amtseinführungsrede, sei "in die Hände des amerikanischen Volkes gelegt worden." In Washingtons Tagen ging es erst einmal darum, das heilige Feuer vor dem Erlöschen zu bewahren - aber in den nächsten 200 Jahren änderten sich die Prioritäten. So wie die Macht Amerikas zunahm, so auch die Ausdehnung ihrer Ambitionen. Und 1989, als sich die USA nach dem Fall der Berliner Mauer in einer ganz eigenen Klasse wiederfanden, war aus dem Neuen Jerusalem schon lange das Neue Rom geworden. Diese neue Identität verdrängt Amerikas Gründungsabsicht jedoch nicht. Vielmehr zielt sie auf die Erfüllung dieser Absicht - und damit auf die Erfüllung der Geschichte selbst. Oder wie es Bill Clinton gern ausdrückte: Die Zeit war reif. Erlösung nahte. Um Reinhold Niebuhrs Worte zu paraphrasieren: Die USA wollen nach dem Kalten Krieg ihre Mission vollenden, "der Menschheit auf ihrer Pilgerreise zur Vollendung zu helfen".

Doch wenn die Unterweisung der Menschheit für die frühen Amerikaner eine Anordnung von oben war, dann führten Amerikaner in der jüngeren Zeit diese Aufgabe im Sinne eines tiefen Eigeninteresses weiter. Trotz der häufigen Anspielungen auf die Freiheit als letzten Bestimmungsort dieser Pilgerreise: Die Architekten der US-Außenpolitik des 20. Jahrhunderts betrachteten die Idee des Imperiums nie als eine Übung im Altruismus. Sie waren überzeugt, dass nur durch Schutz und Förderung der Freiheit (so wie die Amerikaner sie definieren) im Ausland das Wohlergehen der Vereinigten Staaten selbst garantiert werden könne.

Folglich ist eine Unterscheidung zwischen Amerikas Idealen (die für universell erachtet werden) und Amerikas Interessen (die partikular, aber in ihrem Umfang global sind) eine leere Unterscheidung. Vom Weißen Haus, vom Kapitol oder vom Pentagon aus betrachtet sind die beiden praktisch austauschbar. Weil sie taktische Flexibilität für Heuchelei halten, bezichtigen Kritiker der amerikanischen Politik - in letzter Zeit vor allem europäische Kritiker - die USA der Arroganz, der Willkür und der Ungeschicklichkeit. Aber solche Beschuldigungen hinterlassen kaum Eindruck in der quer durch das Spektrum amerikanischer Politik verlaufenden Überzeugung, dass amerikanische Interessen auf lange Sicht bestens mit den Interessen der gesamten Menschheit übereinstimmen.

Dass die aufeinander folgenden Kreuzzüge zur Förderung dieser Ideale, von 1917 über 1941 und nach 1945, die USA in den Status der "Alleinigen Supermacht" erhoben, stellt eine Art kosmisches Gericht dar; es unterstreicht einmal mehr, dass Amerika, nach einem Lieblingssatz von Politikern der Neunziger, "auf der richtigen Seite der Geschichte steht". Die Vormachtsstellung am Ausgang des blutigen 20. Jahrhunderts bot eine Maßeinheit für den Fortschritt der Menschheit zu Freiheit, Demokratie und Frieden auf Erden. Die wenigen, die stur darauf bestanden, anders zu denken - im amerikanischen Sprachgebrauch "Schurkenstaaten" -, machten sich nicht nur zu Feinden der USA, sondern zu Feinden der Freiheit selbst.

Nun waren die barbarischen Akte des 11. September der unzweifelhafte Beweis dafür, dass des Menschen Pilgerfahrt zur Vollendung noch weit ist. Dennoch ließen die Ereignisse die politische Führung Amerikas keinen Moment daran zweifeln, dass ihr Projekt machbar sei. Ja, es bestärkte sie erst recht in ihrer Entschlossenheit, die Reise fortzusetzen. In seiner Ansprache nach den Angriffen weigerte sich George W. Bush, es überhaupt für bedenkenswert zu halten, dass die Angriffe auf Symbole der amerikanischen Wirtschafts- und Militärmacht irgendetwas damit zu tun haben könnten, wie die USA diese Macht einsetzen. Stattdessen beschloss er, die Angelegenheit in eine Terminologie der Freiheit einzubetten. Warum hassen sie uns? "Sie hassen unsere Freiheiten", erklärte Bush - und lenkte so geschickt die Aufmerksamkeit ab von der Frage nach den Konsequenzen eines Imperiums.

Der 11. September war Auslöser für einen neuen Krieg, der in seiner Ausdehnung viel größer ist als irgendeine der marginalen Interventionen, die amerikanische Soldaten in der vorausgegangenen Dekade beschäftig hatten. Von verschiedenen Seiten ist dieser Konflikt als das Äquivalent eines weiteren Weltkrieges dargestellt worden. Diese Darstellung ist zutreffend. Als sich die vielschichtige US-Militärkampagne entfaltete, wurde zunehmend klar, dass sich die Bush-Regierung nicht damit zufrieden geben wird, die Verantwortlichen für die Angriffe auf New York und Washington zu bestrafen oder eine Wiederholung zu verhindern. Die wirklichen US-Kriegsziele sind weit ehrgeiziger. Die Vereinigten Staaten wollen denn Terror auf der ganzen Welt ausrotten. Sie wollen den radikalen Islam und die Staaten der "Achse des Bösen" unfähig machen, die Weltordnung zu bedrohen.

Frieden in unserem Geist

Mehr noch: Die Bush-Regierung nutzte den Krieg gegen den Terror als Gelegenheit, so etwas wie ein Referendum zu veranstalten, das die globale US-Vormachtstellung bestätigen soll. Jeder muss, das hat Präsident Bush betont, den Treueeid ablegen: Nationen verbünden sich entweder mit den USA - oder sie machen gemeinsame Sache mit den Terroristen und müssen damit rechnen, deren Los zu teilen. Als letztes Nebenprodukt des 11. September hat die Regierung die Gelegenheit ergriffen und eine neue Bush-Doktrin verkündet, die so neuartige Konzepte wie "vorwegnehmende Selbstverteidigung" und "präventive Abschreckung" enthält.

Kurz gesagt, der Konflikt des 11. September lässt sich als Krieg gegen den Terror qualifizieren und gegen jene, die "unsere Freiheiten hassen". Aber er stellt genauso auch einen Konflikt zum Nutzen des amerikanischen Imperiums dar; er ist ein Krieg, in dem die USA wie niemals zuvor bereit sind, ihre Autorität als Neues Rom einzusetzen, um ihre Bestimmung als Neues Jerusalem zu erfüllen.

Wenn also der Präsident im Dezember 2001 schwor, dass "Amerika die Welt zum Frieden führen" werde, dann holte er nicht nur eine windige Plattitüde aus der Versenkung. Er betonte noch einmal das fundamentale strategische Ziel und den modus operandi seiner Nation. Die Vereinigten Staaten werden "führen". Das heißt, dass sie nicht aufgeben werden, die Weltordnung umzugestalten - und dass sie dafür die absolute Vormachtstellung einsetzen werden, die sie im Jahrhundert ihres Aufstieges errungen haben. Dabei werden sie mit einem Auge stets darauf schauen, einen langwährenden "Frieden" zu sichern - was eine geordnete Welt bedeutetet, welche dem amerikanischen Unternehmergeist dienlich ist, amerikanischen Werten wohlgesonnen und die Amerikas Status als einzige Supermacht aufrechterhält. Das war das Ziel amerikanischer Politik vor dem 11. September; und das bleibt das Ziel der Bush-Regierung auch heute.

Deutsch von Petra Steinberger

© süddeutsche Zeitung


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