Der Präsident, auf den es jetzt ankommt
Der Oberbefehlshaber George W. Bush kämpft noch mit seiner Rolle - doch die Nation steht geschlossen hinter ihm
Von Dietmar Ostermann (Washington)
Der Sohn hat gerade eine wichtige Rede gehalten, ist mit schnellen Schritten an seinen Platz zurückgekehrt und sitzt nun da, die Beine nebeneinander gestellt, mit leicht nach vorn gebeugten Schultern, die knetenden Hände verschränkt im Schoß. Die schmal gepressten Lippen und die zerfurchte Stirn verraten, wie sehr es in ihm arbeitet. Da greift der Vater mit gestrecktem Arm über die Schwiegertochter hinweg nach der Hand des Sohnes. Die Beine elegant übereinander geschlagen sitzt der lebensfeste Fahrensmann in der Bank, zurückgelehnt, ganz Ruhe und Zuversicht. Und davon gibt er jetzt mit warmem Fingerdruck ein bisschen ab an seinen Ältesten, ohne den Blick zu wenden.
Gut gemacht, mag die väterliche Geste heißen, aber auch: Wird schon werden! Die Szene spielt nicht auf irgendeiner Abschlussfeier in irgendeinem College, sondern in der Nationalkathedrale von Washington. Es wird der Toten vom HorrorDienstag gedacht, und die beiden Männer, die da ganz vorn in der ersten Reihe sitzen, heißen beide George Bush. Vielleicht ist es so, dass Söhne neben ihren Vätern nie besonders souverän wirken. Aber hier handelt es sich um zwei Präsidenten, und es ist nicht der Alte, auf den es jetzt ankommt.
Mehr als alles andere ist es die Körpersprache, die ahnen lässt, wie sehr George W. Bush mit der neuen Rolle noch zu kämpfen hat, in welche ihn der apokalyptische Flugzeugterror so plötzlich und unvermittelt gebombt hat. Der Präsident ist nicht mehr Sachwalter einer in sich ruhenden Supermacht, deren Bürger sich nach Jahren von Frieden und Wohlstand mit schier unerschütterlichem Optimismus auch von ökonomischen Warnzeichen nicht kirre machen ließen. Er ist nun Kriegspräsident einer im Mark erschütterten Nation, die nach ebenso entschiedener wie umsichtiger Führung verlangt.
Wie andere Präsidenten vor ihm wird auch dieser 43. in der Geschichte der USA in der Stunde der Entscheidung ein einsamer Oberkommandierender sein, der darüber befinden muss, wann und wie die mächtigste Militärmacht der Welt auf den Terror von New York und Washington reagiert. Spätestens seit der Kongress ihm einen politisch durchaus zweischneidigen Blankoscheck zum Gegenschlag im "Krieg gegen den Terrorismus" ausgestellt hat, liegt nicht nur die ganze Entscheidungsgewalt, sondern auch die volle Verantwortung bei George W. Bush, den sie vor kurzem in den Zeitungsspalten noch einen "Zufallspräsidenten" nannten.
Am vorigen Dienstag, als der getreue Adlatus Andrew Card ihm die ungeheuerliche Nachricht vom Inferno von Manhattan vor laufender Kamera ins Ohr raunte, da nickte der Präsident zunächst nur leicht mit dem Kopf und blieb mit gespitzten Lippen und verhangenem Blick sitzen, als überlegte er, was nun von ihm erwartet wird. Dass er dann nicht sofort in die ebenfalls angegriffene Hauptstadt zurückgekehrt ist, haben seine politischen Berater später ebenso wortreich wie defensiv verteidigt. Die unklare Sicherheitslage und konkrete Drohungen mögen gute Gründe gewesen sein gegen eine rasche Rückkehr. Aber das Bild vom Kapitän, der im Moment der äußersten Gefahr nicht auf der Brücke war, ist haften geblieben.
Hinzugekommen ist ein Wechselspiel aus starken Worten und Momenten der nur allzu menschlichen Schwäche, in denen der Präsident von der Wucht der Ereignisse schlicht überwältigt schien. Da ist jene Szene aus dem Oval Office, als sich seine Augen mit Tränen füllen, die Wangen heftig zucken, und der schwere Atem die sich verlierenden Sätze förmlich zerhackt. Zum ersten Mal hat sich Bush jenseits vorbereiteter Texte zum Ereignis äußern wollen, doch statt Trost zu spenden und Zuversicht auszustrahlen sah es ganz so aus, als ringe der Präsident selbst um inneren Halt. Wenig später, als er mit Ehefrau Laura Katastrophenopfer im Krankenhaus besuchte, war es die First Lady, die Bush kräftig unter den Arm fasste.
Über mangelnden Rückhalt kann sich der Präsident nicht beklagen. Anders als sein Vater, der im Golfkrieg gegen den Irak eine skeptische Bevölkerung und einen zerstrittenen Kongress überzeugen musste, steht die Nation diesmal geschlossen hinter dem Oberkommandierenden. Selbst wenn die Gefahr weiterer Zivilopfer im eigenen Land groß ist, wollen 71 Prozent der US-Bürger den angekündigten Feldzug gegen den Terrorismus mittragen. Keine Rolle mehr spielen auch mögliche Verluste der eigenen Truppen. Noch in Kosovo war das ein absolutes Tabu.
Für den Moment ist Bush gesegnet mit fast schon realsozialistischen Zustimmungsraten, wie sie seit Harry S. Truman kein Hausherr im Weißen Haus mehr genießen durfte. Das Magazin "Newsweek" kam in einer Befragung auf 89 Prozent, die jetzt hinter dem Präsidenten stünden. Das ist ein Anstieg um 31 Prozentpunkte innerhalb einer Woche und die höchste Popularität, die für einen US-Präsidenten im vergangenen halben Jahrhundert gemessen wurde. Selbst Bush senior war in den Tagen nach dem siegreichen Wüstensturm nicht annähernd so populär wie jetzt der Sohn vor dem angekündigten Antitterrorismus-Feldzug. Drei Viertel der Bevölkerung zeigten sich überdies zufrieden mit der Art und Weise, in der Bush die Krise bislang gemeistert hat.
Es ist freilich eine Frage, ob solche Umfragen tatsächlich beschreiben, mit welchen Gefühlen sich die Nation jetzt jenem Mann anvertraut, dessen größte Herausforderung als Gouverneur von Texas nach eigenen Angaben in der Bekämpfung von Waldbränden bestand. Kritik will kaum jemand wagen, aber es ist nicht Bush, sondern New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani, der jetzt allseits für seine Umsicht beim Katastrophenmanagement gelobt wird. Stets präsent und zugänglich, immer das Gefühl vermittelnd, hier habe einer die Lage fest im Griff, konzentriert auf das Wesentliche und nie wehleidig oder pathetisch, hat der harte Stadtpräfekt selbst langjährige Kritiker beeindruckt. Giuliani sei, schrieb ein Kommentator, "zum eigentlichen Führer der Nation" geworden.
Die Stunde patriotischer Fahnenrufe aber ist nicht die Zeit der Zweifler, schon gar nicht in den USA. "Ich bin beeindruckt", applaudierte der Oppositionsführer im Repräsentantenhaus, Dick Gephardt, dem Präsidenten: "Er ist sehr, sehr stark in den vergangenen Tagen." Und die liberale New York Times, die zuvor noch verhalten Unbehagen kundgetan hatte, lobte am Wochenende nach einem Besuch des Präsidenten in der geschundenen Stadt am Hudson River: "Man konnte ihn fast wachsen sehen in die Kleider der Präsidentschaft." Da hatte Bush in Manhattan auf den Schuttbergen gestanden, den Arm auf einen pensionierten Feuerwehrmann gelegt, der sich jetzt wieder zum Dienst eingefunden hatte. Der Besuch war mehr als eine symbolische Geste, weil Bush bislang eben nicht der Präsident aller US-Bürger war. Er hatte den Konservativen seiner Partei an den Rockschößen gehangen, er hatte sein Wahlprogramm ohne Rücksicht auf das beschränkte Mandat einer Wahl ohne Stimmenmehrheit durchgepeitscht und nicht wie erwartet die Hand zur Opposition ausgestreckt und von der Mitte aus regiert. Er war der Präsident des konservativen Südens, nicht der von New York City. "Ich kann Euch hören", war deshalb mehr als eine akustische Bestätigung an Zwischenrufer im Schutt von Manhattan. Nun muss er führen.
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Starke Worte, wenig Trümpfe Bei der Suche nach einer wirkungsvollen Strategie gegen den Terrorismus entdecken die Amerikaner die eigenen Schwächen Von Wolfgang Koydl
Washington - US-Präsident George W. Bush und seine Berater haben am Wochenende nach einer schlüssigen Strategie als Antwort auf die Terrorangriffe auf New York und Washington gesucht. Sowohl bei den Streitkräften als auch unter den Diplomaten zeichnete sich dabei ab, dass es nicht zu einer überhasteten militärischen Aktion kommen werde. Doch liefen die Vorbereitungen zu einem militärischen Einsatz vermutlich gegen Ziele in Afghanistan auf Hochtouren.
Vor allem an der diplomatischen Front bemühte sich die amerikanische Regierung um breite Unterstützung. Außenminister Colin Powell ersuchte die Regierungen in Saudi-Arabien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten, ihre diplomatischen Beziehungen zur Taliban-Regierung in Afghanistan abzubrechen. Gemeinsam mit Pakistan unterhalten die beiden als einzige Staaten auf der Welt offizielle Verbindungen mit dem Taliban-Regime. Bush selbst telefonierte mit dem pakistanischen Militär-Machthaber, Pervez Musharraf, und sicherte sich dessen Unterstützung.
Offenbar bahnt sich zwischen Pakistan und den USA eine Allianz auf Gegenseitigkeit an: Während Pakistan den USA Überflugrechte und geheimdienstliche Unterstützung zusagte, will Amerika dem Land ökonomisch und bei der Bewältigung der Flüchtlingsströme helfen. Im Gespräch ist auch ein Schuldenerlass von bis zu 20 Milliarden Dollar. Unklar war zunächst, ob Pakistan auch US-Bodentruppen ins Land lassen würde. Pakistan könnte ferner Nachschubwege nach Afghanistan unterbinden. Erstes Ergebnis des Gesprächs war offenbar das Ultimatum, das Pakistan kurz darauf an Afghanistan zur Auslieferung des mutmaßliche Terroristenchefs Osama bin Laden stellte.
Annäherung an Iran
In der sich abzeichnenden Koalition gegen Afghanistan ist selbst eine Annäherung der USA an Iran nicht mehr ausgeschlossen. Beide Staaten verbindet das Feindbild Taliban und bin Laden. Washington sei bereit, über die Einbindung Irans in eine Anti-Terror-Koalition nachzudenken, hieß es im US-Außenministerium. Iran habe aus Sicht der USA sehr positiv auf die Terrorangriffe reagiert, sagte eine Sprecherin.
Bei der Vorbereitung der amerikanischen Bevölkerung auf die Auseinandersetzung mit den Terroristen wählte Bush bewusst dieselben Worte, die sein Vater als Präsident vor einem Jahrzehnt gesprochen hatte, als er dem irakischen Diktator Saddam Hussein den Krieg erklärte, nachdem dieser Kuwait überfallen hatte: "Diese Tat wird keinen Bestand haben. Wir werden diejenigen finden, die sie begangen haben. Wir werden sie aus ihren Löchern ausräuchern. Wir werden sie in die Flucht jagen, und wir werden sie zur Rechenschaft ziehen. " Zum ersten Mal nannte auch Bush bin Laden als Hauptverdächtigen. Deutlicher als je zuvor sprach der Präsident in einer Radioansprache davon, dass sich die USA nun "im Krieg" befänden. Von seinen Landsleuten fordert er Geduld, Willenskraft und Stärke, da "der Weg zum Sieg ein langer sein kann". Immer wieder ist die Rede davon, dass sich Washington nicht mit einem symbolischen Akt zufrieden geben werde. "Der Sieg gegen den Terrorismus wird nicht in einer einzigen Schlacht zu erringen sein, sondern in einer Serie von Aktionen gegen Terroristen-Organisationen und diejenigen, die ihnen Schutz gewähren", sagte Bush.
In der Tat schien sich der Beraterkreis aus Außen-, Verteidigungs- und Justizminister, Sicherheitsberaterin und Generalstabschef unschlüssig, wie schnell ein konkreter Einsatzplan vorliegen könnte und welches Ziel letztendlich verfolgt werden sollte. Während der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz die bislang stärksten Worte wählte und davon sprach, "Staaten auszulöschen", dämpften andere Berater die Rhetorik. Außenminister Powell sagte: "Ich wurde als Soldat erzogen. Und dort wird man darauf trainiert, dass es einen Feind gibt, der Land besetzt hält. Diesmal ist es anders. Der Feind ist an vielen Orten, der Feind hält sich versteckt." Powell betonte: "Deswegen müssen sie einen Einsatz planen, der diesen Typ Feind verfolgt, und das geht nicht immer mit plumper militärischer Gewalt." Schon bei früheren Gelegenheiten hatte sich herausgestellt, dass Wolfowitz zu den Falken in Bushs Umgebung gehört, während Powell mäßigend wirkte.
Powells Worte hatten offenbar ein simples Ziel: Die Regierung muss befürchten, die Erwartungen der Bevölkerung zu hoch zu schrauben und sich mit der kriegerischen Rhetorik selbst unter Druck zu setzen. Deshalb warnte auch der Präsident mit Nachdruck vor überzogenen Hoffnungen auf rasche, einfache Erfolge. Die Bevölkerung scheint indes bereit, Bush wo auch immer hin zu folgen. Laut Umfragen sind 85 Prozent aller Befragten für einen Militärschlag gegen die Terroristen und ihre Helfershelfer; 68 Prozent würden auch den Tod von Unschuldigen in Kauf nehmen, und selbst wenn die Gefahr von tausenden ziviler Opfer bestünde, meinen immer noch 60 Prozent, dass Amerika zuschlagen solle. Auch Bush wird von der Stimmung getragen: 85 Prozent der Amerikaner sind zufrieden mit ihm; 70 Prozent bescheinigen ihm starke Führungskraft.
Unbeantwortet bleibt die Frage, wohin der Präsident Amerikas Truppen führen möchte. Militärberater und Fachleute debattierten am Wochenende, meist hinter vorgehaltener Hand, über den Erfolg eines Angriffs auf Afghanistan. Denkbar wäre die Bombardierung von Regierungsgebäuden, Flughäfen und Ausbildungslagern der Terrorgruppe bin Ladens, die nach Geheimdienstinformationen allerdings schon alle geräumt sind. Auch gestand der amerikanische Geheimdienst ein, dass er momentan nicht über den Aufenthaltsort bin Ladens Bescheid wisse. Bei einem Einsatz in Afghanistan wäre denkbar, dass die USA kleine, mobile Spezialverbände in das Land schicken werden. Allerdings hat man in Washington nach einer ersten Aufwallung erkannt, dass an den hochaufragenden Bergwällen Afghanistans schon zuvor Ambitionen anderer Großmächte zerschellt sind.
Experten wie Ex-Außenminister Henry Kissinger und der als Vietnam- Kriegsheld gefeierte Senator John McCain betonen übereinstimmend, dass Amerika schon deshalb nicht den Fehler des britischen Empire oder der Sowjetunion wiederholen werde, weil es Afghanistan nicht besetzen wolle. "Wir wollen ja nur die Terroristen in die Flucht schlagen und sie nicht zur Ruhe kommen lassen", formulierte Kissinger. Der frühere Oberkommandierende der Nato, General Wesley Clark, nach seiner Kritik am Kosovo-Krieg einer der gefragtesten Militär-Analysten, erläuterte im Fernsehen Risiken und Möglichkeiten eines Militärschlages: Für Cruise Missiles sei es ein langer Weg von Schiffen im Indischen Ozean; für Bodentruppen seien Einwohner und Gelände feindselig und gefährlich; und außer Pakistan werde wohl kein anderer Nachbarstaat - sei es Iran, China oder Turkmenistan - den US-Einheiten Stützpunkte zu Verfügung stellen.
In Hintergrundgesprächen macht selbst das Pentagon auf die unzureichende Vorbereitung für einen massiven Vergeltungsschlag gegen Afghanistan und terroristische Gruppen aufmerksam. Sicherheitsfachleute sprachen von einem Defizit bei der Aufklärung, von einer zu geringen Zahl von Lenkwaffen und zu schlecht ausgestatteten Sondereinheiten. Die von Präsident Bush angeordnete Einberufung von 50000 Reservisten wird sich auf den unmittelbaren militärischen Einsatzplan wohl nicht auswirken. Die Reservisten werden in den USA selbst eingesetzt und sollen die Logistik bei den Streitkräften sicherstellen. Außerdem wird die zum Schutz des amerikanischen Luftraums nötige Fliegertruppe verstärkt.
Warnung vor Krieg der Kulturen
Wegen der wenigen strategischen Optionen wird der moderne Teil des Krieges denn auch mit anderen Mitteln geführt werden. Staaten, die Terroristen Unterschlupf gewähren, sollen zunächst weltweit in Acht und Bann geschlagen werden - abgekoppelt von Kommunikations-, Reise-, Finanz- und Handelsarterien. Sollten sie dann immer noch nicht die Terroristen auf ihrem Territorium überstellen, dann rücken ausländische Truppen mit Haftbefehlen für die Verdächtigen ein.
So schält sich in den USA und bei den Verbündeten die wahre Dimension des aufziehenden Konflikts erst langsam heraus. Der deutsche Außenminister Joschka Fischer etwa warnte als einer von wenigen hochrangigen Politikern bislang vor einer Radikalisierung bisher gemäßigter Gruppen in der arabischen Welt. Fischer sprach sogar davon, dass ein Krieg der Kulturen vermieden werden müsse. Der Außenminister warb für eine politische Koalition auch innerhalb der arabischen Staaten. Umgekehrt wächst der Druck der USA und auch der europäischen Staaten auf Israels Ministerpräsident Ariel Scharon, die Situation als Chance für neue Friedensgespräche zu begreifen. Scharon hatte in den vergangenen Tagen mehrfach in Vergeltungsschlägen palästinensische Gebiete angegriffen. Präsident Bush selbst mahnte die israelische Regierung sehr eindringlich, die Unübersichtlichkeit nach den Terror-Angriffen nicht zu missbrauchen.
Bei der Aufarbeitung des Unglückstages stellte sich heraus, dass die Luftwaffe zu spät auf die Flugzeugentführungen reagiert hatte. Zwar waren Abfangjäger gemäß einem Notfallplan alarmiert worden, aber es dauerte zu lange, bis sie im Luftraum von New York und Washington waren. Augenzeugenberichten zufolge soll der Luftraum über Washington noch zwei Stunden nach dem ersten Anschlag nicht geschützt gewesen sein.
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Die netten jungen Männer von nebenan Attentäter von New York und Washington lebten bis zu den Anschlägen völlig unauffällig Von Stefan Ulrich
Sie scheuten das Licht nicht. Die 19 jungen Männer kamen mit offenem Visier ins Land, mit ordentlichen Papieren, sogar mit Visa. Sie stellten sich als Studenten, Piloten oder Mechaniker vor und lebten Tür an Tür mit amerikanischen oder deutschen Nachbarn - friedlich, freundlich, unauffällig. Manche waren Singles, andere hatten Familien mit bis zu vier Kindern, die mit Mädchen und Jungen in der Nachbarschaft spielten. Einige lebten wie gläubige Muslime, fromm, doch ohne Eifer oder gar Fanatismus. Andere führten das Leben des Westens, gingen in Discos, tranken Alkohol. Dann verschwanden sie plötzlich, um am 11.September wieder aufzutauchen: über New York und Washington.
Sechs Tage nach dem Desaster wird das Profil der Täter immer klarer - und immer überraschender. Es sind keine zotteligen Gotteskrieger mit Vollbart und finsterer Miene, die Amerika in die Katastrophe gestürzt haben, sondern Männer mit Manieren, die sich geschickt in der modernen Gesellschaft bewegten. Sie kleideten sich wie Geschäftsleute, buchten im Internet, reisten erster Klasse, übernachteten in großen Hotels und achteten nicht auf die Kosten. Manche lebten über Jahre das Leben von Einwanderern, die sich erfolgreich auf die neue Welt eingelassen hatten. Doch dann wurden sie zu freien Radikalen, die die Symbole dieser Welt zerstörten.
Die Fahnder haben in kurzer Zeit unzählige Informationen zusammengetragen über die Kamikaze-Piloten und ihre Hintermänner. Sie sind ausgeschwärmt und haben ihre Spuren zurückverfolgt, die Spuren von Wochen, Monaten und Jahren. Dutzende Hotels und Wohnungen hat die US-Bundespolizei FBI durchsucht; sie hat Hunderte mögliche Zeugen befragt - Vermieter der Täter, ihre Bekannten und Nachbarn, Hotelangestellte, Flugpassagiere. Alles, womit die Terroristen in letzter Zeit in Berührung kamen, wurde als Beweismittel abtransportiert; sogar Wartesitze im Bostoner Flughafen. 12000 Fotos von den Tatorten wurden geschossen, mehr als 40000 Hinweise aus der Bevölkerung aufgenommen. In der Nähe des zerstörten World-Trade-Centers wurde der Pass eines der Boeing-Entführer gefunden. Und täglich gehen Tausende weitere Anrufe und e-mails bei den Behörden ein.
Ganz konkret suchen die US-Ermittler derzeit nach etwa 100 Menschen, von denen sie sich entscheidende Informationen erhoffen. 25 Verdächtige haben sie festgesetzt, meist wegen ungültiger Aufenthaltspapiere. Das Justizministerium erließ gegen zwei Männer Haftbefehl, die an einem New Yorker Flughafen und in New Jersey aufgegriffen wurden. Sie werden als "wichtige Zeugen" bezeichnet und gelten als Tatverdächtige. Auch in Belgien wurden Haftbefehle gegen zwei Männer erlassen. Der eine soll einen Anschlag auf die US-Botschaft in Paris geplant haben.
Unter all den Informationen ist viel Ballast und manche heiße Spur. Eine führt nach Deutschland. Dort lebten einmal zwei Freunde. Sie galten als unzertrennlich, gaben sich strebsam und gesetzestreu. Mohammed Atta und Marwan Al-Shehhi wohnten jahrelang in einer Wohngemeinschaft in Hamburg. An der Technischen Hochschule studierten sie. Atta war ein besonders guter Student, ein Professor schildert ihn als intelligent und liebenswürdig. Das Fach des späteren Zerstörers von Manhattan: Stadtplanung. Außer in Deutschland wird jetzt auch in Spanien gegen ihn ermittelt. Und in der Schweiz wird ebenfalls geprüft, ob sich einer der Attentäter aus Hamburg dort aufgehalten hat.
Sicher ist, dass Atta und Shehhi vor einiger Zeit nach Florida zogen, um dort eine der vielen Flugschulen zu besuchen.38000 Dollar zahlten sie für den Unterricht in Venice. Sie gaben sich als Cousins aus und bezogen ein Zimmer mit Doppelbett. Die Vermieter empfanden die beiden als etwas arrogant, schöpften aber keinen Verdacht. "Wir konnten nicht glauben, womit uns das FBI gestern konfrontierte", sagen sie. "Wir konnten nicht glauben, dass sie in unserem Haus waren."
Atta und Shehhi ließen sich 260 Stunden lang zu Piloten ausbilden. Später trainierten sie an einem Flugsimulator. Vor allem scharfe Wendemanöver übten sie. Ende August zogen die vermeintlichen Cousins in ein Motel in Deerfield Beach. "Sie waren ordentlich und freundlich", erinnert sich der Eigentümer. Eines fiel ihm auf: Die Männer hatten in ihrem Zimmer ein Bild mit einem Handtuch verhängt, das eine Frau mit nackter Schulter zeigte. Als die Gäste auszogen, fand er im Abfall Luftkarten und Lernmaterial für Flugschüler. Darunter waren Informationen zum Thema: Wie fliege ich ein Boeing- Passagierflugzeug.
Am Freitag vor den Anschlägen wurden Atta und Shehhi in einer Bar beobachtet. Sie tranken stundenlang, auch Rum und Wodka, oder spielten Video- Spiele. Nervös seien sie gewesen, meint der Geschäftsführer. "Sie gestikulierten viel, und Shehhi war ersichtlich aufgeregt." Am Morgen des 11. September trennten sich die Wege der Unzertrennlichen. An Bord zweier Boeings rasten sie in die Zwillingstürme des World Trade Centers. Aus den unauffälligen jungen Männern waren Terroristen geworden.
Die Berichte über andere Kamikaze-Flieger ähneln sich. Die Männer - sie stammen aus Saudi Arabien, der Heimat Osama bin Ladens, oder aus den Vereinigten Arabischen Emiraten - ließen sich in Florida zu Piloten ausbilden. Sie lebten so normal wie möglich und so konspirativ wie nötig. Manchmal änderten sie Wohnort und Namen. Und stets versuchten sie, wenig Spuren zu hinterlassen. Absprachen trafen sie am liebsten persönlich, nicht via Telefon oder Internet.
Einer von ihnen war Abdulaziz Alomari, der später mit Atta ins World Trade Center flog. Er lebte mit Frau und Sohn in Vero Beach in Florida. 1400 Dollar im Monat zahlte er für ein hübsches Haus. Der Sohn spielte mit den Nachbarkindern, die Eltern waren freundlich-zurückhaltend. Nur eines störte die Anwohner: die nächtlichen Treffen bei den Alomaris. Bis zu zwölf Autos standen manchmal vor der Tür. Im August verabschiedeten sich die Araber und gaben ein Fest für die Nachbarkinder. "Sie luden alle ein, sogar solche, die sie nie zuvor getroffen hatten", erinnert sich einer. Es gab Pizza. Alomaris Frau sagte den Nachbarn, in ihrer Heimat sei es Brauch, eine Party zu geben, bevor man fort ziehe. So bleibe man in guter Erinnerung.
Weniger Eindruck hat ein anderer der mutmaßlichen Terroristen hinterlassen. Der Student Ziad Jarrah studierte in Hamburg Flugzeugbau. Hin und wieder besuchte er seine Freundin, eine türkische Medizinstudentin in Bochum, mit der er nach islamischem Recht sogar verheiratet gewesen sein soll. In dem Appartementhaus in der Stiepeler Straße erinnert man sich kaum an Jarrah, auch wenn sein Name noch an der Tür steht. Zu viele gingen in diesem Haus in der Nähe der Ruhr-Universität ein und aus.
Die junge Türkin hatte Jarrah vergangene Woche als vermisst gemeldet. Schnell fand die Polizei heraus, dass sein Name auf der Passagierliste des Jets stand, der bei Pittsburgh abgestürzt war. Die Freundin sagte nun aus, sie habe nichts von den Plänen Jarrahs gewusst. Sie habe sich nur gewundert, als er sich plötzlich für Fliegerei interessierte. In einem Koffer fanden die Fahnder laut Generalbundesanwalt Kay Nehm "Flugzeug bezogene Unterlagen". Kontakte Jarrahs zu Osama bin Laden seien bisher nicht nachzuweisen, sagte Nehm.
Jarrah stammt aus einer wohlhabenden, gebildeten Familie im Libanon. Verwandte erzählten dem Sender CNN, der junge Mann habe einige Zeit in Afghanistan verbracht, wo der Terror-Pate bin Laden haust. Der Vater beschreibt seinen Sohn als sanftmütig und scheu. Ein Onkel sagt, Jarrah habe nichts Radikales an sich gehabt. Er sei gerne in Discotheken gegangen. Noch kurz vor dem Attentat habe der Flugschüler seine Familie aus Amerika angerufen und sich für die Unterstützung beim Studium bedankt. Er, der Onkel, könne sich überhaupt nicht vorstellen, dass sein Neffe ein islamistischer Terrorist gewesen sei.
Auch im Westen wird man umdenken müssen. Zwar sagt US-Justizminister John Ashcroft: "Wir fangen an zu verstehen, wie dieses schreckliche Verbrechen begangen wurde." Aber das Verständnis von der Psyche der neuen Terror-Generation dürfte eher noch schwieriger geworden sein. Sind das Meta- Terroristen, die ihre islamischen Ideale verleugnen und über Jahre ein fremdes Leben führen, um in perfekter Tarnung ihre mörderische Glaubensmission zu erfüllen? Oder ist es gar nicht so sehr ein pervertierter Glaube, der diese Männer antreibt? Und was ist es dann? Nur eines ist klar: Auch das Klischee vom bärtigen Muslim-Terroristen wurde am Dienstag zerstört. © 2001 Süddeutsche Zeitung GmbH / Lizensiert durch DIZ München GmbH
Großer Kopf einer hundertköpfigen Hydra Für Terroristen ist bin Laden eher Inspirator als Befehlshaber sein Hass auf den Westen prägt das Lebensgefühl vieler Genossen Von Rudolph Chimelli
Der Ruf Osama bin Ladens als Pate des internationalen Terrorismus geht darauf zurück, dass er vor bald vier Jahren Führer radikaler Islamistengruppen vorwiegend aus Ägypten, Pakistan, Bangladesch und dem Maghreb in seinem afghanischen Versteck versammelte, um eine "islamische Kampfesfront gegen Juden und Kreuzfahrer (gemeint sind Christen)" zu gründen. Gleichzeitig wurde proklamiert, es sei erlaubt, in diesem Kampf amerikanisches Blut zu vergießen. Nach den Anschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam sowie den Raketenangriffen der Amerikaner auf eine Fabrik bei Khartum und bin Ladens vermutete Ausbildungslager in Afghanistan verkündete er zusätzlich den Dschihad, den Heiligen Krieg. Seine Organisation, die er 1984 gegründet hatte, damals mit wohlwollender Unterstützung der CIA, heißt "Qaida" (der Stützpunkt).
Bin Laden geht davon aus, dass die islamische Welt sich gegen die Versuche des Westens wehren muss, sie zu unterwerfen: einst durch koloniale Beherrschung, dann durch den Afghanistan-Feldzug der Russen, heute durch den Imperialismus der USA. Da der Westen von christlicher Tradition geprägt ist oder in Israel vom Judentum, sind die Feinde für bin Laden klar definiert. Die Ausbeutung der Reichtümer Öl und Gas, die den Muslimen gehören sollten, ist für ihn fast weniger furchtbar als der Kultur-Imperialismus der USA. Die Infektionsgefahr durch die permissive Gesellschaft des Westens, seine Musik, seinen Konsum von Alkohol und Drogen, sieht bin Laden als tödliche Bedrohung der islamischen Weltordnung.
Zugleich geht diese Sicht der Dinge davon aus, dass der Westen sich durch seine Verderbnis selber zu Grunde richten wird. Gewaltsame Anstöße durch Terrorismus seien dieser Entwicklung förderlich. Angesichts der technischen Überlegenheit des Westens und der prowestlichen Politik der meisten Regime der islamischen Welt, hätten die Gläubigen ohnehin keine wirksamen Mittel. Bin Ladens Ideologie ist rein negativ geprägt. Sein oft skizziertes Ziel ist die Vertreibung der amerikanischen Truppen aus Saudi- Arabien, dem Land der heiligen Moscheen von Mekka und Medina.
Ein konstruktives Programm für die befreite Welt der Muslime hat bin Laden nicht parat. Er ist als Ex-Student der Wirtschaftswissenschaften auch nicht qualifiziert, religiöse Gutachten (Fatwas) abzugeben. Noch weniger verfügt er über die Autorität, Heilige Kriege auszurufen. Das kann nur das anerkannte Oberhaupt der Gemeinschaft aller Gläubigen, der Kalif. Seit der Begründer der Türkischen Republik, Kemal Atatürk, das Kalifat abschaffte, gibt es kein solches Oberhaupt mehr. Bin Ladens Aufrufe sind für keinen Muslim verbindlich. Das ändert nichts daran, dass bin Ladens Albträume den Gefühlen vieler Millionen entsprechen. Ihr Lebensgefühl ist seit Jahrzehnten davon geprägt, dass sie oder ihre Glaubensgenossen durch Militärschläge der anderen gedemütigt werden, durch Hindus, Christen, Juden. Die täglichen Bilder vom Vorgehen der Israelis gegen die Palästinenser verschaffen bin Laden sogar Sympathien, wo er früher keine hatte. Sein Bild hängt in vielen Hütten, aber neuerdings selbst in den Köpfen von Intellektuellen. Selbst wenn nur eine Minderheit daraus die Konsequenz zieht, den Massenmord durch Todesflieger zu billigen, hat in der arabisch-islamischen Welt heute jeder Anspruch auf Bewunderung, der sich der Supermacht widersetzt. Für bin Laden persönlich mag als Motiv hinzukommen, dass seine Mutter Palästinenserin ist. Jenseits aller theoretischen Überlegungen sind indessen purer Hass, das Verlangen nach Rache und Sucht nach Ruhm für bin Ladens Handeln bestimmend.
Was seine eigene Propaganda nie zu Stande gebracht hätte, leistete für ihn der Informationsapparat seiner Feinde. Eine von der New York Times geleitete Studiengruppe nannte ihn vor Jahren "für Terroristen weniger einen Befehlshaber als einen Inspirator". Daran hat sich nichts geändert. Dennoch machte ihn die Wiederholung seines Namens, wann immer von Terror die Rede ist, für die einen zum Idol, für die anderen zum Schreckgespenst. Seit Jahren hat bin Laden sein Satellitentelefon abgeschaltet, weil er damit leicht geortet werden könnte. Das reguläre Telefonnetz Afghanistans ist so beschaffen, dass führende Taliban-Instanzen vom Ausland aus am besten über Telefonnummern im pakistanischen Peschawar zu erreichen sind.
Dass bin Laden unter solchen Kommunikationsverhältnissen die Schaltzentrale für die Attentate von New York und Washington gewesen sein könnte, wird von führenden Experten bezweifelt. Zwei seiner wichtigsten Helfer, ein ägyptisches Brüderpaar, fehlen bin Laden inzwischen, einer durch Tod, der andere durch Verhaftung in den Vereinigten Arabischen Emiraten und der Auslieferung in die Heimat. Bin Laden ist kein General, der das Kommando über Truppeneinheiten ausübt, auch nicht das Haupt einer konspirativen Hierarchie. Eher ist er ein großer Kopf an einer hundertköpfigen Hydra, ein Knoten in einem Internet der Gewaltbereitschaft. Ihn zu töten ändert wenig an der Gefahr. © 2001 Süddeutsche Zeitung GmbH / Lizensiert durch DIZ München GmbH