Auslieferung reicht den USA nicht
Rumsfeld: Bin Laden nur ein Teil des Problems / Taliban verzögern Entscheidung
Das afghanische Taliban-Regime hat angekündigt, erst am heutigen Mittwoch über eine Auslieferung des Terroristenführers Osama bin Laden zu entscheiden. Nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Itar-Tass fordern die Taliban im Gegenzug unter anderem, dass die UN-Sanktionen gegen Afghanistan aufgehoben werden. Möglicherweise werde bin Laden an ein Drittland ausgeliefert. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte, eine Auslieferung bin Ladens werde von seiner Regierung als nicht ausreichend angesehen.
WASHINGTON / ISLAMABAD / PESHAWAR, 18. September (dpa/ap/rtr/afp). Das von der Taliban-Führung einberufene Treffen von rund 1000 Religionsgelehrten in Kabul wurde am Dienstag um 24 Stunden verschoben, weil nicht alle Teilnehmer rechtzeitig eingetroffen seien, wie die private afghanische Nachrichtenagentur AIP berichtete. Die Versammlung soll über bin Ladens etwaige Auslieferung beraten und eine Fatwa (islamrechtliches Gutachten) für einen Heiligen Krieg erlassen.
Der amtierende Taliban-Regierungschef Mullah Mohammed Hasan betonte am Dienstag, noch sei nicht zu einem solchen Krieg aufgerufen worden. Er habe lediglich gesagt, wenn die USA Afghanistan angreifen sollten, würden die Afghanen einen Heiligen Krieg führen, wie in den 80er Jahren gegen die Sowjetunion. Die Milizen des Regimes haben nach einer Analyse britischer Militärexperten 45 000 Mann unter Waffen. Sie verfügen demnach über 650 Kampfpanzer und gepanzerte Fahrzeuge sowie über 76 Flugzeuge, darunter etwa 15 Kampfjets. Aus der indischen Armee verlautete, die Taliban hätten die derzeit im indischen Teil Kaschmirs kämpfenden moslemischen Separatisten aufgerufen, nach Afghanistan zu kommen.
Für eine Auslieferung bin Ladens haben die Taliban laut Itar-Tass etliche Forderungen gestellt. Unter Berufung auf pakistanische Delegationskreise hieß es, dazu zählten die Aufhebung der UN-Sanktionen, gegen Afghanistan, mehr Wirtschaftshilfe sowie ein Stopp der westlichen Unterstützung und Waffenlieferungen an die Opposition im Land. Zudem müsse bin Laden in einem neutralen Land vor Gericht gestellt werden. Schließlich verlangten die Taliban Beweise für die Schuld bin Ladens. Die pakistanische Delegation, die auf eine Auslieferung gedrungen hatte, kehrte inzwischen nach Islamabad zurück.
US-Verteidigungsminister Rumsfeld betonte, eine Auslieferung bin Ladens wäre für die Regierung in Washington noch nicht ausreichend. "Das Problem ist viel größer als bin Laden", sagte er.
Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR warnte erneut davor, dass sich in Afghanistan ein neues Flüchtlingsdrama abzeichne. Zehntausende haben die Städte aus Furcht vor Angriffen verlassen.
In Pakistan demonstrierten mehr als 3000 Menschen gegen einen möglichen Vergeltungsangriff der USA auf Afghanistan. Der Zorn der Teilnehmer richtete sich am Dienstag erstmals auch gegen Pakistans Militärmachthaber General Pervez Musharaf, den sie vor einer Zusammenarbeit mit Washington warnten. "Amerika, jage nicht, was du nicht töten kannst", riefen die Demonstranten auf Englisch: "Pakistan wird der Friedhof der amerikanischen Streitkräfte sein."
Die USA forderten alle Amerikaner auf, Pakistan zu verlassen. Ihre Sicherheit sei dort nicht mehr gewährleistet, so das Außenministerium am Dienstag. Pakistan hatte den USA nach den Anschlägen in New York und Washington Unterstützung im Kampf gegen Terroristen zugesagt. Die USA haben Pakistan gebeten, bei einem Angriff auf Afghanistan pakistanischen Luftraum nutzen zu dürfen.
Iraks Präsident Saddam Hussein warf den USA Kriegstreiberei vor und beschuldigte Washington, die Terroranschläge als Vorwand für die Begleichung alter Rechnungen zu benutzen. Er erklärte in einem offenen Brief an das US-amerikanische Volk und die westliche Welt, die USA wollten nun gegen alle Moslems vorgehen.
Ermittler in den USA sehen laut einem Pressebericht eine konkrete Verbindung zwischen den Attentätern und bin Laden. Zwei der Luftpiraten hätten Verbindungen zu einem Mann gehabt, der im Dienste bin Ladens zur Jahrtausendwende Anschläge in Jordanien plante, berichtete die New York Times. Der Bostoner Taxifahrer Rajed Hidschasi war im September in Jordanien zum Tode verurteilt worden. Er hatte angeblich gestanden, Kontakte zu bin Laden unterhalten zu haben. Laut New York Times hatte er auch Kontakte zu Satam As Sukami und Ahmed Alghamdi, die als Flugzeugentführer auf einer Liste der Bundespolizei FBI stehen. Sie waren an Bord der beiden Maschinen, die in die Türme des World Trade Centers rasten.
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Glaubenskrieger, wahrhaft steinzeitlich
In der Ideologie der Taliban mischt sich paschtunischer Nationalismus mit Radikal-Islamismus
Von Ahmad Taheri (Frankfurt a. M.)
Der Prophet Mohammed soll gesagt haben, "Meine Gemeinde wird sich in 72 Gruppen spalten. Nur eine von ihnen wird die wahre sein." Im Laufe der islamischen Geschichte entstanden Hunderte von Sekten, von denen eine jede meinte, sie sei der von dem Propheten verheißene Hüter des wahren Islam. Die neueste Gruppe, die sich als Vortrupp des "wahren Islam" ansieht, sind die Taliban. Der arabische Plural bedeutet "Religionsschüler" oder "Koranschüler".
Als die Taliban 1996 in Kabul einmarschierten, gab es eine Pressekonferenz. Auf den Einwand eines Journalisten, der Mufti von Ägypten als höchste religiöse Autorität des Islam habe per Fatwa die Schließung der Mädchenschulen in Kabul als unislamisch bezeichnet, antwortete Maulawi Mottaqi, der damalige Kulturminister der neuen Herrschaft: "Der Mufti hat keine Ahnung vom wahren Islam."
Mottaqi hatte nur drei Jahre lang eine Koranschule besucht. In der Kairoer Universität Al-Azhar oder im iranischen Qom beansprucht ein theologisches Studium mindestens zehn Jahre. Die meisten Taliban jedoch wurden per "Schnellkurs" unterwiesen. Theologen sollten aus ihnen nicht werden, sondern Glaubenskämpfer.
Sie waren Söhne der afghanischen Flüchtlinge im pakistanischen Grenzgebiet, wo sie auch ihre religiöse Schulung erhielten: In Medressen, den religiösen Schulen des fundamentalistischen Vereins "Versammlung der Gelehrten des Islam", eines Ablegers der berüchtigten Haqqani-Schule, wurde ihnen ein kriegerischer Islam eingetrichtert. Die Haqqani-Schule entstand in Indien als Reaktion auf die bunte Götterwelt des Hinduismus. Sie ist das indische Pendant zum puritanischen islamischen Wahhabismus, der herrschenden Religion in Saudi-Arabien. Daher rührt auch die ideologische Nähe zwischen dem saudischen Terroristen Osama bin Laden und den Taliban.
Eines Tages im Herbst 1994 hissten die Koranschüler die weiße Fahne des Friedens und marschierten in die afghanische Heimat ein. Einer ihrer Lehrer, der pakistanische Rechtsgelehrte Maulawi Abdulqani, hatte zum Dschihad "gegen das Verderbnis" im afghanischen Nachbarland aufgerufen. Dass ausgerechnet ein pakistanischer Mullah zum heiligen Krieg getrommelt hatte, erhärtete den Verdacht, hinter den frommen Studenten stehe der pakistanische Geheimdienst. Islamabad, so hieß es, wolle mit Hilfe der Taliban die Transportwege zwischen Indus und Amu-Darja, dem Grenzfluss zu den mittelasiatischen Republiken, sichern. Dieser Verdacht wurde später durch die offenbare finanzielle und militärische Unterstützung der Taliban durch Pakistan bestätigt.
Auch die USA hatten ihre Finger im Spiel. An der östlichen Grenze des "Schurkenstaates Iran" sollte eine antischiitische Macht installiert werden. Auch sollten die Taliban zu Wächtern über die Gas-Pipelines werden, die von Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan zu den indischen Gewässern führen sollte. Die Route über Iran kam für Washington nicht in Frage.
Das erste Ziel der Taliban war die südafghanische Stadt Kandahar. Die Bevölkerung empfing die paschtunischen Eiferer mit Jubel. Ihr Ruf als Vorkämpfer des Friedens war ihnen vorausgeeilt. Mit drakonischen Maßnahmen sorgten sie in der von den Mudschaheddin-Truppen geschundenen Stadt für Ruhe und Ordnung. Den Männern des islamischen "law and order" gelang in kurzer Zeit der Siegeszug durch die afghanischen Provinzen. Die dort beheimateten paschtunischen Stämme schlossen sich der neuen Gruppe an.
Die Begeisterung für die "Heerscharen der Scharia" galt freilich weniger der Frömmigkeit der Taliban als ihrer ethnischen Herkunft. In den Taliban sah man die Vortruppe des Paschtunentums auf dem Marsch in die afghanische Hauptstadt, wo bisher die persischsprachigen Tadschiken das Sagen hatten. Die Taliban-Bewegung ist also eine Mischung aus Steinzeitislam und paschtunischem Nationalismus. Viele ihrer Bräuche, wie etwa die Verhüllung der Frauen, die mit der Scharia begründet werden, wurzeln in Wahrheit von ihren Stammestraditionen.
1996 marschierten die Taliban im "Sündenpfuhl Kabul" ein. Als erstes richteten sie den Kommunistenchef Nadschibullah hin. Drei Jahre später eroberten die Koranschüler mit Hilfe des pakistanischen Militärs die Städte im Norden. Das Reich der Nordallianz unter dem international anerkannten Staatschef Burhanuddin Rabbani und dem vor kurzem ermordeten Ahmad Schah Massud schrumpfte auf zehn Prozent des afghanischen Berglands.
Auf 50 000 Mann werden die Kämpfer der Taliban geschätzt. Hinzu kommen 3000 Araber, die auf Osama bin Laden hören. Auch einige tausend "Freiwillige" aus Pakistan dürften auf der Seite der Taliban kämpfen. Mit Opium und Heroin finanzieren die Koranschüler ihren heiligen Krieg.
Einen monolithischen Block bilden die Taliban wohl kaum. Unter ihnen gibt es viele Khalqi, frühere Kommunisten paschtunischer Herkunft. Sie fliegen die MIGs und steuern die Panzer der Taliban. Auch unter den Koranschülern selbst gibt es Unterschiede. Der Premierminister Mohammad Rabbani, der vor einigen Monaten starb, galt als Gemäßigter. Es gibt Spekulationen, man habe ihn beseitigt. Das Sagen haben jedenfalls die Hardliner, vor allem der Taliban-Führer Mullah Mohammad Omar al-Mujahed. Auf seinen persönlichen Befehl wurden Tausende von Schiiten in Mazar e-Sharif im Norden Afghanistans massakriert. Er befahl per Fatwa die Sprengung der Buddha-Statuten von Bamian.
Tausend afghanische Theologen haben ihn zum Emir al-Mu'menin, zum "Fürsten der Gläubigen" erklärt. Der hagere, hochgewachsene Mann hat im "heiligen Krieg" gegen die Sowjets ein Auge verloren. Kein westlicher Journalist hat ihn bisher gesehen. Als Hüter der Scharia, des islamischen Rechts, lässt er Dieben Hände und Füße abhacken und Ehebrecher öffentlich steinigen. Er ordnete die strenge Trennung der Geschlechter an. Die afghanischen Frauen zwang er, die Burka zu tragen, ein sackartiges Gewand, das sie von Kopf bis Fuß verhüllt. Er verbot ihnen, allein das Haus zu verlassen. Auch für die Männer gelten strenge Vorschriften. Wer in westlicher Kleidung, mit unbedecktem Haupt oder ohne langen Bart erwischt wird, wird von bewaffneten Sittenwächtern mit Peitschenhieben bestraft. Schon Schulkinder müssen einen Turban tragen. Musik, Fernsehen und Fotoapparate sind als Teufelswerk verboten.
Die Taliban haben Afghanistan zu einer Trutzburg religiöser Knechtung gemacht. Ein Großteil der Bevölkerung dürfte die Entmachtung der "Koranschüler" deshalb als Befreiung empfinden.
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Die Intoleranz der Glaubenskrieger
Jeder, auch jeder Muslim, muss sich selbst sein Bild vom Islam machen können - erst so wird man begreifen, dass es den Islam nicht gibt und der Alleinvertretungsanspruch eines Osama bin Laden absurd ist
Von Katharina Sperber
Jeder Religion wohnt ein Moment inne, wo Glaube in Fanatismus und Fanatismus in Gewalt umschlagen kann. So lässt sich die Geschichte des Christentums als eine mörderische lesen: Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Völkermord an den Indianern. Was nicht heißt, dass alle Christen potenzielle Verbrecher sind. Genauso wenig wie alle Muslime Terroristen sind. Auch wenn die Ermittler davon ausgehen, dass die Massenmörder von New York Glaubenssätzen des Islam folgten.
Die Unterscheidung zwischen Religion und ihren perversen Auswüchsen ist für pluralistische Gesellschaften konstituierend. Deswegen suchen wir stets nach rationalen Gründen, wenn Glaube in Gewalt mündet. Und finden sie in der ungleichen Verteilung des Reichtums oder in der politischen Unterdrückung von Minderheiten und Völkern. Den Islamismus, der die Religion zur politischen Ideologie erhebt, beschreiben wir als - für uns inakzeptable - Antwort auf die gescheiterte Moderne in Ländern der Dritten Welt. Und doch erklärt uns diese Sicht nicht restlos, warum Religionen einen so fruchtbaren Nährboden für Hass und Gewalt bilden.
Ein Grund ist, dass alle Religionen für sich beanspruchen, im Besitz der allein selig machenden Wahrheit zu sein, obwohl sie in sich höchst widersprüchlich und auslegungsbedürftig sind. Die christlichen Kirchen mussten seit der Aufklärung lernen, dass sie ihre Inkonsequenzen offen kommunizieren müssen und dass sie nur eine Stimme in der Diskursgesellschaft haben. Nur so werden sie ernst genommen.
Muslime in der Diaspora verstehen dieses Prinzip der liberalen Gesellschaft erst nach und nach. Und muslimisch geprägte Länder nur durch äußeren Druck. Unter den bösartigen Verdacht geraten, ihre Religion sei gewalttätig und menschenverachtend, erklären sie nun, der Islam sei nur friedfertig und tolerant. Ein Terrorist wie Osama bin Laden könne sich nicht auf den Koran und die Hadith, die vom Propheten Mohammed überlieferten Regeln, berufen. Das kann man so sehen, muss es aber nicht. Denn die heiligen Schriften des Islam enthalten Suren und Verse, die der Interpretation bedürfen.
Beispiel Tötungsverbot: Im Koran steht, wer einen Menschen umbringt, vergeht sich damit an der ganzen Menschheit und wird dafür Höllenqualen leiden. Aber der Koran nennt auch Bedingungen, unter denen dieses Gebot außer Kraft gesetzt wird. (Wie übrigens auch unser Recht, das auf dem christlichen Menschenbild gründet, Tötung aus Notwehr kennt.) Ein Ausnahmezustand für den Muslim ist der Krieg. Islamisten sehen sich im Krieg gegen die Ungläubigen und fühlen sich durch den Koran sehr wohl gerechtfertigt.
Beispiel Selbstmordattentat: Die Hadith lehnen Selbsttötung ab. Aber es ist ehrenhaft, als Märtyrer im Kampf zu sterben. Einige islamische Rechtsgelehrte bestehen darauf, dass den echten Märtyrer der Tod ungewollt ereilen muss. Es gibt aber auch islamische Geistliche, die bei Selbstmordanschlägen nicht von Suizid sprechen, sondern sie als Aktionen von Märtyrern gegen Unrecht gutheißen.
In der globalisierten Informationswelt bleibt der Streit der Interpreten des Islam nicht verborgen. Und Nicht-Muslime fragen sich, was nun gilt. Es hilft nichts, wenn in die Defensive geratene muslimische Gemeinschaften ihre humane Auslegung der Ver- und Gebote als den wahren Islam verkünden und alle anderen Interpretationen für nichtislamisch erklären. Und sie dürfen nicht übersehen: Sie haben Glaubensbrüder, die Terroristen sind oder Frauen steinigen und für sich beanspruchen, als die wahren Gläubigen zu gelten.
Der moderne Diskurs folgt der Aufklärung, als dem Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Immanuel Kant hat diese Unmündigkeit definiert als das Unvermögen, sich seines Verstands ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Jeder, auch jeder Muslim, muss sich selbst sein Bild vom Islam machen können. Erst so wird man begreifen, dass es den Islam nicht gibt.
Damit ist der Alleinvertretungsanspruch eines Osama bin Laden, für den Islam als Ganzes zu sprechen, ad absurdum zu führen. Wie jeder Versuch, alle Muslime mit Terroristen gleichzusetzen, unaufgeklärt und einer offenen Gesellschaft unwürdig ist. Nur das Wissen um die Relativität aller angeblich absoluten Wahrheiten macht uns tolerant.
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Das verbotene Verbot
Religiöse Gruppen sind vor staatlichem Zugriff sicher
Von Matthias Drobinski
München - Wer derzeit in Deutschland einen verbotssicheren Verein gründen will, der gibt seinem Zusammenschluss am besten einen (pseudo- )religiösen Zweck. Denn das Vereinsgesetz von 1964 erlaubt zwar dem Bund und den Ländern, einen Verein zu verbieten, wenn "seine Zwecke und seine Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderlaufen" oder wenn er sich "gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder den Gedanken der Völkerverständigung richtet". Ausgenommen davon sind jedoch "Religionsgemeinschaften und Vereinigungen, die sich die gemeinschaftliche Pflege einer Weltanschauung zur Aufgabe machen".
Deshalb ist die "Scientology-Church" genauso schwer zu verbieten wie der Verein des selbst ernannten "Kalifen von Köln", Metin Kaplan; Sekten-Chefs und Islamisten-Führer bleiben unbehelligt, solange sie nicht selber Straftaten begehen wie "Kalif" Kaplan (s. nebenstehenden Artikel). Lediglich gegen Neo- Nazis ist das Vereinsverbot ein Mittel; seit 1980 haben Bund und Länder es insgesamt 23mal angewendet.
Dass diese Schieflage sich ändern sollte, war schon vor den Anschlägen in den USA weitgehend entschieden. Bereits die Regierung Helmut Kohl hatte das so genannte Religionsprivileg abschaffen wollen; Innenminister Otto Schily griff das Vorhaben auf: das Verbotsverbot sei "antiquiert". Bei einem Treffen mit Schily im Frühjahr 2001 hatten Vertreter der großen Kirchen keine Einwände: "Der Staat muss seine Verfassung schützen", sagt Thomas Krüger, Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die Rechte von Kirchen und Religionsgemeinschaften seien nicht bedroht: "Der Gesetzgeber hat von sich aus das Religionsprivileg ins Vereinsrecht aufgenommen, wenn es sich als nicht praktikabel erweist, kann er es auch wieder streichen."
So liegt seit dem 5. September der Entwurf des Innenministeriums für ein neues Vereinsrecht vor; er soll am Mittwoch im Kabinett verabschiedet werden und wird wohl auch schnell durch Bundestag und Bundesrat gehen. Dann dürften bald Kaplans Verband der islamischen Vereine und Gemeinden verboten werden sowie mehrere kleine islamistische Gruppen, die sich besonders aggressiv antisemitisch und antiwestlich gebärden.
Auch der Zentralrat der Muslime in Deutschland begrüßt die Pläne Schilys. Gesetzesverstöße und Terror müssten vom Staat bestraft werden, sagt der Vorsitzende Nadeem Elyas. Er warnt allerdings davor, nun generell islamischen Organisationen den Vereinsstatus zu entziehen: "Die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und Verhältnismäßigkeit dürfen nicht angetastet werden."
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Gesetzesbruch gehört zum Programm
Der Kölner "Kalifatstaat" ist die radikalste unter den verfassungsfeindlichen islamistischen Organisationen
Von Annette Ramelsberger
München - Die Männer in den dunklen Kaftanen weigern sich aufzustehen, als die Richter den Saal betreten. Sie weigern sich aufzustehen, als die Dolmetscher vereidigt werden. Dafür springen sie auf, als der Angeklagte im Gerichtssaal erscheint: Der "Emir der Gläubigen und Kalif der Muslime", Metin Kaplan aus Köln - der Mann, der sich als geistlicher Führer von 1100 meist türkischen Islamisten in Deutschland betrachtet. Der die Weltherrschaft des Islam anstrebt. Und dessen Anhänger dem Staatsanwalt erklären, dass der deutsche Staat es gefälligst "mit Nachsicht" behandeln solle, "wenn wir Ihre Gesetze nicht einhalten." Denn: "Ein Muslim kann sich nicht an Gesetze halten, die nicht von Gott sind."
Was sich da vor einem Jahr vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf ereignete, hat ein Schlaglicht geworfen auf eine Gemeinschaft, die in Deutschland lebt und dennoch nichts anderes will, als dieses Staatswesen zu bekämpfen. Die Islamisten des "Kalifatstaates" erklären ganz offen, dass sie Demokratie ablehnen und alle Demokraten zur Hölle wünschen. Anhänger prügeln sich mit Polizisten im Gerichtssaal und recken die Fäuste zum Himmel. Auf ihrer Internet-Homepage fordern sie schon mal: "Bereitet der Herrschaft einer Hand voll stinkender und ängstlicher Juden ein Ende!"
Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Anhänger des selbst ernannten Kalifen bald verboten werden. Denn die Bundesregierung will aggressiven Islamisten, die unter dem Deckmantel der Glaubensgemeinschaft ihr Unwesen treiben, das so genannte Religionsprivileg entziehen. Unter dem Eindruck der Attentate in den USA wollen Innenpolitiker von Bund und Ländern die Aggressionen islamistischer Fundamentalisten auf deutschem Boden nicht mehr hinnehmen. Bundeskanzler Gerhard Schröder kündigte an, bereits am Mittwoch im Kabinett über das Verbot zu entscheiden. Innenminister Otto Schily erklärte, die Anhänger des Kalifen von Köln betrieben "übelste antisemitische Hetze". Imame riefen dazu auf, jüdische und amerikanische Geschäfte in Deutschland zu boykottieren, die "amerikanischen Hunde" sollten vernichtet werden, deutsche und muslimische Kinder dürften nicht miteinander spielen, weil deutsche Kinder "verdorben" seien.
,,Es ist unerträglich, wenn solche Leute jeden Freitag in unserem Land zum Töten aufrufen", erklärte auch Bayerns Innenminister Günther Beckstein. Rund 31000 Islamisten zählt der Verfassungsschutz bundesweit, zusammengeschlossen in 20 Organisationen. Doch die aggressivste von allen ist der "Kalifatstaat". Zimperlich sind Metin Kaplan und seine Leute auf jeden Fall nicht: Kaplan hatte 1997 offen zum Mord an einem Konkurrenten aufgerufen. Kurz darauf war der Mann tot. Derzeit sitzt der Kalif wegen dieses Aufrufs zum Mord in Haft. Zu vier Jahren hat ihn das Oberlandesgericht Düsseldorf verurteilt, eineinhalb Jahre hatte er davor schon in Untersuchungshaft gesessen. Sicherheitsexperten erwarten mit Bangen das Jahresende, zu dem Metin Kaplan nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner Haft vermutlich freikommt. Dann sei davon auszugehen, dass auch die Anhänger des Kalifen wieder aktiver würden als in den letzten Monaten. Unklar ist, wie ein Verbot auf die Fundamentalisten wirken könnte. Sicher werde die Zahl der Anhänger abnehmen, berichten Geheimdienstler, es sei aber nicht auszuschließen, dass sich einzelne radikalisieren und den Mudschaheddin anschließen könnten.
Dagegen wird der Bannstrahl Schilys wohl kaum die größte islamistische Vereinigung in Deutschland treffen - zumindest vorerst nicht. Die islamische Gemeinschaft Milli Görüs mit ihren 27000 türkischen Anhängern will den deutschen Staat nicht aggressiv bekämpfen wie die Kalifatstaatler, sondern von innen her aushöhlen. Die Milli Görüs würde nie zum gewaltsamen Kampf aufrufen, sie gibt sich betont zivil. Ihr Führer Mehmet Erbakan, ein Neffe des türkischen Ex-Premiers, hat letzte Woche sogar alle Mitgliedsgemeinden aufgerufen, nach dem Freitagsgebet für die Opfer der Terroranschläge in den USA zu beten. Dennoch gilt die religiöse Gemeinschaft als verfassungsfeindlich und wird vom Verfassungsschutz beobachtet. "Unter dem Mantel islamischer Erziehungs- und Bildungsarbeit ist Milli Görüs bestrebt, türkische Jugendliche dem Einfluss der westlichen pluralistischen Gesellschaft zu entziehen und sie auf eine an Koran und Scharia orientierte islamistische Denkweise einzuschwören", heißt es bei Verfassungsschützern. Die Islamisten wollen, dass Jungen und Mädchen nicht gemeinsam am Schwimmunterricht in deutschen Schulen teilnehmen müssen, dass Lehrerinnen auch mit Kopftuch lehren dürfen, und sie wollen den islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen beeinflussen - alles Dinge, die gesellschaftlich bedenklich sind, aber nichts mit Terror zu tun haben. Milli Görüs will sogar eine eigene Partei gründen und ruft ihre Anhänger auf, sich offensiv einbürgern zu lassen und dann zu wählen. In fünf Jahren, sagen ihre Führer, könnten sie im Bundestag sitzen. Vielleicht haben sie so lange nicht mehr Zeit: Auch Vereinsgesetze können geändert werden.
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Truppenaufmarsch an der Grenze zu Pakistan
Taliban bereiten sich auf Angriffe vor
Luftraum über Afghanistan gesperrt / Kabul weigert sich weiter, Osama bin Laden auszuliefern / Krisentreffen der EU am Freitag
München (SZ) - Eine Woche nach den Terroranschlägen auf die USA bereitet sich Afghanistan auf einen amerikanischen Vergeltungsangriff vor. Auf beiden Seiten der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan wurden am Montag Truppen zusammengezogen. Die afghanische Taliban-Regierung sperrte den Luftraum über dem eigenen Land für ausländische Flugzeuge. Das Vermittlungsgespräch einer pakistanischen Regierungsdelegation mit der Taliban-Führung endete ohne Ergebnis. Über die von den USA erwartete Auslieferung des mutmaßlichen Terroristenführers Osama bin Laden wurde Agenturberichten zufolge nicht ausdrücklich gesprochen. Die Europäische Union beschloss, auf einem Sondergipfeltreffen am Freitag über die Krise zu beraten.
Das pakistanische Militär berichtete von einem massiven Truppenaufmarsch afghanischer Streitkräfte an der Grenze zu Pakistan. Danach zog die radikal-islamische Taliban-Regierung bis zu 25000 Soldaten am Khyber-Pass nahe der Grenze zu Pakistan zusammen. Raketen vom Typ Scud und weitere schwere Waffen seien in Stellung gebracht worden. Auch Pakistan verstärkte seine Truppen und riegelte die Grenze ab. Angesichts drohender US-Vergeltungsangriffe sperrten die Taliban den Luftraum über Afghanistan. Bei einer Missachtung des Flugverbots werde das "Verteidigungsministerium entsprechend reagieren", sagte der "Minister" für zivile Luftfahrt, Achtar Mohammed Mansur.
Die USA wiesen Luftlandetruppen und andere Elite-Einheiten an, sich für eine mögliche Verlegung bereitzuhalten. Die Anordnung der Kommandeure weist die Soldaten an, sich auf weitere Befehle einzustellen, wie das Verteidigungsministerium mitteilte. US-Präsident George W. Bush hatte seine Landsleute am Sonntag auf einen "langen Kreuzzug" gegen den Terrorismus eingestimmt.
Pakistan versuchte offensichtlich ohne großen Erfolg, einen drohenden amerikanischen Militärschlag gegen Afghanistan abzuwenden und das Taliban- Regime zur Auslieferung des mutmaßlichen Terroristen Osama bin Laden zu bewegen. Mit diesem Ziel war eine hochrangige pakistanische Delegation nach Kandahar gereist, dem geistlichen Zentrum der Taliban. Nach einer Unterredung mit dem Taliban-Anführer Mullah Mohammed Omar zitierte die private afghanische Nachrichtenagentur AIP den Taliban-Sprecher Mullah Abdul Hadschi Motmain mit den Worten: "Es gibt eine 60-prozentige Chance, dass sich die Lage normalisiert." Beide Seiten hätten alle Aspekte der Lage erörtert, "mit Ausnahme der Auslieferung bin Ladens an die USA". Beide Seiten hätten aber darin übereingestimmt, die "Verstimmungen" zwischen den USA und den Taliban beseitigen zu wollen. Die Taliban-Regierung hat nach Einschätzung Pakistans kaum noch Zeit, US-Vergeltungsanschlägen zu entgehen. "Es gibt kein Ultimatum, aber die Zeit wird endgültig knapp", sagte der pakistanische Außenminister Abdul Sattar der Nachrichtenagentur Reuters.
Aus Furcht vor einem Vergeltungsschlag der USA waren dem UN- Flüchtlingshilfswerk UNHCR zufolge Zehntausende Afghanen auf der Flucht. Sie seien in Richtung Pakistan und Iran unterwegs, teilte ein UNHCR-Sprecher in Islamabad mit. Wegen der prekären Sicherheitslage rief die Regierung in London alle britischen Bürger zum Verlassen der pakistanischen Grenzregionen zu Afghanistan auf, während die US-Botschaft in Islamabad den Abzug aller Mitarbeiter bis auf eine Notbesetzung beantragte. Das Auswärtige Amt hatte bereits am Vortag hundert in der Grenzregion zu Afghanistan vermutete Deutsche aufgefordert, das Gebiet zu verlassen.
Der Irak warnte die arabischen und islamischen Staaten davor, sich einer von den USA geführten Anti-Terror-Allianz anzuschließen. "Bei den Explosionen in den USA handelt es sich um eine innere Angelegenheit", sagte Vizepräsident Taha Jassin Ramadan in Bagdad. Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union wollen voraussichtlich am Freitag in Brüssel zu einem Sondergipfel zusammentreffen. Wie aus EU-Kreisen verlautete, soll es um die internationale politische Lage nach den Anschlägen in New York und Washington gehen. Die Staats- und Regierungschefs der EU sollen darüber beraten, welche Konsequenzen aus diesen Anschlägen zu ziehen sind. Die meisten der 15 EU- Regierungen hätten bereits zugesagt. Anti-Terror-Spezialisten aus Deutschland, Belgien, Frankreich und den Niederlanden kamen in Brüssel zu Beratungen über den Stand der Ermittlungen zu den Terroranschlägen zusammen.
Das Bundeskriminalamt (BKA) durchsuchte wegen der Terroranschläge weitere Wohnungen. Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft sagte, am Sonntagabend seien eine Wohnung in Hamburg und zwei in Bochum durchsucht worden. Noch gebe es keine gesicherten Erkenntnisse, dass die drei mutmaßlichen Attentäter, die zeitweise in Hamburg studierten, Verbindungen zu bin Laden unterhalten hätten.
Warnung vor Kulturkampf
Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus soll nach dem Willen von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) nicht nur militärisch und politisch, sondern auch kulturell geführt werden. Die "geistige Auseinandersetzung" mit den Grundlagen des Terrorismus müsse nun erst recht losgehen, forderte er. Er mahnte zudem, die Anschläge in den USA dürften nicht zu einem "Kampf der Kulturen" führen. Verteidigungsminister Rudolf Scharping erwartete einen groß angelegten Vergeltungsschlag der USA gegen den internationalen Terrorismus. Scharping sagte vor einer Sitzung des SPD- Präsidiums: "Der militärische Teil der Antwort wird stark sein". In den USA gehen die Behörden inzwischen von bis zu 5300 Toten aus - darunter bis zu hundert Deutsche.
Feuerwehrleute, freiwillige Helfer und Polizisten mit Spürhunden suchten am Montag in den Trümmern des New Yorker World Trade Centers weiter nach Überlebenden der Terroranschläge vom 11.September. Es werden noch immer etwa 5000 Menschen vermisst.
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Aus Angst vor US-Angriffen auf Afghanistan fliehen die Einwohner zu Tausenden nach Pakistan, wo bereits zwei Millionen Landsleute in Lagern leben.
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