Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

"Die Ulema sind traurig"

Die Erklärung der Geistlichen

Donnerstag, 20. September 2001

Ein Rat von rund 1000 afghanischen Geistliche hat am Donnerstag dem Taliban-Regime geraten, den gesuchten Terroristenführer Osama bin Laden zum Verlassen des Landes zu bewegen. An die Vereinigten Staaten appellieren die Geistlichen, die Geduld zu wahren und die Vorgänge um die Anschläge in den USA genau untersuchen zu lassen. Die folgenden Auszüge der Abschlusserklärung der Ulema (islamische Theologen und Rechtsgelehrte) wurden von der Nachrichtenagentur der Taliban in paschtunischer Sprache verbreitet und von der Associated Press übersetzt:

"Die Ulema Afghanistans sind traurig über die Verluste in den Vereinigten Staaten und hoffen, dass die Vereinigten Staaten keinen Angriff gegen Afghanistan führen, sondern Geduld und Flexibilität beweisen werden und sich Zeit für eine sorgfältige Untersuchung der Vorfälle nehmen.

Die afghanischen Ulema fordern die Vereinten Nationen und die OIC (Organisation der Islamischen Konferenz) auf, die Vorfälle in den Vereinigten Staaten zu untersuchen, um zu erfahren, wer hinter den Vorfällen steckt, und die Tötung unschuldiger Menschen in der Zukunft zu verhindern. Die Vereinten Nationen und die OIC sollte die Äußerungen des amerikanischen Präsidenten zur Kenntnis nehmen, der gesagt hat, dass der Krieg ein Kreuzzug sein wird. Diese Bemerkungen haben die Gefühle der moslemischen Gemeinschaft verletzt und stellen eine ernsthafte Gefahr für die Welt dar.

Um solche Vorfälle zu verhindern und sicherzustellen, dass es in der Zukunft keine Missverständnisse gibt, fordert der Rat der Ulema die Islamische Herrschaft (Emirat) Afghanistan auf, Osama bin Laden dazu zu bewegen, Afghanistan zu verlassen und sich einen neuen Platz zu suchen, wann immer das möglich ist.

Wenn die Vereinigten Staaten nach diesen Vorschlägen Afghanistan angreifen, verstößt dies gegen das heilige islamische Recht. Es wäre ein gegen den Islam gerichteter Akt. Die islamische Rechtsprechung ist sich nach dem Koran, den Lehren des Propheten und allen juristischen Lehrbüchern einig darin, dass der Heilige Krieg (Dschihad) unausweichlich ist, wenn Nichtmoslems ein moslemisches Land angreifen."

Copyright © Frankfurter Rundschau 2001


Zum Feature

Zur Hauptseite