Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Rede des US-Präsidenten George W. Bush vor dem Kongreß

Freitag, 21. September 2001

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, George W. Bush, hielt in der Nacht von Donnerstag auf Freitag vor dem Kongreß eine Rede zu den Terroranschlägen in New York und Washington. Ich habe diese Rede in Teilen übersetzt und stelle sie hier zur Verfügung.

"Herr Präsident (des Repräsentantenhauses),
Herr Präsident pro Tempore (des Senats),
Mitglieder des Kongresses,
liebe Landsleute:

Normalerweise kommen die Präsidenten der Vereinigten Staaten hierher, um über die Lage der Nation zu berichten. Heute brauchen wir einen solchen Bericht nicht.

Wir haben die "Lage der Nation" gesehen im Mut von Passagieren, die Terroristen angriffen, um Menschen am Boden zu retten - Passagiere wie ein außergewöhnlicher Mann mit Namen Todd Beamer. Bitte heißen Sie mit mir seine Frau, Lisa Beamer, hier heute abend herzlich willkommen.

Wir haben die "Lage der Nation" in der Ausdauer der Retter gesehen, die unermüdlich arbeiteten. Wir sahen das Hissen von Flaggen, das Anzünden von Kerzen, das Spenden von Blut und das Sprechen vieler Gebete - in Englisch, Hebräisch und Arabisch. Wir sahen den Anstand eines liebenden und freigiebigen Volkes, das sich die Trauer von Fremden zueigen machte.

Meine lieben Mitbürger: in den letzten neun Tagen hat die Welt selbst die Lage unserer Nation erleben können, und diese Nation ist stark!

Heute Abend sind wir ein Land, aufgerüttelt von der Gefahr und aufgerufen, die Freiheit zu verteidigen. Unsere Trauer hat sich in Ärger verwandelt, und unser Ärger wurde zu Entschlossenheit. Ob wir nun die Feinde ihrer gerechten Strafe zuführen, oder ob wir die Strafe zu den Feinden schicken, es wird Gerechtigkeit an ihnen getan!

Ich danke dem Kongreß für seine Führung in dieser wichtigen Zeit. Ganz Amerika war bewegt am Abend der Tragödie, als Demokraten und Republikaner auf den Stufen dieses Capitols gemeinsam "Gott schütze Amerika" sangen. Und Sie haben mehr getan als Singen, indem sie 40 Milliarden Dollar für den Wideraufbau der Städte und für die Bedürfnisse des Militärs zur Verfügung stellten.

...

Und im Namen des amerikanischen Volkes danke ich der ganzen Welt für ihre große Unterstützung. Amerika wird den Klang seiner Nationalhymne im Buckinghampalast, in den Straßen von Paris und am Brandenburger Tor in Berlin nie vergessen. Wir werden die Südkoreanischen Kinder, die vor unserer Botschaft beteten, oder die Gebete in einer Kairoer Moschee niemals vergessen. Und wir vergessen nicht die Momente der Stille und die Tage der Trauer in Australien, Afrika und Lateinamerika.

Auch vergessen wir nicht die Bürger von 80 Nationen, die mit unseren Mitbürgern starben: Dutzende Pakistanis, mehr als 130 Israelis, mehr als 250 Bürger Indiens, Frauen und Männer aus Elsalvador, Iran, Mexiko und Japan, und hunderte britischer Staatsbürger. Amerika hat keinen wahreren Freund als Großbritannien. Wiedereinmal sind wir in einem gemeinsamen Ziel vereint. Der britische Premierminister ist über einen Ozean hinweg zu uns gekommen, um seine Einigkeit mit den Zielen Amerikas zu demonstrieren, und wir begrüßen heute Abend Tony Blair.

Am 11. September haben Feinde der Freiheit einen kriegerischen Akt gegen unser Land begangen. Amerikaner kennen den Krieg, doch in den letzten 136 Jahren war es stets ein Krieg auf fremdem Territorium, mit Ausnahme eines Sonntags im Jahre 1941. Amerikaner kennen Kriegsopfer, aber nicht im Zentrum einer Großstadt an einem friedlichen Morgen. Amerikaner kennen Überraschungsangriffe, doch niemals zuvor auf tausende von Zivilisten. All das brach an einem einzigen Tag über uns herein, und die Nacht senkte sich auf eine andere Welt, eine Welt, in der die Freiheit selbst unter Beschuss steht.

Die Amerikaner haben heute Abend viele Fragen. Die Amerikaner fragen: Wer hat unser Land angegriffen?

Das Beweismaterial, das wir gesammelt haben, führt zu einer Ansammlung von lose verknüpften Terrorgruppen, die als Al-qaeda bekannt sind. Es sind dieselben Mörder, die wegen der Bombenanschläge auf US-Botschaften in Tansania und Kenia angeklagt wurden, und die für den Bombenanschlag auf die U. S. S. Cole verantwortlich sind.

Al-qaeda ist für den Terror das, was die Mafia für das organisierte Verbrechen ist. Aber ihr Ziel ist es nicht, Geld zu scheffeln; ihr Ziel ist eine neue Welt, in der sie ihre radikalen Glaubensgrundsätze jedem Menschen überall aufzwingen können.

Die Terroristen praktizieren eine Abspaltung des islamischen Extremismus, die von islamischen Gelehrten und der überwiegenden Mehrheit der islamischen Geistlichen abgelehnt wird. Sie sind eine Splittergruppe, die die friedlichen Lehren des Islam pervertiert. Die Terroristen glauben, dass die Weisungen ihnen gebieten, Juden und Christen zu töten, alle Amerikaner zu töten, und keinen Unterschied zwischen Militärs und Zivilisten zu machen, einschließlich Frauen und Kinder.

Diese Gruppe und ihr Führer, eine Person Namens Osama Bin Laden, hat viele Kontakte zu anderen Organisationen in verschiedenen Ländern, darunter die ägyptische "islamischer Jihad" und die islamische Bewegung von Usbekistan.

Es gibt tausende dieser Terroristen in mehr als sechzig verschiedenen Ländern. Sie werden aus ihren Heimatländern, aus ihrer Nachbarschaft heraus rekrutiert, in Camps in solchen Ländern wie Afghanistan gebracht und dort in terroristischer Taktik geschult. Dann werden sie in ihre Heimatländer oder in Verstecke in anderen Staaten rund um die Welt zurückgeschickt, um Verbrechen und Vernichtung zu planen.

Die Führung von Al-qaeda hat großen Einfluss in Afghanistan und hilft dem Taliban-Regime, den größten Teil des Landes zu kontrollieren. In Afghanistan sehen wir Al-qaedas weltweite Zukunftsvision.

Das Volk von Afghanistan leidet unter der Gewaltherrschaft, viele verhungern, und viele sind geflohen. Frauen ist der Schulbesuch nicht gestattet. Man kann wegen Besitz eines Fernsehers eingesperrt werden. Die Ausübung der Religion ist nur nach den Regeln der Führer erlaubt. Ein Mann kann in Afghanistan eingesperrt werden, wenn sein Bart nicht lang genug ist.

Die Vereinigten Staaten respektieren das Volk von Afghanistan, wir sind sogar seine größte Quelle humanitärer Hilfe, aber wir verurteilen das Taliban-Regime. Es unterdrückt nicht nur sein eigenes Volk, sondern es gefährdet alle Völker durch die finanzielle, territoriale und logistische Unterstützung von Terroristen. Indem die Taliban bei Mord helfen und Mord begünstigen, begehen sie Mord! Und heute Abend stellen die Vereinigten Staaten von Amerika die folgenden Forderungen an die Taliban:

Überstellen Sie alle Führer der Al-qaeda, die sich in Ihrem Land versteckt halten, an US-amerikanische Behörden.

Entlassen Sie alle ausländischen Staatsbürger - einschließlich amerikanischer Staatsbürger - die Sie unrechtmäßig gefangenhalten, und beschützen Sie ausländische Journalisten, Diplomaten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in Ihrem Land.

Schließen Sie unverzüglich und dauerhaft jedes Trainingscamp für Terroristen in Afghanistan, und überstellen Sie jeden Terroristen und jeden Unterstützer von Terroristen an die zuständigen Behörden.

Geben Sie den Vereinigten Staaten vollen Zugang zu den Trainingscamps, damit wir sicherstellen können, dass sie auch wirklich nicht mehr arbeiten.

Über diese Forderungen wird nicht verhandelt oder diskutiert. Die Taliban müssen handeln, und zwar sofort. Entweder sie überstellen die Terroristen, oder sie werden ihr Schicksal teilen.

Ich möchte außerdem heute Abend zu den Muslimen in der ganzen Welt sprechen. Wir respektieren Ihren Glauben. Er wird frei von Millionen Amerikanern ausgeübt und auch von vielen Millionen Menschen in Ländern, die Amerika zu seinen Freunden zählt. Die Glaubenslehren des Islam sind gut und friedvoll, und wer Böses im Namen Allahs begeht, beschmutzt den Namen Allahs. Die Terroristen sind Verräter an ihrem eigenen Glauben und versuchen letztendlich, ihren Glauben zu "entführen", in eine neue Richtung zu drängen. Nicht unsere vielen islamischen Freunde, nicht unsere vielen arabischen Freunde sind die Gegner Amerikas, unser Gegner ist ein radikales Netzwerk von Terroristen und jede Regierung, die es unterstützt.

Unser Krieg gegen den Terrorismus beginnt mit Al-qaeda, doch er hört damit nicht auf. Er wird weitergehen, bis jede terroristische Organisation von globaler Bedeutung gefunden, gestoppt und besiegt worden ist.

Die Amerikaner fragen sich: Warum hassen sie uns?

Sie hassen was wir hier in diesem Saal sehen, eine demokratisch gewählte Regierung. Ihre Führer sind selbsternannt. Sie hassen unsere Freiheiten - unsere Religionsfreiheit, unsere Redefreiheit, die Wahl- und Versammlungsfreiheit und die Freiheit, unterschiedlicher Meinung zu sein.

Sie wollen bestehende Regierungen in islamischen Staaten umstürzen, wie in Ägypten, Saudi Arabien und Jordanien. Sie wollen Israel aus dem mittleren Osten heraustreiben. Sie wollen Juden und Christen aus weiten Teilen Asiens und Afrikas hinaustreiben.

Diese Terroristen töten nicht einfach, um Leben zu beenden, sondern um eine Lebensart zu zerstören. Mit jeder Grausamkeit hoffen sie zu erreichen, dass Amerika ängstlich wird, sich zurückzieht und seine Freunde im Stich lässt. Sie stehen gegen uns, weil wir ihnen im Weg stehen.

Wir sind nicht getäuscht von ihrem Anschein der Frömmigkeit. Wir haben Leute ihrer Art schon vorher gesehen. Sie sind die Erben all dieser mörderischen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts. Indem sie Menschenleben für ihre radikale Vision opfern, indem sie alle Werte verneinen, außer dem Willen zur Macht, treten sie in die Fußstapfen des Faschismus, des Nationalsozialismus und des Totalitarismus. Und sie werden diesen Weg bis ans Ende gehen, bis in das unbekannte Grab, das die Geschichte für abgelegte Lügen bereithält.

Die Amerikaner fragen, wie wir diesen Krieg führen und gewinnen werden.

Wir werden jedes Mittel, das uns zur Verfügung steht, jede Art der Diplomatie, jede Form nachrichtendienstlicher Ermittlungen, jedes Mittel des Rechts, jede Form von finanziellem Einfluss und jede notwendige Form des Kriegswaffeneinsatzes zur Zerstörung des globalen Terrornetzwerkes einsetzen.

Dieser Krieg wird nicht wie der Krieg gegen Irak vor zehn Jahren sein, hier geht es nicht um die Rückeroberung von Grund und Boden und eine schnelle Entscheidung. Auch wird er nicht aussehen wie der Luftkrieg über dem Kosovo vor zwei Jahren, wo keine Bodentruppen eingesetzt wurden und nicht ein einziger Amerikaner in der Schlacht fiel.

Unsere Antwort enthält viel mehr Komponenten als eine sofortige Vergeltung und isolierte Angriffe. Die Amerikaner sollten nicht eine einzige Schlacht erwarten, sondern einen langen Feldzug, der anders ist als alle, die wir bislang miterlebt haben. Es mag dramatische Angriffe geben, die man im Fernsehen sehen kann, aber auch verdeckte Operationen, die sogar nach ihrem Erfolg geheim bleiben. Wir werden die Terroristen von ihren Geldquellen abschneiden, sie gegeneinander aufhetzen, sie von Ort zu Ort treiben, bis sie keinen Fluchtpunkt und keine Ruhe mehr finden. Und wir verfolgen jede Nation, die dem Terrorismus Hilfe oder einen sicheren Hafen anbietet. Jede Nation in jeder Region hat nun eine Entscheidung zu Fällen. Entweder sie sind auf unserer Seite, oder sie sind auf Seiten der Terroristen. Von heute an wird jede Nation, die weiterhin Terroristen unterstützt oder beherbergt von den Vereinigten Staaten als ein feindliches Regime betrachtet werden.

...

Und heute Abend habe ich, nur wenige Kilometer vom beschädigten Pentagon entfernt, eine Botschaft für unsere Soldaten: Seid bereit. Ich habe unsere Truppen in Alarmbereitschaft versetzt, und es gibt einen Grund dafür. Es kommt die Stunde, da Amerika handelt und sie uns stolz machen werden.

Dies ist allerdings nicht allein Amerikas Kampf, und auf dem Spiel steht auch nicht allein Amerikas Freiheit. Es ist der Kampf der ganzen Welt, der Kampf der Zivilisation, der Kampf aller, die an Fortschritt und Pluralismus, an Toleranz und Freiheit glauben.

Wir bitten jede Nation, sich uns anzuschließen. Wir werden die Hilfe von Polizeikräften, Nachrichtendiensten und Banken auf der ganzen Welt brauchen. Die Vereinigten Staaten sind dankbar, dass schon viele Staaten und internationale Organisationen mit Sympathie und Unterstützung auf unsere Anfragen geantwortet haben. Nationen von Lateinamerika über Asien, Afrika, Europa, bis hin zur islamischen Welt. Vielleicht drückt die NATO-Charta am Besten das Verhalten der Welt aus: Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle.

Die gesamte zivilisierte Welt steht an Amerikas Seite. Man versteht dort, dass wenn dieser Terror ungestraft bleibt, die eigenen Städte, die eigenen Bürger das nächste Ziel sein können. Unbeantworteter Terror kann nicht nur Gebäude zum Einsturz bringen, sondern auch gesetzliche Regierungen destabilisieren. Und das werden wir nicht zulassen.

...

Nach allem, was gerade geschehen ist, nach all den Toten und den Hoffnungen und Möglichkeiten für die Zukunft, die sie mit sich nahmen, ist es nur natürlich, zu fragen, ob Amerikas Zukunft eine Zukunft voller Furcht sein wird. Manche sprechen von einem Zeitalter des Terrors. Ich weiß, dass vor uns Kämpfe und Gefahren liegen, die wir bestehen, denen wir ins Gesicht sehen müssen. Doch dieses Land bestimmt unsere Zeit, es lässt sich nicht von ihr bestimmen. Solange die Vereinigten Staaten von Amerika entschlossen und stark sind, wird dies nicht zu einem Zeitalter des Terrors, sondern ein Zeitalter der Freiheit hier und in aller Welt.

...

Ich werde die Wunde, die unserem Land geschlagen wurde, nicht vergessen, oder jene, die sie uns geschlagen haben. Ich werde nicht nachgeben, nicht ruhen und mich nicht erweichen lassen in diesem Kampf für die Freiheit und Sicherheit des amerikanischen Volkes.

Der Verlauf dieses Konfliktes ist nicht bekannt, doch das Ergebnis steht fest. Freiheit und Furcht, Gerechtigkeit und Grausamkeit haben sich immer bekämpft, und wir wissen, dass Gott zwischen ihnen nicht neutral ist.

Liebe Mitbürger, wir werden Gewalt mit geduldiger Gerechtigkeit begegnen, überzeugt von der Richtigkeit unseres Anliegens und auf unsere Siege vertrauend. Möge Gott uns Weisheit geben in allem, was vor uns liegt, und möge er über die Vereinigten Staaten von Amerika wachen.

Vielen Dank."

© der Übersetzung: 2001, Jens Bertrams


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