Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Nein zum Krieg

Gedanken zur Gegenwart und zur Sprachlosigkeit der vielen Worte

Freitag, 21. September 2001

Als ich am Abend des 11.09.2001 den ersten Schrecken überwunden zu haben glaubte, aber den wirklichen Schrecken noch gar nicht empfunden habe, ließ ich eine zynische Bemerkung fallen. Ich sagte: "Die Tatsache, daß wir noch keinen Atomalarm, noch keine Kriegserklärung und noch kein Bombardement haben, beweist eindeutig, daß selbst dieser Präsident denkt." Das sollte viel weniger eine Beleidigung als vielmehr eine erleichterte Feststellung sein. Bis zum Wochenende spitzte sich die Lage zwar zu, blieb aber dann merkwürdig in der Luft hängen, so als wolle das Schicksal noch einmal schlafen, bevor es zum großen Schlag ausholt. Niemand kann behaupten, keine Kriegsangst empfunden zu haben. Aber eine nüchterne Analyse muß uns zeigen, daß Präsident Bush in zumindest einem Punkt recht hat: Dieser Feldzug, wie er das nennt, wird anders als alle anderen, die wir bislang erlebten. Es wird, so sagte der Präsident offen, keine ausschließlich militärische Aktion sein, die da auf uns zukommt. Aber ich glaube nicht, daß es etwa seine Absicht war, die Terrorgruppen und deren Drahtzieher zu beruhigen. Wichtig ist hier aber festzuhalten, daß die Vereinigten Staaten nicht sofort kalt- oder heißblütig zurückgeschlagen haben, daß sie nicht sofort überreagiert haben. In einer Rede an die Nation hat Bush zwar Militärschläge angekündigt, aber Ausmaß und Art würden weder dem irakischen Krieg, noch den Angriffen auf das Kosovo ähneln.

Wer sich ernsthaft mit der Situation auseinandersetzen will, der muß zunächst einmal begreifen, daß zwar die Welt in vielen Teilen immer noch genau so aussieht, wie sie vor dem 11. September aussah, daß aber politisch und militärisch einiges in Bewegung geraten ist. Nicht nur, daß Israelis und Palästinenser wenigstens wieder den Versuch einer Andeutung eines Gespräches beginnen, auch ansonsten gegnerische Staaten stellen sich auf die Seite der USA, und überall gibt es eine zweischneidige Angst: Einmal vor der Vergeltung der USA, aber auch vor dem Terror der Gegenseite. Wer Bundeskanzler Schröder bei seiner Regierungserklärung genau zugehört hat, der hat auch gehört, daß Deutschland zwar zur Hilfeleistung, notfalls auch militärisch, bereit sei, daß man aber keine Abenteuer mittragen werde.

Trotz aller Mahnungen zur Besonnenheit fehlt aber in Deutschland die laute Gegenstimme, die ruhig, selbst besonnen und argumentativ kräftig die allgemeine Stimmung deeskaliert und alternativen aufzeigt. Diejenigen, die keinen Krieg wollen, suchen diese Stimme naturgemäß bei den Linken, doch hier herrscht, abgesehen von einem guten Aufruf der Bürgerrechtsorganisationen, die aber in der Regel sich selbst nicht als grundsätzlich links bezeichnen, ziemliche Fehlanzeige. Oft hat sich auch hier seit dem 11. September nicht viel verändert. Es hilft in der jetzigen Situation wenig, die pauschale Schuldfrage einfach umzudrehen und zu sagen, daß die USA und der Kapitalismus, Kolonialismus und Imperialismus Schuld am Terrorismus seien. Das ist weder eine Alternative, noch bringt es in der jetzigen Situation weiter. Die Bundesbürger, die Angst um ihre Zukunft haben, mit der Nase drauf zu stoßen, daß sie ja vom Elend der Welt profitieren und jetzt endlich auch mal Angst spüren, ist auch nicht der richtige Weg. Mit alten Schlagworten und Sprachmustern kommen wir in dieser Situation nicht weiter. Denn mögen bestimmte ewig trauernde Anhänger der sozialistischen Utopie auch glauben, es habe sich nichts verändert seit dem 11. September, so verkennt das nach meiner Ansicht doch die Situation.

Am 11. September 2001 wurde der Welt in nicht zu übersehender Weise vor Augen geführt, daß allein militärische aufrüstung keinen wirksamen Schutz bringt. Schmerzlich erkannten wir, daß Menschen fähig sind, sehenden Auges in einem bewußten und gewollten Akt tausende von unschuldigen zu töten. Bislang war uns das auch klar, denn die Atombombe war abgeworfen worden, aber die Dimension ist hier doch verschoben, denn die Attentäter gaben dabei ihr eigenes Leben und sahen, in was sie hineinrasten und wer mit ihnen im Flugzeug war. Die Kaltblütigkeit ist unmittelbarer als beim Hightech-Abwurf einer Bombe. Natürlich ist es richtig, jetzt und hier nach den Ursachen zu fragen. Wer aber die linkspopulistische, einfache Meinung vertritt, daß einzig und allein das derzeitig von den USA und ihren Verbündeten dominierte Wirtschaftssystem verantwortlich sei, der greift zu kurz. Ich glaube, daß auch hier Präsident Bush zumindest einen kleinen Teil der Wahrheit trifft, wenn er sagt, daß es auch um die Freiheiten geht, die wir haben. Sollte tatsächlich Osama Bin Laden hinter den Anschlägen stecken, dann geht es mit Sicherheit auch um jene radikale Glaubensrichtung, die in Afghanistan zur Staatslehre und Staatsreligion erhoben wurde., eine Religiöse Ordnung, die sich massivster Menschenrechtsverletzungen schuldig macht. Zurecht fragen sich viele Linke, warum in Deutschland jetzt so sehr wegen der USA getrauert wird, aber nicht wegen der Palästinenser, der Hungernden in aller Welt oder der afghanischen Flüchtlinge vor einem möglichen US-Angriff. Aber umgekehrt müßte man dann auch wieder fragen, wer um die Frauen trauert, die ihrer Menschenrechte in Afghanistan beraubt werden, um die Männer, deren Bärte nicht lang genug sind, oder um die Kinder, die das falsche Spielzeug haben.

Die Einseitigkeit im eigenen Denken ist also bei vielen geblieben, leider auch bei denen, die durch ihre Ansichten und ihren Sachverstand eine Menge zur Deeskalation beitragen könnten. Immer noch wird polarisierend gedacht, wie im kalten Krieg, der in dieser Form längst nicht mehr existiert. Heute brauchen wir eine Doppelstrategie. Wir müssen sowohl den Terrorismus jagen, als auch ihn verstehen und begreifen lernen. Wir müssen langfristig für Umverteilung sorgen, und kurzfristig für Sicherheit und Frieden. Präsident Bush wäre gut beraten, wenn er sich an seine eigene Aufzählung der möglichen "Gegenschläge" und der dazu verwendeten Mittel halten würde. Mit allen Mitteln der Diplomatie wolle er vorgehen, mit nachrichtendienstlichen Erkenntnissen, mit allen erlaubten Mitteln des Rechts, mit Finanzstrategien und -wenn es nötig sei - auch mit dem Militär. Viele auch Linke würden - so denke ich- nichts dagegen haben, wenn man beispielsweise die acht in Kabul gefangengehaltenen Mitarbeiter der Shelter-nor-Organisation notfalls mit einem kurzen, gezielten Militäreinsatz befreite, wenn anders ihre Hinrichtung nicht zu verhindern wäre?

Seit dem 11. September hat sich vieles verändert, aber nicht alles. Mit vielen Worten kann man immer noch wenig sagen, wie auf beiden Seiten der rhetorischen Skala zu bemerken ist. Dabei könnte man auf andere, besonnenere Weise debattieren. Neu ist nämlich, daß wir alle wissen, daß es einen internationalen Terrorismus gibt, der bekämpft werden muß. Dabei handelt es sich aber um Verbrecher, und nicht um eine kriegführende Macht. Die Charta der vereinten Nationen und der NATO-Vertrag sind nicht zur Abwehr gemeiner Verbrecher gemacht worden. Hier müssen neue Instrumente geschaffen werden, möglicherweise auch eine neue Klausel in der UN-Charta, die Staaten, die globale Terrorgruppen unterstützen oder wissentlich und willentlich beherbergen, einer möglichen Polizeiintervention der Völkergemeinschaft aussetzt.

Wichtig ist, daß wir nicht, wie die US-Regierung behauptet, im Krieg leben. Für einen Krieg fehlt der Grund. Obwohl es richtig ist, daß die USA in ihrem Kern getroffen werden sollten, der Angriff sich also durchaus gegen den Staat richtete, ist doch der Gegner nicht in erster Linie Staat. Und ob es sich um eine militärisch organisierte Truppe handelt, ist nicht so einfach festzustellen. Nicht mit Kriegsmaßnahmen kann also hier am Besten vorgegangen werden, aber möglicherweise durchaus mit einem internationalen Polizeieinsatz im großen Stil.

Wichtig ist es auch, in diesen Zeiten festzuhalten, daß nicht "Die Moslems" die Schuldigen sind. Es hätten genausogut christliche Extremisten sein können, oder politische Radikale von rechts oder links. Lediglich ihr soziales Umfeld und die strenge Erziehung als Kämpfer für eine Sache, die mit diesem Umfeld etwas zu tun hat, sorgte für diesen Radikalismus. Und hier sind die Berührungspunkte, die ich mit der Meinung der ganz linken sehe, ohne ihre einseitige Verteufelung des Westens übernehmen zu wollen. Nur wenn man die Strukturen versteht, die aus sozialer und wirtschaftlicher Verelendung entstehen, kann man sie bekämpfen, und zwar an der Ursache, an eben dieser Verelendung. Wer eine Perspektive hat, ist oft nicht so radikal, heißt es, obwohl ich auch das nicht pauschal sagen möchte. Ein vollständiger Schuldenerlaß an die Länder der sogenannten dritten und vierten Welt wäre ein erster Schritt zu einer Neuordnung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Vielleicht ließe sich dadurch für viele eine Zukunftsperspektive schaffen.

Seit dem 11. September 2001 ist uns ein Großteil unserer Sicherheit verlorengegangen. Viele suchen nach Erklärungen und Hilfestellung. Viele versuchen, die Motive dieses Terrors zu verstehen, aber sie schließen sich in ihrer Unsicherheit doch den Kriegstreibern an, die ihnen einfache Wahrheiten versprechen. Die andere Seite sollte nicht den Fehler machen, ebenfalls nur allgemeine Wahrheiten zu verbreiten, Worthülsen vergangener Kämpfe, die für die jetzige Situation nicht als alleinige Erklärung taugen. Die einfache Wahrheit, Der Kapitalismus - also wir - ist schuld, treibt die Menschen in die Arme derer, die den Wohlstand verteidigen wollen. Viele Worte über Ausbeutung, imperialismus, kolonialismus und die anderen Bezeichnungen für den Erzfeind des guten Sozialismus, helfen nur wenig. Aber die Erklärung, daß ein heftiger Gegenschlag jetzt genau das ist, was ide Terroristen wollen, könnte schon eher einleuchten. Die Sprache ist unser stärkster Trumpf, wir sollten sie nutzen.

© 2001, Jens Bertrams


Die Überschrift dieses Artikels habe ich mir ausgeliehen von der Marburger Friedensinitiative "Nein Zum Krieg".


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