Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Die einsame Stimme gegen Bushs Militärpläne

VON INGRID KÖLLE, Kölner Stadtanzeiger,

Freitag, 21. September 2001

Die Kalifornierin Barbara Lee stimmte im amerikanischen Kongress als einzige gegen Präsident Bushs Ermächtigung zu Militärschlägen gegen die mutmasslichen Terroristen und ihre Hintermänner. "Ich bin überzeugt davon, dass weitere internationale Terrorakte gegen die USA nicht durch militärische Aktionen verhindert werden können", erklärte die 55-jährige Abgeordnete im Repräsenatantenhaus ihre Entscheidung, am als Einzige von 421 anwesenden Volksvertretern gegen die Resolution zu stimmen, die den Präsidenten zu Militäraktionen ermächtigt. "Meiner Meinung nach sollten wir nichts tun, was zu weiterem Blutvergießen führt. Gewalt erzeugt Gewalt und das ist nicht, was wir wollen." Im Senat stimmten alle 98 anwesenden Senatoren zu.

Die als Pazifistin bekannte Demokratin will nicht auschließen, dass sie vielleicht schon bald einem Krieg gegen die Terroristen, die für die Anschläge in New York und Washington verantwortlich sind, und gegen die Länder, die sie unterstützen, zustimmen werde. Aber noch fehlten die Beweise. "Und solange sie nicht vorliegen, müssen wir uns im Kongress zurückhalten".

Als "ahnungslose Liberale" wurde sie daraufhin beschimpft. Kritiker warfen ihr mangelnden Patriotismus und fehlendes Mitleid mit den Opfern vor. Auch in ihrem eigenen Bezirk, zu dem so linksliberale Städte wie Oakland und Berkeley gehören, wird ihre einsame Gegenstimme unterschiedlich bewertet. "Das war schrecklich" meint Joann Adcock (66): "In solchen Zeiten müssen wir doch zusammenhalten." Andere feiern sie jedoch als "Gegnerin rachelüsterner Gewalt" und tapferes Vorbild. "Ich halte das für einen sehr mutigen Schritt", sagte Fanshen Thompson (27) der Zeitung "San Francisco Chronicle."

Barbara Lee ist schon öfters bei Abstimmungen aus der Rolle gefallen. 1998 stimmte sie mit nur vier anderen Kollegen gegen die weitere Bombardierung Iraks. 1999 sprach sie sich im Konflikt um Kosovo als einzige dagegen aus, Jugoslawien zu bombardieren.

Ihre politische Karriere begann sie als Praktikantin bei dem als Pazifisten bekannnten, demokratischen Abgeordneten Ron Dellums, dessen einstigen Bezirk sie jetzt repräsentiert. Als Kongressabgeordnete hat sie sich für mehr Mittel zur Bekämpfung von Aids in Afrika, gegen die Militärhilfe für Kolumbien und für die Rechte von Minderheiten im allgemeinem stark gemacht.

Im Kampf gegen den Terrorismus möchte sie die vorhandenen gesetzlichen Möglichkeiten voll ausschöpfen. Der Geheimdienst und die nationale Sicherheit müssten verbessert und diejenigen, die für die Attacke verantwortlich sind, verhaftet und vor Gericht gestellt werden. Aber: angesichts der vielen Opfer "sollten wir überlegt handeln und keine Fehler machen."

© Kölner Stadtanzeiger 2001


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