Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Eine Wahnsinnstat, die auf ihre Ursachen zurückzuführen ein Skandal wäre

Aus der Frankfurter allgemeinen Zeitung

Freitag, 5. Oktober 2001

Wir sind Soldaten der Zivilisation / Von Alain Finkielkraut

Was ist geschehen? Am 11. September fehlten die Worte angesichts der Bilder der beiden Zivilflugzeuge, die nacheinander die Zwillingstürme des World Trade Center zertrümmerten. Die Worte fehlen noch immer. Die Voraussetzungen und die Begriffe, an die man zunächst denkt, sind allesamt auf befremdliche Weise unzulänglich. Dieses neue Pearl Harbor ist nicht die überraschende Bombardierung einer Militärbasis. Diese Kriegshandlung ist nicht ein zwischenstaatlicher Akt. Der Drahtzieher hat keine Adresse, und der von ihm ins Auge gefaßte Feind - zionistisch? imperialistisch? jüdisch-christlich? - ist selbst ungreifbar. Dieses Attentat schlägt ein unbekanntes Kapitel in der freilich schon langen Geschichte des Terrorismus auf.

Schon lange sind die Bombenleger nicht mehr gehemmt von den Skrupeln jener "zartfühlenden Mörder", die 1905 in Moskau das Attentat auf den Großfürsten Sergej nicht ausführten, weil sich seine Nichte und seine Großnichten in seiner Kalesche befanden, und sie sagen schon lange nicht mehr, was Camus in "Die Gerechten" einem Mitglied der Organisation in den Mund legt: daß es "selbst bei der Zerstörung Grenzen gibt". Seither hat man gesehen, wie die Unterscheidung zwischen Unschuldigen und Schuldigen einem rächenden Vergessen anheimfiel. Man hat gesehen, daß Automobile mit Sprengstoff vor Schulen explodierten. Man hat gesehen, daß dynamitbeladene Lastwagen an Botschaftsgebäuden zerschellten. Man glaubte deshalb, daß uns das zwanzigste Jahrhundert eine vollständige Liste der Gemetzel und Katastrophen hinterlassen habe. Man wußte, daß das Schlimmste kommen konnte. Man sagte, daß man auf alles vorbereitet sei. Man hatte unrecht. Dieses alles war nicht alles: Das Ereignis, das jetzt eingetreten ist, gehörte nicht dazu. Es gibt Schlimmeres als das Schlimmste. Es gibt Grenzen, die erst ins Bewußtsein treten, wenn sie in der Wirklichkeit bereits überschritten sind.

Unser immenses Wissen, unser unglückliches Gedächtnis, unsere zügellose Phantasie wurden überrumpelt. Und wir nehmen diese Männer, wenn nicht in die gemeinsame Menschheit, so doch in die Menschheit, die wir kennen, wieder auf, wenn wir sie, die Hunderte von Menschen in ihren Selbstmord mitrissen, um Tausende auszulöschen, als "Kamikaze" bezeichnen. Die japanischen Piloten, die sich auf feindliche Flugzeugträger stürzten, haben die Gesetze des Krieges nicht überschritten: Fasziniert von der Kriegskunst des guten Sterbens, führten sie diese Gesetze bis zum beunruhigenden Paroxysmus des freiwilligen Opfers.

Was geschieht? Wer sind diese Superterroristen? Aus welchem Holz sind sie geschnitzt? Wo finden sie die Ressourcen, die ihnen erlauben, mit einer solchen Genauigkeit zu planen, mit einer solchen Kaltblütigkeit zu agieren, so virtuos mit den Medien umzugehen und eine Operation durchzuführen, die ihren eigenen Tod mit einschließt. Auf welche Zeitlichkeit stützen sie sich? Welchen Namen soll man diesem unerhörten Amalgam von Massaker und seiner Verleugnung, von Feuer und Eis, von leistungsfähiger Rationalität und unversöhnlichstem Fundamentalismus geben? Die hier für ein politisches Ziel eingesetzten Mittel wecken außer der moralischen Entrüstung eine Art ontologischer Bestürzung. Sie versetzen das Bewußtsein in einen Taumel und stürzen die umfassendste Intelligenz in einen Zustand der Erstarrung.

Ein Phänomen wirklich zu begreifen heißt in der großen Tradition der Gesellschaftskritik, die von Rousseau ausgeht, es auf seine Ursachen zurückzuführen. Hinter den Scheußlichkeiten, deren sich die Unterdrückten manchmal schuldig machen, erkennt die fortschrittliche Vernunft ein Elend, dessen Opfer sie sind. Mit derselben hermeneutischen Geste erklärt und entschuldigt sie die terroristischen Verbrechen durch das Urverbrechen der Herrschaft. Terrorisiert, also terroristisch: Diesen erbarmungslosen Syllogismus entwickelt Sartre in seiner Erwiderung auf Camus' "Der Mensch in der Revolte" und in seinem Vorwort zu Frantz Fanons "Die Verdammten dieser Erde". Zu Camus sagt er: "Der ganze Wert, den ein Unterdrückter in seinen eigenen Augen haben kann, treibt ihn zum Haß gegen andere Menschen." Fanon erklärt er: "Mit keiner Gewalt kann man die Spuren der Gewalt verwischen, sondern nur, indem man Gewalt ausübt, kann man sie auslöschen."

Noch vor wenigen Tagen hat diese Antitheologie des Urverbrechens die palästinensischen Terroristen für unschuldig erklärt und sogar verherrlicht: Das Scheitern der Verhandlungen, so las man in der Presse, die Sanktionen und individuellen und kollektiven Erniedrigungen, die ihnen von Israel zugefügt wurden, Todesschüsse, ein ökonomisch und menschlich vernagelter Horizont und eine palästinensische Führung, die, um das mindeste zu sagen, unfähig ist, führten, so hieß es, die Palästinenser dazu, sich durch einen freiwilligen Tod die Macht zu verleihen, um eine große Anzahl von Israelis töten. Dieser Art des Verstehens hat ein Soziologe unlängst in "Le Monde" (8. September) das Siegel der Distanz und der wissenschaftlichen Objektivität aufgedrückt, als er sagte, daß es unmöglich sei, mit traditionellen Mitteln der Erklärung weiterzukommen, geschweige denn dem Gemetzel zu entgehen.

So mörderisch das Attentat auch war, es schien durch den Selbstmord legitimiert, und der Realismus im Verein mit dem Fortschrittsglauben arbeitete in uns an dieser Veredelung der Untat. Während der Rousseau in uns, der davon überzeugt ist, daß "die Sklaverei die Quelle alles Elends des Menschengeschlechts" ist, die Mittel durch die Ursachen entschuldigt, fügt der Hobbes, der wir auch sind, hinzu, daß, da die Furcht vor dem gewaltsamen Tod die natürlichste und universellste aller menschlichen Leidenschaften ist, diejenigen, die sich vom Selbsterhaltungstrieb so weit freimachen, daß sie sogar zu menschlichen Bomben werden, keinen anderen Ausweg wählen konnten. So stützt man sich auf zwei einander widersprechende Denkfiguren - die unwandelbare Menschennatur und die geschichtliche Erlösung der Menschheit -, um die Verzweiflung zu analysieren, das heißt, die Verantwortung für die Selbstmordattentate nicht ihren Urhebern anzulasten, sondern denen, auf die sie zielten. Mit den Worten des palästinensischen Dichters Mahmud Derwiche: "Das Problem der neuen Beziehung der Palästinenser zum Tod kann nur gelöst werden, wenn man ihnen die Pforte zum Leben öffnet" ("Le Monde", 8. September).

Die beiden Metaphysiken, die sich unser Herz teilen, sind am 11. September zum Schweigen gebracht worden. Enteignet, verzweifelt, von Elend oder Erniedrigung zum Äußersten getrieben - sollen das die superreichen Befehlshaber und die diplomierten Ausführenden dieser erbarmungslosen Apokalypse sein? Nein. Es ist unmöglich, ohne auf einen schändlichen Irrweg zu geraten, diesem Verbrechen im Namen des Urverbrechens, auf das es eine Antwort oder dessen Folge es wäre, die Absolution zu erteilen. Ein Ereignis hat stattgefunden, das keine Deutung aufzulösen vermag. Eine Wahnsinnstat hat sich ereignet, die auf ihre Ursachen zurückzuführen und dadurch zu verwässern, ein Skandal wäre. Eine Gestalt des Anderen ist aufgetreten, die sich nicht auf die des Hungernden oder des "Verdammten dieser Erde" zurückführen läßt.

Die Wirklichkeit ist nicht nur das Ökonomische und das Soziale. Es gibt einen Feind. Dieser Feind hat der westlichen Zivilisation den Krieg erklärt, ohne sich um jenen Antrag auf Nichtbefassung zu kümmern, mit dem der Westen auf das Thema des Kriegs der Zivilisationen reagiert und sich dabei auf die einander ausschließenden Argumente der Gleichwertigkeit der Kulturen und der Globalisierung beruft. Tatsächlich sind es nicht wir, die diesen Feind bestimmen. Dieser Feind bestimmt uns und macht uns, uns übrige Angehörige des Westens, gleich welchen Alters, Geschlechts, welcher Nationalität oder Hautfarbe, zu kleinen Soldaten der geschmähten Zivilisation. Er tut es in der islamistischen Sprache des "dschihad", aber auch in der makellos demokratischen Sprache der Menschenrechte, wie unlängst die Konferenz der Vereinten Nationen gegen den Rassismus im südafrikanischen Durban gezeigt hat. Während dieser furchtbaren Tage hat sich eine zweifache Geiselnahme ereignet: die der Versammlung in Durban durch die muslimische Welt und ihren grenzenlosen Haß auf den "Zionismus"; und die der universalistischen Rhetorik durch die Ausstoßung des Anderen.

Die Unterwerfung der Individuen unter die Gesetze der Abstammung, die Absolutsetzung der kollektiven Unterschiede, die Schaffung eines Bandes zwischen der genetischen Erbschaft der Gruppen und den intellektuellen Fähigkeiten oder geistigen Anlagen ihrer Mitglieder - diese Gedanken und die aus ihnen folgenden Verhaltensweisen wurden nicht nur mit dem ganzen Ernst zurückgewiesen, den unsere nachhitlerische Epoche verlangt, sie wurden vielmehr mit einer unstillbaren Wut den neuen Objekten der Stigmatisierung angelastet. Israel, die Vereinigten Staaten und Europa wurden aufgefordert, wegen ihrer gegenwärtigen und vergangenen Aggressionen gegen die menschliche Gemeinschaft Rede und Antwort zu stehen. "One jew, one bullet!" schrien die Militantesten, doch dies geschah als Reaktion auf das auf palästinensischem Boden errichtete grausame Apartheid-Regime. Die rassistische Periode der einen Hälfte der Menschheit ist in Durban endgültig zum Abschluß gekommen: Der Antirassismus hat kühn den Stab übernommen. Sosehr und in welchem Sinne man auch Geschichte machen und sie beschwören mag, man wird sich dem Gedanken kaum entziehen können, daß mit diesem doppelten - ideologischen (Durban) und kriminellen (Manhattan) - Ereignis der Vorhang zum einundzwanzigsten Jahrhundert sich gehoben hat.

Aus dem Französischen von Henning Ritter.

Der Verfasser, der durch sein Buch "Die Niederlage des Denkens" (1989) weithin bekannt wurde, lehrt Philosophie an der Pariser École Polytechnique. Zuletzt erschien auf deutsch sein Buch "Verlust der Menschlichkeit".


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