Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Süddeutsche Zeitung 28.09.2001

Gering geschätzt, mit Mitleid vertröstet

von Orhan Pamuk

Freitag, 5. Oktober 2001

Katastrophen stärken, scheint mir, das Zusammengehörigkeitsgefühl im Menschen. Nach den großen Istanbuler Stadtbränden meiner Kindheit oder dem Erdbeben vor zwei Jahren trieb es mich sofort, die Katastrophe mit anderen zu teilen, über sie zu sprechen. Diesmal, als die Zwillingstürme in New York brannten, saß ich in einem kleinen Istanbuler Raum, in einem Kaffeehaus neben einer Anlegestelle, dessen Kunden meistens Pferdekutscher, Tuberkulosekranke und Lastenträger sind, und fühlte mich vor dem Fernseher schrecklich allein.

Die türkischen Fernsehsender waren zur Live-Berichterstattung übergegangen. Die kleine Menschengruppe im Kaffeehaus betrachtete die Bilder mit distanziertem Erstaunen, verwundert, aber nicht erschüttert. Einen Augenblick lang trieb es mich, aufzustehen und zu den Leuten im Kaffeehaus zu sagen: "Ich habe zwischen diesen Gebäuden gelebt, bin pleite diese Straßen entlang gebummelt." Aber wie in einem Traum, in dem der Mensch sich immer einsamer fühlt, brachte ich kein Wort heraus.

Weil ich nicht mehr ertragen konnte, was dort geschah, und weil ich mit jemandem teilen wollte, was ich gesehen hatte, ging ich auf die Straße. Ich sah in der Menge, die an der Anlegestelle auf den Stadtdampfer wartete, eine Frau, die weinte. Ich spürte sofort an der Stimmung der Frau und an den Blicken der Umstehenden, dass sie nicht weinte, weil ihr jemand in Manhattan nahe stand, sondern weil das Ende der Welt nahe war. In meiner Kindheit, in den Tagen, in denen sich die Kuba-Krise zum Dritten Weltkrieg zu entwickeln schien, hatte ich Frauen gesehen, die in ähnlicher Verzweiflung weinten, während Istanbuler Mittelklassefamilien ihre Speisekammern mit Nudelpackungen füllten. Dann ging ich wieder in das Kaffeehaus, und betrachtete eine Weile, wie sich der Rest der Welt in unwiderstehlichem Bann nicht mehr von den Bildern auf dem Fernsehschirm lösen konnte.

Als ich später auf der Straße ging, begegnete ich einem Nachbarn. "Orhan Bey, hast Du gesehen, sie haben eine Bombe auf Amerika geworfen," sagte er. Dann fügte er wütend hinzu: "Das haben sie gut gemacht!"

Dieser keineswegs islamisch fromm eingestellte zornige Alte ist einer, der versucht, sich mit kleinen Reparaturen und Gartenarbeiten über Wasser zu halten, der abends einen hebt und dann mit seiner Frau streitet. Er hatte wohl die schrecklichen Bilder im Fernseher nicht gesehen, sondern nur gehört, dass jemand den Amerikanern Böses zugefügt hatte. Ähnliches wie seinen ersten Zornesausbruch, der ihm in den nächsten Tagen sicher leid getan hat, habe ich später von zahlreichen Leuten gehört. Ganz selbstverständlich: Wie die Leute an vielen Stellen der Welt sagen auch in der Türkei zunächst alle wie aus einem Mund, dass dieser Terror barbarisch ist und wie widerwärtig und schrecklich diese Taten sind. Nach diesen Worten, die die Ermordung unschuldiger Menschen verdammen, wird dann aber verschämte oder zornige Kritik hörbar, die mit einem "aber" beginnt und sich gegen die politische und wirtschaftliche Rolle Amerikas in der Welt richtet.

Blinde Wut auf Amerika

Es mag schwierig und womöglich ethisch verfehlt sein, über die Rolle Amerikas in der Welt zu streiten, solange ein Terror alles überschattet, der aus seinem Hass gegen den "Westen" einen künstlichen Gegensatz zwischen Islam und Christentum herzustellen versucht und dafür in unfassbarer Grausamkeit unschuldige Menschen umbringt. Aber man möchte doch etwas sagen, denn mit dem Feuer der gerechtfertigten Empörung auf diesen barbarischen Terror werden jetzt Dinge öffentlich ausgesprochen, die dazu führen können, dass aus einem ganz und gar nicht gerechten Gerechtigkeitsgefühl und nationalistischem Zorn heraus andere unschuldige Menschen getötet werden.

Inzwischen weiß jeder, dass es den künstlich erzeugten Konflikt zwischen "Ost" und "West" nur vertiefen und dem Terrorismus, der da bestraft werden soll, nur nützen wird, wenn das amerikanische Militär in Afghanistan oder anderswo unschuldige Menschen bombardiert, um die eigene Bevölkerung zu beruhigen. Es ist heute moralisch inakzeptabel, über den Tod der mit unglaublicher Mitleidlosigkeit umgebrachten Menschen hinweg die amerikanische Herrschaft über die Welt zu hinterfragen. Aber es muss unsere Sache sein, zu verstehen, warum bei den armen Völkern der Welt, marginalisierten Nationen, die ihre Geschichte nicht selbst bestimmen können, Millionen von Menschen so wütend auf Amerika sind - und wenn es eine blinde Wut ist. Wir sind dabei nicht gezwungen, dieser Empörung stets Recht zu geben.

Außerdem wird in vielen Ländern der Dritten und der islamischen Welt Antiamerikanismus eingesetzt, um vom Fehlen von Demokratie abzulenken und die Macht des lokalen Diktators zu steigern. Es ermutigt niemanden, der sich um die Durchsetzung der säkularen Demokratie in den islamischen Ländern bemüht, wenn Amerika enge Beziehungen zu geschlossenen Gesellschaften anknüpft, die, wie etwa Saudi-Arabien, so handeln, als hätten sie geschworen, der Welt zu zeigen, dass Islam und Demokratie sich nicht vertragen. Genauso hilft ein oberflächlicher Antiamerikanismus - wie etwa in der Türkei - zu verbergen, dass die Regierenden das Geld, das sie von internationalen Finanzinstituten empfangen, durch Betrug und Unfähigkeit vergeuden und dass der Unterschied zwischen Arm und Reich im Land unerträgliche Ausmaße angenommen hat.

Wer heute militärischen Operationen uneingeschränkt zustimmt, die vor allem die amerikanische Kriegsmacht demonstrieren und in einer symbolischen Aktion den Terroristen "eine Lehre erteilen" sollen, wer heute mit dem Vergnügen von Videospielern im Fernsehen diskutiert, welche Ziele amerikanische Flugzeuge wohl bombardieren werden, der muss wissen, dass unbedacht ergriffene militärische Maßnahmen bei Millionen in den islamischen Ländern und den armen Teilen der Welt Feindschaft gegen den Westen fördern und ihr Gefühl von Minderwertigkeit und Hilflosigkeit steigern. Was den Terrorismus nährt, der sich Methoden von in der Menschheitsgeschichte einmaliger Barbarei und ebensogroßer Kreativität bedient, ist weder der Islam noch die Armut selbst, sondern die Gefühle von Hilflosigkeit und Minderheit, die sich wie ein Krebsgeschwür über die Länder der Dritten Welt verbreitet haben.

In der Geschichte der Menschheit war der Unterschied zwischen Arm und Reich nie so groß wie heute. Man mag sagen, dass der Reichtum der reichen Länder ihr eigener Erfolg ist und die Armen der Welt nichts angeht. Aber in der Geschichte der Menschheit wurde auch nie das Leben der Reichen durch Fernsehen und Filme so sehr den Armen vor Augen geführt. Vielleicht mag man einwenden, dass Märchen über das Leben der Könige die Unterhaltung der Armen seien. Noch schlimmer ist aber, dass die Reichen und Mächtigen der Welt noch nie so gerechtfertigt erschienen. Ein durchschnittlicher Bürger eines armen islamischen Landes ohne Demokratie und ein Beamter in irgendeinem Drittweltland, der mit Mühe das Monatsende zu erreichen versucht, weiß nicht nur, dass vom Reichtum der Welt auf ihn nur äußerst wenig entfällt und dass er dazu verurteilt ist, ein Leben zu führen, das verglichen mit dem im "Westen" unter sehr viel härteren Bedingungen verlaufen und sehr viel kürzer sein wird. Vielmehr ahnt er in einer Ecke seines Bewusstseins, dass sein Elend seine eigene Schuld oder die seines Vaters oder Großvaters ist.

Ewiger Ausnahmenzustand

Der Westen hat leider kaum eine Vorstellung von diesem Gefühl der Erniedrigung, das eine große Mehrheit der Weltbevölkerung durchlebt und überwinden muss, ohne den Verstand zu verlieren oder sich auf Terroristen, radikale Nationalisten oder Fundamentalisten einzulassen. In diesen fluchbeladenen Bereich können weder die Romane des magischen Realismus, die Armut und Dummheit als liebenswert beschreiben, noch populäre Reiseliteratur eindringen. Aber in ihm führt die Mehrheit der Weltbevölkerung ihr bemitleidenswertes Seelenleben: erniedrigt, gering geschätzt und mit einem leichten Lächeln, mit Mitleid vertröstet. Heute ist das Problem des "Westens" weniger, herauszufinden, welcher Terrorist in welchem Zelt, welcher Gasse welcher fernen Stadt seine neue Bombe vorbereitet, um dann auf ihn Bomben regnen zu lassen. Das Problem des Westens ist mehr, die seelische Verfassung der armen, erniedrigten und stets im "Unrecht" stehenden Mehrheit zu verstehen, die nicht in der westlichen Welt lebt.

Dabei bewirken präpotente Reden und eilig entfesselte Militäroperationen das genaue Gegenteil. Neue Visabestimmungen, Polizeimaßnahmen, die die Bewegungen von Angehörigen armer Staaten erschweren, eine misstrauisch Haltung allem gegenüber, was islamisch ist, eine aggressive Sprache, die die ganze islamische Zivilisation mit Terror und Fanatismus gleichsetzt: All das entfernt die Welt jeden Tag weiter vom Frieden. Was einen armen alten Mann in Istanbul - und sei es für einen Augenblick der Empörung - den Terror in New York gutheißen oder einen von israelischem Druck eingeschüchterten palästinensischen Jugendlichen bewundernd zu den Taliban aufschauen lässt, die Frauen mit Salpetersäure das Gesicht verstümmeln, das ist weder die islamische Zivilisation, noch der Unsinn, den man als Konflikt zwischen Orient und Okzident bezeichnet, noch gar die Armut selbst, sondern die Ausweglosigkeit, erniedrigt zu werden, nicht gehört zu werden.

Auch die reichen Modernisten, die die Republik Türkei gründeten, haben auf den Widerstand der armen und zurückgebliebenen Landesteile nicht mit Verständnis, sondern mit Polizeimaßnahmen und Militär reagiert. Die Modernisierung blieb unvollendet; es entstand in der Türkei eine Demokratie, in der Verständnislosigkeit regiert. Wenn jetzt der Eindruck entsteht, in der ganzen Welt werde zu einem Krieg zwischen Orient und Okzident aufgerufen, habe ich Angst, dass sie wie die Türkei im dauernden Ausnahmezustand regiert wird. Ich habe Angst davor, dass der selbstzufriedene und selbstgerechte westliche Egoismus den Rest der Welt zwingt, wie Dostojewskis Mann im Kellerloch zu sagen, dass zwei mal zwei fünf sei. Was den Islamisten, die Frauen das Gesicht mit Salpetersäure verstümmeln, weil die es entblößen, am meisten hilft, ist das aggressive Unverständnis des Westens.

Der Autor ist der bedeutendste Schriftsteller der Türkei. Sein jüngster Roman "Rot ist mein Name" ist auf deutsch in diesen Tagen bei Hanser erschienen.

Deutsch von Christoph K. Neumann


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