Der amerikanische Präsident George W. Bush soll einmal gesagt haben, daß es eigentlich unsinnig wäre, mit einem millionen-dollar-Marchflugkörper auf ein 10-Dollar-Zelt zu schießen, um Terroristen zu treffen.
Die jetzige Situation ist voll von Unmöglichkeiten, Zynismus Widersprüchen. Seit dem 7. Oktober 2001, 18.17 Uhr MESZ hat die Welt einen neuen Kriegsschauplatz. Raketenangriffe auf afghanische Städte sind also die Revanche für die schrecklichen Terroranschläge auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September. Auch das ein Zynismus, denn was soll man in einem Land kaputtschießen, in dem es fast nichts mehr gibt nach fünfundzwanzig Jahren Bürgerkrieg? Natürlich: Es gibt, und darauf hat US-Präsident Bush hingewiesen, die Struktur der Al Qaida, der Terrororganisation des Osama Bin Laden. Sie ist es vornehmlich, die durch die Angriffe getroffen werden soll, und natürlich militärische Einrichtungen der Taliban, denn man will der sogenannten Nordallianz bessere Möglichkeiten zur Eroberung des Landes schaffen.
Und da haben wir den nächsten Zynismus, den nächsten Widerspruch. Wie damals bei Bin Laden macht sich niemand die Mühe, die Nordallianz genauer unter die Lupe zu nehmen. US-Präsident Bush erklärte, daß dieser Feldzug gegen den Terror nicht gegen das afghanische Volk geführt werde. Eine amerikanische Afghanin, die in Verbindung zur RAWA, der "revolutionary association of Women in Afghanistan" steht, sagte bei einem Vortrag in New York, daß man zwar nun viele Bilder von Frauen in Afghanistan sehe, wie ihre Rechte unter den Taliban beschnitten würden, aber man frage sie nicht, was sie stattdessen wollten. Wenn sie sich an die Zeiten unter der heutigen Nordallianz zurückerinnere, dann habe sie damals zwar die Schule besuchen dürfen, Frauen seien aber en masse vergewaltigt worden von den Soldaten. Die amerikanische Regierung lernt nicht aus den eigenen Fehlern, sie unterstützt die, die gegen ihre Feinde sind, ohne eine Vorstellung von deren Politik- und Rechtsauffassung zu haben, oder - schlimmer noch - man nimmt eine Politik in kauf, wie in Kuwait, die keineswegs für die Menschenrechte eintritt. So treibt man aus taktischen Gründen den Teufel mit dem Beelzebub aus.
Natürlich wollen die Amerikaner die guten Jungs sein. Also werfen sie gleichzeitig Bomben und Lebensmittelpakete ab. Strategen der US-Regierung werden damit versuchen, die afghanische Bevölkerung, die ja fast ausschließlich die Propaganda der eigenen Regierung kennt, den Taliban abspenstig zu machen und freundlicher gegenüber den USA zu stimmen. Denn die afghanische Bevölkerung hungert, aber sie hungert nicht zuletzt deswegen, weil die Hilfsorganisationen sich zurückgezogen haben, aus Angst vor einem US-Angriff, und sie hungert, weil die USA nach der Vertreibung des kommunistischen Regimes anfang der neunziger Jahre die afghanische Bevölkerung sich selbst überließen. Der Moor hatte seine Schuldigkeit getan.
Dieselben Fehler könnten sich heute wiederholen. So erstaunlich es war, daß die USA fast vier Wochen warteten, bis sie zurückschlugen, so wenig heißt das, daß man im Weißen Haus gründlich nachgedacht hat. Militärisch mag die Planung gut sein, aber man riskiert, daß die Taliban die Nachbarstaaten angreifen, die sich zur Unterstützung der USA bereitfinden, und damit könnte ein Flächenbrand in der Region ausgelöst werden. Ein weiterer dauerhafter Krisenherd würde entstehen, ähnlich dem im Nahen Osten, zumal Osama Bin Laden sofort reagierte und den heiligen Krieg ausrief. Für die muslimischen Massen der armen Länder könnte er zum Helden werden, den selbst die mit modernsten Mitteln ausgerüstete Supermacht USA nicht fassen können.
Die Welt ist kompliziert, und es nutzt nichts, sie einfach zu reden. Es gibt mehrere Ansichten darüber, wie man nach dem 11. September auf die Anschläge hätte reagieren sollen. Natürlich sind viele radikale Meinungen darunter wie die, daß man das gesamte Wirtschafts- und Gesellschaftssystem des Westens ändern muß, und zwar sofort, damit die Gefahr geringer wird. Oder daß man Israel auslöschen muß, oder zumindest, daß man es zwingen muß, heute den Staat der Palästinenser zuzulassen und wirtschaftlich massiv zu unterstützen. Und andererseits gibt es natürlich auch die radikale Meinung, daß man mit diesem "Pack" gründlich aufräumen muß, daß der Westen gewissermaßen eine überlegene, eine zivilisierte Lebensform an sich darstellt, während der Rest der Welt unzivilisiert, rückständig und minderwertig ist. Solche radikalen Aussagen auf beiden seiten werden der Komplexität der Angelegenheit nicht gerecht und erhitzen die Gemüter. Meiner Ansicht nach hätten die USA auf Militärschläge verzichten sollen, es sei denn es wäre um eine Kommandoaktion zur Verhaftung Bin Ladens, oder um eine friedenschaffende Mission zur Einhaltung der Menschenrechte in Afghanistan gegangen, die der UN-Sicherheitsrat angeordnet hätte. Diese Militärschläge machen aus Terroristen Helden und Märtyrer und bergen die Gefahr eines großflächigen Krieges. Andere Maßnahmen hingegen, die ja auch durchgeführt wurden, wie die Sperrung von Konten, die polizeiliche und geheimdienstliche Suche nach Tätern und Hintermännern hat sehr wohl ihren Sinn.
Aber man kann dem Terror heute nicht nur mit bequemen Maßnahmen begegnen. Eines ist sicher: Wir brauchen schnellstmöglich die Schaffung eines lebensfähigen palästinensischen Staates mit Ostjerusalem als Hauptstadt. Jerusalem, die Stadt der drei Religionen, darf dabei allerdings nicht innerlich geteilt werden, sondern muß eine offene Stadt werden und bleiben. Und ein Schuldenerlaß, vollständig und sofort, wäre ein erster Schritt, um die Armut in der Welt nach und nach zu lindern. Dann nämlich könnten solche Figuren wie der saudische Terroristenführer nicht so viele Anhänger um sich sammeln und die Armut und Perspektivlosigkeit der arabischen Massen für ihre Pläne ausnutzen. Nur in einem solchen Gesamtkonzept mag die Zerstörung bestimmter Ziele in Afghanistan, die klar und eindeutig zum Terrornetz der Al Qaida gehören, einen Sinn haben.
US-Präsident Bush betont immer wieder, daß Militäraktionen nur ein kleiner Teil der großen Schlacht sind, die es gegen den Terrorismus zu schlagen gilt. Damit hat er recht. Ich habe nur Zweifel daran, daß er diese Schlacht an den richtigen Fronten kämpft.
© 2001, Jens Bertrams