Militärschlag gegen Afghanistan - Bush: Sorgfältig gezielte Aktion gegen Terroristen / Bin Ladin: Der Heilige Krieg hat begonnen
F.A.Z. FRANKFURT, 7. Oktober. Knapp vier Wochen nach den Terroranschlägen in New York und Washington haben die Vereinigten Staaten Ziele in Afghanistan angegriffen.Das Weiße Haus und das Pentagon bestätigten die Attacken. Der amerikanische Präsident Bush sagte in einer im Fernsehen übertragenen Rede: "Wir haben militärische Angriffe gegen Ausbildungslager für Terroristen und das Militär in Afghanistan begonnen. Großbritannien als befreundete Nation steht an unserer Seite." Andere Staaten wie Deutschland, Frankreich, Australien und Kanada unterstützten die Aktionen, sagte der amerikanische Präsident. Ziel der Angriffe sei es, die Taliban militärisch zu schwächen und ihr Kommunikationsnetz zu zerstören. Sie seien Teil einer umfassenden und massiven Kampagne zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus.
Die Taliban verurteilten die amerikanischen Angriffe als "terroristischen Akt". Dies sei ein Angriff auf ein unschuldiges Land, sagte der Botschafter der Taliban in Pakistan, Abdul Salam Saif. Der afghanischen Nachrichtenagentur AIP sagte Saif, die Taliban hätten sich intensiv um eine Lösung des Problems Usama Bin Ladin bemüht, aber Amerika habe den "Weg der Gewalt und der Arroganz" gewählt. "Wir können Bin Ladin niemals an die Vereinigten Staaten ausliefern. Wir werden bis zum letzten Atemzug kämpfen", fügte er hinzu. Die Vereinigten Staaten trügen die Verantwortung, wenn unschuldige Afghanen ums Leben kämen, sagte Saif. Der ehemalige afghanische König Zahir Schah zeigte sich in seinem Exil in Rom nach Angaben seines Sprechers "schockiert und traurig" über die Angriffe.
Nach Angaben Saifs haben Bin Ladin und der Taliban-Anführer Mullah Omar die ersten Angriffe überlebt. Der arabische Fernsehsender Al Dschazira strahlte kurz nach den amerikanischen Angriffen ein Video aus, auf dem Bin Ladin sagte: "Ich schwöre bei Gott, daß Amerika nie wieder Sicherheit kennen wird, so wie Palästina keine Sicherheit kennen wird, bevor die westlichen Armeen die heilige Erde verlassen haben". Ein Sprecher der Terrororganisation Al Qaida bezeichnete auf dem Video die Terroranschläge in den Vereinigten Staaten als "natürlichen Vorfall". Dies sei eine Schlacht zwischen dem Glauben und dem Unglauben. "Der Heilige Krieg gegen die Juden und Christen hat begonnen", sagte der Sprecher. Nach Angaben des Senders, der in Qatar ansässig ist, war das Video im Laufe des Tages aufgenommen worden.
Bundeskanzler Schröder wurde nach Angaben des Bundespresseamtes von Bush vorab über die Militärschläge informiert. Schröder teilte in Berlin mit, er unterstütze die amerikanischen Angriffe auf "terroristische Ziele in Afghanistan ohne Vorbehalte". Nach offiziellen Angaben aus Moskau unterrichtete Bush auch den russischen Präsidenten Putin telefonisch über den Beginn der amerikanischen Angriffe.
Bush sagte in seiner Ansprache, es handele sich um "sorgfältig gezielte Aktionen" gegen das Netzwerk der Terroristen.Er habe der Taliban-Führung vor Wochen mehrere Forderungen gestellt. Keine davon sei erfüllt worden. Nun müßten die Taliban die Konsequenzen tragen.
Nach einem Bericht des amerikanischen Senders CNN wurde bei den Angriffen die Kommandozentrale des Flughafens von Kandahar zerstört. Die Bewohner seien aus der Stadt geflüchtet. Kandahar gilt als Hochburg der Taliban. Aus der Hauptstadt Kabul berichteten Augenzeugen, mindestens vier Raketen seien in der Nähe des afghanischen Verteidigungsministeriums eingeschlagen. Es seien Artilleriefeuer und Luftabwehrgeschosse zu hören gewesen. Das Ministerium befindet sich im Zentrum der Stadt. Nach Berichten von Augenzeugen gab es Explosionen in Kabul und in Kandahar. Es seien Artilleriefeuer und Luftabwehrgeschosse zu hören gewesen.Die afghanische Nachrichtenagentur AIP meldete, in Kabul seien die Bewohner aus der Umgebung des ebenfalls bombardierten Flughafens geflüchtet. Über Kabul hing eine gewaltige Rauchwolke. Auch die ostafghanische Stadt Jalalabad wurde am Sonntag angegriffen. In einer zweiten Angriffswelle wurde nach Angaben von CNN auch ein Haus des Taliban-Anführers Mullah Omar beschossen. Diese Angriffe seien stärker gewesen als die ersten Attacken wenige Stunden zuvor. Nach Angaben der afghanischen Nordallianz griff das amerikanische Militär auch die Stadt Mazar-i-Scharif im Norden Afghanistans mit Raketen an. In Mazar-i-Scharif seien die stärksten Kräfte der Taliban im Norden Afghanistans konzentriert, hieß es. Dort seien 5000 Taliban-Kämpfer stationiert.
Der britische Premierminister Blair sprach von einem "Moment des allergrößten Ernstes". In einer im Fernsehen verlesenen Erklärung sagte er, bei den Angriffen seien mit Raketen bestückte britische U-Boote im Einsatz. Andere Truppeneinheit stünden bereit. Er lobte die "mutigen" britischen Soldaten, deren Sinn für Pflichterfüllung bekannt sei. Die internationale Koalition gegen den Terrorismus werde nicht ruhen, bevor ihre Ziele nicht "vollständig" erreicht seien. [] Großbritannien habe sich dem Angriff auf militärische Einrichtungen und Truppen der Taliban auf Bitten Washingtons angeschlossen. Britische Kampfflugzeuge würden sich in den kommenden Tagen an den Angriffen beteiligen. Pakistan hat für die Angriffe nach Angaben eines ranghohen Regierungsvertreters seinen Luftraum geöffnet. Die amerikanische Luftwaffe habe für ihre Angriffe am Sonntag abend pakistanisches Gebiet überflogen. Die amerikanischen Behörden hätten Pakistan über die Luftangriffe informiert. Beide Seiten seien in ständigem Kontakt. Die Nato war offenbar nicht in die Militärschläge gegen Afghanistan eingebunden. In Brüssel hieß es, dies sei eine Aktion der Vereinigten Staaten. Das Bündnis sei jedoch über die Militäreinsätze informiert worden. Offiziell nahm die Nato nicht Stellung.