Die Taliban hatten gespürt, wie sich die Schlinge zuzieht. Das militärische Drohpotential, das Amerika und Großbritannien im Mittleren Osten und in Zentralasien zusammengezogen haben, hatte seine Wirkung ebensowenig verfehlt wie die politische Vereinsamung. Isoliert und bedrängt, versuchten es die Taliban mit einem letzten Handel: Sie boten die Freilassung der inhaftierten westlichen Entwicklungshelfer an; sogar Usama Bin Ladin wollten sie den Prozeß machen, wenn Amerika sie darum ersuche.
Doch Präsident Bush ließ sich nicht zum Narren halten, nicht von Leuten, die mal dieses und mal jenes behaupteten, die mal vorgaben, den Aufenthaltsort des mutmaßlichen Urhebers der Anschläge vom 11. September nicht zu kennen, und die ihn dann sogar festsetzen wollten, wenn nur Beweise vorlägen. Die Zeit für durchsichtige Manöver ist am Sonntag abgelaufen, die Zeit, amerikanische Forderungen zu erfüllen, vorbei. Jetzt schreiben nicht mehr die Taliban das Drehbuch in einem Konflikt, an dem sie alles andere als unschuldig sind.
Mit den ersten Luftschlägen gegen militärische Ziele der Taliban und gegen Ausbildungslager Bin Ladins und seines islamistischen Verbrechersyndikats ist der Kampf gegen den Terrorismus, knapp vier Wochen nach den Anschlägen in New York und Washington, aus einer beinahe unwirklichen Phase eines gespannten Wartens herausgetreten. Bush hat die zusammengerückte amerikanische Nation wissen lassen, was ihr in den kommenden Wochen und Monaten bevorsteht: eine umfassende Auseinandersetzung. Die hat Amerika nicht gesucht, ihr entzieht sich die Weltmacht unter Aufbietung ihrer politischen, diplomatischen und militärischen Kraft aber nicht. Das gilt auch für ihre Partner in Europa, in Asien und in dem unruhigen Krisengürtel zwischen den beiden Kontinenten.
Dieser Kampf wird lange währen und an vielen Fronten unnachgiebig geführt werden. Wann er enden und an welchen Kriterien sein Erfolg zu messen sein wird, ist noch ungewiß. Die herkömmlichen Kriterien werden es nicht sein können. Und Militärschläge sind nur auch ein Mittel, unerläßlich und das letzte, dramatischste gewiß, aber vermutlich nicht das wichtigste in dem "Krieg gegen den Terrorismus". Was immer auch die Apologeten des Terrors, die Verdreher von Ursache und Wirkung sowie radikalisierte Muslime behaupten: der Krieg richtet sich nicht gegen das afghanische Volk und auch nicht gegen den Islam, er richtet sich allein gegen eine massenmordende Pervertierung und gegen ein Regime, das in seinem Steinzeit-Eifer Genugtuung dabei empfand, daß Afghanistan zur Operationsbasis für die Speerspitze des islamistischen Terrorismus wurde. Auch diese Zielsetzung wird die militärische Kriegführung in Umfang und Intensität begrenzen.
Es wird jetzt darauf ankommen, daß die internationale Koalition, diese Mischung aus unerschütterlichen Demokratien und Regimen mit zweifelhafter Reputation, den die amerikanische Regierung in einer realpolitischen Großanstrengung - und unter Unterdrückung berechtigter Skrupel - zusammengestellt hat, auch zusammenbleibt. Das wird dem alten und neuen "Frontstaat" Pakistan nicht leichtfallen. Und auch die arabischen Länder werden ein scharfes Auge auf potentielle Unruhestifter im eigenen Land werfen müssen.
Bisher hat sich Bush durch Entschiedenheit, vielleicht noch mehr durch Besonnenheit ausgezeichnet - der Bundeskanzler nannte seine Politik "phantastisch". An besonnener Rücksichtnahme und an Umsicht, Schaden an Unbeteiligten zu vermeiden, darf es auch weiterhin nicht fehlen. Aber an Entschlossenheit auch nicht. Denn daran kann es nicht im Ernst einen Zweifel geben: daß der Kampf gegen den Terrorismus legitim ist, daß er notwendig ist. Vielleicht haben die Taliban in Afghanistan geglaubt, sie könnten sich durch diesen Konflikt hindurchretten, indem sie wie Bin Ladin die Legende von ihrer Unbesiegbarkeit spinnen. Vermutlich sind ihre Tage gezählt. Auch diese Zeitrechnung hat am 11. September begonnen.