Mit der Aufnahme kriegerischer Handlungen beginnt für Berichterstatter eine schwierige Zeit. Die grün und weiß blinkenden, wohl aus Kabul stammenden CNN-Bilder auf allen Fernsehkanälen vermitteln den Anschein von Authentizität. Direktschaltungen in alle Teile der Welt erwecken den Eindruck von Unmittelbarkeit. Tatsächlich sind die Medien weitgehend abhängig von den Informationen, die ihnen die Krieg führenden Parteien zukommen lassen. Mit den ersten Meldungen über amerikanische und britische Schläge auf Ziele in Afghanistan endete eine Zeit angespannter Ungewissheit. Allenthalben war mit Erleichterung vermerkt worden, dass die USA nicht unmittelbar mit militärischen Schlägen auf den Terror in New York und Washington reagierten.
Auch nach fast vier Wochen Vorbereitung wird jeder militärische Einsatz in Afghanistan schwierig bleiben. Die Anzahl ernsthafter militärischer Ziele ist gering. Das unterscheidet Afghanistan von Serbien oder dem Irak. Daher ist zu vermuten, dass die Angriffe der vergangenen Nacht militärische Aktionen von Spezialeinheiten vorbereiten. Die Erfahrungen der USA in Vietnam und der Sowjetunion in Afghanistan werden, so ist zu hoffen, von den Führungen in Washington und London beachtet werden. Sie werden wissen, dass der Krieg gegen den Terrorismus nicht mit Flächenbombardements zu gewinnen ist. Der Abwurf von Lebensmittelpaketen über Afghanistan deutet auf solche Einsicht. Osama Bin Laden hat auf einem Videoband zum Heiligen Krieg gegen die USA gerufen. Tatsächlich hat dieser Krieg bereits am 11. September ohne Kriegserklärung begonnen. An diesem Tag endeten rund zehn Jahre einer Übergangsperiode. Die durch den Kalten Krieg des Ost-West-Konflikts geprägte Nachkriegszeit war mit der Sowjetunion untergegangen. Man mag heute beklagen, dass diese Zeit von der westlichen Welt nicht ausreichend genutzt wurde, um zumindest Perspektiven und Beispiele einer gerechteren Weltordnung zu schaffen. Dafür ist es aber auch jetzt noch nicht zu spät. Das Bündnis der unterschiedlichen Staaten und Kräfte, das die USA in den vergangenen vier Wochen gegen den Terrorismus geschmiedet haben, könnte die Grundlage eines neuen Anfangs bilden. Dabei wird niemand verkennen, dass sich hier höchst unterschiedliche Staaten und Mächte aus höchst unterschiedlichen Motiven zusammengefunden haben. Das ist angesichts der menschenverachtenden Bedrohung durch den Terrorismus zulässig und vernünftig. Churchill bemühte sich persönlich mit Erfolg und Ausdauer um Stalin, um die nazistische Gewalt niederzuringen. Der Zweite Weltkrieg führte zur Befreiung der Hälfte Europas und beschleunigte den Prozess der Entkolonialisierung in der Dritten Welt. Am Ende des nun begonnenen Feldzuges gegen den Terrorismus wird es eine Art neuer Jalta-Konferenz geben müssen, auf der sich die nun am Konflikt beteiligten Mächte über die Zukunft der Welt verständigen müssen, wie es die Sieger im Zweiten Weltkrieg taten. Schon jetzt ist abzusehen, dass das schiere Vertrauen in die ungestüme Freiheit der Märkte enden wird. Die nun begonnenen Bombardements werden nicht zu einem neuen Weltkrieg führen, vielleicht aber zu einer vernünftigeren Ordnung in der Welt.