Ex-Kommandant Abdul Haq fordert Hilfe zum Aufbau einer neuen Regierung in Afghanistan / FR-Interview
Der ehemalige Mudschahed Abdul Haq gilt als wichtige Figur für den politischen Prozess in Afghanistan nach dem Ende der Taliban-Herrschaft. Mit ihm sprach FR-Reporter Rolf Paasch in Peschawar.
FR: Wie schätzen Sie den gegenwärtigen Zustand der Taliban ein?
Abdul Haq: Die Moral der Taliban ist auf einem Tiefpunkt. Sie haben Angst vor den USA, sie fürchten einen Angriff der Nordallianz, die pakistanische Regierung hat ihre Unterstützung zurückgezogen. Dies alles zusammen schwächt die Taliban. Und ihre Hauptsorge muss sein, dass viele Kommandanten, die noch auf ihrer Seite kämpfen, längst verstanden haben, wie unhaltbar das Herrschaftssystem geworden ist. Sie unterstützen die Taliban nur noch, weil sie Angst vor einer Machtübernahme durch die Nordallianz haben.
Danach wäre die Politik der USA und Russlands, die Nordallianz jetzt mit weiteren Waffen zu versorgen, völliger Unsinn.
Zur Bewaffnung der Nordallianz möchte ich keinen Kommentar abgeben. Viel wichtiger für einen Sturz der Taliban sind die Stammesführer und Kommandanten im Süden Afghanistans.
Wie sieht denn Ihr Szenario für eine Rebellion aus?
Aufstände beginnen in Afghanistan gewöhnlich mit den Stämmen und ihren Führern. Dann folgen die militärischen Kommandanten. Viele Taliban-Kommandanten wechseln die Seite. Und die bisher neutralen ehemaligen Mudschaheddin-Kommandanten, die wissen wie man Kämpfer rekrutiert, schließen sich ihnen an. Aber es gibt hier viele erniedrigte Kommandanten, die Rache an den Taliban nehmen wollen. Diese zu konstruktiver Zusammenarbeit zu bewegen, wird schwierig werden.
Wie lassen sich die Nordallianz und diese Kommandanten nach dem Ende des Taliban-Regimes zügeln?
Die Nordallianz verdient ein Mitspracherecht, aber wir müssen in Afghanistan alle Parteien in einer Struktur zusammenbringen: Das Land braucht eine Regierung und eine Armee. Hierin liegt ja genau die Ursache aller Probleme. 1989 haben die Mudschaheddin militärisch über die Russen gesiegt, es aber danach nicht geschafft, ein für alle akzeptables politisches System zu errichten. Jede Gruppe kämpfte damals mit Unterstützung von außen um die Macht. Die Taliban hatten schließlich nur Erfolg, weil die Leute glaubten, sie könnten diesen Bürgerkrieg beenden. Aber der Einfluss von außen ist geblieben, diesmal in Form der "arabischen Afghanen" (den arabischen Söldnern und Dschihadisten des Osama bin Laden, d. R.).
Welche Rolle kann denn König Sahir Shah bei einer Regierungsbildung spielen?
Der König ist der Schlüssel zu einer Lösung, weil er die Bevölkerung zusammenbringen kann, das war schon vor den Terror-Attacken auf das World Trade Center so. Aber er muss in diese Rolle gedrängt werden, denn am liebsten würde er immer noch in Rom bleiben.
Hilft denn nicht zumindest die Drohung der USA mit einem Angriff den internen Bemühungen zum Sturz der Taliban?
Die Probleme Afghanistans müssen von Afghanen gelöst werden. Ich werde niemals den Einzug fremder Truppen in mein Land unterstützen. Wir wären glücklich, wenn uns die USA beim Aufbau der Strukturen für eine gemeinsame Regierung helfen würden.
Und was ist mit Osama bin Laden?
Wer hat ihn in unser Land gebracht? Durch Bomben und die Tötung von Zivilisten ist ihm nicht beizukommen. Die einzige Lösung besteht in einer starken afghanischen Regierung, in der Wiederherstellung von Recht und Ordnung. Es ist wichtig, wer Osama bin Laden jagt.
Das mag den USA zu lange dauern?
Wenn die USA nicht warten können, ist dies ihr Problem. Afghanistan unterscheidet sich von anderen Ländern. Wir haben keine Infrastruktur, nur tausend Berge und tausend Höhlen, die wir gegen die Russen gegraben haben. Ein Debakel der Amerikaner würde die Russen glücklich machen.
Wann und wie stürzen die Taliban?
Wenn es keinen US-Angriff gibt, kann dies innerhalb weniger Wochen geschehen. Ich erwarte dabei nicht unbedingt einen friedlichen Machtwechsel. Aber wir müssen versuchen, den Leuten, die keinen Krieg mehr wollen, eine Chance zu geben. Auch ich habe keine Antwort auf alle Fragen.
Und wenn der Gegenschlag kommt?
Dann werden sich die Kräfte der Opposition nicht zusammenschließen können, dann werden die Leute wieder die Taliban unterstützen, dann wird es in meinem Land eine weiteres Desaster geben. Warum bombardieren, wenn politische Hilfe möglich ist?
Abdul Haq Wichtige politische Figur
Abdul Haq ist ein gefragter Mann. Interview mit CNN, Anfrage der BBC, dringende Telefonate mit Washington: Wer in seine festungsähnliche, gut bewachte Residenz am Rande von Peschawar vordringen will, braucht Geduld oder gute Fürsprecher. Denn der ehemalige Mudschaheddin-Kommandant aus dem Krieg gegen die Sowjetunion gilt als eine der wichtigsten politischen Figuren für die Zeit nach den Taliban.
Abdul Haqs Glaubwürdigkeit für den Westen beruht auf der Tatsache, dass er sich bereits 1992 von den brutalen Bruderkämpfen der siegreichen Mudschaheddin-Fraktionen distanziert, seine Waffe aus der Hand gelegt und eine Karriere als Geschäftsmann in Dubai gestartet hat.
Abdul Haq tritt schon seit Jahren für die Einberufung einer "loya jirga", des traditionellen afghanischen Rats, der einem Parlament entspricht, ein, um nach 22 Jahren des Krieges endlich eine Regierung zu bilden, durch die sich alle Fraktionen, Stämme und Ethnien Afghanistans repräsentiert fühlen.
Weil die Chancen für eine politische Lösung in Afghanistan noch nie so groß waren wie nach dem 11. September, so erklärt Abdul Haq, ist er jetzt nach Peschawar gekommen: "Um die afghanische Nation wieder zusammen zu führen." Allerdings beteuert der Ex-Kommandant, dass ihm persönlich politische Ambitionen fern lägen. (paa)