Während in Kabul die Bomben fielen, begann in New York die größte Friedensdemonstration seit dem Golfkrieg. Etliche Passanten reagierten wütend.
Von Carsten Volkery, New York
Union Square, Manhattan - bis vor wenigen Wochen haben die Menschen hier in seltener Einigkeit um die Terror-Opfer getrauert. Es war das größte Kerzenmeer der Stadt. An diesem Sonntagnachmittag jedoch gibt es zwei Lager auf dem Platz, getrennt von Polizisten.
Im Norden schallen arabische Friedensgebete aus Lautsprechern. Tausende, vor allem Studenten, haben sich versammelt, viele halten Schilder hoch: "Nein zum Krieg" und "New York. Nicht in unserem Namen". Darüber weht die palästinensische Flagge.
Hundert Meter weiter südlich versucht ein Häuflein von 30 Gegendemonstranten dagegenzuhalten. "USA, USA", schreien sie aus vollem Hals und schwenken die "Stars and Stripes". Doch sie haben keine Chance. Ihr dünnes "God bless America" geht unter im tausendstimmigen "Give peace a chance".
"Oh, es kotzt mich so an", sagt ein Mann in der Gegendemo. Auf seinem Schild steht: "Hup, wenn du Amerika liebst". Viele der vorbeifahrenden Autos hupen. Das versöhnt ihn ein bisschen. "95 Prozent der Amerikaner sind unserer Meinung", ist er überzeugt.
"Bitte gehen Sie zu der anderen Demonstration"
Die Friedensdemonstration vom Union Square zum Times Square war bereits seit längerem geplant. Studentengruppen, Sozialisten, Grüne und Gewerkschaften hatten aufgerufen, gegen den befürchteten Vergeltungsschlag des US-Militärs zu protestieren. Zufällig fällt die Demo nun mit dem Beginn des Bombardements zusammen.
Die Stimmung ist aufgeheizt. "Wie viele Menschen müssen wir töten, damit wir uns besser fühlen?", fragt eine Rednerin. Die Menge brüllt: "Bush's war has got to go." Die Polizisten sind nervös, sie versuchen die Demonstranten von der Straße fernzuhalten. Am Rand gibt es immer wieder Streit zwischen Demonstranten und Passanten. Marc Wontorek hat es gewagt, mit dem Schild "Give war a chance" aufzutauchen. Sofort wird er gefragt, ob er sich schon zur Army gemeldet hätte. "Ihr seid doch alle anti-amerikanisch", schießt er zurück. Bevor der Kleinkrieg weitergehen kann, mischen sich zwei Polizisten ein. "Würden Sie bitte zu der anderen Demonstration an der 15. Straße gehen."
Dort erwartet ihn Jim Bancroft. Auch er ist erregt. Die Protestierer nennt er wahlweise "Verräter" oder "reiche Muttersöhnchen". Der 42-jährige Ex-Marine trägt ein Sweat-Shirt mit dem amerikanischen Adler. "Awakening the Giant - Der Gigant erwacht" steht drauf. Die anderen Gegendemonstrierer hat er über die konservative Website freerepublic.com kennengelernt. Den Krieg unterstützt er vorbehaltlos.
Gemischte Gefühle zum Militärschlag
Auch an der 40. Straße, nahe dem Times Square, kommt es zu heftigen Wortduellen. Eine Gruppe von Bauarbeitern brüllt den vorbeiziehenden Demonstranten zu: "Arschlöcher", "Feiglinge", "Warum geht ihr nicht nach Afghanistan?". Ein Demonstrant schert aus dem Zug aus und schreit: "Heute sterben schon wieder Unschuldige. Wollt ihr das?" - "Nuke them", schallt es zurück.
Doch die meisten Reaktionen sind moderater. "Sie haben das Recht, ihre Meinung zu äußern", sagt Tom Tuggle, ein 46-jähriger Investmentbanker. "Protest ist eines der Prinzipien, die wir verteidigen". Er selbst hält den Vergeltungsschlag jedoch für überfällig. "Wenn wir uns zurückhalten, fordern wir neue Gewalt heraus", sagt er. "Dann werden die Terroristen immer frecher."
"Die Kids denken, das sei hier so was wie ein zweites Vietnam", sagt Poco Pascua, ein 53-jähriger Landschaftsplaner. "Sie haben keine Ahnung. Wir ziehen nicht in den Krieg, wir sind im Krieg". Pascua sitzt auf einer Harley. Er hat eine amerikanische Flagge als Kopftuch umgebunden, an der Rückenlehne stecken zwei weitere Flaggen. Gegen den Vietnamkrieg hat er damals selbst protestiert. Doch diesen Krieg unterstützt er. "Diesmal verteidigen wir die Freiheit, nicht nur für uns, sondern für alle Menschen."
Emily Sachs ist beim Shopping mit einer Freundin von der Demonstration überrascht worden. Der Protest rege sie zum Nachdenken an, sagt die 24-jährige Krankenhaus-Angestellte. Sie sei "sehr gespalten" über den Vergeltungsschlag. Er sehe zu sehr nach verzweifelter Rache aus. Natürlich müsse das Land reagieren. "Aber wir müssen effektiver sein. Diese Terroristen sind bereit zu sterben".
Passanten fordern internationales Tribunal
Darauf weisen auch die Demonstranten hin. Bomben seien nutzlos gegen Terroristen. "Die Bomben werden nur noch mehr Wut in der Region säen", sagt Frank Kehl, ein 61-jähriger Berater für amerikanisch-chinesische Beziehungen. "Das ist genau das, was die Terroristen wollen". Er sei aber auch nicht dafür, gar nichts zu tun. Wie die meisten befragten Demonstranten fordert Kehl, dass die Terroristen vor ein internationales Tribunal gestellt werden.
Viele der Demonstranten betonen, dass sie keinesfalls die Terroristen verteidigen. "Ich kann gleichzeitig gegen den Krieg und gegen die Terroristen sein", erklärt Fredi Lessac, eine Sozialarbeiterin.
Die Mehrheit der Passanten jedoch unterstützt den Krieg. "Bush scheint das richtige Maß zu halten", sagt Tuggle. "Ich war überrascht, wie lange er gewartet hat", sagt Josh Jennison, ein 24-jähriger Starbucks-Filialleiter. "Es scheint, dass sie wirklich überlegt haben".
Auch Milan Rikic, ein Serbe aus Belgrad, der seit zehn Jahren in New York wohnt, applaudiert. "Die USA können es sich nicht leisten, schwach zu erscheinen. Sie müssen reagieren." Und, in Anspielung auf die Bombardierung Belgrads vor einigen Jahren, fügt er hinzu: "Dieses Mal scheinen sie es richtig zu machen. Sie helfen der Bevölkerung."
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