Kandahar: USA attackieren Hauptquartier der Taliban ---------------------------------------------------------------------
Die afghanische Hauptstadt Kabul und die Taliban-Hochburg Kandahar sind am frühen Dienstagmorgen erstmals bei Tageslicht von Kampfflugzeugen und Raketen angegriffen worden. Das Hauptquartier der Taliban soll beschossen worden sein. Die Luftabwehr der Taliban feuerte zurück.
Washington/Islamabad/Brüssel - Ersten Meldungen zufolge warf ein nicht näher bezeichnetes Kampfflugzeug eine Bombe über Kabul ab. Nur Minuten später schlug eine Rakete im Osten von Kabul ein, hieß es. Drei schwere Bombenexplosionen seien in Kabul zu hören gewesen, je eine im Westen, Osten und Norden der Hauptstadt. Der Angriff erfolgte um 2.20 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Er riss die Bewohner der Stadt aus dem Schlaf.
Auch Kandahar wurde am Morgen bombardiert. Dabei soll das Hauptquartier der Taliban das Ziel gewesen sein. Die Taliban gaben an, die Kampfflugzeuge hätten die Stadt drei mal angeflogen, seien aber durch heftiges Abwehrfeuer zum Rückzug gezwungen worden, berichtete die in Pakistan ansässige afghanische Nachrichtenagentur AIP.
Am Montagabend hatten die USA und Großbritannien eine dritte Angriffswelle aus der Luft gestartet. Sowohl die Hauptstadt Kabul als auch Kandahar waren unter Feuer genommen worden. Das Pentagon bestätigte den Angriffsbefehl vom Abend. "Diese (Angriffe) sind ähnlich denen vom Sonntag", hieß es in US-Verteidigungskreisen in Washington.
An den Angriffen seien zehn Langstreckenbomber und zehn seegestützte Flugzeuge beteiligt gewesen, sagte Generalstabschef Richard Myers. Außerdem seien Marschflugkörper abgefeuert worden. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bestritt auf der Pressekonferenz erneut Berichte der Taliban, dass amerikanische Flugzeuge abgeschossen worden seien.
Die Attacken vom Montag erfolgten kurz vor 21 Uhr Ortszeit, fast genau 24 Stunden nach Beginn des Militäreinsatzes am Vortag. Der US- Nachrichtensender CNN zeigte Bilder vom nächtlichen Himmel über Kabul, der von Lichtblitzen erhellt wurde. In der Hauptstadt fiel wie am Vorabend erneut der Strom aus, Flugabwehrfeuer war zu hören.
Der Radiosender der Taliban forderte die Bevölkerung auf, die Fenster zu verdunkeln und in ihren Häusern zu bleiben. Die Taliban-Miliz schoss offenbar auch Boden-Boden-Raketen ab, die vermutlich gegen Stellungen der Nordallianz nördlich von Kabul gerichtet waren.
Auch die Taliban-Hochburg Kandahar wurde erneut beschossen. In der Umgebung von Kandahar sei Artilleriefeuer zu sehen gewesen, berichtete CNN. Das Taliban-Regime behauptete, es habe am Montagabend bisher zwei Angriffswellen gegeben. Das berichtete der arabische Fernsehsender Al-Dschasira aus Kabul. Nach Angaben der Taliban war die Stadt Dschalalabad das Ziel der zweiten Angriffswelle.
USA wollen möglicherweise auch andere Länder angreifen
In Washington und London hatte es bereits zuvor geheißen, die Angriffe könnten sich über mehrere Tage hinwegziehen. Die erste Welle bis Montagmorgen MESZ hatte sich gegen Militäreinrichtungen der Taliban und Terroristen-Trainingscamps gerichtet.
Die USA nehmen beim Kampf gegen den Terrorismus außer Afghanistan möglicherweise auch andere Staaten ins Visier. Die US-Regierung unterrichtete den Weltsicherheitsrat am Montag darüber, dass sie sich das Recht vorbehalte, mutmaßliche terroristische Zellen auch außerhalb von Afghanistan anzugreifen, wie aus Regierungskreisen verlautete.
Rumsfeld mit ersten Militärschlägen zufrieden
Verteidigungsminister Rumsfeld hatte die ersten Militärschläge zuvor als "sehr erfolgreich". Es seien Dutzende Ziele getroffen worden, sagte Rumsfeld am Montag bei CNN. Rumsfeld ließ offen, wer nach einem Fall der Taliban das Land regieren solle. Dies müssten die Afghanen selbst entscheiden, sagte der Minister.
Im Fernsehsender NBC hatte er zuvor bestritten, dass zahlreiche Zivilisten bei den Militärschlägen in Afghanistan ums Leben gekommen seien. Die meisten Ziele hätten sich in abgelegenen Gebieten befunden, sagte er. Die Taliban hatten der afghanischen Nachrichtenagentur AIP gesagt, es seien mindestens 20 Zivilisten bei den Angriffen getötet worden.
Auch US-Präsident George W. Bush wies bei der Ernennung des früheren Gouverneurs von Pennsylvania, Tom Ridge, zum Inlandssicherheitschefs darauf hin, dass die Militäraktion nach Plan durchgezogen worden sei. Gleichzeitig habe man jedoch Nahrungs- und Medizinlieferungen nach Afghanistan gesandt. Der gegenwärtige Krieg werde an vielen Fronten geführt. Besonders hob der Präsident dabei den diplomatischen Einsatz von Außenminister Colin Powell und die Arbeit der Geheimdienste hervor. "Es wird ein langer Krieg, der viel Verständnis von der Amerikanern erfordert", sagte Bush. Ridge, dem mehr als 100 Beamte verschiedener Ressorts zuarbeiten sollen, soll sich vor allem um die Koordination der für die Sicherheit in den USA zuständigen Behörden kümmern.
Rumsfeld sagte, bei den Angriffen auf Einrichtungen der Taliban- Regierung und der al-Qaida-Organisation Bin Ladens seien Marschflugkörper, Bomber und andere Kampfflugzeuge eingesetzt worden. Alle Angriffsziele seien militärische Einrichtungen gewesen. Nach Angaben der Taliban überlebten ihr Oberhaupt Mullah Mohammad Omar und Bin Laden die Angriffe.
Nach den Worten des britischen Außenministers Jack Straw wird die Militäroperation "eher Wochen als Tage" dauern. Straw rief zugleich zur Wachsamkeit auf, weil mit Vergeltungsakten radikaler Moslems gerechnet werden müsse. Verteidigungsminister Geoff Hoon kündigte die Verlegung von Aufklärungs- und Tankflugzeugen in die Region an. Auch der Einsatz von Bodentruppen sei eine Option, sagte Stabschef Michael Boyce.
Kurz nach Beginn der Bombardements in Afghanistan griff auch die Anti-Taliban-Allianz im Norden des Landes an. Sie beschoss nach eigenen Angaben rund 40 Kilometer nördlich von Kabul einen Konvoi von Fahrzeugen der Taliban.
Französische Beteiligung bei Luftangriffen?
Frankreich und die USA verhandeln derzeit über die geplante französische Beteiligung an den Angriffen gegen Ziele in Afghanistan. Das teilte Verteidigungsminister Alain Richard am Montag mit. Die Entscheidung werde in den nächsten Tagen fallen. Er schloss einen Einsatz regulärer Truppen auf afghanischem Territorium nicht aus.
Zugleich erklärte der Minister, zur Vorbereitung der Luftangriffe hätten französische Spezialkräfte bereits in Afghanistan Aufklärung betrieben. Satellitenbilder seien im Kampf gegen eine Terrororganisation nicht ausreichend. Auf die Frage, ob französische Spezialkommandos oder Agenten bereits vor Ort eingesetzt seien, antwortete der Verteidigungsminister: "Wie Sie sich vorstellen können, ja."
Staatspräsident Jacques Chirac hatte am Sonntagabend eine militärische Beteiligung angekündigt. Französische Kriegsschiffe leisten den US-amerikanischen Verbänden im Indischen Ozean bereits logistische Unterstützung. Dazu hat Frankreich den US-Streitkräften die Nutzung des Luftraums und der Häfen erlaubt. Richard sagte, Frankreich könne den Vereinigten Staaten zusätzlich den Einsatz von Spezialstreitkräften, der Luftwaffe oder zusätzliche Marine-Unterstützung anbieten.
Auch Kanada macht mit
Kanada wird sich mit Kriegsschiffen, Flugzeugen und rund 2000 So_ ldaten am Kampf gegen terroristische Ziele in Afghanistan beteiligen. Verteidigungsminister Art Eggleton teilte mit, die kanadische Marine werde einen Zerstörer, vier Fregatten und ein Versorgungsschiff zur Verstärkung der von den USA geführten See- und Luftstreitkräfte in den Persischen Golf und _ das Arabische Meer entsenden. Hinzu kämen Kampfhubschrauber sowie Kampf-Transport- und Überwachungsflugzeuge.
Die kanadische Streitmacht werde in den nächsten Tagen in der Krisenregion eintreffen, sagte Eggleton weiter. Er sagte, die Kanadier müssten sich auf einen langen Kampf vorbereiten.
Nato stellt Awacs-Flugzeuge zur Verfügung
Die Nato hat den USA unterdessen eine erste militärische Hilfestellung gegeben. Wunschgemäß stellte das Bündnis fünf Awacs-Überwachungsflugzeuge und ihre Besatzungen für den Einsatz in Nordamerika zur Verfügung. Die Flugzeuge sollten so schnell wie möglich überstellt werden. Das bedeute in einer Frist von 24 bis 48 Stunden, sagte Nato-Generalsekretär George Robertson nach einer Sitzung des Nato-Rates. Die Zustimmung sei per Akklamation erfolgt.
Die USA wollen ihre Awacs-Maschinen im Mittleren Osten einsetzen und brauchen deshalb Ersatz. Das Geschwader ist in Geilenkirchen bei Aachen stationiert. Wo es künftig in Nordamerika seinen Stützpunkt haben wird, blieb offen. Frankreich bot an, mit seinen Awacs-Flugzeugen in Bosnien-Herzegowina entstandene Lücken zu füllen.
Beim eingetretenen Bündnisfall sind die Mitglieder der Allianz zum Beistand für ein angegriffenes Partnerland verpflichtet. Allerdings kann jedes Land selbst entscheiden, mit welchen Mitteln es Beistand leistet.
Die Nato stellte sich hinter die gezielten Militärschläge der USA und Großbritanniens. "Dies ist keine Operation der Nato", betonte Robertson. "Eine große Anzahl von Nato-Alliierten hat Hilfe angeboten." Die USA würden darauf zurückkommen.
Er sei am Sonntag vor dem Beginn der Militärschläge von US-Vizepräsident Dick Cheney informiert worden, sagte Robertson. Er kündigte für den Mittwoch eine Reise nach Washington an, wo er im Weißen Haus Präsident George W. Bush treffen wolle. Vorher werde er am Montagabend in Kanada mit Premierminister Jean Chrétien sprechen. Die Allianz werde weiterhin militärische Unterstützung geben und Verteidigungsmaßnahmen ergreifen, falls dies nötig sein sollte. "Die Allianz ist bereit, ihre Rolle zu spielen."
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--------------------------------------------------------------------- Kabul: "Wir wollen nur ein Stück Brot" ---------------------------------------------------------------------
Nach zwei Stunden hatte Kabul wieder Strom. Am Tag nach den ersten amerikanischen Luftangriffen scheint der Alltag in der afghanischen Hauptstadt normal. Doch die Menschen sind verunsichert. Sie wollen nicht schon wieder im Krieg gegen eine fremde Großmacht Opfer bringen müssen.
Kabul - Es ist ein schwerer Tag, selbst für die Einwohner Kabuls, die an einiges gewöhnt sind. "Ich verstehe nicht, warum die Menschen in Afghanistan kein Glück haben", klagt Mirsa Mohammed, als er Kabul am Montagmorgen verlässt. Das Leben scheint ruhig und normal. Die Märkte öffnen am Montag wie an jedem Tag, Zerstörungen sind kaum sichtbar.
Doch die Einwohner sind verunsichert und verängstigt. Viele suchen nach Erklärungen für die Angriffe der Amerikaner und Briten, die sich gegen Ausbildungslager der Terroristen und Stellungen der Taliban - nicht gegen das afghanische Volk - richten sollen. Einige Menschen stellen sich bereits auf eine längere Auseinandersetzung ein. "Beide Seiten sind stark. Amerika fürchtet sich nicht, und Osama fürchtet sich auch nicht", sagt Busfahrer Fida Mohammed, der neben dem Flughafen von Kabul wohnt. Vorsichtshalber ist er bereits in das Haus seines Bruders am anderen Ende der Stadt gezogen. "Dieser Kampf kann lange dauern", sagt er und fügt verbittert an, "die Amerikaner essen Hühnchen, und wir wollen nur ein Stück Brot."
Die Angriffe vom Sonntagabend kamen kurz vor Beginn des nächtlichen Ausgehverbots, nur wenige Afghanen waren daher auf den Straßen. Fünf gewaltige Explosionen und Flugabwehrfeuer waren zu hören. Kurz danach fiel in der gesamten Stadt der Strom aus, Kabul versank in Dunkelheit. Taliban-Soldaten fuhren mit Lastwagen durch die Straßen und kontrollierten Autofahrer. Mehr als zwei Stunden nach den Angriffen gab es wieder Strom, um Mitternacht waren viele Lichter noch an.
Am Morgen danach klagt Mohammed Dschalil: "Oh, mein Gott, wir wissen nicht, was in diesem Land geschieht." Der Kellner macht sich Sorgen um seine Familie. Sein Bruder wurde bei der sowjetischen Invasion 1979 getötet. "Nun haben wir Angst, dass wir wieder Opfer bringen, dieses Mal durch amerikanische Raketen", sagt er.
Jan Mohammed, der mit einem Lieferwagen Tomaten zum Markt bringt, schaut angstvoll in die Zukunft. "Ich kann nirgendwo hin gehen. Ich habe nur das, was ich anbaue", sagt er. "Was, wenn eine Bombe auf unser Haus fällt? Wir werden getötet. Meine Kinder, alle haben sich letzte Nacht im Keller versteckt. Wo sollen die armen Leute in Afghanistan denn hingehen?"
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--------------------------------------------------------------------- Europa: Tausende demonstrieren gegen den Krieg ---------------------------------------------------------------------
Heftige Kritik üben Friedensinitiativen an den Angriffen des Westens auf Afghanistan. Tausende Menschen kamen in vielen europäischen Städten zu Friedensdemonstrationen zusammen. Weitere Kundgebungen sind geplant.
Berlin/London/Wien/Brüssel - Für Samstag riefen unter anderem Organisationen aus der Friedensbewegung zu Kundgebungen in Berlin und Stuttgart auf. Der Berliner Senat befürchtet nach dem Militärschlag gewalttätige Ausschreitungen bei Demonstrationen linker Gruppen oder extremistischer Islamisten.
Bereits am ersten Tag nach den Angriffen auf Afghanistan war es zu zahlreichen Friedensdemonstrationen gekommen. Die Kundgebungen am Montag blieben friedlich. Allein in Berlin demonstrierten - begleitet von einem großen Polizeiaufgebot - rund 3000 Kriegsgegner für eine sofortige Beendigung der Militäraktion in Afghanistan. Auf Transparenten wurde unter anderem die sofortige Beendigung aller Unterstützungsmaßnahmen der Bundesregierung für die USA gefordert. Zuvor waren bereits mehr als 3000 Berliner Schülerinnen und Schüler aus Protest gegen die US-Militäraktion auf die Straße gegangen.
In Dresden nahmen etwa 3000 Menschen an einer Friedensdemonstration teil. Sie gedachten damit der Opfer der Terroranschläge in den USA, sprachen sich gegen Militäraktionen aus und protestierten gegen die laufenden Angriffe auf Ziele in Afghanistan. Rund 1700 Demonstranten protestierten in Hamburg gegen die Luftangriffe, etwa 500 waren es in Bremen. In zahlreichen weiteren Städten kam es zu meist kleineren Kundgebungen.
Der Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sagte nach einer Sondersitzung des Senats am Montag, die Sicherheitskräfte in der Hauptstadt seien auf gewalttätige Ausschreitungen vorbereitet. Die etwa 200.000 in Berlin lebenden Muslime forderte er in der Berliner Zeitung "B.Z." auf, mit den Sicherheitsbehörden zusammenzuarbeiten.
"Kein Krieg gegen Terror"
Die katholische Friedensbewegung Pax Christi übte scharfe Kritik an den US-Angriffen. "Man kann Krieg nicht gegen Terror setzen", sagte der Generalsekretär von Pax Christi in Deutschland, Reinhard Voß. Er befürchtet eine Verschärfung der Gewalt in der Region. «Es ist nie zu spät, aufzuhören», appellierte er an die US- Regierung. Daher rufe die Organisation zur Teilnahme an den Friedensdemonstrationen am Samstag in Berlin und Stuttgart auf.
Nach Ansicht des Bundesausschusses Friedensratschlag, einem Zusammenschluss von Friedensgruppen, ist zu befürchten, dass die Spirale aus Terror und Krieg immer weiter gedreht wird. Der Zusammenschluss protestierte auch gegen die Zusicherung von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), die US-Militäraktionen vorbehaltlos zu unterstützen. Das internationale Kinderhilfswerk terre des hommes forderte, aus humanitären Gründen zur Diplomatie zurückzukehren.
Wien, Brüssel, London: Friedliche Proteste für Frieden
Auch in Österreich kam es zu Protesten gegen die Militäraktion in Afghanistan. Rund 500 Demonstranten fanden sich in Wien zusammen. Sie marschierten nach Polizeiangaben vom zentralen Stephansplatz zur US- Botschaft am Rande der Innenstadt. Zu der Demonstration hatten mehrere, überwiegend linke Gruppen aufgerufen. Die Kundgebung verlief friedlich.
Friedlich demonstrierten auch rund 300 Demonstranten vor dem abgesperrten Gelände der US-Botschaft in Brüssel. Auch sie forderten ein Ende der amerikanischen Militärschläge in Afghanistan. Die Pazifisten kündigten an, jeden weiteren Luftangriff mit einer Demonstration beantworten zu wollen.
Vor dem Amtssitz des britischen Premierministers Tony Blair protestierten am späten Montagabend rund 1000 Menschen gegen die Militärattacken. "Vergeltung bringt keine Gerechtigkeit" stand auf Plakaten der neu gegründeten "Koalition gegen den Krieg". Blair indessen hat die Bevölkerung auf einen "langen Feldzug" vorbereitet. Erstmals warnte er vor möglichen Anschlägen in Großbritannien.
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--------------------------------------------------------------------- Krawalle in Pakistan: Extremisten sagen dem Westen den Kampf an ---------------------------------------------------------------------
Brennende Geschäfte, Attacken auf Gebäude internationaler Organisationen - die Situation in Pakistan ist explosiv. Aufgebrachte Fundamentalisten machen die Straßen unsicher - ihre Zorn richtet sich gegen die US-Regierung, aber auch gegen Pakistans Staatschef Musharraf.
Islamabad - Landesweit riefen islamische Parteien zum Dschihad auf, zum Heiligen Krieg gegen die eigene Regierung, die den Militärschlag der USA und Großbritanniens in Afghanistan unterstützt. Bei Ausschreitungen von Sympathisanten der islamischen Fundamentalisten kam in der südwestpakistanischen Stadt Quetta ein Demonstrant ums Leben, zahlreiche Menschen wurden verletzt.
Die Polizeikräfte in Quetta feuerten mit scharfer Munition in die Luft, um eine Menge von 4000 aufgebrachten Demonstranten aufzulösen. Diese setzten fünf Kinos in Brand, zerstörten eine Bank und brannten eine Polizeiwache nieder. Angegriffen wurden auch Büros von Uno-Organisationen: Das Gebäude des Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Quetta wurde mit Steinen beworfen, die Vertretung des Kinderhilfswerks Unicef ging in Flammen auf.
Zur Verstärkung der Sicherheitskräfte wurden Mitglieder der paramilitärischen Grenzpolizei entsandt. Die Einsatzkräfte gingen mit Tränengas und dem Knüppel gegen die Menge vor. Am Nachmittag stiegen über dem zentralen Marktplatz von Quetta dichte Rauchwolken auf.
Proteste auch gegen Musharaf
In der nordwestpakistanischen Grenzstadt Peshawar gingen Polizisten mit Tränengas und Knüppeln gegen 2000 Anhänger der afghanischen Taliban vor, die sich im Anschluss an einen Moscheebesuch zu Protesten versammelten. In der Hafenstadt Karachi setzten 400 Studenten drei Busse in Brand und griffen Polizisten mit Steinen an. Diese reagierten mit Tränengas und machten auch vom Schlagstock Gebrauch. Mindestens acht Personen wurden verletzt.
In der Grenzstadt Landikotal schossen Polizisten auf mehrere hundert Demonstranten; dort sollen vier Menschen verletzt worden sein. Zu einer Sitzblockade ließen sich in der Grenzstadt Chaman 6000 Pakistaner und Afghanen auf einer Hauptstraße nieder und verbrannten eine Puppe, die Militärmachthaber General Pervez Musharaf darstellen sollte.
Die Aufständischen waren zumeist Anhänger der Partei Jamiat Ulema e Islam (Partei Islamischer Geistlicher). Deren Provinzparteichef Maulana Noor Mohammed rief dazu auf, sich auf den Dschihad vorzubereiten. Der Vorsitzende des Afghanischen Verteidigungsrates, Riaz Durana, sagte in Lahore: "Es ist die Pflicht jedes Moslems, ihre Brüder in dieser schweren Stunde zu unterstützen. Der stellvertretende Vorsitzende der religiösen Partei Jamaat e Islami, Munawar Hassan, sagte, die proamerikanische Haltung der Regierung könne zu einer Spaltung der Streitkräfte führen.
Musharaf warnt die Nordallianz
Musharaf warnte unterdessen die afghanische Nordallianz davor, die Luftangriffe auszunutzen. Er habe auch US-Präsident George W. Bush und dem britischen Premierminister Tony Blair erklärt, dass die Nordallianz die Angriffe nicht für sich nutzen sollte, sagte Musharaf am Montag.
Die Offensive der USA und Großbritanniens richte sich gegen Terroristen und deren Unterstützer, betonte er. Nach den Militärschlägen müssten die Einheit und die Stabilität Afghanistans im Vordergrund stehen. Jede künftige Regierung müsse auf breiter Basis gebildet werden und dürfe "Afghanistan nicht übergestülpt werden". Pakistan erkennt als einziges Land noch das Taliban-Regime in Kabul an und fürchtet, Einfluss zu verlieren, sollte die oppositionelle Nordallianz die Macht übernehmen.
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Das Web "danach": Die Zeit steht still ---------------------------------------------------------------------
Das Web, heißt es immer wieder, hat kein Gedächtnis. Zumindest was den 11. September 2001 und die Tage danach angeht, stimmt das nicht. Weltweit entstanden kleine Archive der Erschütterung. Ein US-Projekt versucht weltweit, sie zusammenzuführen.
Von Frank Patalong
Amerikas dunkelste Stunde hat auch das Web verändert. Minuten nach dem Einschlag des ersten Passagierflugzeuges in den Nordturm des World Trade Center liefen die Schockwellen um die Welt. Erstmalig in der Geschichte der Medien hätte man sie wahrscheinlich sogar elektronisch messen können: Als abrupten Anstieg des Datenverkehrs im Web, als Welle kollabierender News-Websites.
CNN gehörte zu den ersten Angeboten, die unter dem Nachfragedruck in die Knie gingen. Über Stunden war ein Aufruf der Seite überhaupt nicht möglich, später gab es eine knappe Notseite.
SPIEGEL ONLINE erwischte die Schockwelle knapp zehn Minuten nach dem Anschlag: Innerhalb weniger Minuten. vervierfachte sich die Zahl der Seitenaufrufe. Doch das war erst der Anfang. Schnell wurde klar, dass auch SPIEGEL ONLINE eine Vorschaltseite brauchen würde. Binnen einer Stunde war alles geregelt: Die Last wurde auf mehrere Server verteilt, zeitweilig komprimierte WTC-Newsseiten angeboten.
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Die Hektik zu beschreiben, die am 11. September und in den folgenden Tagen in Online-Redaktionen rund um den Globus herrschte, wäre schwer. Mit den Meldungen und Artikeln, die allein bei SPIEGEL ONLINE innerhalb weniger Tage entstanden, könnte man Bücher füllen . Weltweit arbeiteten Onlineredakteure daran zu beweisen, dass letztlich das Web das ultimative aktuelle Informationsmedium ist - nicht Fernsehen, nicht Radio, nicht Zeitung.
Denn im Web kommt die Stimme der Betroffenen hinzu, die Kommunikation der Menschen miteinander. Neben den Onlineredaktionen arbeiteten zahllose Augenzeugen und Surfer einfach aus ihrer Erschütterung über die Ereignisse heraus daran, diese Stunden des 11. September irgendwie festzuhalten.
Irgendwann, Tage nach dem 11. September, fragte irgendwer, ob jemand daran gedacht habe, Screenshots von den eigenen Seiten zu machen. Längst waren die "Notseiten" wieder verschwunden, unwiederbringlich.
Wenn es nicht Leser wie Nils Peters gäbe. Der hatte von zahlreichen Webseiten Screenshots erstellt und diese als Dokumentation bereits am Abend des 12. September auf einer Website veröffentlicht - als Dokumentation des Horrors - und der wohl bisher größten Stunden des Online-Journalismus.
Denn für einige Tage im September war das Internet nicht nur auf dem Weg zum Massenmedium, es war reinstes Massenmedium.
Warum eigentlich? Man muss sich das wirklich fragen
Der Kollaps des WTC ist das Dallas dieser Generation: Die Bilder werden wir alle bis an unser Lebensende im Kopf tragen. Nirgendwo sah man mehr als im Fernsehen: Was machten all die Millionen vor ihren Rechnern, wo man auf dem anderen Bildschirm doch so viel mehr sah?
Sie suchten Hintergrundinformationen in einer Reihenfolge und Richtung, die sie selbst bestimmen wollten, glaubt Patrick Illinger, Chefredakteur der "Süddeutsche Zeitung Online". "Man konnte sich der grausamen Faszination der Fernsehbilder nicht entziehen", sagt Illinger, "aber die Komplexität des Themas war im Web ideal aufgehoben".
Das trifft es genau. Dass das Web grundsätzlich das Potenzial hat, dem Leser Quellen zu erschließen, ihm quasi in Echtzeit ein Themenarchiv in Entstehung zu bieten, all das war immer Teil der Vision des Online Publishing. Nie wurde das klarer als am und nach dem 11. September.
Volker Pfau, Leitender Redakteur bei der "Rheinischen Post Online", erlebte, wie die RP-Website spät am 11. September zum "reinen Textangebot" wurde. Die Regionalzeitung, bundesweit einer der Vorreiter im Online Publishing, wurde zur ultraschnellen, aber auch ultraknappen Meldungsseite. Am Ende ging die RP nur deshalb nicht in die Knie, weil ein Webmaster auf die Idee kam, die Chatmaske zum Nachrichtenticker umzufunktionieren. Näher waren sich Online Publishing und "freies Web" wohl selten.
"Die Menschen", sagt Pfau, "suchten nach dem sekundären Informationsmedium". Und meint damit, dass in dieser erschütternden Nacht wohl niemandem nur die Bilder reichten. Die Nachrichten in TV und Radio wiederholten sich ein ums andere Mal, drehten sich, erfuhren nur allmählich eine Aufstockung, eine Abrundung. Währenddessen arbeiteten Zeitungs- und Onlineredakteure längst schon am Background. Online war der fast sofort zu sehen, in der Zeitung am nächsten Morgen.
Luft bekamen die Server zur "Tagesschau"-Zeit, sagt Pfau. Danach kamen die Surfer wieder.
Und holten sich "Sekundärinformationen", Hintergründe, oder die einzigen Informationen, die es verdienen "primär" genannt zu werden.
In Amerika entstehen nun Projekte, die diese Nacht im Internet zu konservieren suchen. All die Onlineberichte, all die Augenzeugenberichte, die verzweifelten Chat-Aufrufe, die Suche nach Freunden und Verwandten. "September11" von Interactivepublishing.net (Kanada/Schweiz) hat sich vorgenommen, Screenshots von Newsseiten aus aller Welt zusammenzutragen.
Mehr noch will der "Webarchivist", ein Gemeinschaftsprojekt von Internet Archiv und der Library of Congress. Neben den Newsseiten setzt dieses ambitionierte Projekt auf die Mithilfe der Surfer in aller Welt, auch private Sammlungen, Berichte und andere Beiträge zu erfassen. Bis zum Ende des Monats soll ein umfangreiches, weiterhin auszubauendes Archiv des 11. September entstehen.
Das Ziel: Die Zeit zum Stillstand zu bringen. Den 11. September im Internet für alle Zeit zu einem Tag zu machen, den man wieder und wieder bereisen kann.
"Das Web", heißt es auf den Seiten von Interactivepublishing, "hat kein Gedächtnis. Außer man macht es."
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