Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Traurige Besinnung: Kondolenzbuch im Kreishaus

Kommentar aus Marburg von Franz-Josef Hanke

12.09.2001

Im Landratsamt liegt jetzt ein Kondolenzbuch für die Opfer der Terroranschläge von Washington und New York aus. Pausenlos strahlen sämtliche Fernsehprogramme Aufnahmen vom Aufprall der Boeing auf den Turm des World Trade Centers aus und servieren ihrem Publikum die unfaßbaren Vorgänge in allen Einzelheiten und in Zeitlupe. Derweil bringt US-Präsident George W. Bush seine Verbündeten über Artikel 5 des NATO-Statuts auf seinen Kurs. Danach ist ein Angriff auf einen Verbündeten zugleich als Kriegserklärung gegen die gesamte Allianz zu werten. Dieser Krieg hat schon begonnen. Die ständige Wiederholung der Bilder von den Terroranschlägen und die begleitenden Kommentierungen stimmen schon auf weitere Kriegshandlungen ein . Diese voyeuristische Zurschaustellung des Leids ist eine respektlose Vermarktung der Opfer. Vor allem aber ist sie eine Art Gehirnwäsche, die Aggressionen der NATO rechtfertigen soll, gegen wen auch immer sie sich richten. "Der Anschlag auf die westliche Zivilisation soll nicht ungesühnt bleiben", ist immer wieder zu hören. "Das Gute gewinnt gegen das Böse." So folgt dem mörderischen Terror wahrscheinlich schon bald die nächste Mordtat. Angriffe werden im NATO-Hauptquartier vermutlich schon vorbereitet. Der menschenverachtende Schlag des Terrors traf die USA tief und an ihren empfindlichsten Stellen. Er richtete sich gegen die Symbole der wirtschaftlichen, militärischen und politischen Macht Amerikas. Nun braucht die Großmacht wohl einen "Entlastungsschlag", um ihr angekratztes Selbstbewusstsein wiederzugewinnen. Krieg! Dabei böte der Terror die einmalige Chance, über die offen zutage getretenen Probleme unserer vielzitierten Zivilisation nachzudenken: Jedes Flugzeug ist eine mögliche Massenvernichtungswaffe. Gibt es nicht viel zuviel Luftverkehr? Woher kommt die Aggression, die in den menschenverachtenden Attentaten ihren mörderischen Ausdruck fand? Sollte die Politik nicht schleunigst nach Lösungen für die Konflikte dieser Welt suchen? Wäre nicht gerade jetzt eine günstige Gelegenheit für eine neue Friedensrunde in Palästina? Und was schließlich ist mit den Kriegen in Afrika, die in Europa kaum jemanden interessieren? Brauchen wir nicht eine neue Weltwirtschaftsordnung, damit die Staaten des Westens nicht in Angst und Unordnung leben müssen? Für die Toten der afrikanischen Kriege, für die Opfer des Terrors in Palästina und Israel, für die Verkehrstoten des Landkreises und der benachbarten Kreise liegt im Landratsamt kein Kondolenzbuch aus. Warum eigentlich nicht dafür?

© 2001, Franz-Josef Hanke

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