Seit drei Tagen stehen die Taliban in Afghanistan unter Dauerbeschuss der USA. Nun hat die radikal-islamische Taliban-Regierung reagiert und alle bisher angeblich bestehenden Beschränkungen gegen den moslemischen Extremisten Osama bin Laden aufgehoben. Bin Laden sei frei, einen Heiligen Krieg gegen die USA zu führen, sagte Taliban-Sprecher Abdul Hai Mutmaen der BBC. "Mit dem Beginn der amerikanischen Angriffe sind die Beschränkungen nicht länger in Kraft", sagte Mutmaen. Zuvor hatte die El Kaida-Organisation von Bin Laden weitere Anschläge gegen die USA mit gekaperten Flugzeugen angekündigt. Die USA nahmen nach Talibanangaben am Morgen die Stadt Kandahar unter Beschuss. Sowohl die Taliban-Führung wie auch Bin Laden seien unversehrt. Nach Angaben des US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld haben die USA inzwischen den Luftraum über Afghanistan erobert.
Verpflichtung für alle Moslems "Der Dschihad (Heilige Krieg) ist eine Verpflichtung für alle Moslems auf der Welt", sagte Mutmaen. "Wir wollen dies, Bin Laden will dies, und Amerika wird sich mit diesen unerfreulichen Angriffen konfrontiert sehen".
Kreuzzug gegen Ungläubige Die Schlacht werde fortgesetzt, bis sich die USA aus den moslemischen Staaten zurückzögen, sagte El-Kaida-Sprecher Sulaiman Bu Guwhaith dem Fernsehsender El Dschaseera in einer am Dienstagabend verbreiteten Erklärung. Der Kampf werde ins Herz Amerikas getragen. Die US-Angriffe in Afghanistan bezeichnete er als Kreuzzug. "Die Amerikaner sollten wissen, dass der Sturm der Flugzeuge nicht aufhören wird", sagte er. Die Schlacht werde in den USA geschlagen, so lange die Amerikaner "nicht ihre Unterstützung für die Juden beenden" und die "nicht gerechtfertigten Sanktionen gegen den Irak aufheben". Mit dem Angriff auf Afghanistan sei eine "neue Seite der Feindschaft und des Konflikts zwischen uns und den ungläubigen Streitkräften" aufgeschlagen worden. Ein Vertreter El Dschaseeras sagte, der Sender habe das Videoband am Dienstag in Kabul erhalten. Der aus Kuwait stammende Bu Guwaith war bereits auf einer am Sonntag von El Dschaseera ausgestrahlten Erklärung Bin Ladens auf die US-Angriffe zusammen mit diesem zu sehen.
Zwei Millionen Märtyrer Am Dienstag hatten die USA erstmals auch am Tage angegriffen. Das US-Verteidigungsministerium veröffentlichte Fotos, die den Angaben zufolge zerstörte Rollbahnen, Raketenstellungen sowie Trainingslager von El Kaida zeigten. Rumsfeld sagte, bis auf einen seien alle Flughäfen Afghanistans beschädigt worden. Bei den neuen Angriffen der USA am Dienstagabend wurden nach Taliban-Angaben vier Bomben in der Nähe des Flughafens von Kandahar abgeworfen. Der Taliban-Botschafter in Pakistan, Abdul Salam Saeef, sagte in Islamabad, die Taliban seien entschlossen, im Kampf um Unabhängigkeit zwei Millionen Menschen als Märtyrer zu opfern, falls es nötig sei.
Erfolgreiche Angriffe US-Präsident George W. Bush sagte in Washington, die bisherigen Angriffe seien erfolgreich verlaufen. Er kündigte an, die Verantwortlichen der Anschläge sollten zur Rechenschaft gezogen werden, egal, "ob es einen Tag, einen Monat ein Jahr oder ein Jahrzehnt dauern wird". Ob auch Bodentruppen in Afghanistan eingesetzt würden sagte Bush nicht. Dies sei ein anderer Krieg als der Golf-Krieg oder der NATO-Krieg gegen Jugoslawien, bei denen die Menschen die Einschläge von Präzisionswaffen an den Fernsehschirmen verfolgen konnten. Ein großer Teil dieses Konfliktes werde niemals auf TV-Schirmen zu sehen sein. Am Mittwoch sollte Bush NATO Generalsekretär George Robertson in Washington treffen.
Schröder in den USA Die NATO begann mit der Verlegung des ersten von fünf AWACS-Aufklärungsflugzeugen in die USA, um dort Flugzeuge für einen Einsatz in der Region um Afghanistan freizumachen. Zudem entsandte das Bündnis eine Kriegsflotte in das östliche Mittelmeer. Bundeskanzler Gerhard Schröder sicherte bei einem Treffen Bush den USA erneut die uneingeschränkte Solidarität Deutschlands im Kampf gegen den Terrorismus zu. Über einen möglichen militärischen Beitrag Deutschlands würden sich beide Seiten beizeiten unterhalten, sagte Schröder in Washington.
Bemühungen um Unterstützung Der britische Premierminister Tony Blair reiste am Mittwoch in die Golfregion. Er sollte dort vor britischen Truppen sprechen. Zudem dürfte er in den Golfstaaten um Unterstützung arabischer Staaten für die Militärschläge gegen Afghanistan zu werben.