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Nie zuvor war es für Journalisten so schwierig, einen Krieg zu beschreiben wie jetzt in Afghanistan. Die Berichterstatter sind den Propagandisten der Kriegsparteien ausgeliefert. Ihre Methoden zur Manipulation der Medien haben die Militärs in den vergangenen 150 Jahren zur Perfektion gebracht.
Von Christoph Schult
Berlin - Als am Sonntagabend um 18.27 Uhr der Krieg begann, flimmerten die Fernsehschirme grünlich und der US-Sender CNN nannte seine Bilder aus der afghanischen Haupstadt Kabul "exklusiv". Sie waren so exklusiv, dass Fernsehstationen rund um die Welt sie abfingen und ebenfalls sendeten, gemeinsam mit Untertiteln nach der Art von "Amerika schlägt zurück".
So führen die USA Krieg gegen die Taliban und die Welt guckt zu - oder auch nicht. Denn was sie sieht, ist noch weniger als im Golfkrieg vor zehn Jahren, wo die Blitze der irakischen Flugabwehr auf den Bildschirmen immerhin deutlich zu sehen waren.
So unbrauchbar die Bilder, so unsicher ist auch, ob die Informationen stimmen, welche die Kriegsparteien verbreiten lassen. Wer kann schon überprüfen, ob wirklich 25 Zivilisten durch die Angriffe getötet wurden, wie die Taliban-Presseagentur AIP am Morgen nach dem ersten Luftangriff berichtete? Auch wenn US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld das dementiert, heißt es noch lange nicht, dass er die Wahrheit sagt.
Denn die "Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges", sagte schon der britische Schriftsteller Rudyard Kipling zu Zeiten der britischen Kolonialkriege. Einseitige Berichte und gezielte Desinformation gehören seit 150 Jahren zum Kriegshandwerk. Die Militärs wollen damit den Gegner verunsichern, die eigenen Truppen moralisch aufbauen und den Krieg vor der eigenen Bevölkerung rechtfertigen. Die Militärzensur verhindert meistens erfolgreich, dass die Öffentlichkeit erfährt, was wirklich geschieht. "Im Kriege ist die Wahrheit so kostbar, dass sie immer von einer Leibwache von Lügen umgeben sein sollte", riet auch der britische Kriegspremier Winston Churchill.
Die Manipulation der Kriegsberichterstattung ist so alt wie der Beruf des Kriegsreporters. Der erste unabhängige Journalist, der auf eigene Faust an die Front ging, war im Jahre 1854 der Brite William Howard Russell. Er berichtete während des Krim-Krieges für die "Times" vom Leiden und Sterben der Soldaten und löste damit an der Heimatfront öffentliche Empörung aus. Russel wurde des Hochverrats verdächtigt. Am 20. Februar 1855 schickte Prinz Albert dann den Fotografen Robert Fenton samt mobiler Dunkelkammer auf die Krim. "No dead Bodies", lautete seine Anweisung, nur die positiven Seiten des Krieges sollte er abbilden. Auch Napoleon habe seine Siege nicht nur dem militärischen Können zu verdanken, sondern vor allem der Begeisterung des Volkes, meinte der Militärstratege Carl von Clausewitz in seinem Buch "Vom Kriege".
Spätestens seit Vietnam wissen auch die US-Militärs, dass der Krieg zwar an der Front geführt, aber auch in der Heimat entschieden wird. Die Säulen der US-Invasion gerieten ins Wanken, als 1972 jenes Foto eines weinenden nackten Mädchens erschien, das nur knapp eine fehlgeschlagenen Napalm-Bombe der Amerikaner überlebt hatte. Erst dadurch wurde die Schere zwischen den militärischen Kommuniques und der mörderischen Wirklichkeit offenkundig.
Als US-Truppen 1983 die Karibik-Insel Grenada besetzten, sperrten sie die Journalisten kurzerhand aus. Wer heimlich vom Ort des Geschehens berichtete, wurde in Handschellen abgeführt. Eine Schlichtungskommission der US-Regierung empfahl ein Jahr später das so genannte Pool-System. Dabei verpflichten sich die Militärs, einige wenige Journalisten an die Front zu bringen. Die Auserwählten müssen ihre Berichte vor Veröffentlichung einer "Sicherheitsüberprüfung" vorlegen und dann die anderen Reporter informieren. Somit ist zumindest bei Amerikas Kriegen amtlich sichergestellt, dass die zugelassenen Medien zu Multiplikatoren der Kriegspropaganda verkommen.
Die Briten hatten dieses System bereits 1982 im Falkland-Krieg angewendet. Sie lullten die Korrespondenten ein und ließen Fernsehreporter ihre Filme von den Truppenschiffen der Royal Navy aus verschicken. "Die obersten Häuptlinge beriefen sich in ihren schwarzen Uniformen auf die ganze Autorität ihres Amtes und logen wie Gefreite", erinnert sich Peter Preston, Journalist des "Guardian".
Die US-Militärs probierten das Pool-System erstmals im Dezember 1989 aus, als US-Truppen in Panama einmarschierten, um General Manuel Noriega aus dem Amt zu jagen. Sie ließen die Pool-Reporter zwar ins Land, nicht aber an die Front. So konnten sie entweder gar nicht schreiben oder nur das, was die Presseoffiziere ihnen berichteten. Die meisten entschieden sich für das Letztere. Mit Leichtigkeit lancierten die Militärpropagandisten daraufhin erfundene Geschichten über den angeblichen Drogen- und Hurenkönig Noriega.
Die militärische Rechtfertigung für solche Manipulationen formulierte der Brite Arthur Ponsonby in seinem Buch "Lügen in Kriegszeiten" so: "In Kriegszeiten ist das Versäumnis zu lügen eine Nachlässigkeit, das Bezweifeln einer Lüge ein Vergehen und die Erklärung der Wahrheit ein Verbrechen."
Zur Perfektion brachten es die Sprecher der US-Armee im Golfkrieg gegen den Irak. Eine Armada aus 150 Pressesoldaten und etlichen gekauften Lobbyisten hielten erfolgreich die Fiktion von einem sauberen, unblutigen Krieg aufrecht. Captain Ron Wildermuth, PR-Chef von General Norman Schwarzkopf, befahl seinen Presseoffizieren vor Beginn des Krieges: "Die Vertreter der Medien sind ständig zu eskortieren. Wiederhole: ständig."
Nicht nur wurde ein Teil der Wirklichkeit ausgespart, sondern auch erfunden. Die PR-Agentur Hill & Knowlton lancierte einen Film mit der 15-jährigen Najirah al-Sabah, der Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA. Das Mädchen gab unter Tränen vor, sie habe gesehen, wie irakische Soldaten neugeborene Babys aus ihren Brutkästen gerissen und auf dem kalten Boden hätten sterben lassen. Hill & Knowlton sorgte dafür, dass dieser Film von 700 Fernsehstationen gezeigt wurde. Allein am 10. Oktober sahen ihn 53 Millionen Amerikaner.
Augenzeugen widerlegten nach dem Krieg die frei erfundene Geschichte. "Wir wussten damals nicht, dass es nicht wahr war", rechtfertigte sich später US-General Brent Scowcroft, heute Politlobbyist. "Aber ich glaube, das war am Ende auch nicht so wichtig." Die Baby-Story war immerhin so wichtig, dass Präsident George Bush sie in fünf Reden erwähnte, wie auch sieben Senatoren zur Rechtfertigung einer Pro-Kriegs-Resolution.
Beschämt stellte die britische Journalisten Maggie O'Kane nach dem Krieg im "Guardian" fest: "Wir haben einen lausigen Job gemacht: mit dem Krieg, der Wahrheit und dem Blut. Wir, die Medien, wurden wie 2000 Strandesel eingespannt und durch den Sand geleitet, um zu sehen, was das britische und amerikanische Militär uns sehen lassen wollte in diesem schönen sauberen Krieg."
Nur durch den Wagemut einiger weniger Journalisten kamen Bruchstücke der Wahrheit ans Licht der Öffentlichkeit. So zum Beispiel die 314 Menschen, die zwei US-Bomben in einem Bagdader Bunker zerschmorten. Oder der Angriff gegen die bereits abziehenden irakischen Truppen auf die Straße nach Basra, wo Tausende Soldaten umkamen, obwohl sie längst auf der Flucht waren und keine Gegenwehr leisteten.
Friedensforscher wie der Norweger Johan Galtung kritisieren daher seit langem, dass Reporter wie Fallschirmspringer in einen Krieg springen und die Region wieder verlassen, sobald die heiße Phase vorbei ist. Kaum einer blieb nach dem Golfkrieg im Irak, um nach dem Abzug der US-Militärs das wahre Ausmaß der Kriegsfolgen zu beschreiben.
Dass Militärs niemals so sauber operieren können wie ein Chirurg im OP, zeigte auch der Kosovo-Krieg. Trotz angeblicher Präzisionswaffen trafen die Bomben der Nato auch Zivilisten. Fehleinschläge wie die auf die chinesische Botschaft in Belgrad nannte der Westen lapidar "Kollateralschäden".
Solche sprachliche Verharmlosung gehört zum Standardarsenal der Militärpropagandisten und soll den Krieg vor den Wählern daheim rechtfertigen. "Wir führen keinen Krieg", sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder am ersten Tag der Nato-Luftangriffe.
Und auch jetzt in Afghanistan scheuen sich Politiker und Militärs, das unschöne Wort in den Mund zu nehmen. Sie reden lieber von Gegenschlägen und Vergeltung, obwohl sie wahrscheinlich noch nie der Unterstützung in der Bevölkerung so sicher sein konnten wie nach den Terroranschlägen gegen die USA. Und obwohl es für Journalisten noch nie so schwierig war, der Wirklichkeit auf den Grund zu gehen. Anders als vor zehn Jahren in Bagdad gibt es diesmal kein Hotel El Raschid, von dessen Dach die Reporter dem Krieg zuschauen können.
So kann niemand überprüfen, ob in Afghanistan wirklich schon seit längerem Soldaten der britischen Spezialeinheit SAS operieren, wie eines der vielen lancierten Gerüchte lautet. Oder ob die Behauptungen stimmen, die Taliban-Opposition der Nordallianz erhalte von Russen und anderen große Mengen moderner Waffen. Selbst die Taliban und Osama Bin Laden benutzen die westlichen Medien für ihre Propaganda-Botschaften.
Für das "Kriegshandwerk" gilt unverändert, was schon Bismarck vor über hundert Jahren feststellte: "Es wird nie so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd."
© SPIEGEL ONLINE 2001