Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Afghanistan: Wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben?

Mittwoch, 10. Oktober 2001

Afghanistan: Wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben? ---------------------------------------------------------------------

Kritik an der Nordallianz und am Westen hat die "Allianz für Demokratie in Afghanistan" geübt. Mit dem Geld und dem Wissen der USA werbe die Nordallianz ehemalige Kommandeure der Mudschahidin an.

Aachen - Mit der unheiligen Allianz sterbe die Hoffnung auf demokratische Verhältnisse in Afghanistan. Es sei zu befürchten, dass damit die Islamisten in Afghanistan so weit gestärkt werden, dass ein demokratischer Aufbau nach dem Krieg fraglich werde, sagte der Sprecher der Allianz, Rangin Dadfar-Spanta, in Aachen.

Viele der ehemaligen Kommandeure lebten nach der Machtübernahme durch die Taliban im iranischen Exil. Die Mudschahidin stellten eine "Menschen verachtende Verbrecherbande" dar, die vor der Machtübernahme der Taliban für Massenvergewaltigungen, Plünderungen und ethnische Auseinandersetzungen verantwortlich gewesen sei.

Dadfar-Spanta kritisierte indirekt die Haltung der USA. Eine Anwerbung dieser Männer mit westlicher Unterstützung sei die falsche Politik. "Ich habe gehofft, dass die Außenpolitik eines demokratischen Landes auf den Grundsätzen der Menschenrechte, Gewaltfreiheit und Demokratie basieren", sagte er. "Doch im Moment sieht man nur den Feind Osama Bin Laden, und gegen den sind alle Mittel recht."

Selbst wenn nach dem Krieg der im römischen Exil lebende afghanische Ex-König Sahir Schah eingesetzt würde, sei später eine Machtübernahme durch die Islamisten zu befürchten, sagte der Allianz-Sprecher. Die "Allianz für Demokratie in Afghanistan" ist ein internationaler Verbund afghanischer Demokraten im Exil. Sie lehnt den Krieg in Afghanistan ab. Doch in der beabsichtigten Absetzung der Taliban knüpft sie die Hoffnung auf einen demokratischen Aufbau des Landes.

--------------------------------------------------------------------- © SPIEGEL ONLINE 2001 Care-Pakete für Afghanistan: "Gefährlich, willkürlich und teuer" ---------------------------------------------------------------------

Die USA fahren in Afghanistan eine zweigleisige Strategie: Bomben für das Bin-Laden-Netzwerk und Brot für die Bevölkerung. Doch der Abwurf der Care-Pakete stößt bei Hilfsorganisationen zunehmend auf Kritik.

Hamburg - Insgesamt 7,5 Millionen Menschen sind Schätzungen zufolge derzeit akut von Hunger und Durst in Afghanistan betroffen. Mehrere hunderttausend Afghanen sind auf der Flucht - aus Angst vor den Raketenangriffen der USA. Schon kurz nach den ersten Bombardements am Sonntagabend ließen US-Frachtflugzeuge 37.500 Essensrationen über dem Land abwerfen. In der zweiten Angriffsnacht folgten dann noch einmal 35.000 Rationen.

Ziel der Maßnahme ist offenbar, der Bevölkerung zu signalisieren: Die Angriffe richten sich gegen die herrschenden Taliban, nicht gegen das Volk. Ebenso wie US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ergeht sich auch die heimische Opposition in Lobeshymnen auf die Vorgehensweise der Bush-Administration. "Ich glaube nicht, dass das je zuvor gemacht wurde, aber es ist eine exzellente Strategie", sagt der demokratische Abgeordnete Ike Skelton mit Blick auf die kombinierte Bomben-Brot-Maßnahme.

Brot fürs Volk - und Erdnussbutter

Die leuchtend gelben Care-Pakete enthalten je eine Tagesration dessen, was nach Ansicht der Amerikaner notwendig ist zum Überleben: Rote Bohnen, Linsen, Trockenobst, Erdbeer-Marmelade - und Erdnussbutter. Insgesamt 2300 Kalorien.

Hilfsorganisationen sehen den Abwurf der Nahrungsmittel zunehmend kritisch. Der Chef der Organisation Cap Anamur, Rupert Neudeck, moniert, die Hilfe sei nicht gezielt. Durch die Topografie des Landes erreiche sie zudem wohl die Menschen nicht, sagte Neudeck gegenüber der "Thüringer Allgemeinen". Güter, so der langjährige Flüchtlingshelfer, fielen in die Berge und Täler des zerklüfteten Landes. Neudeck, der erst vor kurzem vor Ort war, fordert zudem eine langfristige Hilfe, bei der mit den Menschen vor Ort zusammen überlegt werde, wie man gut und gerecht organisiere.

Mit harscher Ablehnung reagiert auch Brot für die Welt. Lebensmittel-Abwürfe seien das "schlechteste Mittel, um Hungernden zu helfen", betonte eine Sprecherin der Organisation gegenüber der "Süddeutschen Zeitung". Gefährlich, willkürlich und unwahrscheinlich teuer - so ist auch das Fazit der Organisation Oxfam.

Doch auch aus den USA kommen kritische Stimmen zu den "Airdrops". So glaubt Peter Bell, Vorsitzender von Care USA, dass die Abwürfe per Flugzeug wegen der eingestellten internationalen Hilfe zwar an Bedeutung gewönnen. Er befürchtet jedoch, dass die Abwürfe höchstens eine "zeitlich befristete und unperfekte Lösung" darstellen. "Die Pakete können auf Menschen fallen, sie können zur Folge haben, dass hungrige Flüchtlinge über andere trampeln, wenn sie landen, und sie können in die falschen Hände fallen", warnte der Hilfsexperte gegenüber der "Washington Post".

Teil der politischen Strategie

Auch Ärzte ohne Grenzen sehen wenig Sinn in den bisherigen Lebensmittel-Bomben. Diederik van Halsema, Sprecher der Organisation Ärzte ohne Grenzen in Islamabad, hat den Abwurf von Medikamenten und Lebensmitteln als Teil der US-Militäraktion kritisiert. "Humanitäre Hilfe muss neutral geleistet werden und darf nicht mit einem politischen Programm verbunden sein", sagte er am Dienstag im Inforadio Berlin-Brandenburg.

Es müsse bei solchen Aktionen sehr deutlich gemacht werden, wer die Hilfe leiste. Entscheidend sei es weiterhin, jede Form von Hilfe für Menschen in Gefahr neutral zu halten. Ansonsten bestünde die Möglichkeit, dass Hilfeleistungen als Teil einer politischen oder militärischen Aktion missbraucht würden. "Neutralität muss vorausgesetzt werden. Dies ist auch von allen Hilfe leistenden Organisationen in einer gemeinsamen Erklärung festgelegt worden", sagte van Halsema. Zudem kann das Aufsammeln der Pakete nach Einschätzung der Hilfsorganisation für die Flüchtlinge lebensgefährlich sein. In ganz Afghanistan liegen Tausende von Landminen herum.

Andere Hilfsorganisationen bemängeln auch die Zusammensetzung der Care-Pakete. Die Nahrungsmittellieferungen der Amerikaner gehe an den Ernährungsgewohnheiten der afghanischen Bevölkerung vorbei, heißt es. Die Menschen bräuchten vor allem Getreide, nicht Marmelade und Erdnussbutter.

Der Winter droht

Viele der internationalen Hilfsorganisationen haben Afghanistan nach den Terrorangriffen in den USA verlassen. Das karge Land hat seit Jahren keine richtige Ernte erlebt, geregnet hat es seit langem nicht. Doch auch die Misswirtschaft der Taliban hat die Situation des Bürgerkriegs-Landes weiter verschärft. Schätzungen des Welternährungsprogramms der vereinten Nationen zufolge benötigt ein Drittel der gesamten Bevölkerung internationale Hilfe für den Winter.

Für die Flüchtlinge im Land wird die Lage zunehmend bedrohlich. Die Nachbarn Pakistan und Iran haben ihre Grenzen bereits vor den US-Angriffen geschlossen - sie befürchten einen nicht zu kontrollierenden Flüchtlingsstrom. Im Land selber sind die Flüchtlinge auf sich gestellt. In den Lagern, so berichtet Rupert Neudeck, seien Malaria und Tuberkulose weit verbreitet. Die Menschen hausten unter Plastikplanen und könnten den Winter ohne Hilfe kaum überleben. Und der steht unmittelbar bevor.

--------------------------------------------------------------------- © SPIEGEL ONLINE 2001 Umfrage: Knapp 60 Prozent der Deutschen für den US-Vergeltungsschlag ---------------------------------------------------------------------

Die Deutschen stehen offenbar hinter dem US-Militärschlag gegen die Taliban in Afghanistan. Einer Umfrage zufolge befürworten 59 Prozent die Aktion.

Hamburg - Für nicht gerechtfertigt halten den Vergeltungsschlag 34 Prozent. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa für die Zeitung "Die Woche". Das Forsa-Institut hatte zwischen dem 5. und 9. Oktober 1003 Personen befragt.

Mehr als zwei Drittel der Grünen-Anhänger und 86 Prozent der PDS-Anhänger lehnen demnach die US-Angriffe ab. Besonders groß ist die Zustimmung bei den FDP-Anhängern mit 85 Prozent, sowie bei CDU/CSU und SPD mit 67 beziehungsweise 66 Prozent.

64 Prozent haben angesichts der Krise großes oder sehr großes Vertrauen in Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Noch mehr Vertrauen bringen die Menschen in Deutschland dem Außenminister Joschka Fischer (Grüne) mit 67 Prozent entgegen. Auf Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) zählen dagegen nur 25 Prozent der Befragten. 46 Prozent schenken Vertrauen dem US-Präsidenten George W. Bush.

Drei Viertel der Befragten halten die Ausrufung des Bündnisfalles durch die Nato nach den Terror-Anschlägen in den USA für richtig. Nur 46 Prozent sprechen sich allerdings für einen gewaltsamen Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan, 43 Prozent sind dagegen. 47 Prozent sind von der Schuld des saudischen Multimillionärs Osama Bin Laden an den Terror-Anschlägen in New York und Washington überzeugt, 43 Prozent halten sie nicht für erwiesen.

--------------------------------------------------------------------- © SPIEGEL ONLINE 2001 al-Dschasira: Bühne für Bin Laden oder CNN der arabischen Welt? ---------------------------------------------------------------------

Dank Osama Bin Laden kennt seit Sonntagabend die gesamte westliche Welt den arabischen Privatsender al-Dschasira. Auf der Frequenz des im Katar angesiedelten Fernsehkanals sprach der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge in den USA zunächst zur arabischen Welt. Wenig später übernahm CNN die Bilder und übertrug sie auch in deutsche Wohnzimmer.

Von Daniel Meuren

Berlin - Schon kurze Zeit, nachdem die Vereinigten Staaten am Sonntagabend gegen halb sieben die ersten Bomben auf Kabul geworfen hatten, wurde der bis dahin unsichtbare Feind sichtbar. In einem zuvor aufgezeichneten Video übermittelte Bin Laden den Amerikanern seine Bereitschaft zum Kampf. Seither wird das Videoband mit dem Aufruf zum "Heiligen Krieg" nach amerikanischen Informationen quasi rund um die Uhr wiederholt. Zum Ärger der Vereinigten Staaten.

USA erbaten Schließung des Senders

Wenn es nach dem Willen des amerikanischen Außenministers Colin Powell gegangen wäre, dann wäre Bin Laden die Bühne zur Weltöffentlichkeit verschlossen geblieben. Denn Powell hatte den Emir von Katar, Scheich Hamad Bin Chalifa al-Thani, bei dessen Besuch vergangene Woche in Washington gebeten, den Nachrichtensender al-Dschasira (zu deutsch: Die Insel) zu schließen. Der US-Außenminister soll seinen Staatsgast um diesen Dienst gebeten haben, weil die Redaktion des öfteren antiamerikanischen Positionen Sendeplatz eingeräumt habe.

Der Emir aber verweigerte dem mächtigen Amerikaner den Wunsch und stellte sich nach der Rückkehr in seine Heimat demonstrativ den Fragen des Senders, den er bei seiner Gründung im Jahr 1996 maßgeblich finanziert hat, aber angeblich nicht inhaltlich prägt.

Schon die Buddhafiguren von Bamian flimmerten über den Sender

Der Sender al-Dschasira erregte bereits vor Bin Ladens Auftritt Aufsehen über die Grenzen der arabischen Welt hinaus. Im März dieses Jahres waren die Kameras des Senders die einzigen, die bei der Sprengung der Buddha-Statuen im afghanischen Bamian vor Ort waren. Und das keineswegs, weil der Sender der Hofberichterstattung verdächtig ist. Denn offensichtlich handelt es sich um einen verblüffenden Hort der Pressefreiheit inmitten staatlich gelenkter oder zumindest gegängelter arabischer Fernsehsender, auch wenn al-Dschasira seine panarabischen Sympathien nicht verheimlicht.

Zum Verdurss aller Regierenden

Bei al-Dschasira kommen zum Verdruss der Regierenden in Marokko, Algerien, Saudi-Arabien, Kuweit oder Ägypten moderate Oppositionelle und radikale Islamisten zu Wort und liefern sich wilde Wortgefechte, häufig live und völlig unzensiert. Da darf Israel aufs Heftigste angegriffen, aber auch für arabische Ohren ungewohnt höflich von einem Jordanier verteidigt werden. Und das in allen Ländern der Region, wo nach Senderangaben 120 der rund 300 häufig aus Dissidentenkreisen rekrutierten Redakteure auf 27 Korrespondenbüros verteilt sind. Selbst amerikanische Medienorganisationen setzen sich für die Unabhängigkeit des Senders ein.

Die Redaktion des Senders ist ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Ein Teil der Reporter sind frühere BBC-Mitarbeiter, die bei al-Dschasira anheuerten, nachdem die Briten ihren arabischen Service eingestellt hatten. Andere haben Verbindungen zu radikalen Moslem-Organisationen, wie etwa der Chef des Kabuler Büros, ein Syrer namens Tayseer Allouni. Besonders seit dem 11. September ist der Mann zu einem der wichtigsten Verbindungsleute der Taliban mit der Medienwelt außerhalb Afghanistans geworden.

Selbst CNN ist auf al-Dschasira angewiesen

Schnell entwickelte sich al-Dschasira zum populärsten Informationsprogramm und einer Art CNN der arabischen Welt. Aufgrund des durch die Korrespondenten gepflegten Kontaktes zu den Taliban ist das 24-Stunden-Programm nun als einziges nicht-afghanisches Medium der Welt in der Lage, noch immer Bilder aus dem bombardierten Kabul zu übertragen. Selbst CNN, das seinen weltweiten Ruhm vor allem der Tatsache zu verdanken hat, 1991 als einziger westlicher Sender noch Bilder aus dem bombardierten Bagdad gesendet zu haben, ist nun auf die Informationen von al-Dschasira angewiesen.

Montag Abend übernahm CNN sogar Live-Bilder der Araber aus dem beschossenen Kabul. So wie der US-Sender zu Zeiten des Golfkrieges der Welt den Bombenhagel auf Bagdad präsentierte, zeigte al-Dschasira die Leuchtspuren der Geschütze im Nachthimmel der afghanischen Hauptstadt.

Sender verweist auf Informationspflicht

Angesichts des guten Kontakts auch zu Osama Bin Laden, der dem Sender nach Angaben eines Mitarbeiters die selbst produzierte Videokassette mit der Ansprache direkt vor der Erstausstrahlung zukommen ließ, stellen Kritiker die Frage, ob al-Dschasira parteiische Ziele verfolge. Der Sender weist die Vorwürfe zurück und beruft sich nach Angaben eines Mitarbeiters auf seine Informationspflicht. Und dazu gehöre nun einmal auch die Veröffentlichung der Bilder von der mutmaßlich "bösen Seite", über die al-Dschasira bereits seit Jahren objektiv berichte. "Uns als Sprachrohr irgendeines Regimes, geschweige denn Bin Ladens zu bezeichnen, wäre allerdings weit von der Wahrheit entfernt", sagte der leitende Moderator Dschamil Asar dem SPIEGEL.

Die Reaktionen der politischen Machthaber der arabischen Welt scheinen die Unparteilichkeit des Senders zu bezeugen, denn nicht nur die Vereinigten Staaten üben Kritik an den Inhalten von al-Dschasira. Vielmehr sollen abwechselnd Palästinenser, Israelis, Syrer oder Jordanier, aber auch extremistische Gruppen bei Scheich Hamad Bin Chalifa al-Thani gegen das Programm protestieren. Der Sender verteidigt seine häufig provokativen Inhalte damit, dass die extremen Positionen zum Gesamtbild gehörten.

Israel plant Konkurrenzprodukt

Israels Regierung verfolgt das Programm erwartungsgemäß mit größtem Misstrauen. Zwar schickt al-Dschasira so häufig wie kein anderer arabischer Sender israelische Stimmen zu den Satellitenschüsseln. Zugleich dürfen aber auch Verschwörungstheoretiker Botschaften verkünden, die dem Friedensprozess in Nahost nicht gerade förderlich sind. Deshalb will Israel vom kommenden Jahr an einen Konkurrenzsender unterstützen, der israelgenehem auf arabisch über den Palästinenserkonflikt berichten soll.

Bis dahin wird allerdings al-Dschasira seinen Wettbewerbsvorsprung im Kampf um die Zuschauergunst nutzen können: In den nächsten Tagen wird der Zuschauer in jedem Fall mit Spannung beobachten können, welche Bilder das arabische CNN dem Rest der Welt zur Verfügung stellt.

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