Aus der Süddeutschen Zeitung
Mit dem Bombardement Afghanistans desavouiert die amerikanische Regierung ihre bisherige Politik der Besonnenheit
"Die Torheit der Regierenden": So hat Barbara Tuchman, deren "Stolzer Turm" zu den wertvollsten Gesamtdarstellungen der Diplomatie des Imperialismus vor 1914 gehört, allein die Vorstellung bezeichnet, eine Macht könne durch die Verstrebung von Außenpolitik und Kriegsvorbereitung einen planbaren Vorsprung vor anderen Mächten gewinnen. Und im Zeitalter politisch agierender Staatsbürger sah es zunächst so aus, als sei diese Torheit tatsächlich überwunden. Die ganze Kunst des Regierens bestand stattdessen darin, einen "charismatischen" Dialog zwischen Massenerwartungen, Massenängsten und dem Entscheidungshandeln der Regierenden zu konstruieren.
Kriegführen als "Fortsetzung der Politik" - das erschien nach diesem Konzept als nicht mehr vertretbar. Schon 1914 war die Masse der wehrpflichtigen Staatsbürger nur noch für Verteidigungskriege zu mobiliseren. Also begannen Regierungen, den von ihnen dennoch für unumgänglich gehaltenen Krieg nur mehr als Verteidigungskrieg zu propagieren, mit den bekannten Konsequenzen: Alle Kriegführenden verteidigten sich. Und der jeweilige Gegner wurde folgerichtig zum aggressiven "Barbaren", wo nicht gar zur universellen Drohung stilisiert. Das eine gab das andere, und dann brannte die Welt: Das ist die Mechanik des Heiligen Krieges, des Totalen Krieges. Nach zwei Weltkriegen sollten das auch unsere Regierenden wissen.
Sicher muss man sich gegen Angriffe verteidigen und vielleicht sogar präventiv zuschlagen. Richtig ist auch: Je größer die Gefahr, desto entschiedener muss die Abwehr sein. Doch wie weit geht es bei der gegenwärtigen militärischen Zuspitzung tatsächlich um wirksame Gefahrenabwehr? Die aktuelle Regierungstorheit besteht in dem Bemühen, der von der epochalen Katastrophe des 11. September aufgewühlten Öffentlichkeit gerecht werden zu wollen. Zu glauben, man müsse jetzt ganz schnell entscheidend handeln, etwa - welche Phantasmagorie! - eine Art blow out des internationalen Terrorismus bewirken. Weiß man denn nicht, in Washington und anderswo, dass die Hydra viele Köpfe hat, die umso schneller nachwachsen, je mehr wir auf sie eindreschen?
Gewiss musste Bush Entschiedenheit zeigen, auch im seinem Gestus. Gewiss musste dem internationalen Terrorismus und seinen Helfern der "Krieg" erklärt werden - schon weil die Gelegenheit noch nie so günstig war, eine internationale Allianz der Gutwilligen zusammenzubringen. Gegen die aufkommende anti-islamische Hysterie machte Bush - exzellent beraten - deshalb Front und ging auf die islamische Welt zu.
Das war kluges Krisenmanagement, das dem Texaner wenige zugetraut hätten, um so besser. Bin Laden und seine verrückten Getreuen waren weltweit isoliert - welches moralische Kapital! Und doch erwacht die alte Torheit nun zu neuem Leben; und doch gräbt man nun die faule Regierungsweisheit wieder aus, dass Worten Taten folgen müssten.
Zurück zur Bipolarität
Nichts, gar nichts hat in der Logik der internationalen Politik jetzt dazu gezwungen, Bombenangriffe auf Afghanistan zu fliegen, und damit, gegen den Trend des neuen Weltgewissens, die alten Solidaritäten der sich unterdrückt fühlenden Völker und Regionen gegen den imperialistischen Weltpolizisten wiederzubeleben. Welche Torheit, so schnell zurückzufallen in die Mechanik der Bipolarität.
Eine Demonstration von Stärke? Genau genommen ist es gerade die Angst schwacher Regierender, die eine (ihrerseits auf Angst gegründete) Massenloyalität, auch und vor allem in den USA, auf diese Weise schon wieder zerbrechen lässt. Solche "Weltpolitik" verliert ihr Charisma auch in dem Maß, indem sie mit dem Mittel einer Hauruck-Politik die einmalige Chance verdirbt, den Verbrecher Bin Laden frei Haus geliefert zu bekommen, wenn nicht von den Taliban selber, so doch von deren Nachbarn und deren unmittelbaren Rivalen.
Sie alle kann man stärken und ermutigen, auch durch Waffenhilfe und zivile wie militärische Logistik. Nicht aber durch die Blow-out-Strategie eines militärischen Simplizismus. Die erschließt dem Terror bloß neue Reservoirs: Gruppen, Völker und Staaten, die sich der Gewalt nicht beugen werden, und die man doch nicht alle miteinander ausradieren kann. Wieder einmal bestätigt sich die Erkenntnis von Clausewitz, dass die Gewalt keine Grenze in sich hat, und dass es daher Aufgabe der Politik sein sollte, Wege zu ihrer Einhegung zu finden.
Eine kluge und realistische Selbstverteidigungs-Strategie hätte darin bestanden, das Entsetzen über die Anschläge des 11. September wachzuhalten und gegebenenfalls mit ökonomischen und politischen Druck sanft nachzuhelfen. Die Torheit alter Machtpolitik hat stattdessen dazu geführt, dass sich die Weltfront gegen den Terrorismus, die auf diese Weise (und in der Tat mit viel Geduld) hätte gebildet und stabilisiert werden müssen, schon jetzt wieder aufzulösen beginnt.
GERD KRUMEICH
Kunst des Regierens bestand stattdessen darin, einen „charismatischen“ Dialog zwischen Massenerwartungen, Massenängsten und dem Entscheidungshandeln der Regierenden zu konstruieren.
Kriegführen als „Fortsetzung der Politik“ – das erschien nach diesem Konzept als nicht mehr vertretbar. Schon 1914 war die Masse der wehrpflichtigen Staatsbürger nur noch für Verteidigungskriege zu mobiliseren. Also begannen Regierungen, den von ihnen dennoch für unumgänglich gehaltenen Krieg nur mehr als Verteidigungskrieg zu propagieren, mit den bekannten Konsequenzen: Alle Kriegführenden verteidigten sich. Und der jeweilige Gegner wurde folgerichtig zum aggressiven „Barbaren“, wo nicht gar zur universellen Drohung stilisiert. Das eine gab das andere, und dann brannte die Welt: Das ist die Mechanik des Heiligen Krieges, des Totalen Krieges. Nach zwei Weltkriegen sollten das auch unsere Regierenden wissen.
Sicher muss man sich gegen Angriffe verteidigen und vielleicht sogar präventiv zuschlagen. Richtig ist auch: Je größer die Gefahr, desto entschiedener muss die Abwehr sein. Doch wie weit geht es bei der gegenwärtigen militärischen Zuspitzung tatsächlich um wirksame Gefahrenabwehr? Die aktuelle Regierungstorheit besteht in dem Bemühen, der von der epochalen Katastrophe des 11. September aufgewühlten Öffentlichkeit gerecht werden zu wollen. Zu glauben, man müsse jetzt ganz schnell entscheidend handeln, etwa – welche Phantasmagorie! – eine Art blow out des internationalen Terrorismus bewirken. Weiß man denn nicht, in Washington und anderswo, dass die Hydra viele Köpfe hat, die umso schneller nachwachsen, je mehr wir auf sie eindreschen?
Gewiss musste Bush Entschiedenheit zeigen, auch im seinem Gestus. Gewiss musste dem internationalen Terrorismus und seinen Helfern der „Krieg“ erklärt werden – schon weil die Gelegenheit noch nie so günstig war, eine internationale Allianz der Gutwilligen zusammenzubringen. Gegen die aufkommende anti-islamische Hysterie machte Bush – exzellent beraten – deshalb Front und ging auf die islamische Welt zu.
Das war kluges Krisenmanagement, das dem Texaner wenige zugetraut hätten, um so besser. Bin Laden und seine verrückten Getreuen waren weltweit isoliert – welches moralische Kapital! Und doch erwacht die alte Torheit nun zu neuem Leben; und doch gräbt man nun die faule Regierungsweisheit wieder aus, dass Worten Taten folgen müssten.
Nichts, gar nichts hat in der Logik der internationalen Politik jetzt dazu gezwungen, Bombenangriffe auf Afghanistan zu fliegen, und damit, gegen den Trend des neuen Weltgewissens, die alten Solidaritäten der sich unterdrückt fühlenden Völker und Regionen gegen den imperialistischen Weltpolizisten wiederzubeleben. Welche Torheit, so schnell zurückzufallen in die Mechanik der Bipolarität.
Eine Demonstration von Stärke? Genau genommen ist es gerade die Angst schwacher Regierender, die eine (ihrerseits auf Angst gegründete) Massenloyalität, auch und vor allem in den USA, auf diese Weise schon wieder zerbrechen lässt. Solche „Weltpolitik“ verliert ihr Charisma auch in dem Maß, indem sie mit dem Mittel einer Hauruck-Politik die einmalige Chance verdirbt, den Verbrecher Bin Laden frei Haus geliefert zu bekommen, wenn nicht von den Taliban selber, so doch von deren Nachbarn und deren unmittelbaren Rivalen.
Sie alle kann man stärken und ermutigen, auch durch Waffenhilfe und zivile wie militärische Logistik. Nicht aber durch die Blow-out-Strategie eines militärischen Simplizismus. Die erschließt dem Terror bloß neue Reservoirs: Gruppen, Völker und Staaten, die sich der Gewalt nicht beugen werden, und die man doch nicht alle miteinander ausradieren kann. Wieder einmal bestätigt sich die Erkenntnis von Clausewitz, dass die Gewalt keine Grenze in sich hat, und dass es daher Aufgabe der Politik sein sollte, Wege zu ihrer Einhegung zu finden.
Eine kluge und realistische Selbstverteidigungs-Strategie hätte darin bestanden, das Entsetzen über die Anschläge des 11. September wachzuhalten und gegebenenfalls mit ökonomischen und politischen Druck sanft nachzuhelfen. Die Torheit alter Machtpolitik hat stattdessen dazu geführt, dass sich die Weltfront gegen den Terrorismus, die auf diese Weise (und in der Tat mit viel Geduld) hätte gebildet und stabilisiert werden müssen, schon jetzt wieder aufzulösen beginnt.
GERD KRUMEICH